Franz von Assisi
Andere Schreibweise: Heiliger Franziskus, Franziskus
(erstellt: Februar 2026)
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1. Franz von Assisi – ein Sinnsucher
„Die ganze Jugend ist ein einziges Fadensuchen“, bringt Felix im Jugendroman „Crazy“ die existenzielle Situierung von Jugendlichen auf den Punkt (Lebert, 2001, 65). Auch Franz von Assisi, einer der beliebtesten Heiligen der Katholischen Kirche, war vor allem in seiner Jugend ein solcher Fadensucher, getrieben von einer inneren Unruhe und auf der Suche nach seiner wahren Lebensbestimmung.
1.1. Franz von Assisi für junge Leute heute
Diese Suche lässt ihn – bei aller Vorsicht, Vergleiche zwischen einem jungen Menschen vor 900 Jahren und einem Jugendlichen heute anzustellen – als Spiegelungsfolie für viele Lebensfragen von Menschen heute als geeignet erscheinen, gerade in Phasen von Lebensübergängen, die herausfordern und einer Bewältigung und Gestaltung bedürfen (→ Übergangsrituale
1.2. Franz von Assisi im Spiegel der Buchtitel
Der Reiz des Franz von Assisi besteht darin, dass man sich ihm wieder neu annähern kann. Das war zu allen Zeiten so; die Rezeption seiner Person war schon immer perspektivisch geprägt. Bereits Buchtitel und -untertitel verdeutlichen diese Blickführung auf einen Aspekt hin: „Der rebellische Bruder“ (Reblin, 2006), „Rebell und Heiliger“ (Kuster, 2010), „Bruder Franz“ (Green, 2015; Bolliger, 1982), „Spielmann Gottes“ (Kaltenbrunner, 1996), „Das Erbe eines Armen“ (Lehmann, 2013), „Heiliger – Ketzer – Protestant – Maskottchen“ (Dieterich, 2011), „Zeitgenosse für eine andere Politik“ (Kammerer u.a., 2008), „Der von Gott Berührte“ (Knobloch, 2007), „Bruder Feuer“ (Rinser, 1975), „Der letzte Christ“ (Holl, 1979), es gibt auch einen Franziskus „für Ungläubige“ (Ludin, 2005). Zur Zeit des Kalten Kriegs war Franziskus der Patron aller Friedensbewegten, angesichts der ökologischen Krise eignet er sich als der Schöpfungsheilige schlechthin – spätestens seit der Enzyklika „Laudato Si‘“ von Papst Franziskus, aber auch als ein erst in der neueren Zeit erkannter Protagonist des interreligiösen Dialogs: „Tierschützer, Minimalist und Friedensstifter“ (Prinz, 2023), „Spiegel des Lichts … Prophet der Weltreligionen“ (Kuster, 2019a). Nicht zu vergessen: der Papst, der sich den Namen Franziskus gab; bald nach dessen Wahl im Jahr 2013 gab es fiktive Briefe zwischen „Franz von Assisi“ und dem „Lieben Bruder Franziskus“ in Rom (2013). Franziskus erweist sich als ideale Projektionsfläche: „Er zeigt nur das, was wir bereits wissen oder was wir sehen wollen“, merkt Anton Rotzetter kritisch an (Rotzetter, 2000, 93).
2. Franz von Assisi und seine Zeit
Gleichzeitig gilt, dass Franz von Assisi als historische Person nur vor dem Hintergrund seiner Zeit, der Verhältnisse in Gesellschaft, Wissenschaft, Politik und Kirche zu verstehen ist. Die äußeren Lebensdaten sind schnell erzählt:
Franz von Assisi wurde 1181 oder 1182 als Sohn des bürgerlichen Tuchhändlers Pietro di Bernardone und seiner Frau Pica geboren und wuchs privilegiert und unbeschwert auf. Nachdem er als Zwanzigjähriger im Jahre 1202 bei der Schlacht von Collestrada, die die Stadt Assisi verloren hatte, in Gefangenschaft geraten und nach einem Jahr von seinem Vater aus dem Gefängnis von Perugia freigekauft worden war, geriet er in eine tiefgehende Sinnkrise, die über mehrere Jahre andauerte. Schließlich beschloss er, die bürgerliche Karrierespur zu verlassen. Er sagte sich im Jahre 1206 von seinen Eltern los und wollte fortan nur noch Christus nachfolgen. Diesen Schritt wagte er zunächst alleine. Doch immer mehr Menschen schlossen sich ihm an. Seine Gemeinschaft wurde größer; mehrfach bemühte er sich um eine kirchliche Anerkennung seiner Bewegung. Zur Zeit des 5. Kreuzzugs machte er sich im Jahre 1219 zu einer Friedensmission auf und begegnete in Ägypten dem Sultan. Inmitten der Wachstumskrise seiner Gemeinschaft gab er im Jahre 1220 die Leitung ab. Seine Liebe zur Schöpfung schlug sich in den Legenden und lyrischen Texten nieder, besonders im „Sonnengesang“, der zur Weltliteratur zählt. In Greccio inszenierte Franziskus im Jahre 1223 zum ersten Mal eine lebendige Krippe. Weil er seinen Körper zeitlebens nicht geschont hatte, starb er mit 45 Jahren im Jahre 1226. Bereits zwei Jahre später, im Jahre 1228, wurde Franz von Assisi von Papst Gregor IX. heiliggesprochen.
2.1. Zeitkontext: Hochmittelalter
Die Zeit des Mittelalters war alles andere als grau. Gerade im Hochmittelalter gab es massive Umwälzungen in Wirtschaft, Gesellschaft, Staat und Kirche. Für den wirtschaftlichen Aufschwung von zentraler Bedeutung waren die Entstehung des Bauernstands in konzentrierten Siedlungen auf dem Land, vor allem aber auch das Städtewachstum und damit der Prozess der Urbanisierung. Die Bevölkerungszahl stieg an und der Handel nahm zu. Neuere technische Entwicklungen (z.B. der Räderpflug) und eine Ausweitung der Agrarflächen führten zu einer verstärkten landwirtschaftlichen Produktion. Auf politischer Ebene dominierte die Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser. In Italien wurden die städtischen Kommunen immer bedeutender; das Bürgertum lehnte sich gegen die traditionelle Adelsgesellschaft auf. So bekannte sich Assisi zu den kaisertreuen Ghibellinen, während Perugia zur Partei der papsttreuen Welfen zählte. Die städtische Konsumgesellschaft und die selbstbewussten Bürgerschaften bildeten so einen idealen Hintergrund für die Armutsbewegungen und auch für Franz von Assisi.
2.2. Glaube und Kirche: die Suche nach dem Heil
Der einzelne war im Hochmittelalter eingebettet in die Gemeinschaft; dieses Kollektiv wurde als sinnstiftendes Element erlebt. Bedingt durch die gesellschaftlichen Transformationen und die Blüte der Wissenschaften und Theologie entstand der christliche Kulturraum „Westeuropa“. Das Christentum förderte mit einem konsistent religiös fundierten Weltbild die jenseitsbezogene Heilssehnsucht des Menschen (→ Eschatologie
2.3. Die schwierige Rekonstruktion einer Biografie
Die Überlieferungsgeschichte der Biografie des Franz von Assisi kann als Musterbeispiel für die Konstruktivität von (Kirchen-)Geschichte gelten (Büttner u.a., 2011). Von Beginn seiner Verehrung an wurde die Lebensgeschichte des Franz von Assisi interessegeleitet dargestellt. Dies zeigen bereits die frühen Schriften über ihn, die kirchlicherseits in Auftrag gegeben wurden.
Zwei Jahre nach Franziskus’ Tod schrieb Thomas von Celano im Jahre 1228 eine erste Lebensbeschreibung (Berg/Lehmann, 2009, 195-288; alle verfügbaren Quellen bei Berg/Lehmann, 2009), im Jahre 1246 die zweite (Berg/Lehmann, 2009, 289-421). Die neue von Bonaventura im Jahre 1263 sollte alle vorherigen ersetzen (Berg/Lehmann, 2009, 686-778). Die Kirche hatte ein starkes Interesse daran, ein spezifisches Franziskusbild zu formen. Die Perspektive der Zuwendung zu den Armen wird bei Bonaventura deutlicher spirituell gedeutet, wie es insgesamt dem kirchlichen Interesse entsprach, im weiteren Verlauf der Entwicklung der franziskanischen Bewegung diese als neue Größe zu betrachten, mit der gerade in den neuen Stadtgesellschaften das Christentum gelebt werden konnte. Helmut Feld arbeitet heraus, dass Papst Gregor IX. in mehrfacher Hinsicht Franz von Assisi vereinnahmte: Er ließ sein Testament als unverbindlich erklären, eine monumentale Basilika errichten und ihn im Jahre 1228 heiligsprechen (Feld, 2001, 99). In dieser kirchlichen Rezeptionslinie wurden gerade diejenigen Episoden und Botschaften des Franz von Assisi getilgt, in denen kritische Sichtweisen auf die Kirche, ihr Selbstverständnis und ihr Normgebäude aufscheinen. „Fehlen nur noch die Weiber“, soll laut einer Anekdote Bruder Ägidius, ein alter Gefährte von Franziskus, geraunzt haben, als er den Fortgang des Baus der monumentalen Basilika in Assisi nach Franziskus’ Tod betrachtete (Decker, 2016, 306). Den erschreckten Begleitern erklärt er: Die Gebote der Armut und Demut habe man hier doch schon offen missachtet, warum dann nicht auch gleich das der Keuschheit? Auch Paul Sabatier, einer der ersten neuzeitlichen Franziskusforscher, bewertet den Umgang der Kirche mit dem Erbe des Franz von Assisi kritisch, beginnend mit der Basilika San Francesco: „Betrachtet sie, diese stolze, reiche, mächtige Kirche, und steigt dann nach der Portiuncula hinab, betretet San Damian, erklimmt die Carceri, und Ihr werdet den Abgrund erkennen, der das Ideal des heiligen Franziskus von dem des Papstes trennte, der ihn heilig gesprochen“ (Sabatier, 1897, 255).
Manche Forscher meinen, dass die „Drei-Gefährten-Legende“ (Berg/Lehmann, 2009, 602-653) aus dem Jahre 1246 dem authentischen Franziskus am nächsten kommt. Auch die Bilder und Bildprogramme präsentieren eine je eigene Deutung des heiligen Franziskus, wie z.B. die Fresken von Giotto bzw. dessen Schüler in der Oberkirche der Basilika, in denen von Armut nur dezent die Rede ist. Hinzu kommen viele weitere Legendensammlungen; am bekanntesten sind die „Fioretti del glorioso messere Santo Francesco“ („Blümlein um unseren glorreichen Herrn, den heiligen Franziskus“) aus dem 14. Jahrhundert (Berg/Lehmann, 2009, 1333-1345). Immerhin sind von Franziskus selbst verschiedene Schriften erhalten – Gebete, geistliche Weisungen und Testamente, Regeln, Briefe und einige weitere Fragmente (Berg/Lehmann, 2009, 1-144) – und sogar einige wenige Autografen, also handschriftliche Aufzeichnungen.
Daher fällt es bisweilen nicht leicht, das legendarisch Dargestellte mit einem möglichen historischen Kern abzugleichen, was exemplarisch an einzelnen Lebensstationen aufgezeigt werden kann:
Bereits der Rückblick auf die Jugendzeit als Sohn eines reichen Vaters aus der aufstrebenden Bürgerschicht ist uneindeutig: War er jemand, der „seine Lebenszeit vergeudete und vertändelte“, wie es in der zweiten Lebensbeschreibung des Thomas von Celano heißt (Berg/Lehmann, 2009, 201), lebte er tatsächlich „in Sünden“ (Berg/Lehmann, 2009, 59), wie er im ersten Satz seines Testaments angibt – eine typische kontrastive Figur zur Deutung des eigenen Lebens, wie sie auch in anderen Autobiografien aufscheint? Oder war er nur ein normaler Jugendlicher, der das Leben in vollen Zügen genoss und mit seinen Freunden durch Assisi zog und ausgelassen feierte, wie es die Drei-Gefährten-Legende beschreibt (Berg/Lehmann, 2009, 613)? Ereignete sich die Anrede Gottes durch das Kreuz in San Damiano im Jahre 1206 so, wie es in der Drei-Gefährten-Legende (Berg/Lehmann, 2009, 619) berichtet wird? Laut Niklaus Kuster stammt diese mystische Legende vom sprechenden Kreuz erst aus der zweiten Franziskanergeneration aus den 1240er-Jahren (Kuster, 2010, 23). Was geschah bei der Begegnung mit dem Sultan in Ägypten? Legendarisch sind die Religionsgespräche in Wort und Bild breit ausgestaltet, faktisch lässt sich über die Tatsache hinaus, dass es Franziskus gelang, während des Kreuzzugs ins Lager des muslimischen Heeres zu kommen und unversehrt wieder zurück, nichts belegen – außer, dass diese Begegnung Folgen hatte, wie weiter unten noch ausgeführt wurde. Franz von Assisi gilt als erster Mensch, der von den Wundmalen Christi gezeichnet war. Aber auch die entsprechenden Berichte über das Geschehen in La Verna im Jahre 1224 stammen erst aus der Zeit nach seinem Tod. Bruder Elias berichtet in einem Rundbrief im Jahre 1226 davon (Berg/Lehmann, 2009, 185) und in den Legenden, zum Beispiel der ersten Lebensbeschreibung des Thomas von Celano, wird das Geschehen dann ausgeschmückt dargestellt (Berg/Lehmann, 2009, 256).
So wichtig geschichtshermeneutisch diese kritischen Anfragen auch sein mögen – im Umgang mit Franz von Assisi wird man auch die legendarischen Darstellungen einbeziehen, weil sie Wahrheiten bergen, die über die Realität hinausgehen (→ Geschichtserzählung
3. Lernen an Franz von Assisi
Gemäß dem kirchendidaktischen Prinzip der Reziprozität (Mendl, 2019, 245) wird die Anfrage an die Geschichte ausgehend von den Fragen der Gegenwart gestellt. Durch diesen spannungsreichen Prozess macht sie historische Ereignisse für ein (religiöses) Orientierungsbedürfnis von Kindern und Jugendlichen heute fruchtbar. Insbesondere ist danach zu fragen, inwiefern die Auseinandersetzung mit kirchengeschichtlicher Vergangenheit die lernenden Subjekte in ihrer Lebensgestaltung unterstützen kann (Lindner, 2015, 1; → Kirchengeschichtsdidaktik
Eine solche Bezugnahme im Sinne eines korrelativen Lernens an historischen Personen ist insofern ein riskantes Unterfangen, als der Vergleich von individuellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen immer problembehaftet ist. So kritisiert beispielsweise Niklaus Kuster am Franziskusbuch von Volker Leppin, ob die von diesem behauptete „Adoleszenzkrise“ (Leppin, 2018, 62) des Franz von Assisi stimmig sei – aus der historischen Perspektive des Franziskus, der inmitten seiner „Gärungskrise“ (so Leppin) ja bereits erwachsen gewesen sei, aber auch aus dem Problem, heutige jugendsoziologische Befunde zurückzuprojizieren (Kuster, 2019b, 9;28-31).
Trotz dieser Vorbehalte lassen sich in der Biografie des Franz von Assisi zahlreiche Anknüpfungspunkte ausmachen, an denen auch junge Leute heute eigene Bedürfnisse und Lebenshaltungen entdecken können – mit Parallelen und Kontrasten und Ambivalenzen (Mendl, 2014;2023a; Katechetische Blätter, 2014). Grundsätzlich gelten die didaktischen Eckdaten eines Lernens an fremden Biografien (Mendl, 2015; → Modelllernen
3.1. Zeitlebens suchen und begeistern
An Franz von Assisi kann man aufzeigen, dass Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Lebenslauf keine Widersprüche sind. Grundhaltungen und Veranlagungen transformieren sich inhaltlich, sie prägen aber jede Lebensphase auf je eigene Weise. Die Biografen beschreiben Franziskus auch in der ausgelassenen Jugendphase als einen charmanten und höflichen Menschen, der eine Begeisterungsfähigkeit ausstrahlte. Diese Fähigkeit, andere Menschen mitzureißen, legte er dann auch an den Tag, als er anschaulich predigend durchs Land zog, um die Menschen von seinen Idealen einer radikalen Christusnachfolge in Armut zu überzeugen. Als Kind in der höfischen Kultur der Troubadoure erzogen, träumte er vom Erfolg als Ritter; seine Einbildungs- und Vorstellungskraft bezog sich später auf die empfindsame Wahrnehmung der Schöpfung, der Natur und Tierwelt, und führte zu einer Lebenseinstellung, in der die Naturbeziehung eng mit der Gottesbeziehung verbunden war und in das grandiose Schöpfungslied in der altitalienischen Volkssprache Umbriens mündete. Es dauerte viele Jahre, bis er seine Lebensspur fand. Zeitlebens blieb er ein Suchender, der sich nicht mit dem Status quo zufriedengab.
Diese Suchbewegung im Sinne eines „Es muss im Leben mehr als alles geben“ kennzeichnet auch die Identitätskrisen im Leben von Jugendlichen heute. Sie können im Leben des Franziskus Strategien im Umgang mit Diskrepanzerfahrungen (Leppin, 2018, 40), mit inneren und äußeren Unruhen, entdecken: der Rückzug in die Einsamkeit, das Austesten von Grenzen, die Bearbeitung von wahrgenommenen Widersprüchlichkeiten in Gesellschaft, Familie und im eigenen Leben, um so eine eigene Lebensspur zu entfalten. Franz von Assisi ermutigt hier dazu, nicht in der eigenen Komfortzone zu bleiben, sondern den inneren Regungen und Unruhen nachzuspüren.
3.2. Radikal einfach das Evangelium leben
Die Radikalität, mit der Franziskus auf Besitz, Essen und jeglichen Komfort verzichtete, provozierte schon seine Zeitgenossen. Inspiriert fühlte er sich hier durch den unmittelbaren Anstoß durch das Evangelium, das Franziskus wörtlich nahm, wie es die verschiedenen legendarischen Berichte nahelegen: Beim zufälligen Aufschlagen einer Bibel erhielt die kleine Gruppe um Franziskus ihre inhaltliche Bestimmung – ein Leben als Jünger Jesu, die besitzlos das Evangelium verkündigen sollten. Als die franziskanische Bewegung immer größer wurde, erschien ein solch radikal armes Leben zunehmend als problematisch; mit drastischen performativen Zeichenhandlungen wie der Weigerung, die Stadt Bologna zu betreten, weil die Brüder dort ein Haus besaßen, oder dem Abdecken eines Daches in Assisi beim Pfingstreffen oder einem rigiden Umgang mit dem eigenen Körper durch Fasten und Bußübungen wollte er die Brüder auf die konsequente Besitzlosigkeit hinweisen.
Gerade über Papst Franziskus, der sich ja immer wieder sehr grundsätzlich an dem Namensgeber seines Pontifikats orientierte, kann die Armutsthematik, die Franz von Assisi antrieb, auf vielschichtige Weise auch an Jugendliche herangetragen werden; sie beginnt bei der kritischen Anfrage am Reichtum der Kirche, konstruktiv gewendet mit der Frage nach dem, wie Kirche ihre finanziellen Ressourcen einsetzen sollte, ohne dabei die Frage nach dem persönlichen Lebensstil auszuschließen: Was bedeutet ein ressourcenschonender, nachhaltiger und einfacher Lebensstil für Jugendliche selbst? Hier knüpft dann die Frage nach der Bewahrung der Schöpfung unmittelbar an, womit dann auch die Frage nach den performativen Modellen eines Protests (Fridays for Future, Klimakleber) in den Blick genommen werden kann.
3.3. Aus guten Gründen gegen Normen verstoßen
Lernen können junge Leute heute an Franziskus eben auch, dass es legitim ist, gesellschaftliche Normen zu hinterfragen und gegen sie zu verstoßen, wenn dies persönlich überzeugend begründet ist und man auch bereit ist, die entsprechenden Konsequenzen zu tragen. Die Form des Protests kann dann auch performativ und kreativ sein. Die Absage an den Vater und ein Leben in bürgerlichem Reichtum mit der öffentlichen Entkleidung war eine Provokation. Es sind viele weitere Episoden überliefert, wo Franziskus ohne viel Worte aber mit eindrucksvollen performativen Sprechhandlungen seine Überzeugung kundtat (Mendl, 2023b). Freilich geht es – bleibt man in der Spur des Franz von Assisi – nicht um das Überschreiten von gesellschaftlichen Normen als Selbstzweck, sondern vom Ziel her: Franziskus wählte ein radikal anderes Leben in den Fußspuren Jesu und entwickelte eine dementsprechende alternative Lebensweise.
3.4. Den Nächsten lieben
Wie sehr Franziskus ein lebenslang Lernender war, wird an seinem Umgang mit den Menschen am Rande deutlich. Erst die Beschämung über die eigene Abscheu vor einem Aussätzigen führte Franziskus zur Umkehr und zur konsequenten Zuwendung zu den Armen und Kranken, wie die Legenden verdeutlichen; nun entwickelte er seine ganz eigene „Zärtlichkeit für die Welt“ (Holl, 1979, 62; Prinz, 2023, 50). Aber anders als beispielsweise Elisabeth von Thüringen, die von Franz von Assisi inspiriert wurde und ihr erstes Hospital nach ihm benannte, verschrieb sich Franziskus nicht der Armen- und Krankenfürsorge, sondern blieb in der Spur seiner Predigttätigkeit. Übertragen auf heute bedeutet das, dass es viele Möglichkeiten gibt, eine christliche Nächstenliebe zu leben, wie es die Heiligen der Unscheinbarkeit, Helden des Alltags oder Local heroes (Mendl, 2015;2020) belegen.
3.5. Die Schöpfung lieben und darin Gott erkennen
Franziskus sah den Menschen eingebettet in die gesamte Schöpfung Gottes, die für ihn ein „klarer Spiegel seiner Güte“ (Berg/Lehmann, 2009, 389) war. Die liebevolle Zuwendung des Franziskus vor allem auch zu den Tieren ist zwangsläufig der Gegenstand vieler Legenden: Er sorgte sich um Bienen, Würmer und Vögel, er befriedete den Wolf von Gubbio und stellte im Jahre 1223 in Greccio erstmals eine Krippe auf, um nicht nur Christus von Geburt an ganz nahe zu sein, sondern auch den Tieren an Weihnachten Nahrung zu verschaffen, wie die Chronisten berichten. In seinem berühmten Lied „Laudato Si‘“, das er bereits von schwerer Krankheit gezeichnet in der altumbrischen Volkssprache verfasste, wird seine kosmologische Weltsicht deutlich, mit der die himmlische und menschliche Sphäre eng verbunden entfaltet wird. So verwundert es nicht, dass diese umfassende Schöpfungsliebe des Franziskus heute angesichts der globalen Klimakatastrophe und ökologischen Krise der rote Faden ist, der vom Staunen des Franziskus bis hin zur Enzyklika von Papst Franziskus mit dem bezeichnenden Titel „Laudato Si‘“ führt, die auch weit über die Kirche hinaus eine positive Resonanz erfahren hat (Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, 2015). Der Papst stellt hier dem Raubbau an der Schöpfung das Konzept einer integralen Ökologie entgegen, das auch mit einem spirituell fundierten Lebensstil verbunden werden sollte.
3.6. Gott suchen – inspiriert auch vom Islam
Die Begegnung mit dem Sultan in Ägypten zur Zeit des Kreuzzugs hinterließ bei Franziskus Spuren (Hoeberichts, 2011; Kuster, 2018;2025; Mendl, 2024): Fasziniert vom Ruf des Muezzins forderte er auch für die Christenheit ein akustisches Zeichen, mit dem die Gläubigen zum Gebet gerufen werden. Wenn heute Kirchenglocken zum Gebet läuten, so geht dies auf Franz von Assisi zurück (zu den mehrfachen interreligiösen Verknüpfungen dieser Rituale siehe Kuster, 2019c). Inspiriert von den 99 Namen Allahs verfasste Franziskus vermutlich im Jahre 1224 in La Verna ein Gedicht mit Beschreibungen von Gott, bei dem knapp die Hälfte weiblichen Eigenschaftszuschreibungen entsprechen. Auch die weiteren Gebete, die von Franziskus überliefert sind, zeugen von einer intensiven Gottesbeziehung. Die franziskanische Überzeugung, dass Gott nicht gänzlich fern, sondern dem Inneren des Menschen ganz nah sein kann, entspricht auch den Ergebnissen verschiedener Jugendstudien, dass Gott für Jugendliche dann relevant sein kann, wenn er in enger Verbindung zum eigenen Leben betrachtet werden kann (→ Gott
3.7. Geschichte(n) rekonstruieren
Neben den eher existenziellen Korrelationen zwischen Franz von Assisi und Menschen heute bietet auch die geschichtshermeneutische Perspektive eine Lernchance. Ausgehend von der skizzierten interessegeleiteten Überlieferungsgeschichte des Lebens von Franz von Assisi können in der Sekundarstufe 2 kritische Quellenstudien zum Leben dieses multiperspektivisch deutbaren Heiligen angeregt werden (siehe dazu Dieterich, 2011; Katechetische Blätter, 2014; → Geschichtsbewusstsein
4. Franz von Assisi – Inspiration und Provokation
Deutlich wurde, dass das Leben des Franz von Assisi von verschiedenen Perspektiven aus betrachtet werden kann; dies wird auch in Zukunft so sein. Angesichts der aktuellen Weltkrisen erweisen sich neben den schöpfungstheologischen Anregungen besonders die interreligiösen Inspirationen als zentral, die sich beispielsweise in den „Franziskanischen Geboten für den Interreligiösen Dialog“ (Kuster, 2019c) niederschlagen. In diesem Beitrag nicht explizit bearbeitet, aber in den letzten Jahrzehnten weit konturierter entfaltet ist Klara von Assisi, die in der neueren Forschung deutlicher auch in ihrer Eigenständigkeit und nicht nur als eine Begleiterin des Franz von Assisi betrachtet wird (Kreidler-Kos, 2015; Pemsel-Maier, 2018).
Zu wünschen wäre, dass es eine deutlicher ausgeprägte franziskanische Jugendpastoral in Assisi und auch in Deutschland gäbe, weil das spirituelle Potenzial, das Franz von Assisis Wirken kennzeichnet, auch für Jugendliche inspirierend und provozierend entfaltet werden könnte.
Literaturverzeichnis
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