Deutsche Bibelgesellschaft

Aufklärung (katholisch), kirchengeschichtsdidaktisch

(erstellt: Februar 2025)

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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.200748

1. Lebensweltliche Verortungen

Katholische Aufklärung ist zwar ein komplexes Phänomen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts; eine Auseinandersetzung damit berührt allerdings einige grundlegende Fragen, die sich trotz veränderter soziokultureller Kontexte auch in der Gegenwart stellen:

  • Zunächst ist das lange Zeit in der Forschung ausgeblendete Thema „katholische“ Aufklärung ein Musterbeispiel dafür, wie stark konstruierte Geschichtsbilder die Wahrnehmung historischer Zusammenhänge beeinträchtigen können. Darüber hinaus gilt im populären Geschichtsverständnis Aufklärung als philosophische Bewegung mit breiter gesellschaftlicher Wirkung, die in emanzipatorischer Absicht automatisch gegen Religion und Glaube gerichtet gewesen sei. Dagegen erkennen Historiker heute an, „dass nur ein kleiner Teil der Aufklärung wirklich anti-religiös war; die überwiegende Mehrheit war hingegen an einer ausbalancierten Beziehung zwischen Vernunft und Glaube interessiert“ (Lehner, 2017, 10). Getragen von einem Grundvertrauen auf einen Weltzugang mit Hilfe der Vernunft konnten deshalb katholische Aufklärer wie zum Beispiel die Würzburger Theologen Franz Berg (1753-1821) und Gregor Zirkel (1762-1817) noch im Jahr 1793 die Überzeugung propagieren, dass „die Aufklärung selbst keinerlei Konflikt zwischen Glaube und Vernunft hervorrufe“ (Lehner, 2017, 234). Vielmehr diene Aufklärung der „inneren Vervollkommnung“ und sei demgemäß „das Bestreben, den Verstand zu verbessern“ und auch im Bereich von Religion und Glaube „unseren Erkenntnissen größeren Umfang, größere Deutlichkeit und mehr Zusammenhang zu geben“ (Berg/Zirkel, 1793, 16).
  • Dementsprechend stellt sich für die gegenwärtige → Gesellschaft, in der säkulare Denk- und Lebensweisen (→ Säkularisierung) in einer reflektierten wie unreflektiert-adaptiven Weise zunehmend eine Weltdeutungshoheit beanspruchen, die zentrale Frage, wie ein religiöser Weltzugang im Modus der Option eines zeitgemäßen und in vernunftgeleiteter Auseinandersetzung erarbeiteten Selbstkonzepts Gestalt gewinnen kann.
  • Ihr großes Vertrauen auf die Kräfte der Vernunft motivierte katholische Aufklärer dazu, überfällige Reformen in allen Bereichen der kirchlichen Sozialgestalt einzufordern. Dies galt sowohl für institutionellen Reformbedarf als auch für den Ausbau und die vernunftgeleitete Neuorientierung von (religiöser) Bildung und von überkommener religiöser Praxis auf breiter Front (Festkultur, Liturgie, Wallfahrten, Brauchtum). Wenn Katholiken heute Mitwirkung bei kirchlichen Reformen einfordern, bieten die vielschichtigen und von unterschiedlichen Akteuren betriebenen Initiativen in der Zeit der Aufklärung einen historischen Beleg für das kirchliche Grundverständnis einer „ecclesia semper reformanda“.
  • Auch das pädagogische Grundanliegen der Aufklärung gilt bis heute: Programmatisch bündelte es der katholische Bildungsreformer Franz Stephan Rautenstrauch 1782 in der Maxime, aus „Nachbetern“ sollten „Selbstdenker“ werden (Rautenstrauch, 1782, 24). Damit wird die grundsätzliche Frage nach dem Menschenbild aufgeworfen, das Zielen und Vollzugsformen schulischer Bildung zugrunde liegt!
  • Ein weiteres Anliegen damaliger Bildungsreformen (→ Bildung) korreliert ebenfalls mit heutigen gesellschaftlichen (→ Gesellschaft) Erwartungen an das Bildungssystem, steht aber in Spannung zu einer → Erziehung zum „Selbstdenken“: Denn die jeweiligen Landesherren bemühten sich zwar, möglichst allen Untertanen schulische Bildung zukommen zu lassen, verstanden diese aber in erster Linie als Instrument, um für den Arbeitsmarkt fähige und moralisch integre Bürger/innen heranziehen zu können, die für die Gesellschaft „nützlich“ sind. Von diesen spezifischen Interessen am Output des Schulsystems war – und ist – auch religiöse Bildung betroffen, denn damals wie heute wurden bzw. werden Positionen artikuliert, die Religionsunterricht auf ein „Wertefach“ verkürzen; entsprechend solle er vor allem einer moralischen Erziehung dienen und sich in diesem Sinne eben als gesellschaftlich „nützlich“ erweisen. Demgegenüber wurde schon von den Aufklärern religiöse Bildung weiter gefasst: Sie sollte sich um einen verstehenden Zugang zu Themen von Religion und → Glaube bemühen, biblische Grundlagen (→ Bibel) erschließen und dazu befähigen, angesichts konkurrierender Weltbilder eine Haltung der Toleranz einnehmen zu können.

2. Kirchengeschichtliche Einordnungen

Versteht man Aufklärung als kulturellen Prozess, in dem die Souveränität der Vernunft betont wurde, um Reformen gesellschaftlicher, politischer und religiöser Strukturen sowie der damit verbundenen Praxis umsetzen zu können, dann zeigt sie sich als vielschichtiges und in den konkreten Reformvorhaben auch widersprüchliches Phänomen. Deshalb sprechen viele Historiker „heute nicht mehr von einer einheitlichen, homogenen Aufklärung“, sondern „von vielen Aufklärungen“ (Lehner, 2017, 13). Im Hinblick auf die Ursprünge der Bewegung können unterschiedliche „Wurzeln“ freigelegt werden: Zum einen verlangten die Folgen der Religionskriege und die Erfahrungen mit dem Hexenwahn (→ Hexenverfolgungen), in welchem sich die unterschiedlichsten Formen des „Aberglaubens“ bündelten, nach einer kritischen Reflexion. Zum anderen stellte die aufkeimende Naturwissenschaft (→ Glaube und Naturwissenschaft) traditionelle naturphilosophische Konzepte zunehmend in Frage. Zudem wurden philosophische Positionen durch eine Fokussierung auf das denkende Subjekt als Ausgangspunkt der Erkenntnis von Rene Descartes (1596-1650) und Baruch de Spinoza (1632-1677) radikal hinterfragt und schließlich speiste sich die Aufklärung aus der religiösen Bewegung des Pietismus. Dort konnten nämlich durch die Konzentration auf das religiöse Subjekt neue Formen religiöser Praxis entstehen, die Parallelen zu den Anliegen der Aufklärer, wie zum Beispiel konfessionelle Toleranz, Reformfreude und engagierte Gestaltung der Lebenswelt, aufwiesen (Holzem, 2015, 727-731).

Diese „Wurzeln“ finden sich entsprechend auch bei den Akteuren wieder, die einer religiösen Aufklärung, welche konfessionelle und geografische Grenzen überstieg, zugerechnet werden können. Katholische Aufklärer waren in allen Teilen der damaligen katholischen Welt aktiv und verfolgten das Ziel, der Öffentlichkeit zu zeigen, „dass man sich als Katholik erfolgreich mit modernem Denken auseinandersetzen konnte und dass man dieselben intellektuellen Fähigkeiten wie ihre protestantischen Mitstreiter besaß“ (Lehner, 2017, 18). Die katholischen Aufklärer konnten – ausgehend vom (religiösen) → Subjekt als Zentrum der Erkenntnis – die neuesten Errungenschaften von Philosophie und Naturwissenschaften rezipieren, um in der Konsequenz dann auch wesentliche Glaubensinhalte „in neuer, der Zeit angemessener Sprache vortragen und verteidigen zu können“ (Lehner, 2017, 15). Ferner plädierten sie entschieden für Reformen und artikulierten dabei oft lautstark ihre Abneigung gegen fanatischen Religionseifer und Bigotterie, Aberglaube und Vorurteil; einige übten darüber hinaus heftige Kritik am Papsttum (Lehner, 2017, 18f.). Der bereits erwähnte Theologe Franz Berg brachte diesen grundlegenden Optimismus 1793 auf die Formel: „Je mehr wir unsern denkenden Geist ausbilden, desto mehr gewinnt das ganze Reich der Wahrheit“ (Berg, 1793, 17).

2.1. Katholische Aufklärung – eine verdrängte Epoche

Zwar handelt es sich bei der „katholischen Aufklärung“ um ein über Europa hinausreichendes vielgestaltiges Phänomen, das aber bis in die jüngere Vergangenheit von der historischen Forschung nicht als solches wahrgenommen wurde und in populären Konzepten von der Geschichte der katholischen Kirche nicht existent ist. Für diesen Befund können drei Ursachen benannt werden:

  • „Aufklärung“ galt lange Zeit als „protestantisches“ Projekt (→ Aufklärung), weil man katholische Kirche und Aufklärung per se für inkompatibel hielt (Seewald, 2024, 49), so dass eine „dominante protestantisch ausgerichtete Aufklärungshistoriographie“ (Putz, 2018, 51) die Initiativen in katholisch geprägten Ländern nicht wahrnehmen wollte. Dieses Vorurteil hatten bereits zeitgenössische „Protagonisten des Aufklärungszeitalters“ wie zum Beispiel Friedrich Nicolai (1733-1811) (Schmid/Herzog, 2018, 15).
  • Angesichts der vielgestaltigen Initiativen im Rahmen einer „katholischen“ Aufklärung wird in der historischen Forschung kontrovers diskutiert, ob man für die katholische Kirche eher von einem „aufgeklärten Zeitalter“ (als Projekt) als von einem „Zeitalter der Aufklärung“ (als Epoche) sprechen müsse (Seewald, 2024, 50; Stockhorst, 2013). Andreas Holzem bündelt diese Perspektiven in der Beobachtung, es sei offenkundig, dass katholische Gelehrte an Diskursen der Leitwissenschaften des 18. Jahrhunderts partizipierten: Religion wurde zum einen Objekt der Aufklärung, zum anderen waren „Amtsträger des Religiösen“ aber auch deren Subjekte (Holzem, 2024, 58).
  • Eine weitere Ursache liegt in den politischen Umwälzungen im Zeitraum zwischen der französischen Revolution und der Neuordnung Europas 1815: Denn die „antichristlichen Greueltaten“ in Frankreich waren „im Namen von Fortschritt und Aufklärung geschehen“, so dass für die Päpste und die sogenannten ultramontanen Theologen „der Schluss nahelag, die Aufklärung als Ganzes sei gefährlich“ (Lehner, 2017, 234). Zudem bestanden ab dem frühen 19. Jahrhundert viele (reichskirchliche) Institutionen, die die katholische Aufklärung gefördert hatten, nicht mehr, so dass die Aufklärungstheologen zunehmend „zu Einzelkämpfern“ wurden (Lehner, 2017, 20). In zeitgenössischer Diktion bringt Franz Berg diesen Wandel im Jahr 1793 auf den Punkt: „Schrecklich tönt das Wort Aufklärung gewissen frommen Ohren“ (Berg/Zirkel, 1793, 15). Die Diskreditierung von Reformvorhaben, die Denunzierung der jeweiligen Theologen und die konsequente Verdrängung dieser Epoche in der katholischen Kirche dauerten bis zum Vorabend des → Zweiten Vatikanischen Konzils an (Holzem, 2024, 59-61; Putz, 2018, 59; Lehner, 2017, 235-238).

2.2. Der Josephinismus als Beispiel für politische Reformen

Die beschriebene Aversion ultramontaner Kreise gegen die Aufklärung speiste sich auch aus den Verzahnungen von Kirchenreformen mit den Ambitionen von Herrscherhäusern, die sich dem aufgeklärten Reformabsolutismus verschrieben hatten. Besonders deutlich wird dies beim Josephinismus, der eine Vorbildfunktion für andere Länder (wie zum Beispiel Bayern) einnahm. Diese Politik war angewiesen auf „eine oft voranpreschende Elite aus Adeligen, hohem Klerus, Beamtenschaft, ökonomisch erfolgreichen und in den Künsten gebildeten Bürgern“ (Holzem, 2015, 829f.) – wohingegen die Landbevölkerung die Reformen als zwangsweise Reglementierung bewährter (religiöser) Praxis erleben musste.

Zwar waren bereits während der Regentschaft von Maria Theresia Reformprojekte vorbereitet worden, aber nach der Übernahme der Alleinherrschaft im November 1780 brachte Joseph II. mit zum Teil radikalen Gesetzgebungsmaßnahmen „sofort Pläne auf den Weg, den Katholizismus grundlegend zu reformieren“; zudem eröffnete er mit dem Toleranzedikt vom 13. Oktober 1781 auch Nichtkatholiken eine weitgehende öffentliche Ausübung ihrer Religion. Diese neue Grundhaltung einer christlichen Toleranz sollte zusammen mit anderen Reformthemen vor allem über Bildung und Erziehung erreicht werden (Lehner, 2017, 70f.). Zusätzlich zur grundlegenden Neuorientierung des Bildungswesens wurden kirchliche Strukturen verändert und damit verbundene Pastoralreformen eingeleitet.

2.3.  Die Neuorientierung des Bildungswesens

Das besondere Profil der katholischen Aufklärung als Bildungsbewegung besteht darin, dass „die Orden eine tragende Rolle einnahmen“ (Holzem, 2015, 777), wobei sich die Reformen sowohl auf das höhere (Gymnasien, Universitäten) als auch auf das niedere (Elementarschulen) Schulwesen bezogen (Simon, 2020, 48).

2.3.1. Klöster als Bildungsträger

Bereits im 17. Jahrhundert galt Gelehrsamkeit in den großen Prälatenklöstern als Ausweis von Reformwillen, so dass daraus „oft fast nahtlos“ eine Hinwendung zur Aufklärung hervorwachsen konnte (Holzem, 2015, 778f.), die viele, wenn auch nicht alle Mönche und Chorherren erfasste (Putz, 2018, 49). Nach der Überwindung der Folgen des dreißigjährigen Krieges entstanden vor allem in den süddeutschen und österreichischen Gegenden, aber auch in der „katholischen Innerschweiz“ (Fässler, 2019, 213) prachtvolle Klosteranlagen, die Impulse der Frühaufklärung aufnahmen. Sichtbar wurde dies in der Architektur der Bibliotheken und bei deren Bildprogrammen. Diese „Festsäle“ der Wissenschaften füllten sich „mit der Aufklärungsliteratur aller Gattungen und akademischen Fächer“ (Holzem, 2015, 780). Zudem wurde in Bildungseinrichtungen für die Bewohner des jeweiligen Territoriums investiert (Holzem, 2015, 784), so dass die Klosteranlagen um entsprechende Schulbauten erweitert wurden.

In kleineren Herrschaftsgebieten waren dagegen aufgeklärte Reformen eher Einzelpersonen zuzuschreiben; „das Schlusslicht der Integrationsfähigkeit aufgeklärten Wissens bildeten jene Orden, die wie die Kapuziner ihr Armutsideal auch als geistig-geistliche Armut interpretierten“ (Holzem, 2015, 782).

Einen Sonderfall stellen in diesem Kontext die Jesuiten dar. Aufgrund ihrer Präsenz in allen katholischen Ländern waren die Jesuiten im 18. Jahrhundert zunehmend in die Mühlen von „Kolonialskandalen und staatskirchlichen Übermächtigungsversuchen“ geraten (Holzem, 2015, 784), so dass sie schließlich 1773 weltweit aufgehoben und ihre Bildungseinrichtungen geschlossen wurden. Im katholischen Bildungsdeutschland blieben die „teils sehr rührigen Ex-Jesuiten einflussreich“ und agitierten dann oft gegen aufklärerische Reformen (Holzem, 2015, 792).

2.3.2. Universitäten und theologische Fakultäten

Mit einer „bemerkenswerten Verspätung gegenüber dem protestantischen Norden und Osten Deutschlands“ setzte in den katholischen deutschsprachigen Ländern ein Wandel der akademischen Forschung und Lehre ein. Die Reformen betrafen nicht nur bereits bestehende größere (Breslau, Bamberg, Mainz) und kleinere (z.B. Dillingen) Universitäten, sondern auch solche, die neu gegründet worden waren: Fulda (1734), Münster (1780) und Bonn (1786) (Holzem, 2015, 794). In aller Deutlichkeit zeigt sich der Wille, den Vorsprung protestantischer Bildungsanstalten aufholen zu wollen, beim Münsteraner Domkapitular Franz von Fürstenberg (1729-1810), der mit seiner Universitätsgründung bewusst dem prominenten Göttinger Vorbild nacheifern wollte (Overhoff, 2019, 103-106).

Für die Reform der theologischen Fakultäten im gesamten deutschen Sprachraum maßgeblich wurde der „Entwurf einer besseren Einrichtung theologischer Schulen“, den Rautenstrauch 1774 verfasst hatte. Im Dienst an einer praxisorientierten Priesterausbildung standen nun im Vordergrund das Studium der → Bibel und der Kirchenvätertexte, um die Studierenden an die Wurzeln des Christentums heranführen zu können; eine zentrale Funktion bekam auch die neue Disziplin der Pastoraltheologie, die sich der pastoralen Gestaltung der Praxis gelebten Glaubens widmete (Holzem, 2015, 794;796). An einigen Universitäten führten diese Reformen allerdings zu heftigen Konflikten. Dies kann zum Beispiel an der Biografie von → Johann Michael Sailer (1751-1832), einem „herausragenden Exponenten“ für die Reformbemühungen an den Universitäten im Besonderen wie für Pastoral und religiöse Bildung im Allgemeinen (Holzem, 2015, 794-796), abgelesen werden. Margit Wasmaier-Sailer verortet ihn als „Brückenbauer“, der sowohl eine „prägende Gestalt der katholischen Aufklärung“ als auch ein Wegbereiter der Romantik war. Sailer verfolgte gemeinsam mit Immanuel Kant (1724-1804) das Anliegen, „die Bestimmung des Menschen zu einem Gott wohlgefälligen Leben ins Wort zu bringen“, setzte aber an die Stelle des „disziplinarischen Charakters der kantischen Ethik“ auf eine christliche Liebesethik (Wasmaier-Sailer, 2024, 88-90). In seiner Biografie spiegeln sich einige der konfliktiven Prozesse im Projekt der Aufklärung wider: Während seiner Lehrtätigkeit an der Universität in Dillingen von 1784 bis 1794 wirkte er an der Neuorganisation des Studiums mit, konnte über sein Lehrfach Pastoraltheologie eine neue Generation von Klerikern ausbilden und so eine enorme Breitenwirkung im Hinblick auf die pastorale Praxis entfalten. Allerdings gerietet Sailer in den Fokus der antiaufklärerischen Exjesuiten, so dass er 1794 entlassen wurde (Baumgartner, 2020, 65-70). An der Universität Landshut wirkte er dann von 1800 bis 1821, wo er in die heftigen Diskurse mit den dortigen Vertretern unterschiedlicher Positionen der (Spät-)Aufklärung involviert wurde; der Konflikt spitzte sich zu in der Auseinandersetzung mit dem Rektor des Priesterseminars Georgianum, Matthäus Fingerlos (1748-1817), der als rigoroser Kantianer sogar so weit ging, dass er aus den Studiersälen die Bibel und theologische Literatur entfernen und durch Schriften von Kant ersetzen ließ (Scheuchenpflug, 2020).

2.3.3. Die schulische Bildungslandschaft

Die Reformbemühungen im Bereich der Elementarschulen führten „zum Ausbau der staatlichen Schulaufsicht, zu einer Verbesserung der Lehrerausbildung (Normalschulen, Schullehrerseminare) sowie zu einer nachdrücklicheren Durchsetzung der allgemeinen Schulbildung“ (Simon, 2020, 48).

Eine große Bedeutung für diese Reformen im gesamten deutschen Sprachraum hatte Johann Ignaz von Felbiger (1724-1788), der als Abt des niederschlesischen Augustinerchorherrenstifts Sagan in den 1760er Jahren das niedere Schulwesen in den Pfarrschulen umgestaltet hatte: 1774 wurde er von Maria Theresia nach Wien berufen, wo er die grundlegende strukturelle Reform des österreichischen niederen Schulwesens organisierte (Simon, 2020, 48). Diese Reform des Landschulwesens musste überall mit den „Begrenztheiten einer ungebildeten Mangelgesellschaft“ kämpfen (Holzem, 2015, 797;799). Die Bildung im ländlichen Raum litt unter zahlreichen Defiziten: Sie war primär religiös ausgelegt, fand meist nur im Winter statt und wurde von kaum ausgebildeten Lehrern erteilt. Erst mit den aufgeklärten Bildungsreformen konnte dann der „Kern der Schwierigkeiten“, die fehlende Lehrerbildung, durch die Gründung von Lehrerbildungsanstalten allmählich beseitigt werden (Holzem, 2025, 799).

Felbiger verordnete dem Schulsystem nicht nur neue Inhalte (u.a. Schreiben, Rechnen), sondern implementierte auch einen veränderten Modus des Unterrichtens: So führte das Interesse an der sokratischen Lehrart zu einer Neuorientierung der → Katechetik durch einen Erziehungsstil selbständigen Denkens und Urteilens und eine neue Fundierung der Didaktik und Methodik des Unterrichts. (Simon, 2020, 53f.). Vor allem die zahlreichen Freunde und Schüler Sailers legten in der religiösen Elementarbildung den Fokus auf das Kennenlernen biblischer Texte, so dass der Religionsunterricht mit dem Teilfach „Biblische Geschichte“ eine bleibende Erweiterung fand; die vom Sailerschüler Christoph von Schmid (1768-1854) verfasste „Biblische Geschichte“ entwickelte sich zum Bestseller im 19. Jahrhundert; in vielen Landschulen war sie zudem das einzig vorhandene Schulbuch (Scheuchenpflug, 1997, 69-77).

2.4. Staatlich verordnete Neuorganisation kirchlicher Strukturen und Reformen der christlichen Praxis

Zu den Reformen der kirchlichen Strukturen zählte im Herrschaftsbereich von Joseph II. unter anderem eine grundlegende Neueinteilung der Pfarreien, getragen vom Grundsatz, dass es selbst den Katholiken in unwegsamen Bergregionen möglich sein sollte, ihre Pfarrkirche fußläufig erreichen zu können. Die Kehrseite dieser Maßnahme war, um die erforderlichen finanziellen Mittel auftreiben zu können, eine rigorose Welle von Säkularisationen (→ Säkularisation 1802/03) vor allem von kontemplativen Klöstern, die „keine Nützlichkeit für Unterricht, Sozial- oder Krankenfürsorge ausweisen konnten“ (Holzem, 2015, 817).

Zusätzlich zu den strukturellen Umwälzungen wurde in den katholischen Herrschaftsgebieten die religiöse Praxis und Kultur vor allem in den ländlichen Räumen mit einer Flut von Verordnungen neu geregelt. Anstelle einer überbordenden Barockfrömmigkeit sollte eine auf das Wesentliche konzentrierte christliche Praxis treten. Deshalb wurden zahlreiche Feiertage abgeschafft, um die Arbeitsleistung anzuheben; mehrtägige Wallfahrten (→ Wallfahrt als religiöser Lernort) galten als ökonomische Verschwendung, selbst kleinste Details des Pfarrlebens wurden reglementiert (Holzem, 2015, 819).

Reformen christlicher Praxis wurden aber auch von vielen Theologen und Pfarrern aus eigenem Antrieb gefördert; diese Initiativen können unter dem Begriff „Volksaufklärung“ zusammengefasst werden (Holzem, 2015, 840). Handlungsleitend war dabei die aufgeklärte Überzeugung, eine bibelorientierte und christusbezogene Praxis des christlichen Lebens bewirken zu können. In der konkreten Umsetzung galten die pastoralen Projekte des Konstanzer Generalvikars Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774-1860) als vorbildlich. „Geprägt durch Johann Michael Sailer, wurden ihm die Heilige Schrift, die Vätertheologie und die durch Kant-Lektüre geprägte praktische Moralphilosophie zu bestimmenden Leitlinien“ (Holzem, 2015, 841). Wessenberg intensivierte nicht nur die Priesterausbildung, sondern auch die Fortbildung des amtierenden Klerus, vor allem durch die Einführung von regelmäßigen Pastoralkonferenzen, deren Ergebnisse publiziert wurden. Eines der zentralen Vorhaben war die Reform der Liturgie und damit verbunden des Brauchtums. Das Ziel war, volkssprachliche Elemente in die unterschiedlichen liturgischen Feiern aufzunehmen, und die Predigt biblisch-moralisch auszurichten (Holzem, 2015, 842).

In der Praxis vor Ort wirkten die verordneten Maßnahmen oft als „harsche Angriffe auf die Volksfrömmigkeit“: Dadurch, dass man Formen des Aberglaubens und exzessive barocke Frömmigkeit bekämpfen wollte, wurden die Pfarrangehörigen „aller ihrer liebgewordenen Traditionen beraubt, und oftmals auch der einzigen Mittel für Trost und Betrachtung“. Die neuen Praxisformen besaßen allerdings eine unterschiedliche Qualität: Mancherorts glich die Liturgie dann einem „moralischen Schulunterricht“, so dass Ulrich H. Lehner zu dem Fazit gelangt: „Die Reform versagte wegen ihres eigenen intellektuellen Gehabes“ (Lehner, 2017, 152).

Inspirierend für die Frömmigkeitspraxis war dagegen die intensive und breitflächige Förderung des eigenständigen erbaulichen Lesens der Heiligen Schrift. Denn die aufgeklärten Reformen des theologischen Studiums hatten eine rege Übersetzungstätigkeit biblischer Schriften gefördert und vor allem die Freunde und Schüler Sailers wollten ihre eigenen Erfahrungen mit der geistlichen Schriftlesung in ihrem jeweiligen Wirkungskreis weitergeben. Dazu benötigte man allerdings eine große Anzahl von gedruckten Exemplaren der Bibel, die man in der Regel unentgeltlich an die Bevölkerung weitergeben konnte. Dieses Anliegen führte schließlich zu einer konfessionsübergreifenden und europaweiten Bibelbewegung (Scheuchenpflug, 1997, 404f.), in der sich nicht nur Anhänger der Aufklärung engagierten, sondern auch Kleriker und gebildete Laiinnen und Laien, die den sogenannten streng kirchlichen oder aufklärungskritischen Kreisen oder den sich in manchen Regionen des deutschen Sprachgebietes formierenden Erweckungsbewegungen angehörten (Scheuchenpflug, 1997, 403).

3. Kirchengeschichtsdidaktische Herausforderungen

Bislang hat das Thema „katholische Aufklärung“ kaum Platz in den geschichtlich oder philosophisch orientierten Themen der Lehrpläne (→ Lehrplan) gefunden. Als träges Instrument der Steuerung von Bildung reagieren Lehrpläne jeweils nur mit Verzögerung auf veränderte Forschungslagen, so dass man darauf hoffen kann, dass diese vielschichtige Bewegung in angemessener Weise in zukünftigen Lehrplänen berücksichtigt werden wird.

Wer die Auseinandersetzung mit katholischer Aufklärung und ihren Reformen zum Thema im Religionsunterricht machen möchte, muss deshalb selbst nach Anknüpfungspunkten fahnden:

  • Diese ergeben sich bei jenen Lernbereichen, in denen Positionen von Aufklärungsphilosophen wie z.B. Immanuel Kant thematisiert werden. Hier könnte die zeitgenössische Resonanz bei Vertretern der katholischen Aufklärung ins Spiel gebracht werden.
  • Bei Lehrplanthemen, die eine Befassung mit kirchlichen Bauwerken vorsehen, bieten in sich in jenen Regionen, die einst zu den katholischen Reichsgebieten zählten, Exkursionen zu historischen Klosteranlagen bzw. anderen Bildungsstätten an (→ außerschulisches Lernen), die in der Zeit der Aufklärung neu- bzw. umgebaut worden waren (historische Universitätsbauten, Bildprogramme in den Kirchen, Klosterbibliotheken).
  • Reizvoll kann es auch sein, bei bestimmten gegenwärtigen gesellschaftlichen, schulischen und kirchlichen Reformthemen die Stimmen der katholischen Aufklärer als Gesprächspartner „einzuspielen“ – ohne sie ihrer historischen Distanz zu berauben. Dazu zählen Fragestellungen nach den Zielen von Erziehung und Bildung, nach dem Menschenbild und einer Motivation für einen engagierten Einsatz für Reformen. Als religiöse Themen bieten sich das Verhältnis von Glauben und moderner Welt, die Bedeutung der Bibel für das Glaubensleben sowie die Suche nach zeitgemäßen Formen christlicher Praxis an.
  • In der Sekundarstufe II könnte katholische Aufklärung im Rahmen von projektorientierten Lernformen (→ Projekt(unterricht)) wie zum Beispiel wissenschaftspropädeutischen Seminaren bearbeitet werden.
  • Die Rezeptionsgeschichte des Phänomens „katholische Aufklärung“ bietet Potential für eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Geschichtsbildern (→ Vergegenwärtigung, kirchengeschichtsdidaktisch).
  • Im Rahmen projektorientierter Lernformate könnten in einem regionalgeschichtlichen (→ Regionalgeschichte, kirchengeschichtsdidaktisch) Interesse Persönlichkeiten (→ biografisches Lernen) ausfindig gemacht werden, die sich „vor Ort“ um Reformen bemüht hatten. Hierzu steht mittlerweile Fachliteratur zur Verfügung (Simon, 2021); zudem können viele Originaltexte aufgrund der zunehmenden → Digitalisierung historischer Buchbestände über die Onlinekataloge von Universitätsbibliotheken eingesehen werden.

4. Ausblick

Eine Auseinandersetzung mit der Epoche und dem Projekt „katholische Aufklärung“ lohnt sich nicht nur im Blick auf die → Schülerinnen und Schüler, sondern auch auf das Selbstkonzept all jener, die heute im Bildungswesen tätig sind bzw. in Zukunft sein werden, waren doch die Protagonisten der katholischen Aufklärung getragen von einem Vertrauen auf die grundlegenden Fähigkeiten des Menschen zum Selbstdenken, die es pädagogisch zu fördern galt. Ihr Engagement zielte auf Reformen und die Mittel dazu waren der kritische Diskurs und vernunftgeleitete Streit um die jeweilige Sache. Zudem waren sie skeptisch gegenüber allen Konzepten religiöser Praxis, die einseitig auf Affekt und Emotionen setzten (heute z.B. geistliche Events, Prayerfestivals o.ä.).

Insgesamt waren sie geleitet von dem Optimismus, einen christlichen Lebensstil auch im Kontext der jeweiligen Gegenwart in einer vernunftgeleiteten Weise plausibel machen zu können. Beeindruckend ist, dass die katholischen Aufklärer angesichts der zum Teil massiven Widerstände von Seiten staatlicher wie kirchlicher Institutionen ihr Engagement aufrechterhielten und sich nicht in abgeschottete Räume des Forschens, Lehrens und christlicher Praxis zurückzogen.

Phänomene wie die konfessionsübergreifende Bibelbewegung zeigen darüber hinaus, dass engagierte Persönlichkeiten trotz unterschiedlichster und sich zum Teil widersprechender Beweggründe in bestimmten Reformvorhaben zu gemeinsamem Handeln finden konnten und können.

Die Befassung mit der Epoche der katholischen Aufklärung kann allerdings auch zu der ernüchternden Erkenntnis führen, dass das theologie- und vernunftgeleitete Ringen um eine zeitgemäße Gestalt christlichen Glaubens katholischer Prägung angesichts unbeweglicher kirchlicher Strukturen und traditionalistischer Gegenbewegungen durchaus scheitern kann!

Dadurch, dass sich die Absichten der Protagonisten der Aufklärung in den meisten Fällen auf konkrete strukturelle, spirituelle und pragmatische Reformen richteten, zeigt sich schließlich auch in aller Deutlichkeit die Zeitgebundenheit der jeweiligen Argumentationen und Handlungsorientierungen im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Diese Grenze der Auseinandersetzung mit der katholischen Aufklärung bewahrt davor, historische Distanz zu überbrücken und unmittelbare Parallelen zu heutigen Kontexten ziehen zu wollen. Grundsätzlich kann aber jede/r, der/die sich eingehend mit Phase und Projekt der katholischen Aufklärung befasst, ein nachhaltig verändertes Bild von katholischer Kirche, christlichem Engagement und gelebter Religiosität gewinnen.

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