Haus, bibeldidaktisch
(erstellt: Februar 2026)
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1. Lebensweltliche Zugänge
Häuser sind mehr als nur Steine, Zement, Holz und Ziegel. Hier leben Menschen und der eigene Wohnraum ist der gewöhnliche Primärbereich von Entwicklung und Selbstfindung, grundgesetzlich daher besonders stark geschützt. Der Hausstand mit Eltern, Kindern oder anderen familialen Verbünden bildet den Nukleus freiheitlicher Gesellschaften. Heranwachsende haben oftmals spezielle Beziehungen zu ihrem Wohnhaus: Bei Kindern kann ein naives Vertrauen zum Haus überwiegen, Jugendliche empfinden den gleichen Ort vielleicht zunehmend als beengend (Biehl 1989, 76). Stets können Gefühle von Verwurzelung und Heimat, aber auch Bevormundung und Unfreiheit mit dem Haus verbunden sein. Es ist kuscheliges Nest, zugleich muss klar sein, dass es ebenso als brutaler Folterraum erlebt wird (Kinderschutzbund, 2024, 11). So kennzeichnen deutlich Ambivalenz und Ambiguität das Haus in lebensweltlicher Perspektive (Hirsch, 2006, 14f.).
In seiner Grundfunktion ist das Haus schlicht Herberge für den menschlichen Körper. Noch dauerhafter als Kleidung, unserer zweiten Haut, schützt diese dritte Hülle vor natürlicher Witterung, seit Fell verloren und Höhlen verlassen worden sind (Mädler, 2024, 179). In kaum zu überschätzender Weise wirken Häuser auf unseren Alltag und unsere Stimmung ein, sie führen zu charakterstarker Wiedererkennbarkeit von Dörfern und Städten oder auch zu monotoner Gesichtslosigkeit. Mal werden Häuser als stilsichere Schulung der Ästhetik goutiert, mal als Bausünde gebrandmarkt und manchmal auch beides gleichzeitig, nur eben von unterschiedlichen Personen (→ Bildung, ästhetische
Der biblische Hausdiskurs korrespondiert deutlich mit den hier skizzierten Perspektivierungen, dies vor allem bezüglich der ambivalenten Einschätzung des Hauses. Auch finden sich dort übertragene Vorstellungen und werden sozialethische Diskussionen unter Einbezug der Kategorie Haus geführt.
2. Biblisch-theologische Klärungen
I. Charakteristika biblischer Vorstellung: Das antike Haus ist gemeinhin eine Einheit von Personen und Besitz. So bezieht sich auch das alttestamentliche Verständnis nicht nur auf Gebäude, sondern umfasst gleichzeitig Sozialkörper wie die Familie oder weiter ausgreifende Gemeinschaften (Gerber/Vieweger, 2009, 249). Das hebräische Lexem bajit (בַיִּת) findet sich im Alten Testament recht häufig, zusammen mit dem für das Neue Testament entsprechenden griechischen Äquivalent oikos (οἶκος) füllt es die Große Konkordanz zur Lutherbibel mit nahezu sechzehn Spalten (→ Haus / Hausbau [AT]
II. Alttestamentliche (und apokryphe) Aspekte: Die israelitisch-palästinensischen Kulturen haben keinen eigenen Bautyp hervorgebracht, gemäß der geographischen Lage finden sich hier Einflüsse aus Ägypten und Mesopotamien, für die spätere Zeit sind ebenso hellenistische und römische Prägungen erkennbar. Mit dem Begriff bajit / Haus belegt ist das private Haus (z.B. Ex 12,7
Kritisches Potential zur Kultur des festen Hauses lässt sich in den identitätsstiftenden Erzählungen und Rückverweisen zu Abraham (→ Abraham
III. Neutestamentliche Aspekte: In der frühen Kaiserzeit entstanden auch in den städtischen Zentren Palästinas mehrgeschossige Wohnblöcke, insulae, nach römischem Vorbild. Insgesamt kann aber eine relative Kontinuität zur alttestamentlichen Zeit in Blick auf die Bauformen behauptet werden. Gleiches gilt für die soziale Struktur. Die neutestamentlich relevanten Städte außerhalb Israels wie Korinth, Ephesus und schließlich Rom weisen jeweils lokale regionaltypische Eigenheiten und Traditionen auf (Thiel, 2005, 10f.).
Auch die neutestamentlichen Narrative bereiten dem festen Haus bisweilen einen schweren Stand. Nach Lukas wird Jesus weder in einem Palast noch überhaupt einem ordentlichen Wohngebäude geboren, in einem Stall kommt er zur Welt (Lk 2
Die geschichtliche Entwicklung gibt dann freilich dem Haus und der Häuslichkeit den Vorzug. Für die paulinischen Gemeinden – sie werden aus der urchristlichen Vielfalt als dominantes Erfolgsmodell hervorgehen – lässt sich sagen, dass die Häuser der Mitglieder zum genuinen Ort wurden, an dem sich die frühen Christinnen und Christen getroffen haben. Dies weist darauf hin, dass das Urchristentum nicht nur aus den unteren Schichten der Ärmsten bestand, denn diese konnten kaum in eigene Häuser einladen (vgl. 1Kor 16,19
Die sozialgeschichtliche Exegese hat seit den 1970er Jahren den Oikos als zentrale Ordnungsstruktur in den Blick genommen, um das frühchristliche Miteinander in Übereinstimmung und Unterscheidung zu den Referenzgesellschaften zu beschreiben (→ Haus / Haushalt [NT]
Kanonisch am Ende der Bibel zeichnet die Vision vom himmlischen Jerusalem das eschatologische Hoffnungsbild einer idealen Mustersiedlung (Offb 21
3. Religionspädagogische Potenziale
Das entfaltete Spektrum an Bedeutungen und diskursiven Kontextualisierungen des Hauses in lebensweltlicher und biblischer Perspektive kann religionspädagogisch anhand folgender vier Zuordnungen in Blick genommen werden:
Haus 1: Geborgenheit und Einengung
Autobiographisches Lernen (→ Biografie/Lebensgeschichte/Lebenslauf
A) Die Behaglichkeit des eigenen Heims spiegelt sich nicht nur in Architektur wider, es sind womöglich vor allem die Menschen vor Ort, vielleicht auch definierte Familienrituale, die unter den Wohngenossen Vertrautheit und Sicherheit vermitteln (Hirsch, 2006,19-23). Bilder aus biblischen Welten mit archaischen Häusern, ebenso Einblicke in das imaginierte Alltagsleben einer biblischen Familie, vielleicht situiert im Jerusalem zur Zeit Jesu oder die in Kapitel 2 erwähnte Sentenz zum Lob des Hauses bei Jesus Sirach können die Auseinandersetzung der Lernenden anregen, welche Räume, Menschen oder Praxen sie in ihren Wohnungsgemeinschaften besonders schätzen und welche Gründe sie dazu anführen.
B) Zugleich kann einem sprichwörtlich auch die Decke auf den Kopf fallen und so wird das Haus als Verhinderungskomplex der eigenen Möglichkeiten empfunden (Früchtel, 1991, 424f.). In diesem Kontext stellt gerade die biblische Kritik des Hauses Sprachangebote zur Verfügung und kann Potenziale entfalten, um die dunkleren Lebensorte in ihrem fixierten Status aufzubrechen. Der Exodus zur Befreiung aus „dem Sklavenhaus Ägypten“ (Ex 20,2
Haus 2: Heimat und Fremde
Weiter können bibeldidaktische Reflexionsprozesse rund um das Thema Haus angeleitet werden, um die eigene Herkunft und Verwurzelung, aber auch Ortswechsel als wichtige Bestandteile von Identität (→ Identität, religiöse
A) Nationale und transnationale Migrationserfahrungen sind heute noch stärker als früher dafür verantwortlich, dass SuS nicht mehr ohne weiteres nur den einen lokalen Bezugsort haben. Der Umzug vom Dorf in die Stadt, von einem Bundesland in ein anderes oder gar der Staatenwechsel können auch das Schicksal von Heranwachsenden bestimmen. Naheliegend bildet die Trennung von vertrauten Umgebungen, mehr noch der Abschied von Freunden und Freundinnen, dem Sportverein usw. (→ Gruppe/Peergroup
B) Zudem können biblische Szenen des Abschieds von Haus und Heimat, von Abram bis zu den Jüngerberufungen, die Bewältigung eigener Fremdheitserfahrungen, der kleineren und größeren Migrationsgeschichten unterstützen. Ganz grundsätzlich können damit zentrale Lebensfragen nicht nur spätmoderner Kulturen intoniert werden: Bestimmt stärker eine stabilitas loci der Ortsgebundenheit oder mehr das Weggehen und Unterwegssein meinen persönlichen Lebensentwurf? Was entspricht meiner Lebensrealität? Wie kann dies überhaupt von mir aktiv mitgestaltet werden? Und wie (denk-)flexibel, eingemauert oder aufbruchbereit bin ich in eigenen Überzeugungen? Altersspezifisch sind recht differenzierende Lernarrangements notwendig, relevant sind solche Fragenkreise für Kinder, Jugendliche und Erwachsende freilich insgesamt.
Haus 3: Soziales und ökologisches Zusammenleben
Das biblisch stark ausgeprägte Verständnis des Hauses als gemeinschaftlicher Einheit kann Lernwege ermöglichen, soziale Verflechtungen in lokaler und globaler Perspektive kritisch wahrzunehmen und konstruktiv zu gestalten. Der Zusammenhang von eigenem Lebensstil und Umweltschutz lässt sich hier anschließen.
A) Was kann es heute bedeuten, die Menge der umgebenden Menschen, im kleinen Weiler oder der Großstadt bis hin zur Menschheit insgesamt als gemeinsame Bewohner und Bewohnerinnen eines geräumigen Familienhauses zu verstehen, im Sinn von Oikomene (= Ökumene!) in Lk 2,1
B) Hinzu kann das Verständnis der Welt als Haus auch in ökologischer Hinsicht vertieft werden. Hierbei handelt es sich um eine innovative Metapher, die biblische Vorstellung der Hausgemeinschaft wird nun um Natur und Umwelt erweitert. Prominent hat dies in jüngerer Zeit die Enzyklika „Laudato si“ unternommen (Franziskus, 2015, zur Beschädigung des gemeinsamen Hauses durch den Menschen Absätze 17-61). In der Tradition des Franz von Assisi wird schöpfungstheologisch (→ Schöpfung
Haus 4: Der besondere und zukünftige Ort
Schließlich kann das Thema Haus zum Ausgangspunkt gemacht werden, Achtsamkeit und Gespür für Räume, aber auch Beziehungen zu fördern sowie Gedankenspiele zum letzten Domizil, dem himmlischen Traumhaus zu initiieren.
A) Die kaum leichtfüßige Entscheidung im Alten Testament, dem mitgezogenen Gott ein festes Heiligtum zu errichten, bewirkte nicht die Neutralisierung vorgetragener Einwände. Auch Erfahrungen und theologische Verarbeitungen der Exilszeit konnten später dazu führen, dass Rituale wie Sabbat und Beschneidung, ebenso die „Schrift“ an die Stelle der Präsenz Gottes im Tempel treten konnten. An den Umstand der fixierten Kritik und Ersetzung kann heute produktiv angeknüpft werden, unbefangen über sakrale Architektur zu staunen, ohne die Erhabenheit großartiger Baukunst mit dem Wohnort Gottes gleichsetzen zu müssen. Damit lässt sich Sensibilität für die Heiligkeit von Räumen und Gebäuden ausloten, ohne ihnen eine ontologische Qualität zubilligen zu müssen – dies gerade vor dem Hintergrund, dass solche Zuerkennung heute von den Subjekten vor allem individuell konstituiert wird (Leonhardt, 2006, 295-297). So kann in Übereinstimmung mit bibeltheologischer Dialektik das Haus Gottes, das nicht das Haus Gottes ist, kirchenraumpädagogisch erkundet werden (→ Kirchenraumpädagogik/Kirchenpädagogik
B) Weiter unterstützt die neutestamentliche Vorstellung von der Gemeinde als Haus Gottes Klärungsprozesse zum würdigen Umgang miteinander. Konflikte in den paulinischen Gemeinden, zuerst ist hier an die disparate Zusammensetzung in Korinth zu denken (→ Haus / Haushalt [NT]
C) Erwartungen an Häuser hinsichtlich der baulichen Beschaffenheit wie auch der anzutreffenden Personen können enttäuscht werden, Stimmigkeit mag verloren gehen oder auch ganz fehlen. Als komplementäre Entsprechung solch menschlicher Erfahrungen können eschatologische Verheißungen wie das himmlische Jerusalem als Angebot erfüllten Wohnens Möglichkeit einer Bewältigung und Potenzial für hoffnungsvolles neues Leben sein (Biehl, 1989, 92-95).
4. (Bibel-)Didaktische Konkretionen
4.1. Grundlegendes
Bei der didaktischen Bespielung aller vier „Haus-Varianten“ sind die Vorerfahrungen der Lernenden zu berücksichtigen. Dabei wäre es unterkomplex, bei Kindern selbstredend Gefühle von Geborgenheit und Sicherheit mit dem eigenen Heim zu unterstellen. Was als vielleicht notwendige Entwicklungsbewegung bei Jugendlichen erwartet wird, also eine ambivalente bis kritische Einstellung zum eigenen Zuhause, um den erwünschten Schub für Emanzipation und Eigenständigkeit auszulösen, kann ebenso bei jüngeren Heranwachsenden angetroffen werden. Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben. Die Einzelnen der konkreten Lerngruppe müssen gerade bei so vulnerablen und intimen Themen wie der eigenen Familie und der privaten Wohnsituation äußerst einfühlsam vor Augen sein. Die Systematisierung angedachter Konkretisierungen nimmt nun zuerst den Elementarbereich und die Primarstufe in Blick und schließt Impulse für die Sekundarstufe 1 und 2 sowie die Erwachsenenbildung an.
4.2. Elementarbereich und Primarstufe
Insbesondere für kleinere Kinder ist in der Regel das Haus zugleich die ganze Welt – nach und nach erst lernen sie von dort aus auch andere Sphären von Wirklichkeit kennen. Mögliches Baumaterial wie Kiesel, Schiefer, auch Schmucksteine etc. können Zugänge eröffnen, verschiedene Dimensionen des biblischen Hausverständnisses mit der eigenen Erfahrungswelt zu verbinden (weiter Bihler, 2000). Alternativ können kleine Häuser errichtet werden, je nach Aufwand und Verfügbarkeit mit Pappe, Holz, Papier u.a. (vgl. Kirchhoff, 1988, 66). Naheliegend ist ebenso die kreative Auseinandersetzung anhand von Stiften und Papier, vielleicht auch das Nachmalen besonders anregender Bilder mit Hausmotiven (Bihler, 1996, 105 und insgesamt 104-108). In solchem Kunstschaffen spiegeln Häuser mitunter Prägungen und Erfahrungen sowie Wünsche ihrer Schöpfer und Schöpferinnen wider (Hirsch, 2006, 61-73). Daran anschließen lassen sich thematische Entdeckungen in verschiedene Richtungen. Entweder begleitet das selbstgefertigte bzw. gemalte Haus durch eine facettenreiche Lerneinheit oder ein vorgegebener Lehrplan begrenzt die Auswahl auf nur wenige Schwerpunkte. Falls der Klassiker „Komm, bau ein Haus …“ als begleitendes Lied zum Einsatz kommen soll, können einzelne Strophen bei den entsprechenden Aspekten gut hervorgehoben und vertieft werden:
- In Begegnung und Vergleich mit biblischen Wohnformen können Geborgenheit und Schutz herausgearbeitet werden (Stey, 2023, 12f.), z.B. im Rahmen einer Zeitreise. Umsetzungsmöglichkeiten finden sich bei Göhrum/Fuchs (1998), die zwar auf die Sekundarstufe 1 fokussiert sind, an die Primarstufe aber gut angepasst werden können. Berg/Weber (1996) bieten vielfältiges Material zum biblischen Wohnen für die Freiarbeit (→ Freiarbeit
), biblische Erzählungen, bei denen das Haus eine Rolle spielt (vgl. Kap. 2), gewinnen damit an Plastizität. Im begleitenden Gespräch sollte immer auch Platz sein für die Ambivalenz des Hauses, im Damals wie im Heute (Früchtel, 1991, 423f.) [zu Haus 1A + B]. - Gefühle von Heimat und Erfahrungen von Heimweh der SuS können mit biblischen Erzählungen zu Wegzug und Verlust bearbeitet werden. Je nach Akzentsetzungen bieten sich etwa Abrams Aufbruch oder der Verlorene Sohn hierzu an (vgl. Kap. 2 und Biehl, 1989, 86-90) [zu Haus 2A + B].
- Ebenso kann das Augenmerk auf die häusliche Gemeinschaft gerichtet werden. Wer wohnte damals alles zusammen in einem Haus und wie ist dies bei uns? Wie gehen wir daheim mit Meinungsunterschieden um? Als Impuls kann die Parabel vom bittenden Freund in Lk 11,5-8
dienen, um soziale Verflechtungen im Haus und seinem Umfeld in den Blick zu nehmen. Gastfreundschaft, als damit zusammenhängendes Thema, wird auch bei SuS der Grundschule aufgrund von sozialen und kulturellen Hintergründen mitunter sehr unterschiedlich erlebt. Biblische Figuren wie Jesus oder Paulus fanden unterwegs mal Aufnahme, manchmal wurden sie abgewiesen (vgl. Schneider, 1989, 73-76). Eine Unterrichtseinheit zu den biblischen Frauen Rut und Noomi lässt SuS im Perspektivwechsel die Kontraste von Verlust und Freude, von Existenznot und Gastfreundschaft miterleben (Hill, 2020) [zu Haus 3A und Haus 4B]. - Fächerübergreifend kann der Planet Erde als das gemeinsam bewohnte Haus wahrgenommen werden, indem ökologische Aspekte zum Wohnen, von Energieverbrauch bis Wasserbedarf etc. mit biblischen Vorstellungen des gemeinschaftlichen Hauses im Projektunterricht verbunden werden (vgl. Kap. 1 und Mein Haus, mein Planet und ich!
). Alternativ kann aus Sicht der Erde das Leben auf ihr, ihre Schönheit und Verletzlichkeit ausgelotet werden (McAnulty, 2023) [zu Haus 3B]. - Vielleicht sind Erfahrungen von Heiligkeit, d.h. die besondere Bedeutung von bestimmten Räumen ansprechbar bzw. können in einem vorhandenen Meditationsraum oder einer benachbarten Kirche performativ angebahnt werden. Wahrnehmungen solcher Orte und spezifischer Verhaltensmuster dort können reflektiert werden in Verbindung mit biblischen Tempelerzählungen sowie neutestamentlichen Texten zu den Hausgemeinden (vgl. Bihler, 1996, 92-95; Schneider, 1989, 36) [zu Haus 4A + B].
- Der Themenbereich Auferstehung / Leben nach dem Tod kann exemplarisch mit dem Deutungsangebot des himmlischen Jerusalems die eigene Fantasie der Kinder anregen, sich mit Fragen rund um ein postmortales Weiterleben auseinanderzusetzen (Bihler, 1996, 134). Die Worte von Offb 21
sind so eingängig, dass sie vorgelesen oder nacherzählt gut für sich wirken. Eine Bildbetrachtung, zum Beispiel mit Sieger Köders gleichnamigem Farbbild, kann die Kreativität der SuS ebenso fördern wie auch einengen [zu Haus 4C].
4.3. Sekundarstufe 1/2 und Erwachsenenbildung
Sämtliche Themen und Fokussierungen, wie sie für den Elementarbereich und die Grundschule benannt worden sind, lassen sich mit entsprechender Aufbereitung ebenso hier einsetzen. Existentielle Fragen nach Geborgenheit oder Heimat, Kulturen der Gastfreundschaft, Klärungen zu weltweitem und lokalem Zusammenleben, die Ökologie und ebenso Transzendenzerleben sind nicht altersabhängig. Es genügen abschließend einige stichpunktartige Ergänzungen und Weiterführungen:
- Heiliges im Haus: Das besondere Verhältnis zu Einrichtungen, Anordnungen oder auch dem Haus insgesamt kann mit grundlegenden Identitätsklärungen verbunden werden. Was ist bei mir Zuhause markant, originell, gar heilig und wodurch wird es mit Sinnhaftigkeit aufgeladen? Was wird durch mich umgebende Gegenstände und Personen an Tiefenbedeutung erschließbar, was ist austauschbar, was nicht? (Mädler, 2024, 191f.) Mit den Jahren sammeln sich immer mehr Dinge an, eventuell auch Personen. Eine Inventur kann ordnendes Bewusstsein schaffen und die biblische Diskussion zur (flexiblen) Heiligkeit von Orten kann hierbei zu identifikatorischer Vergewisserung beitragen (z.B. 1Kön 6,1-10
mit Jes 43,14-21 und Ez 10 ; auch 1Kor 3,16f. ). - Progression und Regression als Teil des menschlichen Lebens: Sehr umsichtig und einfühlsam können negative Hauserfahrungen mit der biblischen Hauskritik in Verbindung gebracht werden. Die entsprechenden Texte (vgl. Kap. 2, besonders Mt 19,21
!) können ebenso zum Ausdrucksmedium eigener Gefühle wie auch zum aktuellen Dialogpartner werden. Was sind Gründe dafür, dem eigenen Heim lieber den Rücken zukehren zu wollen? Wo bin ich unterwegs? Und wo möchte ich ankommen? Hier eignen sich z.B. die Abrahamerzählungen. Im kreativen Umgang etwa mit dem Verlorenen Sohn können eigene Ist-Stände der Teilnehmenden durchgespielt werden, wenn es eine Atmosphäre des Vertrauens in der Lerngruppe zulässt (vgl. Biehl, 1989, 82). - Wohnen und Gerechtigkeit: Fächerübergreifend können Herausforderungen gegenwärtiger Siedlungskultur in den Blick genommen werden (vgl. Kap. 1). Zu Beginn kann eine kleine Ausstellung mit Fotos von interessanten Häusern in der eigenen Umgebung konzeptioniert werden (Biehl, 1989, 82f.). Pläne für eine öko-soziale Neuausrichtung des Bauwesens können in Gestalt einer fiktiven Konferenz mit Experten und Lobbygruppen durchgespielt werden. Anregungen zu gutem Wohnen für alle kann die biblische Vorstellung von der gesellschaftlichen Gesamtheit als Haus (z.B. Jes 5,7
; 14,1 ), betreffende (post-)paulinische Gerechtigkeitsdiskurse (vgl. Kap. 2) sowie die Vision des himmlischen Jerusalems als idealer Siedlung geben (Offb 21 und Harder, 2021). - Interreligiöses Lernen:Biblische Hauskulturen wirken auch im Judentum fort. Material- wie mentalitätsgeschichtliche Erkundungen, wo möglich verbunden mit einer Exkursion in jüdische Einrichtungen, können die Begegnung mit jüdischem Leben anhand des Leitthemas Haus lenken (Riemer, 2016). Ähnliches bietet ein projektorientierter Lernweg zum Islam (vgl. Ball u.a., 2008). Das Label Hauskultur bietet somit sehr anschauliche Möglichkeiten, die wechselseitige Bezogenheit von Interkulturalität und Interreligiosität zu erkunden und zu reflektieren (Allemann-Ghionda, 2012, 22).
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