Deutsche Bibelgesellschaft

Gottesvorstellungen, bibeldidaktisch

(erstellt: Februar 2026)

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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.400102

1. Elementare Erfahrungen: Gottesbilder von Kindern und Jugendlichen

Kinder und Jugendliche kommen auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Ausmaß mit biblischen Gottesbildern in Berührung, abhängig von ihrer religiösen Sozialisation. In religiös geprägten Familien gehört die Rede von Gott zum Alltag, so in Gebeten oder beim Anschauen von Kinderbibeln. Die familiären Beziehungserfahrungen und Vorprägungen beeinflussen stark ihre Vorstellungen von und ihre Beziehung zu Gott (vgl. Szagun, 2018, 20f.; Bahr, 2014, 367; Fricke, 2019, 167). Ab dem Schulalter erhalten Kinder und Jugendliche auch durch Peers wesentliche Impulse zur Entwicklung des eigenen Gottesverständnisses und der Gottesbeziehung (vgl. Szagun, 2018, 23). Aufgrund eines deutlichen Rückgangs der familiären religiösen Sozialisation wird die Begegnung mit biblischen Gottesbildern im schulischen Religionsunterricht immer mehr zur Erstbegegnung. Daneben treffen Kinder und  Jugendliche auch im liturgischen Kontext auf biblische Gottesbilder, so in Kinderkirche bzw. Kindergottesdiensten, in Gottesdiensten zu Festen im Kirchenjahr, in Schulgottesdiensten sowie bei der Vorbereitung auf die Erstkommunion und Firmung bzw. auf die Konfirmation. Schließlich werden biblische Gottesbilder auch durch traditionelle wie zeitgenössische Bilder und Kunstwerke sowie durch Musik oder durch Verfilmungen biblischer Geschichten vermittelt, die die Vorstellungen der Kinder und Jugendlichen häufig stark prägen.

Aufgrund der männlichen Rede von Gott im religiösen Sprachgebrauch, insbesondere der dominanten Bezeichnung von Gott als „Vater“ (Vaterunser, Glaubensbekenntnis), die der Dominanz männlicher Gottesbilder in der Bibel entspricht, haben insbesondere religiös sozialisierte Kinder und Jugendliche eine männliche Vorstellung von Gott (vgl. Hilger/Dregelyi, 2002, 73). Analog zu zahlreichen biblischen Passagen betonen Jungen in ihren Darstellungen vor allem die Größe und Macht Gottes, Mädchen dagegen Gottes Nähe, Zuwendung, Fürsorge und Schutz; sie stellen Gott personaler dar, Mädchen aus säkularem Kontext bisweilen auch mit weiblichen Attributen wie Ketten oder Kleidern, in Spannung zur männlichen Gottesrede. Dies weist darauf hin, dass eine geschlechtsspezifische Sozialisation sich auch auf religiöse Vorstellungen auswirkt (vgl. Klein, 2000; Pithan, 2010, 58; Ritter, Simojoki, 2018, 172).

In Korrespondenz zu ihrer Lebenswelt und Biographie haben Kinder und Jugendliche individuelle Zugänge zu Gott und erwerben im Laufe der Jahre verschiedene Gottesvorstellungen, die häufig nebeneinander vorliegen und je nach Situation eine unterschiedlich starke Bedeutung für sie entfalten können (vgl. Werbick/Porzelt, 2015, 1f.; Fricke, 2007, 30; 2019, 176). Aufgrund der gängigen Rede vom „lieben Gott“ und von Gott als „Vater“ überwiegt bei Kindern zunächst die Vorstellung eines lieben Über-Vaters, der bei Wohlverhalten Wohlergehen garantiert. Dieses naive Konzept kann jedoch durch ambivalente, leidvolle Erfahrungen wie physische oder psychische Gewalt, Tod einer geliebten Person oder eines Haustiers oder weitere Verlusterfahrungen, die Gott trotz Betens nicht verhindert, massiv in Frage gestellt werden, was zu einem tiefgreifenden Umbau der kindlichen Gotteskonzepte und bisweilen auch zu einer Abwendung von Gott führen kann (vgl. Szagun, 2018, 23f.26; Ritter/Simojoki, 2018, 173).

Insbesondere bei Jugendlichen findet sich häufig eine Abkehr von der traditionellen Gottesrede und Gott wird kaum noch Relevanz zuerkannt. Die in den biblischen Texten vorherrschende personale Gottesvorstellung findet sich nur bei einer Minderheit der römisch-katholischen und evangelischen Jugendlichen (Shell-Jugendstudie 2010: 32 % bzw. 25 %; vgl. Fricke, 2019, 168). Zudem spielt der Glaube an Gott immer seltener eine Rolle für ihr Alltagsleben (Shell, 2024: römisch-katholisch und evangelisch je 38 %).

2. Elementare Strukturen: Gottesbilder der Bibel

2.1. Vielzahl der biblischen Gottesbilder und Bilderverbot

Die Rede von Gott im Alten und Neuen Testament bildet die Grundlage christlichen Glaubens und Gottesrede. Die Bibel enthält aber keine „Gotteslehre“ im systematisch-theologischen Sinn, sondern subjektiv gefärbte Bekenntnisse und Glaubenszeugnisse mit einer Vielzahl von offenen und mehrdimensionalen Bildern für Gott, die bisweilen auch in Spannung zueinander stehen. Diese sind eine Reflexion unterschiedlicher menschlicher Erfahrungen und Wahrnehmungen der Welt, die von Gott her gedeutet und über mehrere Jahrhunderte hin im Zusammenhang mit anderen Gotteszeugnissen ausgelegt wurden, wobei auch Vorstellungen aus der Umwelt Israels einflossen (vgl. Petry, 2012, 1). Auch hier sind Gottesvorstellungen und Gottesbeziehung eng miteinander verbunden; Aussagen über Gott und zu Gott stehen nebeneinander, besonders in den Psalmen, dem „Gebetbuch der Bibel“ (vgl. Fricke, 2019, 170). Mehrfach begegnen Anthropomorphismen (z.B. die Rede von der Hand, dem Arm oder dem Angesicht Gottes), die aber zugleich dazu dienen, Gottes alles Menschliche weit übersteigende Macht herauszustellen (vgl. Theuer, 2008, 91f.).

Die Vielzahl der biblischen Gottesbilder steht scheinbar in Spannung zum Bilderverbot (Ex 20,4; Dtn 5,8). Hier handelt es sich jedoch um das mit dem Monotheismus verbundene Verbot der Anfertigung eines Kultbilds (päsäl) zur Abgrenzung gegen die Götterbilder der Umwelt (vgl. Bauks, 2007, 3.9). Die aktuelle Relevanz des Bilderverbots liegt darin, die Nichtfestlegbarkeit und Unverfügbarkeit Gottes zu wahren und seine Fixierung auf ein bestimmtes (Sprach-)Bild zu verhindern. Es unterstreicht Gottes Analogielosigkeit und weist darauf hin, dass menschliche Gottesbilder Gott nie unmittelbar abbilden, sondern immer vorläufig, fragmentarisch und subjektiv sind; es hat somit eine kritisch-regulative Bedeutung. Entsprechend illustriert die Offenbarung des Gottesnamens JHWH (Ex 3,14), dass Gott sich eingrenzenden menschlichen Vorstellungen entzieht (vgl. Theuer, 2008, 83.85f.; Ritter/Simojoki, 2018, 176f.)

2.2. Gottesbilder in Altem und Neuem Testament

Keine Systematisierung kann der Vielfalt der biblischen Gottesvorstellungen und deren Kontextgebundenheit gerecht werden. Prominent zu Beginn der Bibel findet sich die Rede von Gott als Schöpfer (Gen 1; 2), die in den Propheten- und Weisheitsschriften aufgegriffen wird (z.B.  Am 5,8; Jes 44,24; Ps 104; 121,2; Ijob 38). Hier erscheint Gott als Gott aller Menschen und Völker, der alles ins Dasein ruft, Leben schenkt und erhält, aber auch Leben wegnimmt (Ps 104,29; Jes 11,4; vgl. Petry, 2012, 12f.). Eine zentrale Leitlinie der biblischen Texte ist die Vorstellung von Gott als Retter, Befreier aus Unterdrückung und Erlöser, wie sie besonders in der Exoduserzählung (Ex 1-15) zum Ausdruck kommt und in zahlreichen Passagen aufgegriffen wird, vorrangig bei den Exilspropheten und in den Psalmen (vgl. Petry, 2012, 12-15; Theuer, 2024, 55.65). Diese Gottesvorstellung ist narrativ verbunden mit dem Bundesschluss mit Israel und der daraus abgeleiteten Alleinverehrung Gottes (Ex 20,2.3). Daneben begegnet in den Erzählungen der Erzväter und -mütter die Vorstellung eines „Familiengottes“, der sich den Einzelnen schützend und mit seinem Segen zuwendet (Gen 12,2; 28,15), Nachkommen und Überleben (Gen 15,5; 21,2) sichert und keine exklusive Verehrung beansprucht (vgl. Fricke, 2019, 170f.). Große Bedeutung hat auch die Vorstellung Gottes als König und Richter, der Gerechtigkeit durchsetzt und diese einfordert (vgl. z.B. Ps 89,15; 97,2); dies wird in der Weisheitsliteratur verbunden mit der Frage nach dem Leiden unschuldiger Gerechter (vgl. Hi 21; Ps 71; Dan 12; vgl. Petry, 2012, 15f.; Irsigler, 2021, 427). Die Fürsorge Gottes wird in der Rede von Gott als Hirte (Ps 23) oder als Vater illustriert; letztere wird in den Spätschriften des Alten Testaments vom König (Ps 2,7) auf das Volk Israel oder die Gerechten ausgeweitet (Jer 31,9; Jes 63,16; Ps 89,27; Weish 2,16.18; vgl. Schellenberg, 2020, 8-13). Die Texte führen die Ambivalenz Gottes vor Augen. So wird Gott in den Psalmen als seinen Geschöpfen verbundener und zugewandter „naher“ Gott vorgestellt, der aber auch als fremd und „fern“ erfahren werden kann. Die vorexilischen Propheten verkünden die Parteinahme Gottes für Unterdrückte und kündigen die Strafe Gottes für menschliches Fehlverhalten an (→ Propheten, bibeldidaktisch). Theologisch herausfordernd ist die Verbindung Gottes mit Gewalt, die sich gegen die Feinde Israels richtet, so in den Exodus- und Landnahmeerzählungen, aber auch gegen Israel selbst oder in der Sintfluterzählung gegen die ganze Schöpfung (→ Gott und Gewalt, bibeldidaktisch). Hier ist bedeutsam, dass die Gewalt Gottes eng mit der Durchsetzung von Gerechtigkeit und Rettung für Unterdrückte verbunden ist und historische Gewalterfahrungen literarisch verarbeitet (vgl. Theuer, 2024, 4; siehe unten, Kap. 2.3).

Das Neue Testamentsetzt die alttestamentliche Vielfalt und Prägung der Gottesvorstellung voraus, knüpft an sie an und akzentuiert, modifiziert und erweitert sie zugleich durch die Orientierung an Jesus Christus als „Sohn Gottes“. Jesu zentrale Botschaft vom anbrechenden Reich/Königtum Gottes führt die Vorstellung des Alten Testaments weiter. Ebenfalls in Kontinuität zum Alten Testamentbezieht er sich auf den Schöpfer- und Befreiergott (Mt 6,26-32; 19,4; Mk 12,29) und spricht von Gott als Vater, um die Fürsorge und Liebe Gottes zum Ausdruck zu bringen (Mt 6,9; vgl. Jes 63,16; vgl. Schellenberg, 2020, 1).

In den Gleichnissen Jesu wird Gott als alle menschlichen Erwartungen und Vorstellungen sprengend gezeichnet. Gott erscheint als Hirte, der den Verlorenen nachgeht, als liebender Vater und als suchende Hausfrau (Lk 15) sowie als gütig-gerechter Weinbergbesitzer (Mt 21), aber auch als strenger Richter (Mt 18,31-32; 22,11-14; Lk 14,24 etc.). In den Wundergeschichten, die das mit dem Anbruch des Gottesreiches verbundene Heil illustrieren, begegnet Gott als jemand, der Menschen aus Lebensbegrenzungen wie Hunger, Krankheit, gesellschaftliche Isolation oder Tod herausholt, sie rettet und bewahrt (vgl. Fricke, 2019, 171). Die Passions- und Ostererzählungen zeigen Gott als Gott, der sowohl mitleidet als auch den Tod besiegt, was die Hoffnung auf die Überwindung des Todes für alle Glaubenden begründete (vgl. Röm 4; vgl. Ritter/Simojoki, 2018, 177; Werbick/Porzelt, 2015, 9-11).

Zu betonen ist, dass es keinen Bruch zwischen den Gottesvorstellungen im Alten Testament und Neuen Testament gibt, da Jesus, die Evangelisten und Paulus als Juden auf dem Boden ihrer heiligen Schrift, unseres Alten Testaments, standen. So findet sich sowohl im Alten wie im Neuen Testament eine Spannung zwischen Gottesbildern, die Gottes Nähe und Zuwendung ausdrücken, und solchen, die die Ferne, Unbegreifbarkeit und „dunkle Seiten“ Gottes zum Ausdruck bringen.

2.3. Gottesbilder als literarische Verarbeitung menschlicher Erfahrungen  

Die spannungsreiche Vielfalt der biblischen Gottesbilder gründet in der Lebenswelt und den ambivalenten Erfahrungen, die die biblischen Verfasser im Lauf der Geschichte gemacht und von Gott her gedeutet haben. Während der Königszeit wird Gott in der Jerusalemer Tempeltheologie als König, Herrscher und Richter verkündet, dessen machtvolle Präsenz im Tempelkult erfahrbar wird, der die Schöpfung vor Chaos bewahrt und Jerusalem vor herandrängenden Feinden beschützt (vgl. Leuenberger, 2012, 9f.; Irsigler, 2021, 389.437). Historische Katastrophenerfahrungen, besonders die Eroberung Jerusalems durch die Babylonier mit Tempelzerstörung und Exilierung der Oberschicht, bedingten eine tiefe Glaubenskrise, die bisher gültige Glaubensüberlieferungen und Gottesvorstellungen zerbrechen ließ, und führten zu einer tiefgreifenden Transformation der Gottesvorstellung. Zahlreiche biblische Schriften setzen sich kontrovers mit der Frage auseinander, wie Gott angesichts der Katastrophe präsent oder abwesend sein kann (vgl. Theuer, 2008, 88; Werbick/Porzelt, 2015, 8). Im Aufgreifen der Botschaft der vorexilischen Propheten wird die Katastrophe von der Theologenschule der Deuteronomisten als Strafe für den Bruch des Bundes mit JHWH, der dessen Alleinverehrung erfordert, gedeutet. Zur theologischen Bewältigung der traumatischen Gewalterfahrungen und zur Kompensation eigener Ohnmachtserfahrungen wird Gott im Aufgreifen der Gewaltrhetorik der unterdrückenden Großmächte vorgestellt als mächtiger Krieger, der die Feinde besiegt. Damit soll zum Gottvertrauen aufgerufen und eine Hoffnungsperspektive eröffnet werden. Zugleich formulieren prophetische Friedensutopien, dass Gott die Kriegswaffen vernichtet und allen Kriegen ein Ende setzt (Jes 2,3-4; Sach 9,10; vgl. Ps 46,10; → Gott und Gewalt, bibeldidaktisch). Beim exilischen Heilspropheten Deuterojesaja (Jes 43,10f.; 45,14) begegnet monotheistische Rede von Gott mit der dezidierten Leugnung der Existenz anderer Gottheiten. Die Einzigkeit Gottes impliziert seine räumliche und zeitliche Universalität sowie seine Unverfügbarkeit, was sich u.a. im Bilderverbot äußert, sowie die Integration weiblicher Aspekte, die die Liebe und Fürsorge Gottes illustrieren (Jes 49,15; vgl. Hos 11; siehe unten, Kap. 2.4.). Verbunden damit wird Gottes Königtum entgrenzt und universalisiert, indem die Völker in die Heilsvollendung einbezogen werden (Jes 52,10; vgl. Leuenberger, 2012, 12f.; Irsigler, 2021, 1145.1162f.). Daneben findet sich, vor allem in den Psalmen, die Vorstellung von Gott als persönlichem Gott.

Im Neuen Testament ist die theologische Bewältigung des Todes Jesu am Kreuz, die scheinbar die Verwerfung durch Gott bedeutete (Dtn 21,23) besonders wichtig. Sie findet ihren Niederschlag vor allem in den Passions- und Ostererzählungen und in theologisch problematischen Passagen in den Evangelien und bei Paulus, nach denen der gewaltsame Tod Jesu als Sohn Gottes im Einklang mit Gottes Willen steht (Mk 14,36; Lk 4,26; Röm 8,32). Die vielfältigen Gottesbilder der biblischen Texte sind somit Deutungen ambivalenter menschlicher Erfahrungen auf Gott hin und daher nur aus ihrem Kontext heraus angemessen zu verstehen.

2.4. Männliche und weibliche Gottesbilder

Die Mehrheit der biblischen Gottesbilder sind personal-anthropomorphe Bilder von Gott. Dabei dominieren männliche Bilder wie Gott als Herrscher, König oder Vater, die seine Macht, Autorität und Fürsorge illustrieren und eine breite Wirkungsgeschichte entfalteten; daneben findet sich auch die Rede von Gott als Richter, Kriegsherr, Befreier, Tröster und Erlöser. Die männlichen Gottesbilder spiegeln die damalige patriarchale Gesellschaft, in der der Mann in Gesellschaft und Familie zu bestimmen hatte (vgl. Pithan, 2010, 55; Theuer, 2013, 37). Relevant ist, dass die Rede von Gott als Vater weiblich-mütterliche Konnotationen enthält; dies zeigt besonders die Verbindung mit Gottes Erbarmen (rachamim; Plural von rächäm, „Gebärmutter, Mutterschoß“; z.B. Jes 63,15; Ps 103,13; vgl. Theuer, 2013, 49; Schellenberg, 2020, 12f.).

Daneben finden sich explizit weibliche Bilder, darunter Gott als Mutter (Jes 49,15; Jes 66,13; Hos 11), als Gebärende (Jes 42,14) und als Hebamme (Ps 22,10; 71,6; vgl. Theuer, 2013, 42-47; Schellenberg, 2020, 2). Gott begegnet auch im Bild von Tiermüttern, so als Bärenmutter, die ihre Jungen beschützt (Hos 13,8), als Adler- bzw. Geiermutter (Ex 19,4) und Vogelmutter, die ihre Jungen unter ihren Flügeln birgt (Rut 2,12; Ps 17,8; 57,2), was im Neuen Testament auf Jesus übertragen wird (Mt 23,36; Lk 13,34) (vgl. Theuer, 2013, 48f.). Weibliche Bilder von Gott finden sich insbesondere in Texten der nachexilischen Zeit. In ihnen leben vorexilische Göttinnentraditionen nach der Durchsetzung des Monotheismus weiter. In der Weisheitstradition begegnet die weibliche Personifikation der „Frau Weisheit“ in unmittelbarer Verbindung zu Gott (vgl. Spr 1-9; bes. Spr 8). Weiter ist „der Geist“, hebr. ruach, in den biblischen Belegen meist grammatikalisch feminin (z.B. in Gen 1,1) und daher angemessener als „die Geistkraft“ zu übersetzen (vgl. Theuer, 2013, 51f.).

Zudem impliziert die Bezeichnung der explizit als männlich und weiblich beschriebenen Menschen als „Bild Gottes“ (Gen 1,17f.), dass das Gottesverständnis männliche wie weibliche Aspekte umfasst. Entscheidend ist, dass Gott männliche, weibliche und geschlechtsübergreifende Vorstellungen in sich vereint; häufig findet sich eine unbestimmte Pluralisierung, die offen lässt, ob Gott männlich und/oder weiblich vorgestellt wird, und die einer geschlechtlichen Festlegung Gottes entgegenwirken will (vgl. Theuer, 2013, 55). Daneben gibt es in der Bibel eine Vielzahl nicht personaler Gottesbilder, die geschlechtliche Konnotationen Gottes vermeiden, wie Gott als Licht (Ps 27,1), als Kraft (Ps 28,7), als Quelle (Ps 36,10), als Feuer (Ex 13,21) oder als Burg (Ps 59,17). Die Vielfalt der biblischen Gottesvorstellungen führt vor Augen, dass in jeder Festschreibung Gottes die Gefahr einer Verkürzung liegt.

3. Bedeutsamkeit biblischer Gottesbilder

In der Bibel finden sich unterschiedliche Wahrnehmungen und Deutungen vielfältiger historischer, gesellschaftlicher und existenzieller Widerfahrnisse auf Gott hin, die zum großen Teil dazu dienen, in Krisensituationen Identität zu bilden oder zu stärken. Sie bilden ein Angebot, eigene positive wie negative Erfahrungen mit Gott in Verbindung zu bringen, was dazu beitragen kann, die eigene Resilienz zu stärken. Vertrauensbekenntnisse wie Ps 23 können zum Vertrauen in die Fürsorge Gottes in schwierigen Lebenssituationen ermutigen. Die vielfältigen, teils unkonventionellen Bilder und Metaphern für Gott verweisen auf eine dahinter stehende tiefere Wirklichkeit, die mit Worten nicht adäquat ausgedrückt werden kann und ermutigen dazu, selbst Bilder für Gott zu formulieren, die mit den eigenen Erfahrungen korrespondieren.

Das Potential der Bibel liegt in der spannungsreichen Vielfalt ihrer Rede von Gott und in ihrer inneren Unabgeschlossenheit, die die Offenheit zur Interpretation ermöglicht. Diese führt vor Augen, dass Gott von verschiedenen Menschen je nach Lebenssituation und biographischen Erfahrungen anders wahrgenommen wird und wir Gott somit nie festlegen und in einer Definition erfassen können. Dies kann die Schülerinnen und Schüler dazu anregen, gängige einengende Gottesbilder kritisch zu hinterfragen und sie für die Gefahr der Instrumentalisierung Gottes sensibilisieren.

So findet sich in der Bibel sowohl die Rede von Gott als starkem Kriegsheld als auch von Gott, der allen Kriegen ein Ende setzt. Dies spiegelt die gerade in Zeiten von Krisen und kriegerischer Bedrohung verbreitete Sehnsucht nach einem „starken Mann“ sowie nach Frieden. Das spannungsvolle Gegeneinander kann dazu beitragen, Gewaltbilder nicht im Sinne einer Nachahmungshermeneutik, sondern als literarisches Mittel zur Identitätsstärkung zu verstehen.  Dies bedingt, biblische Gottesbilder nicht unkritisch zu rezipieren, sondern nach ihrem Entstehungskontext und der Intention der Verfasser zu fragen und sich auch von einigen Gottesbildern zu distanzieren (vgl. Theuer, 2024, 12). Angesichts der von zahlreichen Krisen und Herausforderungen geprägten Gegenwart, die die Frage nach der Vereinbarkeit von Gottes Güte mit seinem mangelnden Eingreifen in die Welt hervorruft, hat die Bibel ein Potential für heutige Jugendliche. Die Deutung biblischer Texte als literarische Bewältigung kollektiver und individueller Traumata, die sich auf vielfältige Weise mit der Frage auseinandersetzen, wie Gott und geschichtliche Katastrophen zusammengedacht werden können, können Impulse zur Bewältigung der eigenen Lebenssituation geben. Gerade die Spannung und Widersprüche zwischen verschiedenen Gottesbildern werden der Ambivalenz und Widersprüchlichkeit der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen gerecht. Sie zeigen, dass die Nähe Gottes nicht ausschließlich mit Wohlergehen verknüpft wird, sondern es Raum für Leiden, Fragen und Widersprüche gibt. Sie weisen weiter darauf hin, dass von Gott nur in spannungsvollen Aussagen geredet werden kann und fördern so mehrdimensionales Denken. Dies kann dazu beitragen, dass die Diskrepanz zwischen der Vorstellung des „lieben Gottes“ und dunklen Erfahrungen nicht zwangsläufig zur Ablehnung Gottes führt, sondern auch eine Erweiterung des Gottesbildes und eine tragfähigere Gottesvorstellung ermöglicht, die auch „dunkle“ Aspekte integriert und belastenden Erfahrungen standhalten kann.

Für Jugendliche, die überlieferte Glaubenssätze kritisch hinterfragen, ist bedeutsam, dass die biblischen Verfasser auch Zweifel, kritische Anfragen sowie Anklagen an Gott äußern, aber dennoch mit Gott in Beziehung bleiben. Dies kann sie ermutigen, alle Ambivalenzen ihres Lebens ins Gespräch mit Gott zu bringen. Die biblischen Verfasser, die Gott gegenüber alle Gefühle äußern, auch heftige Aggressionen bis hin zu Vernichtungswünschen der Gegner, vor allem in den sogenannten „Rachepsalmen“ (besser: „Gerechtigkeitspsalmen“), zugleich aber die Vergeltung Gott überlassen, können für Jugendliche  als Identifikations- und Sprachangebot dienen. Sie zeigen, dass auch negative Gefühle und Aggressionen (wie „der/die ist für mich gestorben“) legitim sind und ermutigen dazu, diese unzensiert vor Gott zu äußern, aber zugleich von eigener Gewalt abzusehen; dies kann dazu beitragen, destruktive Gefühle zu bearbeiten und schließlich zu überwinden.

Ein weiteres Potential der biblischen Gottesrede liegt im Einsatz Gottes für Gerechtigkeit zugunsten der „Kleinen“, Schwachen, Unterdrückten und Ausgebeuteten, der sich als roter Faden durch die Bibel zieht, von der Exoduserzählung über die Sozialkritik der Propheten bis zur Zuwendung Jesu zu den Ausgegrenzten und Marginalisierten. Dies entspricht dem Gerechtigkeitsempfinden der Kinder und Jugendlichen; Kinder mit ihrer Erfahrung, von den „Großen“ nicht ernst genommen zu werden, können sich hier ebenso wiederfinden wie Jugendliche, die sich gesellschaftlich ausgegrenzt fühlen, und dadurch Identitätsstärkung erfahren. Zugleich impliziert es die Warnung, die Konsequenzen für eigenes Fehlverhalten tragen zu müssen, und kann dazu anregen, eigene Verhaltensweisen zu überdenken.

4. Zugänge zu Gottesbildern der Bibel

4.1. Primarstufe

In der Primarstufe haben Kinder oft eine konkrete, meist anthropomorphe Vorstellung von Gott und verorten ihn im Himmel als Ort für das Unsichtbare, sind sich zugleich aber bewusst, dass Gott viel mehr ist als ein Mensch (vgl. Szagun, 2006, 161; Kuld, 2011, 9; Bahr, 2014, 365f.). Hier finden sich Anknüpfungspunkte an die biblischen Erzählungen, die Gott ebenfalls häufig anthropomorph schildern, aber zugleich seine alles Menschliche übersteigende Größe und Macht betonen (vgl.  z.B. Gen 2f.; Jes 6,1-9). Im Verlauf der Grundschulzeit erkennen die Kinder, dass Gott überall sein kann und dass von Gott in Geschichten erzählt wird. Kinder der Primarstufe sind meist sehr aufgeschlossen für biblische Geschichten; sie leben in ihnen mit und identifizieren sich mit den Figuren der Geschichte. Da sich in den biblischen Texten menschliche Erfahrungen verdichten, wird der Zugang zu ihnen durch den Umgang mit vielfältigen Gottesmetaphern gefördert. Obwohl Grundschulkinder Geschichten oft wörtlich verstehen, belegen Studien, dass sie bereits zum aktiven und passiven Umgang mit Metaphern fähig sind. Dies legt einen kontinuierlichen Umgang mit vielfältigen Gottesmetaphern nahe, die den Horizont ihres Gottesverständnisses erweitern und für Heranwachsende bei Krisen im Wandel ihres Gotteskonzepts eine Hilfe sein können (Szagun, 2018, 26; Ritter/Simojoki, 2018, 181f.). Potential bieten die Metaphern von Gott als Hirte oder als Mutter, da diese besonders für Mädchen Anschlussmöglichkeiten mit dem Fokus auf der Zuwendung und Fürsorge Gottes bieten und zudem eine Erweiterung der Gottesvorstellung anregen können.

Da Kinder in der Primarstufe stark bildlich denken, legt sich ein Zugang zu den biblischen Gottesbildern über Bilder nahe. Wichtig ist ein erfahrungsorientiertes, ganzheitliches Vorgehen, das Identifikationsmöglichkeiten anbietet.

4.2. Sekundarstufe

Im Jugendalter kommt es mit der Entwicklung eines mehrdimensionalen Verständnisses von Wirklichkeit zur Verinnerlichung und Psychologisierung der Gottesvorstellung, indem Gott nun „im Herzen“ des Menschen verortet und oft als Gefühl, meist als Liebe oder Kraft beschrieben wird (vgl. Kuld, 2011, 9.59-61; Fricke, 2019, 167f.; Ritter/Simojoki, 2018, 172). Mit der Dominanz naturwissenschaftlich geprägten Denkens wird die anthropomorphe Gottesvorstellung durch eher abstrakte und symbolische Gottesbilder abgelöst. Vielfach kommt es auch zu einer Ablehnung des kindlichen Gottesglaubens, insbesondere wenn die Rede vom „lieben Gott“ in Diskrepanz zur Lebenswirklichkeit steht.

Angesichts der skeptischen Grundhaltung Jugendlicher gegenüber dogmatischen „Wahrheiten“ bietet sich ein Zugang über Texte an, die gängige Glaubenssätze kritisch hinterfragen wie Prediger/Kohelet oder über das Buch Hiob/Ijob, das teils massive Anklagen und Vorwürfe an Gott enthält. Gerade in der Umbruchphase der Pubertät, wenn Jugendliche von widersprüchlichen Gefühlen „überschwemmt“ werden, kann es für sie relevant sein, dass biblische Verfasser alle ihre widersprüchlichen, positiven wie negativen, Gefühle offen vor Gott aussprechen, insbesondere in den sogenannten „Rachepsalmen“. Eine offene, vielfältige und kreative Auseinandersetzung mit den Texten kann Identifikation ermöglichen und Raum für eine konstruktive Auseinandersetzung mit den eigenen ambivalenten Gefühlen eröffnen.

5. Elementare Lernwege

5.1. Primarstufe

Gerade in der Grundschule ist es wichtig, die Beschäftigung mit den biblischen Gottesbildern erfahrbar, anschaulich und ganzheitlich zu gestalten, alle Sinne anzusprechen und die eigene Aktivität und Kreativität der Kinder zu ermöglichen, ohne sie inhaltlich einzuengen. Lohnend ist es, wenn die Kinder ihre Gottesvorstellungen malen oder aus verschiedenen Materialien als Collage gestalten, angeregt durch die Formulierung „Gott ist heute für mich wie …“. Wenn die Kinder in jedem Schuljahr Gottescollagen erstellen und Fotos zu früheren Konstrukten neu deuten, trägt dies dazu bei, ihre Sprachfähigkeit anzuregen und der Entwicklung ihrer Gottesbilder nachzuspüren. Die Gestaltung von Collagen für Gott und die Formulierung von Gottes-Metaphern fördern entscheidend das Symbolbewusstsein und die persönliche Ausdrucksfähigkeit und regen zum theologischen Nachdenken an. Da Kinder ihre Gottesbilder im Prozess des Malens oder Gestaltens immer wieder verändern, ist es wichtig, sie dabei zu beobachten, ihre Kommentare zu hören und sie anzuregen, sich auch verbal mit ihren Darstellungen auseinanderzusetzen (vgl. Szagun, 2006; 2018, 21).

Um die Kinder mit der Vielfalt der biblischen Gottesbilder vertraut zu machen, bietet es sich an, eine Vielzahl an Bildern, Symbolen, Gottesmetaphern und Bibelversen auszulegen, aus denen die Kinder sich die auswählen, die am besten ausdrücken, wie Gott heute für sie ist, und sich gegenseitig vorstellen. Dadurch wird ihnen bewusst, dass Gott unterschiedlich wahrgenommen werden kann, dass alle (Sprach-)Bilder bzw. Symbole jeweils bestimmte Aspekte Gottes zeigen und Gott somit nicht auf ein Bild festgelegt werden kann. Durch vertiefende Arbeitsaufträge, wie der Vergleich verschiedener, auch konträrer Gottesbilder, kann ihnen die Vielfalt und Dynamik von Gottesbildern deutlich werden. Die verschiedenen Bilder können anschließend mit biblischen Geschichten verbunden werden, was den Kindern einen emotionalen Zugang zur Geschichte eröffnet. Durch die ganzheitliche Erschließung und kreative Gestaltung von Psalmversen, deren Bilder unmittelbar verständlich sind und Emotionen ansprechen, können die Kinder in einen intensiven Dialog mit diesen treten und es kann ihnen der metaphorische Charakter biblischer Gottesrede bewusst werden. Auch Kinderbücher zu Gott oder Gebete ermöglichen Identifikation und regen Kinder zum Nachdenken an.

Durch die Begegnung mit biblischen Geschichten und den Gotteserfahrungen der Personen (z.B. Abraham und Sara, Josef, Mose) lernen die Kinder kennen, wie Menschen von Gott in Symbolen und Vergleichen sprechen. Hier ist wichtig, dass die Texte nicht nur die für Kinder eingängige Vorstellung eines „lieben“, alles verzeihenden Gottes, sondern die Vielfalt und Ambivalenz der biblischen Gottesbilder thematisieren, Nähe und Zugewandtheit ebenso wie Ferne und Unergründlichkeit Gottes. Eine wichtige Rolle spielen hier Psalmverse, Gleichnisse (z.B. Mk 4,30-32; Lk 15,11-32) sowie die Passionsgeschichte, die die Ambivalenz Gottes als „ohnmächtig“ und „verlassend“ und zugleich als grenzenlos liebend zeigt. Insbesondere sperrige und widerständige biblische Erzählungen können zu tieferen theologischen Denkprozessen anregen. Sie bieten den Kindern die Möglichkeit, ansonsten verdrängte Ambivalenzen ihres Lebens anzusprechen, sie dadurch zu verarbeiten und in ihren eigenen Glauben zu integrieren und so ein tragfähigeres Gotteskonzept aufzubauen (vgl. Fricke, 2005, 556; Theuer, 2024,12). Dabei ist wichtig, dass sie Raum haben, Fragen zu stellen und ihre Vorstellungen von Gott mündlich oder schriftlich zu äußern. Entscheidend ist, dass die Kinder, im Sinne eines Theologisierens mit Kindern (→ Kindertheologie), ihre Deutungen und Argumente sowie ihre Fragen, Probleme und Schwierigkeiten frei äußern können und die Lehrkraft diese ernst nimmt, zugleich aber weiterführende Impulse und Beobachtungen einbringt, die Kinder zum Weiterdenken und zu weiterführenden eigenen theologischen Einsichten anregen (vgl. Freudenberger-Lötz, 2001; Fricke, 2019, 177; Ritter/Simojoki, 2018, 183-185).

Um der Verabsolutierung eines Gottesbilds, z.B. Gott als liebender Vater, entgegenzuwirken, ist es notwendig, im Religionsunterricht immer wieder verschiedene Facetten von Gott zur Sprache zu bringen. Dazu gehört auch, Aussagen über Gott, die sich scheinbar widersprechen, nebeneinander zu stellen und darüber ins Gespräch zu kommen. Die spannungsreiche Vielfalt der biblischen Gottesbilder kann zudem bereits Grundschulkinder dazu inspirieren, von Gott in Dichotomien, in scheinbar einander widersprechenden Aussagen zu reden (vgl. Oberthür, 2002, 100; Theuer, 2008, 96). Um die Offenheit für viele unterschiedliche Gotteskonzepte nebeneinander zu fördern, eignet sich ein Vergleich mit den 99 Namen Gottes im Islam, die sehr unterschiedliche Assoziationen wecken, was die Entfaltung eines breiten Bedeutungsspektrums ermöglicht (vgl. Szagun, 2006; Ruhrstorfer, 2014, 364).

Für einen ganzheitlichen Zugang eignen sich Musik, Lieder oder Theaterstücke, ebenso wie Stilleübungen, Fantasiereisen oder Meditieren. Dabei kann die Selbsttätigkeit der Kinder angeregt werden, indem sie biblische Gottesbilder musikalisch ausdrücken, zur Gestalt bringen oder in Bewegung und Tanz erfahren (vgl. Ritter/Simojoki, 2018, 186).

5.2. Sekundarstufe

In der Sekundarstufe ist es wichtig, den Zugang zu biblischen Texten und Gottesbildern über für Jugendliche wichtige Themen, wie Gerechtigkeit, zu wählen und kritisches Denken zuzulassen und zu fördern. Impulse kann hier die Gesellschaftskritik der vorexilischen Propheten geben. Lohnend ist es zudem, Bibeltexte und außerbiblische Texte miteinander ins Gespräch zu bringen, um unterschiedliche Zugänge zur Thematik anzubieten. Dabei können die Figuren als Identifikationsfiguren dienen, indem die Jugendlichen einen inneren Monolog oder fiktiven Dialog schreiben. Impulse geben auch historische wie zeitgenössische Texte aus der Literatur sowie Lieder oder Filmsequenzen.

Lohnend ist eine Auseinandersetzung mit Texten, die kritische Anfragen und Zweifel gegenüber der traditionellen Gottesrede äußern, wie dem Buch Kohelet/Prediger. Es bietet sich an, kontroverse Grundaussagen in Thesenform zu präsentieren, damit die Schülerinnen und Schüler sich dazu positionieren und gegebenenfalls die Thesen umschreiben. Auch aus den Anklagen Gottes im Buch Hiob oder den „Konfessionen“ Jeremias können sie sich eine Passage auswählen, die sie besonders anspricht und sich mit Partner oder in Kleingruppen darüber austauschen. Provozierende Texte wie die Vergeltungs- und Vernichtungswünsche in den sogenannten „Rachepsalmen“ mit Freiraum und weiterführenden Impulsen für die eigene Beschäftigung führen die Vielfalt und Ambivalenz der biblischen Gottesbilder vor Augen und können einen Bezug zur eigenen Lebenswelt eröffnen. Theologische Gespräche über biblische Gottesvorstellungen regen zu einer tieferen Reflexion und zum Hinterfragen gängiger Gottesbilder an (vgl. Freudenberger-Lötz, 2012; Fricke, 2019, 177). Besonders komplexe und widerständige „schwierige“ biblische Texte wie Gewaltpassagen der Exoduserzählung, die „Bindung Isaaks“ (Gen 22) oder prophetische Gerichtsankündigungen fordern zu einer tieferen Auseinandersetzung heraus. Die Lernenden können sich dazu positionieren, kontrovers diskutieren oder eigene Gegentexte formulieren.

Bei der Auslegung der Bibeltexte kann der Blick auf Spannungen im Text und in der Gottesbeziehung helfen, eine einlinige Deutung zu vermeiden und die Texte in ihrer Vielstimmigkeit und auch ihren Dissonanzen, gerade im Hinblick auf die Gottesvorstellung, zur Sprache kommen zu lassen. Ziel ist, immer wieder verschiedene Facetten von Gott zur Sprache zu bringen und auch Aussagen über Gott, die sich scheinbar widersprechen, nebeneinander stehen zu lassen (vgl. Theuer, 2008, 95; Bahr, 2014, 370f.). Hier bietet sich ein Vergleich der beiden Schöpfungstexte Gen 1 und Gen 2 an, die eine deutlich unterschiedliche Gottesvorstellung formulieren und Jugendliche den literarischen Charakter und die Intention der Texte erschließen zu lassen. Dadurch wird deutlich, dass die biblische Rede von Gott immer vom jeweiligen Kontext her geprägt ist. Anschließend können sie die Texte umschreiben oder einen eigenen Schöpfungstext verfassen, der ihr Gottes- und Weltbild zum Ausdruck bringt.

Die explizite Frage nach männlichen oder weiblichen Bildern für Gott in der Bibel zeigt die Dominanz männlicher Gottesbilder und kann bewusst machen, dass diese den damaligen patriarchalen Kontext spiegeln und zugleich die weiblichen Gottesbilder diese Strukturen durchbrechen, und kann so auf die Zeitgebundenheit, Perspektivität und Begrenztheit jeder Rede von Gott hinweisen. Um der Gefahr der Festschreibung spezifisch „weiblicher“ Eigenschaften und damit traditioneller Rollenbilder entgegenzuwirken, ist im Unterricht die geschlechtsspezifische Metaphorik der biblischen Texte zu hinterfragen, die Männlichkeit mit kriegerischer Stärke und Gewalt, Weiblichkeit mit Zuwendung verknüpft. Außerdem ist zu diskutieren, inwieweit diese stereotype und hierarchische Vorstellung von Geschlecht heute noch virulent ist. Dies kann die Jugendlichen auch auf die Instrumentalisierung Gottes zur Sicherung eigener Machtinteressen aufmerksam machen.

Um die Lernenden dafür zu sensibilisieren, dass religiöse Sprache immer Verweischarakter hat, bietet sich ein Zugang über die Vielfalt der biblischen Gottesmetaphern an, als Anregung, eigene Bilder und Metaphern von Gott zu formulieren, in denen sie sich mit eigenen Erfahrungen wiederfinden können. Auch das Verfassen von Texten zu Impulsen wie „Gott ist (wie) …“ regt zum Nachdenken an und fördert die Sprachfähigkeit. Mit den von den Jugendlichen verfassten Texten können dann neue Diskussionen und Lernprozesse ausgelöst werden (vgl. Fricke, 2019, 177f.). Eine tiefere eigene Auseinandersetzung mit Gottesvorstellungen wird auch initiiert, wenn die Jugendlichen aus verschiedenen Bildern für Gott eines auswählen und sich mit Partner oder in Kleingruppen darüber austauschen oder das Bild durch eigene Übermalungen verändern. 

Literaturverzeichnis

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