Weihnachtskrippe
(erstellt: Februar 2025)
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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.400055
1. Heutige Bedeutung
Das Aufstellen einer Weihnachtskrippe ist seit Jahrhunderten in katholischen Pfarrgemeinden und Familien ein wesentliches Element des Brauchtums im Weihnachtsfestkreis (→ Fest/Feste
2. Biblische Verortung
Die Weihnachtskrippe als szenisch-figürliche Darstellung der Geburtsszene Jesu geht auf die Schilderung der Geburt Jesu in Bethlehem zurück (→ Geburtsgeschichten Jesu/Weihnachten, bibeldidaktisch
Auch der Blick auf die Geburtsszene im Lukas-Evangelium zeigt, dass die traditionellen Krippendarstellungen weit über den schmalen biblischen Textbestand hinausgehen. Denn in der Regel werden die Figuren Maria, Josef und Kind in einem mehr oder weniger baufälligen Holzstall platziert, vor dem sich Hirten mit ihren Tieren versammeln. Tatsächlich ist bei Lukas im griechischen Originaltext nicht von einer Herberge und einem eigenen Stallgebäude die Rede (aber auch hier ist Martin Luthers Bibelübersetzung sprach- und kulturprägend gewesen). Vielmehr übersetzt man die griechischen Begriffe im Originaltext heute mit „auf der Wohnterrasse“ (en ton katalymati/ ἐν τῷ καταλύματι) und „in den Futtertrog“ (en te phate/ ἐν τῇ φάτνῃ), letzterer befand sich zur Zeit Jesu in der Regel im Untergeschoss, in dem das Vieh eines Haushalts untergebracht war. Bei Lukas findet die sogenannte Heilige Familie also einen Platz im Unterkeller beim Vieh einer Familie, weil oben im Wohnstockwerk kein Platz mehr ist – eine im Orient damals wohl völlig normale und in keiner Weise außergewöhnliche Übernachtung auf der Durchreise (Bösen, 1999, 157-159). Die beliebte Darstellung des Jesuskindes als Säugling in Windeln ist dagegen biblisch gedeckt, denn bei Lukas ist ausdrücklich von einem Kind die Rede, das „in Windeln gewickelt“ (brephos esparganomenon / βρέφος ἐσπαργανωμένον Lk 2,12
Anders verhält es sich mit den Tieren an der Krippe: Von Schafen, Ochs und Esel ist bei Lukas nicht die Rede, trotzdem gehören diese drei Tiere traditionell zum Figurenbestand einer Weihnachtskrippe. Dies hängt wohl mit ihrer Bedeutung in der Hebräischen Bibel zusammen. So heißt es in einer Textpassage im Buch Jesaja, die aus christlicher Perspektive auf die künftige Geburt des Messias bezogen worden ist: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht“ (Jes 1,3
3. Frömmigkeitsgeschichtliche Stationen
Berichte bei Justinius (+ 165) und Origines (185-254) belegen, dass in der frühen Väterzeit vor allem die Geburtshöhle in Bethlehem und ein dort identifizierter Felstrog Ziel und Gegenstand von Pilgerschaft und Verehrung waren (Mittmann, 1980, 760; Rüdiger, 1994, 482). Insofern war es konsequent, dass Kaiser Konstantin im Zuge seiner Hinwendung zum Christentum auch hier eine Basilika errichten ließ und der steinerne Trog durch eine „silberne Krippe“ (Hieronymus, Weihnachtshomilie, zitiert in Rüdiger, 1994, 482) ersetzt wurde. Bereits zu Beginn des 4. Jahrhunderts hatte seine Mutter, Kaiserin Helena, Teile der angeblichen Krippe Jesu von einer Pilgerfahrt aus dem Heiligen Land mitgebracht und damit den Kult um die Weihnachtskrippe vom Schauplatz Bethlehem gelöst (Rüdiger, 1994, 482; Bösen 1999, 161). Diese Reliquie wird bis heute in Santa Maria Maggiore in Rom verehrt, wo sie schon in der Spätantike im Zentrum der Weihnachtsliturgie und hier im Besonderen der Christmette am frühen Morgen des Weihnachtsfeiertags stand – ihre Echtheit ist seit Mitte des 18. Jahrhunderts allerdings widerlegt (Wahle, 2018, 120f.).
Eine neue Funktion und einen alternativen Charakter erhielt die Weihnachtskrippe im Hochmittelalter durch Franz von Assisi (1181-1226): Dieser inszenierte in der Christmette im Jahr 1223 im Wald von Greccio ein → Krippenspiel
4. Religionspädagogische Perspektiven
Neben dem → Krippenspiel
Im Rahmen des Religionsunterrichts lassen sich Weihnachtskrippen als Lerngegenstand und Medium einsetzen (→ Geburtsgeschichten Jesu/Weihnachten, bibeldidaktisch
Literaturverzeichnis
- Bösen, Willibald, In Bethlehem geboren. Die Weihnachtsgeschichten der Evangelien, Freiburg i. Br. 1999.
- Brückner, Wolfgang, Art: Weihnachtskrippen, in: Lexikon der Kunst VII, München 1996, 744-745.
- Dihle, Ariane/Hübner, Sabine, Welche Figuren gehören in die Krippe? Weihnachtskrippen rassismus- und antisemitismuskritisch reflektieren, in: Religion 5-10 54 (2024), 71-10.
- Dorn, Klaus, Art. Krippenspiel (2024), in: Das wissenschaftlich-religionspädagogische Lexikon im Internet (www.wirelex.de
) (https://doi.org/10.23768/wirelex.400039 ). - Jaszai, Geza, Art. Krippe, in: Lexikon christlicher Ikonographie II, Freiburg i. Br. 1994, 657-658.
- Kamcili-Yilduz, Naciye/Sajak, Clauß Peter/Schlick-Bamberger, Gabriele, Kippa, Kelch, Koran. Mit religiösen Gegenständen Judentum, Christentum und Islam erschließen, München 2022.
- Mittmann, Siegfried, Art. Bethlehem, in: Theologische Realenzyklopädie V, Berlin 1980, 759-763.
- Nagel, Eduard, Art. Weihnachtsfestkreis, in: Gottesdienst. Zeitschrift der Liturgischen Institute Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, o.J. Online-Glossar: https://www.herder.de/gd/lexikon/weihnachtsfestkreis/
, abgerufen am 30.06.2024). - Rüdiger, Michael, Art. Krippe, in: Lexikon für Theologie und Kirche 3. Aufl. VI, Freiburg i. Br. 1994, 482-483.
- Sauser, Ekkart/Acloque, Samuel, Trierer Krippen: Dem Geheimnis der Weihnacht inmitten der Stadt begegnen, Trier 2018.
- Wahle, Stefan, Die stillste Nacht. Das Fest von der Geburt Jesu von den Anfängen bis heute, Freiburg i. Br. 2018.
- Walter, Meinrad, O du selige Weihnachtszeit. Was unsere Weihnachtslieder erzählen, Ostfildern 2019.
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