Deutsche Bibelgesellschaft

Lange, Günter (1932–2024)

(erstellt:Februar 2026)

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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.400090

1. Zur Person

1.1. Biographisches

Günter Lange wird am 5. Februar 1932 als mittlerer von drei Söhnen des Verwaltungsbeamten Josef Lange und seiner Frau Maria (geb. Jürgens) in Borgentreich in Ostwestfalen geboren und wächst in Warburg auf. Kindheit und Jugend verlebt er – nach eigenen Aussagen mir gegenüber trotz bisweilen erfahrener Ängste und Entbehrungen in Kriegs- und Nachkriegszeit – recht behütet in einem kirchlich-katholisch geprägten Milieu. Familiäre Einflüsse, nicht zuletzt das Vorbild des vier Jahre älteren Bruders Karljosef, der Priester wurde, aber auch Erfahrungen und Begegnungen im katholisch-jugendbewegten Freundeskreis sowie die Messdienertätigkeit im Dominikanerkloster liefern ihm „eine Vielfalt von Identifikationsfiguren für das Christliche“ (Lange, 1989, 172). In Warburg besucht Lange das Gymnasium Marianum bis zum Abitur 1952. Während der Religionsunterricht keinen bleibenden Eindruck hinterlässt, erweist sich der Unterricht des Malers und Kunsterziehers Lorenz Humburg (1906-1994) als grundlegende Anregung für Langes Interesse an genuin künstlerischen Ausdrucksformen. Bereits während der Schulzeit entdeckt er sein Talent für Texte unterschiedlicher Gattungen, was ihn nötigt, sich nach dem Abitur zwischen den Berufswünschen „Priester oder Journalist“ (ebd.) zu entscheiden.

Von 1952-1957 studiert Lange Theologie an der Philosophisch-Theologischen Akademie in Paderborn, unterbrochen von ausgedehnten Freisemestern in München. Religionspädagogik und Katechetik spielen in seinem Studium eine untergeordnete Rolle – was ihn mit nicht wenigen Religionspädagogen seiner Generation verbindet. Erhellend und theologisch wie spirituell befreiend hingegen ist für ihn die Begegnung mit der historisch-kritischen Exegese. Die Studien bei Otto Kuss (1905-1991) und Heinz Schürmann (1913-1999) klären nicht nur seine Auseinandersetzung mit hermeneutischen Grundfragen. Vielmehr bildet sich hier – insbesondere in der Erarbeitung der Paulusbriefe – ein spezifisches Verständnis des unterscheidend Christlichen aus, das auch später in seinen prägnanten korrelations- und bilddidaktischen Formeln grundlegend bleibt. In den Münchner Studienjahren vertieft er nicht nur seine philosophischen, religionsphilosophischen und theologischen Kenntnisse als Hörer von Hedwig Conrad-Martius (1888-1966), Romano Guardini (1865-1968) und Michael Schmaus (1897-1993), sondern nutzt reichlich Angebote auch in Neuerer Geschichte, Germanistik und Pädagogik.

1959 wird er durch den Paderborner Erzbischof Lorenz Jäger (1892-1975) zum Priester geweiht; von 1959 bis 1961 ist Lange Vikar in Dortmund-Brackel, eine Zeit, die er als persönlich herausfordernd erlebt und ausbildungskritisch reflektiert: „Außer dem guten Willen brachte ein junger Priester nichts an Vorbereitung für die klinische Seelsorge mit; er musste sich auf sein Gefühl verlassen“ (Lange, 1989, 176). An der Bochumer Fakultät sorgt er daher später konsequent für regelmäßige Lehraufträge im Fach Pastoralpsychologie, die von Josef Schwermer (1926-2017) wahrgenommen werden. Von 1961 bis 1964 wird Lange zum Präfekten des Klemensheims in Bad Driburg ernannt, einer Einrichtung für spätberufene Priesteramtskandidaten, die er verlässt, um von 1964 bis 1968 Assistent bei Theoderich Kampmann (1899-1983) an der Theologischen Fakultät in München zu werden. Bei Kampmann wird er 1967 mit der Arbeit „Bild und Wort. Die katechetischen Funktionen des Bildes in der griechischen Theologie des sechsten bis neunten Jahrhunderts“ promoviert. Das Thema der Dissertation verdankt sich ganz unmittelbar religionspädagogischer Praxis: In seiner Vikarszeit nutzt Lange Bilder der christlichen Kunst und selbstgefertigte Flanellbilder zu biblischen Geschichten für seine Aufgaben in der gemeindlichen Katechese und im Religionsunterricht der Grundschule. Kleinere Publikationen zu diesen Medien (u.a. in den Katechetischen Blättern) und deren Vorstellung in Bildungsveranstaltungen führten zur Aufforderung Kampmanns, bei ihm eine Dissertation zur Bilddidaktik zu schreiben. Im Laufe der Arbeit stellt sich für Lange allerdings heraus, dass zunächst der theologische Status des Mediums → Bild zu klären sei, was letztlich zu einer historisch-philologischen Quellenarbeit führt, die bis heute in (auch außertheologischen) Fachkreisen genutzt und daher 1999 in unveränderter Form, erweitert um ein Resümee Langes zur weiteren Forschungsgeschichte, neu aufgelegt wurde (Lange, 1999).

Zum Sommersemester 1968 wird er als außerplanmäßiger Dozent für das Fach Katholische Religionspädagogik an die Pädagogische Akademie Paderborn berufen und damit zum Nachfolger von Hubertus Halbfas (1932-2022), mit dem er seit Studientagen kritisch-freundschaftlich verbunden ist und bleibt. Mit der Gründung einer „Abteilung Duisburg der Pädagogischen Hochschule Ruhr“, aus der später die Gesamthochschule Duisburg (heute Bestandteil der Universität Duisburg-Essen) hervorgeht, bewirbt sich Lange auf den erstmals ausgeschriebenen Lehrstuhl für Katholische Theologie und wird zum Wintersemester 1969/70 berufen. In Duisburg schätzt er die Zusammenarbeit zwischen katholischer und evangelischer Theologie und der von Michael Brocke (geb. 1940) vertretenen Judaistik besonders. 1983 erhält er – ohne Bewerbung – einen Ruf auf den Lehrstuhl für Religionspädagogik und Katechetik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, den er bis zu seiner Emeritierung 1997 innehat. Im Ruhestand bleibt er lange äußerst produktiv. 2002 und 2011 erscheinen im Kösel-Verlag zwei Monographien, die anderwärts bereits Publiziertes, aber auch seine Neuentdeckungen in der christlichen Kunstgeschichte versammeln und die in bewährter Weise wissenschaftliche Tiefe mit bilddidaktischen Vermittlungshinweisen verbinden. Seine kunstwissenschaftliche und bildtheologische Kennerschaft kommt auch dem „Jahresbuch der Heiligen: Große Gestalten für jeden Tag des Jahres“ von Andreas Rode zugute (Rode, 2008), dessen Bildauswahl er besorgt. 2024 verstirbt er in Duisburg und wird in seiner Heimatstadt Warburg beigesetzt.

1.2. Religionspädagogisches Wirken

Bereits im Studium lernt Lange kennen und schätzen, was ihn ein Leben lang begleitet: Das Interesse an und die Inspiration durch Vermittlung in die Praxis. Das 1945 von Theoderich Kampmann und dem Gründungskreis einer Frauenkommunität ins Leben gerufene Bildungswerk „Die Hegge“ erweist sich als theologischer Diskussions- und religionspädagogischer Erprobungsort, dem er schon früh verbunden ist. In der Duisburger Zeit und darüber hinaus begleitet er einen Kreis ehemaliger Studierender, die regelmäßigen Austausch und religionspädagogische Fortbildung selbstbestimmt organisieren. An seinem Bochumer Lehrstuhl übernimmt er die Organisation einer Vorlesungsreihe für Religionslehrerinnen und Religionslehrer, das sogenannte Kontaktstudium. 1989 beteiligt er sich an einer Initiative katholischer Theologinnen und Theologen, die mit dem „Landhaus am Heinberg“ eine Freizeit- und Bildungsstätte mit besonderem spirituellem Programm zur Verfügung stellen.

Aus der Üblichkeit einer bundesdeutschen katholischen Priesterlaufbahn Mitte des 20. Jahrhunderts, nämlich spätestens als Kaplan die religionspädagogische Fachzeitschrift Katechetische Blätter zu abonnieren und in den dkv, den Deutschen Katecheten-Verein einzutreten, werden bei Lange zwei Hauptorte seines religionspädagogischen Wirkens. 1971 wird er vom damaligen Vorsitzenden → Adolf Exeler (1926-1983) aufgefordert, für den Bundesvorstand des dkv zu kandidieren. Über den dkv, der in dieser Zeit wesentlicher Motor der Entwicklung und Praxisimplementierung einer am Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils orientierten katholischen Religionspädagogik ist, beteiligt sich Lange an zahlreichen Publikationen, u.a. am Unterrichtswerk „Exodus“ (1975; Neuausgabe mit Lehrerkommentaren 1984-1989) und am Katechismus „Grundriss des Glaubens“ (1980) beteiligt, später vor allem durch Praxismaterialien zur Bilddidaktik wie „Weihnachtsbilder als Glaubensimpulse“ (2003) und „Osterbilder als Glaubensimpulse“ (2012). Für den dkv ist er von 1977 bis 1981 Mitglied der Jury des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises. 1981 stellt er der Bischofskonferenz das Konzept des in bischöflichen Kreisen umstrittenen Katechismus des dkv vor, der als Konkurrenz zum bischöflichen Katechismus „Botschaft des Glaubens“ empfunden wurde. In der Folgezeit fungiert er als Berater der „Bischöflichen Kommission für Erziehung und Schule“ und sucht dort „Verständnis zu wecken für die ‚andere Seite‘. Für den Leidensdruck von Religionslehrern oder die Experimentierfreude des dkv“ (Lange, 2011, 240).

1972 wird Lange als Berater der Gemischten Kommission der → Würzburger Synode berufen, die einen Beschluss zum Religionsunterricht vorlegen soll. „Teile des späteren Beschlusses, besonders in der Situationsanalyse (1) und im Abschnitt ‚Zum Konzept des schulischen Religionsunterrichts‘ (2) gehen auf ihn zurück“ (Lehmann, 2012, 99). Der Synodenbeschluss wird zur Grundlage der in ihm eröffneten → Korrelationsdidaktik und wird in der Folgezeit in Lehrplänen und Unterrichtswerken wirksam, an denen auch Lange beteiligt ist. So von 1980 bis 1989 als wissenschaftlicher Berater an der Erstellung des Zielfelderplans für die Grundschule sowie der Lehrpläne für die Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen.

Von 1981 bis 1995 übernimmt er die Schriftleitung der Zeitschrift „Katechetische Blätter“, eine Tätigkeit, die seinem früheren Berufswunsch „Journalist“ entgegenkommt. Nicht verwunderlich ist, dass die Katechetischen Blätter unter der Schriftleitung Langes „den von der Synode im Beschluss abgesteckten Kurs großzügig unterstützten und auszubauen halfen“ (Lehmann, 2012, 100). Als Schriftleiter ist Lange zugleich geborenes Mitglied im Bundesvorstand des dkv, der Mitherausgeber der Katechetischen Blätter ist. In die Zeit von Schriftleitung und Engagement im Bundesvorstand des dkv fällt 1992 die Veröffentlichung von „Religionsunterricht in der Schule. Ein Plädoyer des Deutschen Katecheten-Vereins (12 Thesen)“ (https://www.katecheten-verein.de/events-info/religionsunterricht-in-der-schule), das die Forderungen eines subjektorientierten, Gegenwartsbedingungen konstruktiv aufnehmenden Religionsunterrichts aktualisiert aufnimmt, innerkirchlich aber Anstoß erregt vor allem durch These 7: „Wir plädieren für einen Religionsunterricht, der zunehmend von den Kirchen gemeinsam verantwortet wird.“ In der argumentativen Erläuterung und den schulpolitisch-organisatorischen Hinweisen des Plädoyers wird vorweggenommen, was aktuell im Kontext eines konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts (KoKoRU) (→ Konfessionell-kooperativer Religionsunterricht) oder eines christlichen Religionsunterrichts (CRU, Woppowa, 2023) in einigen Bundesländern realisiert wird. Die zum Teil scharfe Auseinandersetzung wird in den Katechetischen Blättern verschiedentlich aufgenommen bzw. geführt. Darüber hinaus wird hier die bereits vorhandene Praxis in den Grauzonen schulischer Organisations- und Handlungsformen vorgestellt, reflektiert und als Entwicklungsmodell bedacht (z.B. KatBl, 1994, H.6). Unter der Schriftleitung Langes gewinnt die Zeitschrift in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat und der im Kösel-Verlag angesiedelten Redaktion ein nicht zuletzt auch literarisch, künstlerisch und spirituell geprägtes Erscheinungsbild. Die Zeitschrift will nicht unmittelbar der Unterrichtsvorbereitung dienen, sondern theoriegeleitete Praxisreflexion anbieten. In den unter Lange noch monatlich erscheinenden Ausgaben werden praxisrelevante theologische und religionspädagogische Einzelthemen vorgestellt, aber auch Beiträge zu aktuellen Fragen, Diskussionen und Streitthemen gebündelt.

2. Beiträge zur Klärung der Bedeutung des Religionsunterrichts in der Schule

Bestimmend für die katholische Religionspädagogik des 20. Jahrhunderts ist der Beschluss der Würzburger Synode „Der Religionsunterricht in der Schule“, der von 1970 bis 1974 von einer Gemischten Kommission, die sich aus Mitgliedern der Synodenkommission I „Glauben/Verkündigung“ und der Synodenkommission VI „Bildung/Erziehung“ zusammensetzt, erarbeitet wird. Lange ist als Berater maßgeblich nicht nur an der konzeptuell-inhaltlichen Ausrichtung des Beschlusses beteiligt, sondern er ist vor allem als Moderator wirksam. Ihm gelingt es, durch engagierte Vermittlungsarbeit die konflikthaft widerstreitenden Positionen, die in der Kommission massiv ausgetragen werden, hinter einem religionspädagogisch profilierten Text zu versammeln, der sich bis in die Gegenwart hinein als tragfähig erwiesen hat (Lehmann, 2012, 100).

Das im Synodenbeschluss begegnende Verständnis eines schulischen Religionsunterrichts, der gleichermaßen theologisch wie pädagogisch zu begründen und zu verantworten ist, dessen Erschließung des Glaubens an lebensweltliche Erfahrungen anschließt und der von dorther in säkularer Gegenwart gesellschaftlich wie lebensgeschichtlich relevant erscheint, findet sich bei Lange bereits in früheren Texten grundgelegt. Dabei wird eine Grundlinie deutlich, die auch seine Arbeiten zu bildtheologischen und bilddidaktischen Fragen prägt und sozusagen den Cantus firmus seines Œuvres bildet: Lange bewegt sich zum einen im Horizont einer zeitgenössisch politisch wie kulturell sensiblen, anthropologisch gewendeten und gegenüber kirchlich-katechetischer Besitzstandswahrung kritischen Theologie. Zum anderen bleibt er skeptisch gegenüber zeitgenössisch aktuellen religionspädagogischen Tendenzen, das Religiöse im fundamentalanthropologisch Existenziellen oder im religionsgeschichtlich Allgemeinen aufgehen zu lassen und sucht Ausdrucks- und Gestaltformen des verfassten Christentums in einer pluralen und säkularen Gesellschaft zugleich standortbezogen wie deutungsoffen und entwicklungsbezogen ins Gespräch zu bringen.

So legt er bereits 1969 in der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Allgemeindidaktik – wie sie etwa von Wolfgang Klafki vertreten wird – Grundzüge der Konvergenzargumentation vor, die später den Synodenbeschluss prägen wird (Lange, 1969a). Ausgangspunkt ist eine nüchterne Analyse der zunehmenden Irrelevanz des christlichen Glaubens im gesellschaftlichen Bewusstsein und daraus folgend die Feststellung der bildungsmäßigen Ineffizienz eines kirchlich verantworteten Religionsunterrichts, der zwar schulorganisatorisch bestens verankert und rechtlich gesichert ist, dessen Gegenstände und Gehalte Schülerinnen und Schülern aber für ihre Lebensorientierung und -gestaltung bedeutungslos erscheinen. Inhaltliche Akzentverschiebungen in Richtung eines human-ethische Orientierungen vermittelnden oder über Religionen informierenden Unterrichts, methodische Anpassungen an die Diskussionskultur der Gegenwart sowie eine nicht appellative, vielmehr didaktisch vermittelte Form der Bekenntnisorientierung im Unterricht lösen für Lange die Probleme nicht. Die unhintergehbare und fortschreitende Entwicklung einer schon längst nicht mehr weltanschaulich und religiös homogen geprägten Gesellschaft erfordern für ihn zum einen, dass Theologie und Kirchen zu klären haben, ob überhaupt am Ort der öffentlichen Schule „nach Abzug des Bekenntnischarakters und nach Verzicht auf das Verkündigungsverfahren noch etwas theologisch Belangvolles übrig [bleibt], an dem der Glaube und die Kirche Interesse haben könnten, auch wenn sie nicht mehr als Auftraggeber und Kontrollinstanz fungieren“ (Lange 1969a, 96). Und zum anderen gilt vice versa dieser Klärungsauftrag auch aus pädagogischer Perspektive im Blick auf die „schwerwiegende Frage, was die öffentliche Schule in einer pluralistischen Gesellschaft dazu motiviere, [mit] dem Anspruch gerade dieses Sachbereichs zu konfrontieren“ (Lange, 1969a, 100). In einer Durchsicht konzeptioneller religionspädagogischer Entwürfe evangelischer wie katholischer Provenienz seit Ende der fünfziger Jahre arbeitet Lange theologisch wie pädagogisch valide Argumente heraus, die später auch Eingang in das Synodendokument finden, deren Wirksamkeit und Bedeutung er aber vor allem in ihrem wechselseitigen, durchaus spannungsvollen, nämlich dialektischen Zueinander sieht. Zu nennen sind hier die Bedeutung einer „verstehenden Einsicht in die Bedingungen und Zusammenhänge des Gewordenen“, die er im Wesentlichen bei Martin Stallmann auffindet (Lange, 1969a, 100f.) und die theologisch wie pädagogisch plausiblen Funktionszuweisungen an den Religionsunterricht bei Karl Ernst Nipkow, die darüber hinaus die Klärung des persönlichen religiösen Denkens und der Vergewisserung des eigenen Menschseins, die kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnissen der Gegenwart und die Befähigung zur Verständigung in religiös und weltanschaulich pluraler Gegenwart vorsehen (Lange, 1969a, 104).

Interessant an diesem Text ist nicht nur, dass er sich „heute [liest] wie ein Vorentwurf zum Beschluss der Würzburger Synode zum Religionsunterricht von 1974“ (Lange 2011, 238), sondern auch die starke Bezugnahme auf die evangelische Religionspädagogik. Dies wohl nicht nur, weil hier zeitgenössisch die Entwicklung stärker fortgeschritten war. Vielmehr ist für Lange wichtig, „worum es ‚eigentlich‘ geht im Christsein“ (Lange, 1989, 173). Das unterscheidend Christliche macht sich für ihn nicht am Konfessionellen fest, wiewohl die konfessionelle Färbung individueller christlicher Überzeugungen für ihn außer Frage steht. Wie das unterscheidend Christliche für ihn religionspädagogisch zur Geltung kommt, wird ebenfalls bereits 1969 in einem Text deutlich, der in der Auseinandersetzung um die „Fundamentalkatechetik“ von Hubertus Halbfas entsteht. Lange anerkennt dessen Herausstellung der Bedeutung einer existenziellen Deutung der Wirklichkeit und trägt auch mit, dass diese Deutung ganz grundsätzlich in den Überlieferungen der Religionen und auch in unbestimmt ästhetisch-religiösen Ausdrucksformen zur Geltung kommt: „[A]lle kommen sie darin überein, die Wirklichkeit transparent werden zu lassen für die Dimension der Tiefe und darin den unbedingten Anspruch der Wirklichkeit vernehmbar zu machen“ (Lange, 169b, 97). Für Lange kommt aber die „konkrete, einmalige, geschichtliche Form“ noch hinzu, die „auch kategorial fassbar wird und sich institutionellen Ausdruck verschafft“ (Lange, 1969b, 98), damit Religion lebt, erkennbar und wirksam wird. Er fasst dies später in die hochschuldidaktisch griffige Formel X-Y-Z, mit der zahlreiche Generationen von Religionslehrkräften durch das Referendariat gehen. Der Religionsunterricht in der Schule soll nicht nur existenzielle Erfahrungen (X) und deren mögliche auf Transzendenz bezogene (religiöse) Deutungen in unterschiedlichen Ausdrucksformen (Y) thematisieren, sondern auch die Ebene des christlichen Glaubens (Z) in den Blick nehmen (Lange, 1974), weil es „noch mal etwas anderes ist, wenn Gott selbst sich offenbart – auf welche Weise auch immer und wie schwierig von menschlicher Rede abzuheben auch immer. Und ‚Z‘ ist eben die Ebene, die über das natürlich Religiöse und Existenzielle hinausgeht., ‚Z‘ ist das, was man sich nicht selbst verschaffen kann, sondern was man nur, wenn Gott sich geöffnet hat, in Empfang nehmen kann“ (Burrichter, 2015, 292). Diese glaubensorientiert christliche Positionierung Langes im religionspädagogischen Diskurs ist offenbarungstheologisch grundiert, von einer „Theologie des Kreuzes, des letzten Platzes, des Weizenkorns, das stirbt, um Frucht zu bringen“, her (Lange 1969b, 95), und von dorther ökumenisch anschließbar und säkular gesprächsfähig.

3. Beiträge zu Bildtheologie und Bilddidaktik

Das Interesse an Kunst und christlicher Bildtradition formt sich bei Lange schon in der Schulzeit. Ein weiterer biographischer Hinweis erscheint zunächst vielleicht vor allem amüsant, erweist sich aber als entscheidendes Indiz der späteren kunstwissenschaftlichen Ausrichtung Langes. So berichtet er von den langen (vorkonziliaren) Domhochämtern und anderen „frommen Gelegenheiten“ (Lange, 2011, 234), an denen er in seiner Zeit im Priesterseminar teilnehmen musste und die er sich durch die intensive Betrachtung von Kunstkarten mit romanischer Buchmalerei verkürzte: „Auf diese Weise hatte er sich am Ende der Seminarzeit einige der großen Bildlösungen der christlichen Kunst innerlich so angeeignet, dass er sie auch ohne materielles Bild meditieren konnte“ (Lange, 2011, 234). In diesen Betrachtungen werden ihm nicht zuletzt formalästhetische Elemente wichtig, die später zu Grundsätzen seiner religionspädagogischen Bilddidaktik führen, etwa zum Verständnis des Bildes als Medium sui generis: „Es hat seine eigene ‚Sprache‘ der Farben, Linien und Flächen, die (Qualitätsmerkmal!) niemals durch Beschreibung und Begriffsbildung einzuholen ist […]. Es hat Anspruch darauf, sich ‚aussprechen‘ zu dürfen, in seiner individuellen Eigenart gewürdigt, statt bloß verzweckt zu werden“ (Lange, 1986, 531). In seiner bildtheologischen Dissertation hatte Lange herausgearbeitet, dass und wie die griechischen Kirchenväter durch die Gleichstellung von Bild und Wort, durch die rhetorische Depotenzierung und die katechetische Indienstnahme der Bilder für die christliche Memoria – also durch Verzweckung – eine Verehrung der christlichen Kult- und Andachtsbilder gegenüber der scharfen innerchristlichen Bildskepsis als Möglichkeit offengehalten und damit eine reiche christliche Traditionsbildung in Bildern überhaupt erst ermöglicht haben. Was im Bilderstreit der Alten Kirche mit seinen massiven, durchaus gewalttätigen Auseinandersetzungen als kluge theologische Strategie gelten darf, nämlich die Ermöglichung der Praxis der Bildverehrung mit den Argumenten, dass die Faszination des Bildes nicht von seiner materiellen Gestalt, sondern von seinem Sujet ausgeht und dass es für die christliche Memoria sinnvoll ist, dieses Sujet anschaulich-bildlich zu vermitteln, beschäftigt Lange in der Folgezeit als Herausforderung angesichts einer faktisch vielgestaltigen, mit erheblichen theologischen und religiösen Akzentänderungen einhergehenden Bildgeschichte. Er entwickelt daher theologisch-hermeneutische Zugänge, die nicht nur die Sujets der Bilder ikonographisch abfragen und einordnen, sondern zeitbezogene geistesgeschichtliche, also ikonologische Fragen der Bildbedeutung miteinbeziehen. Damit verbunden ist ein „Plädoyer für die Mehrdeutigkeit eines Bildes“ (Lange, 1990, 43), das auch berücksichtigt, dass zeitgenössische Formen der Bildbegegnung nicht (mehr) der liturgischen und frömmigkeitsgeschichtlichen Bildverehrung früherer Jahrhunderte entsprechen. Dieses Verständnis setzt voraus, „dass Glaubensvermittlung nicht als integre Weitergabe einmal fixierter Vorstellungen erfolgt, sondern so, dass der Adressat mit seiner Disposition mit in den Vorgang der Vermittlung eingeht“ (Lange, 1990, 43). Hier spiegelt sich ohne Zweifel seine religionspädagogische Grundüberzeugung.

Zugleich fließen in seine hermeneutischen Überlegungen die intensiven Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen kunstwissenschaftlichen Positionen ein. Das Verständnis des Bildes als Ausdruck einer je historisch spezifischen politischen, kirchlichen, sozialen, kulturellen Situation findet Lange pointiert in der kunstgeschichtlichen Diskussion seit Erwin Panofsky (1892-1968). Bedeutsamer aber ist vielleicht noch die Begegnung mit dem Bochumer Kunstwissenschaftler Max Imdahl (1925-1988), dem er die Unterscheidung zwischen dem bloß wiedererkennenden Sehen mit der Identifizierung von Sujets und dem sehenden Sehen, verstanden als die Wahrnehmung der bedeutungsstiftenden Funktion von Form und Farbe, verdankt. An den Arbeiten von Imdahl und Gottfried Böhm (geb. 1942) schärft sich sein Verständnis vom Bild als Medium sui generis. Die kritische Rede des Bonner Kunsthistorikers Heinrich Lützeler (1902-1988) vom „Theologismus“ (Lützeler, 1975, 796) als Neigung, Bildwerke nur oberflächlich zu betrachten und ihre Auslegung auf die Identifizierung von religiösen Themen und Motiven und deren Einordnung in theologische Zusammenhänge zu beschränken, trifft auf Lange nicht zu. Er fordert und praktiziert, dass auch theologische Bilderschließung ganz grundsätzlich methodisch an die Kunstwissenschaft anschließt. Gleichwohl ist es ihm auch hier ein Anliegen, die christliche Glaubenstradition und die Bedeutung der Bilder in dieser und für diese eigenständig zu bedenken: „Der RU soll aber auch nicht unter dessen Niveau [des Kunstunterrichts, R.B.] bleiben und muss daher wiedererkennendes und sehendes Sehen üben, aber es sollte dann doch eingebracht werden in einen noch ganz anderen – spirituellen, theologischen – Zusammenhang, meinetwegen in die ‚Z‘-Ebene“ (Burrichter, 2015, 293).

In diesem größeren Zusammenhang eines „kunstorientierten“ (Gärtner, 2011, 56) religiösen Lernens sind die zahlreichen Bilderschließungen zu sehen, die Lange vorgelegt hat, angefangen bei den didaktischen Handreichungen zu den eher im Kontext religiöser Auftragskunst anzusiedelnden Grafikzyklen zur Bibel von Thomas Zacharias und Walter Habdank Mitte der 1970er Jahre. 1988 erscheint in Buchform ein ausführlicher Kommentar zu den Bildern der Schulbibel, die 1979 von der Deutschen Bischofskonferenz herausgegeben wurde. Dessen Einführung fasst zusammen, was Lange in den Katechetischen Blättern und anderwärts bereits als grundlegende Impulse seines Umgangs mit Bildwerken formuliert hat, darunter insbesondere seine „Methodik der Bildbegegnung“ (Lange, 1988, 9f.), die hier verknappt wiedergegeben wird:

  1. Stufe: Spontane Wahrnehmung: Was sehe ich? Unzensierte Äußerungen, ungelenkte Aufmerksamkeit.
  2. Stufe: Analyse der Formensprache: Wie ist die Bildfläche organisiert? Versuch einer geordneten, systematischen Wahrnehmung des Aufbaus, der Bildstruktur, der Bildteile im Zusammenhang des Bildganzen.
  3. Stufe: Innenkonzentration: Was löst das Bild in mir aus? Mitteilung von Gefühlen und Assoziationen.
  4. Stufe: Analyse des Bildgehalts: Was hat das Bild zu bedeuten? Die Semantik des Bildes, der Bezug des Bildthemas zu Texten außerhalb des Bildes. Was könnte das bedeuten für die historische Epoche, in der das Bild entstanden ist, und für die Funktion des Bildes?
  5. Stufe: Identifizierung mit dem Bild: Was bedeutet das Bild für mich? Finde ich mich darin wieder? Gehe ich auf seinen Appell ein?

Lange sieht sich mit seinen Arbeiten als von der Praxis kommend und auf Praxis sich beziehend. Persönlich stets zurückhaltend, weist er weitergehende theologische Reflexionen seiner Modelle und Grundthesen zur Bilddidaktik zurück: „Wie das systematisch geht, müsste man Alex Stock fragen, der hat ja die Rede von der Kunst als locus theologicus eingeführt“ (Burrichter, 2015, 293). Gleichwohl wird er als Experte für bildtheologische Fragen der griechischen Kirchenväter und als kunstwissenschaftlich versierter Gesprächspartner wissenschaftlich sehr geschätzt und etwa von Alex Stock (1937-2016) in das Kolloquium der Bildtheologischen Arbeitsstelle der Universität zu Köln und von Reinhard Hoeps (geb. 1954) zur Mitarbeit am „Handbuch der Bildtheologie“ eingeladen.

2002 erscheinen die Bände „Bilder zum Glauben“ und 2011 „Christusbilder sehen und verstehen“, die die Fülle der erschlossenen Kunstwerke thematisch und methodisch bündeln. Aufbau und Sprachstil ermöglichen es, dass die dort versammelten Beispiele bei aller wissenschaftlichen Tiefe auch und gerade von Praktikerinnen und Praktikern mit Gewinn genutzt werden können.

4. Wirkung und Würdigung

Die „Fünf Stufen der Bilderschließung“ sind bis heute in Unterrichtswerken und -materialien sowie in religionspädagogischen Aus- und Fortbildungskontexten prominent vertreten. „X-Y-Z“ dagegen begegnet angesichts der Auflösungserscheinungen des konfessionellen Religionsunterrichts und der religionsdidaktischen Herausforderungen in religiös pluraler und zunehmend säkular geprägter Gegenwart als religionspädagogische Kurzformel so nicht mehr. Lange selbst hat die Bedeutung dieser – mit seinem Namen bis heute verbundenen – geprägten Wendungen und Modelle immer relativiert: „So eine Kurzformel zu finden, macht Spaß, sollte aber nicht zu ernst genommen werden. […] Aus Schema wird leicht Schematismus, und das darf es nicht“ (Burrichter, 2015, 296). Ihm geht es – bezogen auf den Religionsunterricht wie auf die Bilddidaktik – um situationsbezogene Prüfung und Weiterentwicklung. Den Praktikerinnen und Praktikern traut er dabei zu, eigenständig zu urteilen. In seinem Wirken als Berater der Synode, als Schriftleiter der Katechetischen Blätter, als Vorstandsmitglied des dkv und auch als Wissenschaftler und Hochschullehrer drängt er nicht in den Vordergrund, hält aber oft die Fäden des religionspädagogischen Diskurses seiner Zeit ordnend und verbindend in Händen. 

Literaturverzeichnis

  • Burrichter, Rita im Gespräch mit Günter Lange, Die spirituelle Dimension des Kunstwerks angemessen zur Sprache bringen, in: Gärtner, Claudia/Brenne, Andreas (Hg.), Kunst im Religionsunterricht – Funktion und Wirkung. Entwicklung und Erprobung empirischer Verfahren, Stuttgart 2015, 289-296.
  • Gärtner, Claudia, Ästhetisches Lernen. Eine Religionsdidaktik zur Christologie in der gymnasialen Oberstufe, Freiburg i.Br. 2011.
  • Hoeps, Reinhard, Handbuch der Bildtheologie in vier Bänden, Paderborn 2007-2021.
  • Lange, Günter, Christusbilder sehen und verstehen, München 2011.
  • Lange, Günter, Bilder zum Glauben. Christliche Kunst sehen und verstehen, München 2002.
  • Lange, Günter, Bild und Wort. Die katechetischen Funktionen des Bildes in der griechischen Theologie des sechsten bis neunten Jahrhunderts, Paderborn u.a. 1999, zugl. München Dissertation 1966/67.
  • Lange, Günter, Bildrhetorik – Bildgedächtnis – Bildbeschriftung. Was die Bilderfreunde von den Bildern dachten und wie eine heutige Bilddidaktik dazu steht, in: Stock, Alex (Hg.), Wozu Bilder im Christentum? Beiträge zur theologischen Kunsttheorie, St. Ottilien 1990, 17-43.
  • Lange, Günter, Religion und Kunst: sehr gut, in: Lachmann, Rainer / Rupp, Horst F. (Hg.), Lebensweg und religiöse Erziehung. Religionspädagogik als Autobiographie, Bd. 2, Weinheim 1989, 171-192.
  • Lange, Günter, Kunst zur Bibel. 32 Bildinterpretationen. Unter Mitarbeit von Richard Hoppe-Sailer und Hans-Dietrich Schütz, München 1988.
  • Lange, Günter, Art. Umgang mit Bildern, in: Bitter, Gottfried / Miller, Gabriele (Hg.), Handbuch religionspädagogischer Grundbegriffe 2, München 1986, 530-533.
  • Lange, Günter, Der Religionsunterricht in der Schule, in: Dieter Emeis u.a. (Hg.), Synode – Ende oder Anfang? Ein Studienbuch für die Praxis in der Bildungs- und Gemeindearbeit, Düsseldorf 1976, 93-105.
  • Lange, Günter, Religion und Glaube. Erwägungen zum Gegenstand des Religionsunterrichts, in: Katechetische Blätter 99, 1974, 733-750.
  • Lange, Günter, Die Bedeutung des Religionsunterrichts in der Schule. Zu seiner theologischen und pädagogischen Begründung, in: Speck, Josef (Hg.), Probleme der Curriculum-Forschung, Münster 1969a, 93-112.
  • Lange, Günter, Unterscheidung des Christlichen?, in: Stachel, Günter (Hg.), Existentiale Hermeneutik. Zur Diskussion des fundamentaltheologischen und religionspädagogischen Ansatzes von Hubertus Halbfas, Zürich/Einsiedeln/Köln 1969b, 95-105.
  • Lehmann, Karl, Günter Lange und die Würzburger Synode. Eine Gratulation zum 80. Geburtstag und ein Einblick in eine aufregende Zeit, in: Katechetische Blätter 137 (2012), 98-100.
  • Lützeler, Heinrich, Kunsterfahrung und Kunstwissenschaft, Band II, Freiburg/München 1975.
  • Rode, Andreas, Das Jahresbuch der Heiligen: Große Gestalten für jeden Tag des Jahres. Mit einer Einführung von Abt Odilo Lechner. Bildauswahl von Günter Lange, München 2008.
  • Woppowa, Jan, Quo vadis? Aktuelle Modelle des schulischen Religionsunterrichts im Vergleich, in: Katechetische Blätter 148 (2023), 141-147.

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