Deutsche Bibelgesellschaft

Chrysostomos, Johannes (ca. 350-407)

(erstellt: Februar 2025)

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1. Der Vater und Lehrer par excellence der Ostkirche

Johannes Chrysostomos, geboren um 350 in Antiochia, der Metropole des griechisch-römischen Syriens, gilt als der Vater und Lehrer der Ostkirche schlechthin. Zusammen mit Basileios von Cäsarea und Gregor von Nazianz werden sie bis heute jedes Jahr am 30. Januar als die Drei Heiligen Hierarchen und Schutzpatronen der Bildung in der orthodoxen Kirche weltweit verehrt. Chrysostomos' herausragende Stellung als Pädagoge und Theologe der Orthodoxie ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen: sein Exemplum der Askese, der Nächstenliebe (→ Liebe) und des liturgischen Lebens, sein Einsatz für die Bildung (→ Bildung) seiner Zuhörer bzw. Leser und für soziale Gerechtigkeit (→ Gerechtigkeit) sowie sein tapferer Tod sind nur einige der Gründe, die seine bedeutende Stellung in der Ostkirche rechtfertigen. Die orthodoxen Kirchen zelebrieren fast immer die sog. Liturgie des hl. Chrysostomos, und seine pastoralen und exegetischen Werke prägen die orthodoxe Mentalität und Auslegungstradition von der Antike bis heute. In der Academia gibt es ein wachsendes Interesse an Chrysostomos, das in den letzten 20 Jahren durch mehrere Dissertationen, Sammelbände und kritische Editionen belegt wird (repräsentativ siehe Wallraff/Brändle, 2008; de Wet/Mayer, 2019; Azar/Despotis/Wallace, 2024).

Chrysostomos war der Sohn des römischen Regierungsbeamten Secundus, der im jungen Alter verstarb, und wurde von seiner verwitweten Mutter Anthousa aufgezogen. Sie war laut seines eigenen Zeugnisses ein Vorbild der Tugend für ihn. Nach Chrysostomos bewunderte auch ein polytheistischer Sophist bzw. sein Lehrer Libanios das enthaltsame Leben der Mutter des Chrysostomos (Ad vid. jun. 100). Anthousa sorgte dafür, dass ihr Sohn eine sehr tiefe christliche Prägung und eine hervorragende Bildung erhielt. Gemäß dem Triptychon der Bildung für die Elite-Jungen seit der Kaiserzeit (Grammatik, Rhetorik und Philosophie) erhielt Chrysostomos rhetorische und philosophische Ausbildung bei Libanios und Andragathios. Im Jahr 372 wurde er in Antiochien getauft und anschließend besuchte er das Asketerion von Diodor von Tarsus, wo er zusammen mit Theodor von Mopsuestia das Studium der Exegese der heiligen Schrift vertiefte. Nach drei Jahren wurde er zum Lektoren der antiochenischen Kirche ernannt, zog sich aber bald zum Mönchsleben auf Bergen in der Nähe Antiochiens zurück. Die asketischen Anstrengungen und die schwierigen Verhältnisse auf den Bergen Syriens griffen seine Gesundheit an, weswegen er nach fünf Jahren wieder in die Stadt zurückkam. Im Jahr 381 wurde er von Bischof Meletios zum Diakon und 386 von Bischof Flavian zum Presbyter geweiht. Chrysostomos übernahm sowohl karitative Pflichten als auch die Verantwortung für Predigt und die Bibelexegese in der großen Kirche (Domus Aurea) Antiochiens. Auch als er von Antiochien nach Konstantinopel wechselte, um das Amt des Patriarchen zu übernehmen, blieb sein Engagement für die Bildung der christlichen Gemeinden und das liturgische Leben unvermindert lebendig. Bald geriet er in Auseinandersetzungen mit dem Kaiserhof, insbesondere der Kaiserin Eudoxia, und einem Teil seines Klerus, weil er keine soziale Ungerechtigkeit tolerierte und eine asketische Lebensorientierung vertrat. Gleichzeitig polemisierte Theophilos von Alexandrien Chrysostomos, weil letzterer die von ihm verbannten Mönche, also die sog. „langen Brüder“, die origeneische Lehren vertraten, aufgenommen hatte. Die Kritiker des Chrysostomos verurteilten ihn 403 auf der Eichensynode. Der Kaiser verbannte Chrysostomos zunächst, dieser kehrte aber auf Druck des Volkes als Patriarch von Konstantinopel zu seinem Sitz zurück. Nach zwei Monaten wurde Chrysostomos jedoch endgültig nach Kukusos in Armenien und anschließend nach Pityus am Schwarzen Meer verbannt. Chrysostomos starb 407 in Komana an den Folgen der beschwerlichen Verhältnisse seiner Deportation.

2. Die christliche Bildung und Philosophie nach Chrysostomos

Chrysostomos ist der produktivste Autor der antiken Gräzität. Er hat vor allem exegetische Predigtreihen aber auch andere Gemeindehomilien, festliche Reden, Traktate zu praktischen Themen, Briefe und systematische Werke verfasst. Seine Theologie ist durch die nizänische Tradition des Meletios von Antiochien (310-381) und die der Kappadokier geprägt, mit denen er in Kontakt war. Er war aber auch offen für die alexandrinische, insbesondere die origeneische Exegese, die er in seinen Werken berücksichtigte, ohne explizit auf sie zu verweisen (Pomeroy, 2022).

Chrysostomos ist der erste, der den Begriff christliche Philosophie / χριστιανικὴ φιλοσοφία (Cal. 3, PG 48:956) (→ Philosophie) sowohl im Sinne einer christlichen Weltdeutung als auch einer christlichen Erziehung verwendete (Schmidinger, 2007, 886-898). Seine pädagogischen Prinzipien, die die Mentalität einer asketisch geprägten Strömung der Mehrheitskirche des vierten Jahrhunderts widerspiegeln (Aasgaard, 2018; Leyerle, 2013; Guroian, 2001), finden sich in allen seinen Werken, von denen zwei besondere Aufmerksamkeit verdienen. Es handelt sich um das Traktat Über die Eitelkeit und wie die Eltern ihre Kinder erziehen sollen /Περὶ κενοδοξίας καὶ ὅπως δεῖ τοὺς γονέας ἀνατρέφειν τὰ τέκνα und die 21. Homilie zum Epheserbrief, in der er den einschlägigen Text Eph 6,4 kommentiert: „Und Väter erzürnt eure Kinder nicht, sondern zieht sie auf in der Bildung und Ermahnung des Herrn“ / Καὶ οἱ πατέρες, μὴ παροργίζετε τὰ τέκνα ὑμῶν ἀλλ᾽ ἐκτρέφετε αὐτὰ ἐν παιδείᾳ καὶ νουθεσίᾳ κυρίου. Diese zwei Texte stehen inhaltlich in enger Beziehung. Es sieht so aus, dass die 21. Homilie zum Epheserbrief den Inhalt des Traktats Über die Eitelkeit (De inani gloriae, im Folgenden Inan. Glor.) zusammenfasst, und umgekehrt das einschlägige Traktat die Homilien des Chrysostomos zum Epheserbrief voraussetzt, was für die Originalität der ersteren Schrift spricht (Malingrey, 1972, 40). In diesen zwei Werken beschreibt Chrysostomos eine Pädagogik bzw. Erziehung (→ Erziehung), die zur „Philosophie von oben“ (περὶ φιλοσοφίας τῆς ἄνω, Inan. Glor. 28.400) führe und die man durch die „weltliche“ (ἔξωθεν) Bildung nicht erreichen könne. Die Eltern haben laut Chrysostomos die Aufgabe, ihr Kind zu einem Philosophen und „Athleten“ (vgl. Ps.Plato, Amatores, 135A) auszubilden. Das Kind soll kein idealer Bürger einer griechisch-römischen Stadt werden, sondern ein Bürger des Himmels, der ein engelsgleiches Leben führt:

Inan. Glor. 39.494f. „Du erziehst einen Philosophen und Athleten und Bürger des Himmels“ / Φιλόσοφον γὰρ τρέφεις καὶ ἀθλητὴν καὶ πολίτην τῶν οὐρανῶν.

Das Wesentliche bei der Erziehung im Sinne der christlichen Philosophie ist nicht nur, die jungen Menschen zur richtigen Erkenntnis über Gott (zum christlichen Glauben) zu führen, sondern auch zu körperlichen Anstrengungen und einem enthaltsamen Leben – was für viele befremdlich klingen mag. Das Ziel dieser Bildung ist nicht die Erlangung von Geld oder Anerkennung in der Gesellschaft, sondern Tugend und das ewige Leben. Für die Söhne der Oberschicht in der Antike war die philosophische Bildung ein Mittel zu einer erfolgreichen Karriere und zur Anerkennung in der römischen Gesellschaft. Chrysostomos beabsichtigte daher, die Ziele der profanen Bildung zu hinterfragen und, ähnlich wie frühere christliche und hellenistisch-jüdische Autoren (z.B. Philo, Virt. 178), „falsche“ Vorstellungen zu korrigieren, die von den „üblichen“ Lehrern – also profanen oder „weltlichen“ – vermittelt wurden.

3. Die Transformation des stoisch-kynischen Vorbilds

Chrysostomos präsentiert das Ideal einer christlich-philosophischen Bildung, die auf menschlichen Ruhm und Reichtum verzichtet. Philosophiegeschichtlich klingt sie dem kynischen Ideal ähnlich, das jüdische und frühchristliche Traditionen lange vor Chrysostomos in ihre Werke eingearbeitet haben:

Ad Ephes. Hom. 21. PG 62:151 „Bringe deinem Sohn dies bei, lehre ihn dies – das ist der größte Reichtum. Suche nicht danach, wie du ihn in ‚weltlichen‘ Lehren und äußerem Ruhm erfolgreich machst, sondern sorge dafür, dass du ihn lehrst, die ‚weltliche‘ Ehre zu verachten.“

Für Chrysostomos sind das Studium der Heiligen Schrift (Inan. Glor. 28.375), die Teilnahme am kirchlichen Leben mit dem gemeinsamen Singen (Inan. Glor. 35.450) und der Partizipation an den Mysterien die Fundamente einer christlichen Bildung, die mit dem Curriculum der „weltlichen“ Bildung kompatibel sein können, wenn die Jungen, sich um ein enthaltsames Leben bemühen. Chrysostomos bezieht philosophische Ideen über die Seele, die Askese und die Tugenden in sein Werk ein. Besondere Aufmerksamkeit widmet er dem Verzicht auf menschliche Verehrung und der willentlichen Armut, zwei Idealen der kynischen Tradition in der Antike. Chrysostomos verweist nie auf die Kyniker oder die Stoiker als Quellen seiner Pädagogik, weil er die antiken griechischen Philosophen kritisiert. Aber das stoisch-kynische Gedankengut war längst vor dem vierten Jahrhundert in hellenistisch-jüdische und frühchristliche Werke integriert, die Chrysostomos als inspirierte Quellen seiner Lehre berücksichtigte. Z.B. wird die Sucht nach Ruhm und Anerkennung im Johannesevangelium als der Grund des Nicht-Glaubens an Jesus aufgefasst (ἠγάπησαν γὰρ τὴν δόξαν τῶν ἀνθρώπων μᾶλλον ἤπερ τὴν δόξαν τοῦ Θεοῦ 12,43). Der Begriff der Ehrsüchtigkeit wird in philosophischen Werken der frühen Kaiserzeit intensiv thematisiert. Repräsentativ ist Pseudo-Heraklit zu erwähnen, ein stoisch-kynischer Autor aus dem ersten Jahrhundert, der in seinen Briefen wie folgt reflektiert:

Ep. 2. „Alle, die irdisch sind, verzichten auf die Wahrheit und die Gerechtigkeit, und wegen ihrer Unvernunft hängen sie an ihrer Habgier und Ehrensüchtigkeit.“

Chrysostomos bleibt in Kontinuität mit der stoisch-kynischen Tradition, die Habgier und Ehrgeiz kritisiert – zwei Themen, die sich wiederholt in seinen Werken finden. Sein Ziel ist jedoch, die Überlegenheit der christlichen Lebensweise im Vergleich zur griechischen Philosophie herauszustellen. Chrysostomos weist darauf hin, dass das Einzige, was man bei Platon bewundern könne (καὶ Πλάτωνος οὐδὲν ἔστι θαυμάσαι, ἢ τοῦτο μόνον), die Darstellung seines Lehrers in der Apologie sei (Apol. 17B-C), die keine abstrakten Spekulationen oder kunstvollen Worte enthalte. Die stoisch-kynischen Autoren der Antike haben ebenfalls oft auf Sokrates als vorbildlichen Lehrer hingewiesen, der durch seinen einfachen Stil, seine willentliche Armut und seinen Märtyrertod die wahre Philosophie verkörperte (Malingrey, 1978; Bady, 2014). Chrysostomos war gut vertraut mit den sokratischen Traditionen, die etwa 750 Jahre nach Sokrates Tod populär waren, und nimmt auch anti-sokratische Kritikpunkte auf. Er zitiert darüber hinaus die längste Apologie des Sokrates aus der Antike, die seines Lehrers Libanios (Ad Viduam 1.2, PG 48, 601).

Chrysostomos folgt keiner spezifischen philosophischen Schule, sondern kombiniert verschiedene Elemente in christozentrischen Amalgamen. Neuere Studien zu Chrysostomos zeigen (Rylaarsdam 2014; Cook 2019), dass er die üblichen pädagogischen Mittel der Philosophen der Spätantike verwendet: Die Philosophie-Lehrer dieser Zeit betrieben vor allem die Exegese von Texten der Gründer der philosophischen Schulen, hielten Reden mit dialogischen Elementen (sog. Diatriben), um die Schüler zur moralischen Transformation zu ermahnen, und führten manchmal auch Rituale durch, was z.B. das Haus des Neoplatonikers Proclus in Athen zeigt. Im Haus des Proclus war neben dem Saal für den Unterricht in philosophischer Lehre ein Raum für rituelle Opfer vorgesehen. Was Chrysostomos und seine pädagogischen Mittel angeht, ging er während der liturgischen Versammlungen auf die Texte der heiligen Schrift ein, hielt anschließend eine ermahnende Rede (das sogenannte Ethikon), die meist zum Verzicht auf Reichtum, „weltlichen“ Ruhm und Vergnügungen aufrief, und setzte abschließend die Liturgie fort.

4. Vom Abbild Gottes zur Homoiosis Theo

Chrysostomos beabsichtigt, die Seelen seiner Zuhörer – ob Kinder oder Erwachsene – zu heilen und sie zu einer Verwandlung im Sinne Angleichung an Gott zu führen. Diese Form der Erziehung bezeichnet er als die wahre oder höhere Philosophie (ἄνω φιλοσοφία). Die Unterscheidung zwischen falscher und wahrer Philosophie lässt sich bis zum platonischen Sokrates zurückverfolgen, der zwischen Sophisten und den echten Philosophen differenzierte. Letztere führten eine göttliche Lebensweise, die sich von der der „irdischen Menschen“ unterschied (Sophist 216C). Entsprechend ist das Ziel der chrysostomischen Philosophie die „Homoiosis Theo“ – die Angleichung an Gott – ein Gedanke, der durch die Mittelplatoniker, wie Eudoros von Alexandria (erstes Jahrhundert v. Chr. Stobaeus, Anthol., 2.7.3f), zum zentralen Aspekt der philosophischen Bildung wurde. In einer seiner Homilien erklärt Chrysostomos:

(Hom. Jo. 12.2, PG 59:84): „Ein solches Leben hat Er uns vorgestellt, solche Gesetze hat Er für uns aufgestellt, ein solches Verhalten hat Er vorgeschrieben, dass diejenigen, die sich daran halten, sogleich zu Engeln werden und sich Gott angleichen, soweit es in unserer Macht steht.“

Hier bezieht sich Chrysostomos auf den bekannten platonischen Text im Theaitetos 176b, der die Idee der Homoiosis Theo (Angleichung an Gott) behandelt. Philo von Alexandrien hatte diese Vorstellung bereits lange vor Chrysostomos im Zusammenhang mit Genesis 1,26 (Septuaginta: ποιήσωμεν ἄνθρωπον κατ᾽ εἰκόνα ἡμετέραν καὶ καθ᾽ ὁμοίωσιν) entwickelt, und zwar als Ziel der philosophischen Bildung. Seit dem Ende des ersten Jahrhunderts v. Chr. behandelten sowohl die Mittelplatoniker als auch Philo von Alexandrien die Idee der Angleichung an Gott als das wahre Ziel der philosophischen Bildung (vgl. Fug. 63). Der antiochenische Exeget orientiert sich daher an der hellenistisch-jüdischen und frühchristlichen Interpretation von Gen 1,26 (Septuaginta), die den Menschen als Abbild Gottes auffasst (→ Anthropologie) und als seine Aufgabe darin sieht, Gott ähnlich zu werden (Meiser, 2012).

Hom. Eph. 21.4 PG 62:154: „Denn wenn Menschen, die Statuen von Königen schaffen und Porträts malen, so große Ehre genießen, werden wir dann nicht unzählige Güter empfangen, wenn wir das königliche Bild verschönern – nämlich das Bild Gottes im Menschen – indem wir es wieder zur Ähnlichkeit mit Gott zurückführen (denn der Mensch ist ein Abbild Gottes)? Denn diese Ähnlichkeit findet sich in der Tugend der Seele: wenn wir unsere Kinder dazu erziehen, tugendhaft zu werden, frei von Zorn und vergebend – diese sind Eigenschaften Gottes. Wenn wir sie lehren, wohltätig, barmherzig zu sein und die gegenwärtigen ‚weltlichen‘ Dinge als unbedeutend zu betrachten, dann sollte dies unsere Aufgabe sein, uns selbst und die Kinder zu formen und zu gestalten.“

Chrysostomos interpretiert die christliche Bildung als einen fortwährenden Transformationsprozess, der in der Angleichung an Gott seinen Höhepunkt findet. Durch seine Ausbildung und den Austausch mit heidnischen Gesprächspartnern lernte Chrysostomos diese Konzepte kennen. In Antiochia des 4. Jahrhunderts gab es intensive Interaktionen und Konflikte zwischen den Christusgläubigen und den Vertretern sowohl der jüdischen Synagoge als auch der paganen Bildung. Chrysostomos entwickelte eine christliche Interpretation des Konzepts der Homoiosis Theo, die einschlägige frühchristliche Ideen weiterführt (z.B. 1 Joh 3,2) und mehrere Ebenen umfasst: eine ontische Ebene (die sich auf die Unsterblichkeit von Leib und Seele bezieht), eine moralische Ebene (die Assimilation an Gott durch eine Ethik der Liebe) und eine ekklesiale Ebene (die Vereinigung durch die Mysterien der Kirche). Diese multidimensionale Angleichung an Gott durch die christliche Bildung ist aufgrund des Christusereignisses möglich, das heißt durch die Herabkunft und Fleischwerdung des Logos. Chrysostomos betont dabei die Herabkunft bzw. Anpassung des göttlichen Logos an die Gegebenheiten des menschlichen Verstandes. Es handelt sich dabei um die Synkatabasis, ein antikes Prinzip, das Chrysostomos besonders hervorhebt.

5. Die Pädagogik der Anpassung

Hellenistisch-jüdische Philosophen und Lehrer wie Philo von Alexandrien verwenden das antike Prinzip der Synkatabasis, um die göttliche Offenbarung durch den Logos, den Schöpfungsmittler Gottes, und die Worte der Schrift darzustellen. Sie entlehnen dabei den Begriff, der sinngemäß Anpassung und Adaption bedeutet, aus der antiken Politik (Aristoteles, Pol. 1334B) und Rhetorik (Philodemos, Rhetor. 2.25 s1). Philo verweist in seiner Auslegung von Genesis 28,12 auf das „Herabsteigen“, also die Anpassung des Wortes Gottes an die Verhältnisse der Menschen, aufgrund der göttlichen Philanthropie (Somn. 1.147), der Liebe Gottes zum Menschen. Gott offenbart sich also durch Worte oder durch seinen Mittler, den Logos, die an die begrenzten Fähigkeiten des menschlichen Verstands angepasst werden, um die Menschen zu überzeugen und zum Ziel der Angleichung an Gott zu führen. Diese Synkatabasis ist ein Ausdruck der göttlichen Philanthropie, die darauf abzielt, den menschlichen Seelen zu helfen, zu ihrem himmlischen Ursprung aufzusteigen. Der Evangelist Johannes geht noch einen Schritt weiter und spricht von der Katabasis des Logos als einem einzigartigen historischen Ereignis – der Inkarnation in Jesus von Nazareth, die aus der göttlichen Philanthropie hervorgeht (Joh 3,12-17). Chrysostomos charakterisiert jede Form göttlicher Offenbarung als Synkatabasis und Paideia, d.h. jede Offenbarung Gottes (→ Offenbarung) orientiert sich an den Fähigkeiten des Menschen und bildet auf diese Weise auch eine Form von Erziehung.

In seiner Homilie über Genesis beschreibt Chrysostomos, wie der göttliche Plan der Offenbarung durch das Prinzip der Synkatabasis verwirklicht wird:

(In Gen. Hom. PG 53:34): „Hast du gesehen, wie viel Synkatabasis dieser gesegnete Prophet gebraucht hat? Oder besser gesagt, wie der menschenliebende Gott durch die Zunge des Propheten das Menschengeschlecht unterweist […].“

Das Christusereignis stellt jedoch die Synkatabasis par excellence dar, die zeitlich nach der Pädagogik des Gesetzes erfolgt und auf die Vervollkommnung des Menschen durch die himmlische Philosophie abzielt. Chrysostomos sagt hierzu:

(Virg. 16.24): „Wenn nach dieser langen Zeit und der Unterweisung durch das Gesetz der Ruf zur himmlischen Philosophie ertönt und [Christus] uns auf der Erde verweilen ließe, hätten wir keinen großen Nutzen aus der Synkatabasis gezogen, wenn wir nicht jene Vollkommenheit, zu der die Synkatabasis führt, erreichen würden.“

In diesem Kontext ist die himmlische Philosophie mit einem engelgleichen Leben verbunden, das im Glauben an Christus, in der Jungfräulichkeit und in der Verachtung irdischer Güter besteht. Chrysostomos verbindet den Begriff der Synkatabasis mit der Praxis der christlichen Mission (→ Mission) und Pädagogik. Er betont, dass Anpassungsfähigkeit ein wesentliches Merkmal eines idealen Lehrers ist, der auch die Griechen zur wahren Philosophie führen kann. Chrysostomos formuliert dies in seiner Auslegung des ersten Korintherbriefs:

(Ad I Cor. Hom. PG 61:284): „So lasst uns auch den Kindern der Griechen begegnen, mit Synkatabasis und mit Liebe. Denn sie ist eine große Lehrmeisterin, die sowohl in der Lage ist, von Irrtümern abzubringen, als auch den Charakter zu formen, zur Philosophie zu führen und aus Steinen Menschen zu machen.“

Beim Prinzip der Synkatabasis handelt es sich nicht um eine spontane vorübergehende Anpassung, sondern um ein andauerndes pädagogisches Verhalten, mit dem der Lehrer allmählich und mit Ruhe seine Schüler zur μάθησις (Lernen) führt.

„Der Gewinn der Synkatabasis zeigt sich in allen Dingen. So haben wir die Künste nicht durch sofortige Vermittlung von den Lehrern erlernt, sondern […] ruhig und nach und nach.“

Die Eltern müssen daher die Lehren der Schrift den kleinen Kindern allmählich und mit Ruhe beibringen, also gemäß dem Prinzip der Synkatabasis, angepasst an deren Verstand. Es heißt:

(Inan. Glor. 633): „Da das viel Philosophieren das Verständnis des Kindes übersteigt, kann sie jedoch durch Synkatabasis sanft in das kindliche Verständnis eingeführt werden, wenn wir Erzählungen nutzen.“

Die Pädagogik des Chrysostomos setzt jedoch die menschliche Freiheit voraus und einen Optimismus hinsichtlich der Fähigkeit aller Menschen, freiwillig die christliche Lebensweise anzunehmen und das Ziel der Homoiosis Theo, also Gott ähnlich zu werden, zu erreichen.

6. Die Pädagogik der Freiheit

Kein anderer Autor vor Chrysostomos hat einen so starken Freiheitsbegriff (→ Freiheit) vertreten wie er. In der für die antike Pädagogik relevanten Schrift De inani gloria vertritt Chrysostomos die stoische Auffassung der Freiheit, also die Befreiung der Seele von der Sklaverei der Sünde (Inan. Glor. 865 ἀλλ’ ἡ ἁμαρτία τὴν δουλείαν εἰσήγαγεν). Die christliche Bildung bringe alle Menschen, zu ihrem paradiesischen Status als freie vernünftige Wesen zurück. Die Stoiker waren vor allem diejenigen, die die Freiheit von den Leidenschaften propagierten, während die Kyniker die Freiheit als Freimut betonten. Bei Chrysostomos ist beides anzutreffen. Er befasst sich jedoch mehr mit einer dritten Dimension der Freiheit, also die Entscheidungsfreiheit, die eine sehr zentralen Rolle in seiner Pädagogik spielt. In einem anderen Werk, das von pädagogischer Relevanz ist, nämlich die katechetischen Homilien für die Vorbereitung der Konvertiten auf die christliche Taufe bemerkt er:

Cat. 8.22: „Und auch dies ist ein größter Beweis seiner Weisheit und seiner unaussprechlichen Menschenliebe, dass er uns die Sorge für das Höhere in uns, ich spreche von der Seele, anvertraut hat, indem er uns durch die Dinge selbst lehrt, dass er uns als Wesen mit freier Entscheidung erschaffen hat und uns die Wahl überlassen hat, sowohl die Tugend zu wählen als auch zum Laster überzulaufen.“

Über die Vertreter der Mehrheitskirche (vor allem Origenes und die Kappadokier), die anschließend an frühere hellenistich-jüdische Philosophen-Exegeten, die die menschliche Entscheidungsfreiheit gegen den Determinismus alternativer Traditionen verteidigten, hat Chrysostomos das Konzept der Entscheidungsfreiheit ἐλευθερία τῆς προαιρέσεως geerbt. Hierbei geht es um die Position, die Chrysostomos mehr als jeder andere zuspitzt, dass nämlich die menschliche προαίρεσις (moralischer Wille im Ganzen) den Vorrang vor der menschlichen Natur hat. Ich bin nicht durch meine Natur eingegrenzt, bemerkt Chrysostomos, sondern ich bin mit der Entscheidungsfreiheit von Gott geehrt: (ΜPG 48, 1042) „Oὐ γὰρ φύσει δέδεμαι͵ ἀλλ΄ ἐλευθερίᾳ προαιρέσεως τετίμημαι“. Es hängt nämlich nicht von meiner Natur, sondern von meiner προαίρεσις (moralischer Wille im Ganzen) ab, ob ich ein guter oder ein böser Mensch werde. Deswegen sei das christliche Leben mit der κατὰ προαίρεσιν φιλοσοφία identisch (Ep. ad Olymp. 8.7). Während die menschliche Natur eine vorgegebene Form habe, könne jede Person durch ihre προαίρεσις ihren Charakter entwickeln. Dieser Charakter sei etwas Kontingentes und an dieser Kontingenz liegt die menschliche Freiheit. Man fragt sich nun, aus welchem Grund die Entscheidungsfreiheit ein großes Thema für die Ostkirche und Chrysostomos wurde. Der Philosoph und Märtyrer Justin, der erste der sich auf den Begriff ἐλευθέρα προαίρεσις bezieht, und sein Schüler Tatian, der diesen Begriff in ἐλευθερία τῆς προαιρέσεως umformt, verwendeten die Entscheidungsfreiheit als christliche Lehre gegen vulgäre Schicksalsvorstellungen oder Aberglauben wie z.B. die Astrologie.

Noch intensiver und systematischer stützten sich Irenäus von Lyon sowie Clemens und Origenes von Alexandrien auf das Konzept der Entscheidungsfreiheit im Kampf gegen den starken Dualismus und Determinismus alternativer Traditionen wie der sog. Gnosis. Die Auseinandersetzung der Alexandriner mit den „Gnostikern“ hatte unter anderem den Begriff πίστις, Glaube (→ Glaube), als Schwerpunkt. Während Clemens und Origenes πίστις als einen Ausdruck einer freiwilligen und bewussten Annahme des christlichen Glaubens verstanden, lehrten die „Gnostiker“, dass der Glaube eine Gabe Gottes oder der Natur sei.

Chrysostomos betont die menschliche προαίρεσις als Grundlage der christlichen Philosophie. Das ist nach Chrysostomos etwas Kleines (μικρόν) im Vergleich zum Willen und Plan Gottes, aber dieses μικρόν wird weder von Gott noch von des Geistes Gnade aufgehoben: „Οὔτε γὰρ ὁ Θεός͵ οὔτε ἡ τοῦ Πνεύματος χάρις τὴν ἡμετέραν προφθάνει προαίρεσιν“ [„Weder Gott noch die Gnade des Geistes nehmen unsere Prohairesis vorweg.“, Hom. 2 Cor. 4,13 1,5 (PG 51,276).]. Solche Zuspitzungen bezüglich des Konzeptes προαίρεσις stammen erneut aus der Philosophie. Epiktet tätigt ähnliche Aussagen. So ist bei ihm die προαίρεσις das Einzige, das selbst Gott bei den Menschen nicht besiegen kann (τὴν προαίρεσιν δὲ οὐδ’ ὁ Ζεὺς νικῆσαι δύναται, Epict Diss 1,1,23f.).

7. Rückblick

Das gesamte Wirken und Leben des Chrysostomos war darauf ausgerichtet, seine Gemeinde in den griechisch-römischen urbanen Zentren zu bilden. Seine Überlegungen zur Kindererziehung sind Teil eines umfassenden Projekts, mit dem er versuchte, die griechisch-römische Gesellschaft zu reformieren und die christliche Bildung bzw. Philosophie zu etablieren.

In seinem Programm bleibt Chrysostomos in Kontinuität mit früheren hellenistisch-jüdischen und frühchristlichen Autoren, die seit dem Septuaginta-Projekt (drittes Jahrhundert v. Chr.) bestrebt waren, biblische mit hellenistisch-philosophischen Traditionen zu verbinden und neue Konzepte zu entwickeln. Viele sahen im Christentum die Vollkommenheit der griechischen Philosophie, während andere die griechisch-römischen pädagogischen Mittel nutzten, um das Christentum als Bildungsreligion und χριστιανικὴ φιλοσοφία zu verbreiten. Dabei handelt es sich um eine Kombination von Kritik an und Aneignung von philosophischen Begriffen. Obwohl Chrysostomos die griechischen Philosophen kritisiert, verwendet er ähnliche Methoden wie sie, um Kinder und Erwachsene zur Selbsttransformation zu ermahnen.

Chrysostomos war ein lebendiges Vorbild christlicher Philosophie und Pädagogik. Sein umfangreiches Werk zeugt von seinem Eifer, Kinder, getaufte Christen und auch potenzielle Konvertiten gemäß der wahren Philosophie des fleischgewordenen Logos zu unterweisen. Christus wird dabei als der ideale Lehrer, Asket und Märtyrer der Wahrheit verstanden, der die Philanthropie des unfassbaren Gottes verkörpert und alle Menschen zur Angleichung an Gott ermahnt. Diese Angleichung des Menschen an Gott betrifft nicht nur das Erlangen der Unsterblichkeit, sondern auch die moralische Dimension, insbesondere in Bezug auf Synkatabasis (Anpassung), Barmherzigkeit und das Almosengeben. Alle pädagogischen Prinzipien von Chrysostomos gründen auf dem Glauben, dass der Mensch frei entscheiden und willentlich für seine Seele und seinen Nächsten Sorge tragen kann.

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Wissenschaftliche Internetquellen für das exegetische Corpus des Chrysostomos: https://orthodoxbiblical.org/scientific-internet-sources-for-the-exegetical-corpus-of-chrysostom/

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