Kirchenjahr, katholisch
Andere Schreibweise: Liturgisches Jahr; engl. liturgical year, church year
(erstellt: Februar 2025)
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1. Die Feier der Liturgie im Rhythmus der Zeit
1.1. „Heilige Zeiten“: kein Fremdkörper in heutiger Zeit
In der christlich verfassten Gesellschaft früherer Jahrhunderte bestimmten die kirchlichen Feste (→ Fest/Feste
„Heilige Zeiten“ bestimmen sich aus dem Gegensatz zu gewöhnlicher, alltäglicher, profaner Zeit. Sie sind so etwas wie „Auszeiten“. „Sie verheißen jenen kostbaren Augenblick, in denen Lebenssinn in unerhört verdichteter, deutlicher, greifbarer Weise aufscheint“ (Bieritz, 2014, 346). Gerade darin kommt den Feiern im Kirchenjahr eine „heilende Dimension“ zu (Grün/Reepen, 1996).
1.2. Kirchenjahr: mehr als eine Folge von Festen
1.2.1. „Kirchenjahr“ – Bezeichnung für die Gesamtheit der liturgischen Feste im Kreislauf eines Jahres
Wir sprechen heute gemeinhin von dem Kirchenjahr, wenn die Gesamtheit der liturgischen Feiern im Kreislauf eines Jahres gemeint ist. Die Rede vom Kirchenjahr legt die Annahme nahe, dass es sich dabei um ein inhaltlich geschlossenes Gebilde handele oder gar um ein von einem theologischen Grundgedanken aus konzipiertes System einer Zeitgliederung, das auch noch dem profanen Jahr gegenüberstünde (Auf der Maur, 1983, 212). Dagegen spricht, dass die Gesamtheit der liturgischen Feste im Kreislauf eines Jahres lange Zeit überhaupt nicht als Einheit aufgefasst worden ist. Erst als sich im 13./14. Jahrhundert „die Zeit der Kirche und die Zeit der Händler“ zu differenzieren begann, entstand die Idee zu einem Kirchenjahr im Unterschied zum profanen Jahr (Kranemann, 1991, 41).
1.2.2. Der theologische Ansatzpunkt für die Struktur des Kirchenjahres
Für die katholische Kirche hat die Liturgiekonstitution „Sacrosantum Concilium“ (SC) des Zweiten Vatikanischen Konzils den theologischen Ansatz für das Kirchenjahr folgendermaßen beschrieben:
„Als liebende Mutter hält die Kirche es für ihre Aufgabe, das Heilswerk ihres göttlichen Bräutigams an bestimmten Tagen hindurch in heiligem Gedenken zu feiern.
In jeder Woche begeht sie an dem Tag, den sie Herrentag genannt hat, das Gedächtnis der Auferstehung des Herrn, und einmal im Jahr feiert sie diese Auferstehung zugleich mit dem seligen Leiden des Herrn an Ostern, ihrem höchsten Fest.
Im Kreislauf des Jahres entfaltet sie das ganze Mysterium Christi von der Menschwerdung und Geburt bis zur Himmelfahrt, zum Pfingsttag und zur Erwartung der seligen Hoffnung und der Ankunft des Herrn.
Indem sie so die Mysterien der Erlösung feiert, erschließt sie die Reichtümer der Machterweise und der Verdienste des Herrn, so dass sie jederzeit gewissermaßen gegenwärtig gemacht werden und die Gläubigen mit ihnen in Berührung kommen und mit der Gnade des Heiles erfüllt werden“ (SC, 102; Hervorhebung BJM).
Die Aussagen der Konzilsväter lassen folgenden Schluss zu: Der Gottesdienst im Rhythmus der Zeit besteht im Gedächtnis des Todes und der → Auferstehung Jesu
Wenn hier von Feiern die Rede ist, dann ist damit bereits eine theologische Aussage verbunden. Im Gottesdienst (→ Gottesdienst, katholisch
1.3. Pascha-Mysterium: die Herzmitte des Kirchenjahres
Die Heilstaten Gottes sind also nicht gewesen und vergangen, sondern sind gegenwärtig, indem Menschen sich versammeln und sie gedenkend feiern. In katholischer Theologie wird diese Dimension unter dem Terminus „Feier des Pascha-Mysteriums“ gefasst. Damit ist das ganze Handeln Gottes in der Geschichte mit den Menschen gemeint, das seinen unüberbietbaren Kulminationspunkt in Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi findet (Jeggle-Merz, 2010). Immer wenn Gottesdienst gefeiert wird, geht es um das Ganze des Heils, nie nur um einen Teil des Heils. Deshalb geht es an Weihnachten (→ Geburtsgeschichten Jesu / Weihnachten, bibeldidaktisch
Die Gegenwart des Heils wird im Laufe des Kirchenjahres ausdrücklich ins Wort gebracht. An Weihnachten heißt es beispielsweise nicht: „vor 2000 Jahren ist uns der Heiland geboren“, sondern: „Heute ist uns der Heiland geboren“, oder an Pfingsten: „… heute hast du das österliche Heilswerk vollendet“. Das liturgische Gedächtnis ist kein Sich-Bloßes-Erinnern, sondern Vergegenwärtigung des Heilshandeln Gottes.
1.4. Aufbau und Ordnung des Kirchenjahres
Die Feier des Wochenosterns und des Jahresosterns bilden den theologischen Kern des Kirchenjahres. Der Sonntag ist dabei der Urfeiertag der Kirche und das Fundament des Kirchenjahres. Im Verlauf des Jahres feiert die Kirche „das ganze Mysterium Christi: von der Menschwerdung bis Pfingsten und zur Erwartung der Wiederkunft des Herrn“ (Grundordnung, 1969, 17).
Die Grundordnung des Kirchenjahres entfaltet die Jahresfeier in sieben Perioden:
- die drei österlichen Tage (vom Abend des Hohen Donnerstag bis zum Ostermorgen früh);
- die Osterzeit (von Ostersonntag bis Pfingstsonntag),
- die österliche Bußzeit (vom Aschermittwoch bis Hohen Donnerstag mittags),
- die Weihnachtszeit (vom 24. Dezember abends bis 6. Januar),
- der Advent (vom Sonntag, der auf den 30. November fällt oder diesem Datum am nächsten kommt, bis 24. Dezember mittags),
- die Zeit im Jahreskreis (33 bzw. 34 Sonntage ohne besondere Prägung, vom Sonntag nach dem 6. Januar bis zum Sonntag vor Aschermittwoch; unterbrochen durch die jährliche Osterfeier (1-3), fortgesetzt am Sonntag nach Pfingsten bis zur ersten Vesper des ersten Adventsonntags),
- die Bitt- und Quatembertage.
[Bei den Quatembertage handelt es sich um den Mittwoch, Freitag und Samstag der vier Wochen, die ungefähr mit dem Beginn der vier Jahreszeiten zusammenfallen. Diese Tage waren in der Geschichte sehr bedeutsam und wurden von der Bevölkerung gerne gottesdienstlich begangen, weil man den Tagundnachgleichen und der Winter- und Sommersonnenwende große Kraft zusprach. Heute spielen die Quatembertage im Leben von katholischen Christinnen und Christen allerdings kaum noch eine Rolle].
Das liturgische Jahr wird also von den zwei großen Festkreisen, dem Oster- und dem Weihnachtsfestkreis geprägt. Die Zeit dazwischen wird als Zeit im Jahreskreis bezeichnet.
2. Der Sonntag – die wöchentliche Feier des Pascha-Mysteriums
Der Sonntag ist nach christlichem Verständnis der wichtigste Tag der Woche:
„Aus apostolischer Überlieferung, die ihren Ursprung auf den Auferstehungstag Christi zurückführt, feiert die Kirche Christi das Pascha-Mysterium jeweils am achten Tag, der deshalb mit Recht Tag des Herrn oder Herrentag genannt wird. An diesem Tag müssen die Christgläubigen zusammenkommen, um das Wort Gottes zu hören, an der Eucharistiefeier teilzunehmen und so des Leidens, der Auferstehung und der Herrlichkeit des Herrn Jesus zu gedenken und Gott dankzusagen, der sie ‚wiedergeboren hat zu lebendiger Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten’ (1 Petr 1,3
2.1. „bis er kommt“: der Sonntag als Tag der Auferstehung und der Vollendung
Wenn die Christinnen und Christen am Sonntag zusammenkommen, verkünden sie im Wort und im gemeinsamen Mahl (→ Abendmahl / Eucharistie
2.2. Eucharistie: die zentrale Feier des Sonntags
Die Erzählung von den Emmausjüngern (Lk 24,13-35
Das hier Berichtete gilt bis heute: Es ist der auferstandene und erhöhte Herr, der zu den Versammelten kommt, zu ihnen spricht und ihnen die Heilstaten Gottes erschließt. Er ist es, der zum gemeinsamen Mahl einlädt und das Brot bricht, damit sie ihn im österlichen Mahl erkennen.
Lange feierte die Kirche ausschließlich am Sonntag Eucharistie und zeichnete diesen Tag besonders durch das österliche Gedächtnis aus. Papst Johannes Paul II. bezeichnete deshalb auch die eucharistische Versammlung als „das Herz des Sonntags“ (Johannes Paul II., 1998, 28). Die sonntägliche Feier der Eucharistie ist besonders festlich geprägt: durch das sonntägliche Taufgedächtnis, den Lobgesang des Gloria, durch eine Leseordnung mit drei Lesungen (AT – NT – Evangelium), durch das gemeinsame Bekenntnis des Glaubens (→ Glaube
3. Ostern – die jährliche Feier des Pascha-Mysteriums
Ostern ist bis heute in allen christlichen Kirchen das wichtigste Fest im Jahreslauf: „Was der Sonntag für die Woche bedeutet, ist Ostern für das ganze Jahr“ (Grundordnung, 1969, 18).
3.1. Die Dreitagefeier von Ostern: Gründonnerstag, Karfreitag, Osternacht
Ursprünglich wurde Ostern in einer Ganznachtfeier begangen. Um das 4. Jahrhundert herum entstanden entlang der Angaben der Passionsberichte der Evangelien (→ Passion und Auferstehung, bibeldidaktisch, Grundschule
Nach jüdisch-christlicher Tradition wird der Tag nicht von Mitternacht zu Mitternacht gezählt, sondern von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang (Gen 1
Im Mittelpunkt des Karfreitags in der katholischen Liturgie steht die Feier vom Leiden und Sterben Jesu Christi mit der Verlesung der Johannespassion (Joh 18
Die Osternacht beginnt mit einer Lichtfeier, zu der sich die Gläubigen um das Osterfeuer versammeln. Unter dem Gesang „Lumen Christi“ (dt.: „Christus, das Licht“) wird das Licht der Osterkerze in die Kirche getragen als Zeichen, dass der auferstandene Christus der Kirche vorangeht und den Menschen den Weg bahnt durch den Tod in das Reich Gottes. Danach wird das feierliche Osterlob, das Exsultet, angestimmt. Anschließend wird in sieben alttestamentlichen Lesungen die Heilsgeschichte Gottes entfaltet. In dieser großen Wachenacht, in der die Christinnen und Christen seit alters her die Wiederkunft Christi erwarten, werden die Feiernden in das Ganze in der Geschichte gewirkte Heil hineingestellt und gewinnen Anteil daran. Wenn die Parusie (griech. = Kommen des Herrn) dieses Ostern noch ausbleibt, feiert die Kirche Eucharistie, die insofern Platzhalter für das endzeitliche Mahl ist.
Da in dieser Nacht das ganze Heil gegenwärtig ist, ist diese Nacht auch die große Taufnacht. Mit einer Tauferinnerung können alle Mitfeiernden sich erneut bewusstwerden, dass sie schon jetzt mit Christus gestorben, begraben und auferstanden sind (Röm 6
3.2. Die Heiligen Vierzig Tage: Österliche Bußzeit/Fastenzeit
Der Drei-Tage-Feier von Ostern geht eine vierzigtägige Vorbereitungszeit voraus, die gemeinhin als Fastenzeit bezeichnet wird. Diese Begrifflichkeit legt den Akzent auf das Fasten und den Verzicht. Die liturgischen Bücher sprechen auch von Österlicher Bußzeit und betonen damit den umfassenderen Sinn dieser Wochen vor Ostern als eine Zeit der Umkehr und Buße. In den Gebeten dieser Zeit wird noch ein weiterer Name benannt: die Heiligen Vierzig Tage.
In der Bibel hat die Zahl vierzig eine hochsymbolische Bedeutung:
- 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut (Gen 7,17
), - 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste (Jos 5,6
), - 40 Tage und Nächte blieb Mose auf dem Berg Sinai, um von Gott das Gesetz zu erhalten (Ex 24,18
), - 40 Tage und Nächte zog der Prophet Elija zum Gottesberg Horeb (1 Kön 19,8
), - Jonas Bußruf für Ninive lautete: „noch vierzig Tage“ (Jona 3,4
), - und auch Jesus blieb 40 Tage und Nächte in der Wüste (Mt 4,3
; Mk 1,13 ; Lk 4,1 ).
Immer wenn die Heilige Schrift die Zahl „vierzig“ verwendet, wird diese Zeit als Heilssymbol qualifiziert. „Vierzig Tage“ ist das „Zeitmaß der Erlösung im liturgischen Jahr“ (Dannecker, 2012).
„Die Zeit der Vierzig Tage hat die doppelte Aufgabe, einerseits vor allem durch Tauferinnerung oder Taufvorbereitung, andererseits durch Buße die Gläubigen, die in dieser Zeit mit größerem Eifer das Wort Gottes hören und dem Gebet obliegen sollen, auf die Feier des Pascha-Mysteriums vorzubereiten. Dieser Doppelcharakter soll sowohl in der Liturgie wie auch in der Liturgiekatechese in helles Licht gerückt werden“ (SC, 119).
Die Österliche Bußzeit beginnt mit dem Aschermittwoch. In dieser Feier wird allen Gläubigen mit Asche aus den Zweigen des letztjährigen Palmsonntags ein Kreuz auf die Stirn oder das Haupt gezeichnet. Alle sechs Sonntage unterliegen einem bestimmten Thema, das in Lesungen und Gebeten entfaltet wird:
Sonntag 1-2: Versuchung, Verklärung (Perikopen A-C nach Synoptikern),
Sonntag 3-5: A. Bedeutung der Initiation nach Joh 4
B. Johannäische Perikopen über die kommende Verherrlichung Jesu durch Kreuz und Auferstehung,
C. Lukanische Texte über Umkehr und Versöhnung,
Sonntag 6: Eröffnung der Heiligen Woche: Passionslesung nach den Synoptikern.
3.3. Die Heiligen Fünfzig Tage: Osterzeit
Seit frühester Zeit haben die Christinnen und Christen der fünfzigtägigen Osterzeit besondere Bedeutung beigemessen. Der griechische Name dieser Zeit lautet Pentekoste, die Zeit der Fünfzig Tage. Die Zahl 50 ist wieder eine symbolische Zahl und steht für die Vollendung: 7x7 plus 1, was nach alter Zahlenmystik Leben im Reich Gottes bedeutet. Deshalb ist diese Zeit die große Freudenzeit, gleichsam ein einziger, ungeteilter Festtag. Den Festcharakter dieser Periode der Osterfreude unterstreicht z.B. das Konzil von Nizäa im Jahr 325. Es verbietet während dieser Zeit jegliche Formen der Buße, so auch das Niederknien und das Fasten. Bis in die heutigen Tage soll in dieser Zeit die Freude (über die Überwindung des Todes) und der österliche Jubel vorherrschen (Grundordnung, 1969, 23). Deshalb ist die fünfzigtägige Freudenzeit eine bevorzugte Zeit für das sonntägliche Taufgedächtnis und die Feier der Taufe. In der Osterzeit werden in den Gottesdiensten ausschließlich Lesungen dem Neuen Testament entnommen und damit der Akzent der Verkündigung auf das österliche Geheimnis der Auferstehung und auf die Geschichte der jungen Kirche gelegt.
Charakteristisch ist für die ganze Osterzeit in der katholischen Kirche, dass in den Gottesdiensten immer wieder das Halleluja angestimmt wird und auch feierlich den Entlassungsruf „Gehet hin in Frieden“ der sonntäglichen Eucharistie begleitet. Nach Ausweis der Johannesoffenbarung 19,6
Ein erster Akzent wird am Oktavtag (von lat. [dies] octava = der achte Tag) von Ostern gesetzt, der heute als Weißer Sonntag bezeichnet wird. Die erste Osterwoche war schon in der Frühen Kirche eine Zeit der intensiven Nachbereitung dessen, was in der Osternacht erlebt worden war. Die Neugetauften trugen ihre weißen Taufgewänder bis zum Oktavtag von Ostern, also dem zweiten Ostersonntag. Nun legten sie diese Gewänder wieder ab. Der Name „Weißer Sonntag“ ist geblieben. Heute finden hier in vielen Gemeinden die Erstkommunionfeiern statt.
Der Hinweis in der Apostelgeschichte (→ Apostelgeschichte, bibeldidaktisch (Primar- und Sekundarstufe)
Mit dem fünfzigsten Tag, dem Pfingstfest, findet die Osterzeit ihren Abschluss. Damit schlägt sich die zeitliche Stufung von Auferstehung – Himmelfahrt – Geistsendung, die das lukanische Doppelwerk nahelegt, im Kirchenjahr nieder. Im Evangelium dieses Tages tritt der auferstandene und erhöhte Christus noch einmal in die Mitte seiner Jünger, haucht sie an und übermittelt ihnen den Heiligen Geist (Joh 20,19-23
4. Weihnachten – die Feier der Menschwerdung Gottes
Weihnachten ist das wohl bekannteste christliche Fest. Auch gesellschaftlich ist es fest im Ablauf des Jahres verankert, jedoch weniger als Fest der Menschwerdung Gottes, sondern mehr als Fest der Familie gepaart mit dem Wunsch nach Frieden und Liebe.
4.1. Heiligabend und Weihnachten
Der Name Weihnachten für das Fest der Geburt Jesu geht auf einen Brauch zurück, die Nächte vom 24. Dezember bis zum 6. Januar als „geweihte“ bzw. „heilige“ Nächte (mittelhochdeutsch wihen nachten) in besonderer Weise zu begehen.
Anders als Ostern hat Weihnachten ein festes Datum: Es wird am 25. Dezember begangen. Da alle christlichen Hochfeste nach jüdischem Brauch am Vorabend beginnen, so hat auch an Weihnachten der Vorabend eine besondere Prägung erhalten. In der heutigen Wahrnehmung ist der Heiligabend sogar zentraler als der 25. Dezember. Die biblischen Erzählungen, die in den Gottesdiensten verkündet werden, erläutern den Festinhalt: Weihnachten feiert den Gott, der Mensch geworden ist, um die Welt zu erlösen. Daher wird die Geschichte von der Geburt Jesu im Stall erzählt, von den Hirten auf dem Felde berichtet, denen die Engel die frohe Botschaft verkünden und davon berichtet, dass das Wort Fleisch angenommen hat. Unter dem besonderen Blickwinkel der Menschwerdung Gottes wird wie an Ostern auch an Weihnachten die Erlösung gefeiert.
4.2. Die Adventszeit
Auch dem Weihnachtsfest geht eine Vorbereitungszeit voraus, in der sich die Gläubigen auf die Ankunft Gottes in unserer Welt einstimmen können. Daher trägt diese Zeit auch den Namen Advent (von lat. adventus: Ankunft). Die Liturgie des Advents ist ausgerichtet auf das doppelte Ziel der Ankunft Jesu: zum einen auf die Feier der Geburt des Herrn, dessen Heil sich je neu für die Feiernden ereignet, und zum anderen auf die Vorwegnahme der Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten.
4.3. Feste in der Weihnachtszeit
Die Weihnachtszeit beginnt am Vorabend des 25. Dezember und reicht bis zum Sonntag nach Erscheinung des Herrn (6. Januar), dem Fest der Taufe des Herrn. Besonders hervorzuheben ist das Hochfest der Erscheinung des Herrn (griech. Epiphanie = Erscheinung) am 6. Januar. Es feiert das Erscheinen des Heils für alle Völker der Erde. Für die Christinnen und Christen des Ostens, die zwar auch den 25. Dezember feiern, ist dieser Tag aber das eigentliche Weihnachtsfest, an dem man jedoch nicht nur die Geburt Jesu feiert, sondern auch die Anbetung durch die Magier aus dem Morgenland, der Taufe Jesu im Jordan und das erste Wunder bei der Hochzeit zu Kana. Bei der Übernahme dieses Festes im Westen setzte man den Akzent allerdings auf die Erzählung von den drei Königen (Mt 2,1-12
5. Die Zeit im Jahreskreis
Der letzte Sonntag der Weihnachtszeit ist zugleich der erste Sonntag im Jahreskreis. Bis zum Beginn der Österlichen Bußzeit werden die Sonntage fortlaufend gezählt. Die Zählung der Sonntage wird nach Pfingsten fortgesetzt. Damit umfasst die Zeit im Jahreskreis 34 oder 33 Wochen, abhängig davon, wann die Vorbereitungszeit auf Ostern beginnt.
Bei den Herrenfesten im Jahreskreis lassen sich zwei Gruppen unterscheiden:
- zum einen Feste, die bestimmte, in den Evangelien überlieferte heilsgeschichtliche Ereignisse aus dem Leben Jesu zum Inhalt haben. Das ist z.B. das Fest Darstellung des Herrn am 2. Februar (Lk 2,22-24
; Lev 12,2-8 ) (früher: Fest Mariä Lichtmess), das Hochfest der Verkündigung des Herrn am 25. März (Lk 1,26-38 ) oder das Fest der Verklärung des Herrn am 6. August (Mk 9,2-10 ); - zum anderen Feste, die eine bestimmte Frömmigkeitshaltung oder eine bestimmte Glaubenswahrheit feiern. Solche Ideenfeste sind erst im zweiten Jahrtausend eingeführt worden, um bestimmte Frömmigkeiten auch liturgisch zu verankern. Dazu zählen: der Dreifaltigkeitssonntag, Fronleichnam, das Hochfest Heiligstes Herz Jesu, das Fest Kreuzerhöhung und der Christkönigssonntag.
6. Feste und Feiern der Heiligen
Schon früh begann die Kirche, Christinnen und Christen zu verehren, die ihren Glauben bis in den Tod hinein bezeugt hatten (→ Heilige
Literaturverzeichnis
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