Exerzitien
Andere Schreibweise: engl. spiritual exercises
(erstellt: Februar 2025)
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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.400075
1. Begriff
Unter Exerzitien (von lat. exercitia spiritualia) versteht man Übungen, die der Mensch, im Gegensatz zu leiblichen Übungen wie Sport oder Körperwahrnehmung, geistig (mental) oder – traditionell gesprochen – seelisch absolviert. Methodisch angeleitet, richtet die Person, die Exerzitien macht – Exerzitant/Exerzitantin genannt –, ihre Aufmerksamkeit auf spirituelle Themen und auf spirituelle, also vom Geist gewirkte Regungen wie Gefühle, Gedanken, Bilder, Geschichten. Die Themen und Regungen kommen von innen und haben oft direkten Bezug zu konkreten Lebensfragen und zum → Alltag
Unter Exerzitien versteht man heute auch meist mehrtägige Kurse und geistliche Übungen in eigens dafür eingerichteten Häusern für Gruppen angeboten werden. Exerzitienkurse finden – in der strengeren Form – meist im Schweigen statt und mit klarer Abgeschiedenheit vom Alltag. Täglich macht die Exerzitantin/der Exerzitant drei oder vier einstündige geistliche Übungen, mit Anleitung und persönlicher Begleitung durch eine darin erfahrene und geschulte Person. Die individuellen Übungen werden meist durch Übungen in der Gruppe und durch Gottesdienste (→ Gottesdienst, katholisch
Drei Ziele haben Exerzitien: 1. Sie helfen, das Leben zu ordnen und neu auszurichten. 2. Sie führen in die Nachfolge Jesu und helfen, auf geistliche Weise (Lebens-)Entscheidungen zu treffen. 3. Sie führen in eine vertiefte Gottesbeziehung und haben in diesem Sinn eine mystagogische und mystische Zielsetzung. Mit diesen Zielen sind Exerzitien Lernorte (→ Lernorte religiöser Bildung
2. Geschichtliche Entwicklung
2.1. Ignatius von Loyola
Der baskische Ritter Ignatius von Loyola (1491-1556) ist der Begründer der neuzeitlichen Exerzitienbewegung. In seiner Biografie (→ Biografie/Lebensgeschichte/Lebenslauf
In seiner Umkehrphase suchte Ignatius intensiv nach seinem spirituellen Weg. Mit Hilfe anderer und durch eigene Erfahrungen entdeckte er eine Methode, die Exerzitien. Seine persönlichen Aufzeichnungen entwickelte er immer weiter; sie wurden später zu einem Buch, im Deutschen „Exerzitienbuch“ oder „Geistliche Übungen“ (Ignatius, 2015) genannt. Es ist bis heute das Grundlagenwerk aller Exerzitien. Da es in Sprache, Bildwelt und Theologie stark seiner Zeit verhaftet ist, ist seine direkte Nutzung für heute schwierig; es gibt aber mehrere moderne Einführungen und Adaptionen dazu (Knauer, 2006; Lefrank, 2009; Köster, 2017; Kiechle 2024).
2.2. Geistliche Übungen vor Ignatius
Seit alter Zeit gab es geistliche Übungen. Die Mönchsväter verstanden unter ihrer aszetischen (gr. askeín: üben) Praxis mehr körperliches Üben wie Fasten und andere strenge Verzichte, die aber zum Gebet (→ Beten, christliche Perspektive
2.3. Geistliche Übungen nach Ignatius
Anfangs wurden Exerzitien nur von Jesuiten und nur für Einzelpersonen im individuellen Gespräch vermittelt. Die große Zahl an Exerzitanten – anfangs nur Männer – führte jedoch dazu, dass man mehr und mehr in Vorträgen vor Gruppen die Übungen erläuterte, die jeder Teilnehmer dann für sich machte. Da man in den Vorträgen auch Grundlagen zur Theologie und Spiritualität behandelte, bekamen Exerzitien so auch einen katechetischen Charakter (→ Katechese/Katechetik
Seit den 1950er-Jahren wurden die Einzelexerzitien wiederentdeckt, in der die Begleitperson individuell durch die Exerzitien führt. Die Prozesse können auf diese Weise tiefer und persönlicher gestaltet werden, die Exerzitien bekamen eine neue Wirksamkeit. Führend in dieser Erneuerung waren Frankreich und die USA, dann auch der deutschsprachige Raum. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) (→ Zweites Vatikanisches Konzil, kirchengeschichtsdidaktisch
3. Theologie
3.1. Die theologische Prägung des Ignatius
Ignatius war von der Vita Christi des Kartäusers Ludolph von Sachsen (Baier, 1987, 300f.) und von der Devotio moderna geprägt; seine pädagogische Methode lebte damit aus der „Betrachtung“ (contemplatio) des Lebens Jesu. Wort und Verhalten Jesu durch Bibelmeditation zu verinnerlichen, führt in die Beziehung zur Gestalt Jesu ein und macht ihn zum Modell für eigenes Verhalten. Theologisch wird das Wort Gottes aufgewertet und die Frömmigkeit christologisch zentriert. Ignatius studierte später vor allem scholastische Theologie und führte diese als Grundlage für seinen Orden ein. Mit anderen Großen der Zeit fragte er nach dem gnädigen Gott; → Sünde/Schuld
3.2. Heutige Theologie der Exerzitien
Seit der Wiederentdeckung der Einzelexerzitien und der Erneuerung der Theologie im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils setzen Exerzitien neue theologische Akzente: Jener auf Sünde und Vergebung ist geringer, stärker ist der auf Heilung, Befreiung und Wegweisung. In einem persönlichen inneren Prozess sucht der übende Mensch, Gottes helfende, frei machende und erfüllende Nähe zu erfahren, das Leben von ihm durchdringen zu lassen und auf ihn auszurichten. Folie oder Modell für diesen Prozess ist vor allem das Leben Jesu. Zusätzlich werden heute Texte des Alten Testaments und neben den Evangelien weitere Texte des Neuen Testaments zur Betrachtung vorgeschlagen; so wird die ganze Heilsgeschichte Gottes mit dem Menschen in den Blick genommen. Man will die persönliche Gestalt der Nachfolge Jesu (→ Nachfolge (als freiheitliche und lebensfördernde theologische Praxis)
Wichtig ist dafür die Unterscheidung der Geister: Diese sehr alte, teils schon biblische Lehre meint, dass man in Stille und Gebet durch Introspektion die eigenen inneren Regungen wahrnimmt und diese dann „unterscheidet“, d.h. sie nach bestimmten Kriterien daraufhin prüft, ob sie von einem „guten Geist“ bewirkt sind, der in gute und heilsame Richtung führt, oder von einem „bösen Geist“, der in Unheiles, Falsches und Böses zu verstricken sucht. Dabei geht es weniger um Moral als darum, dass die Exerzitantin/der Exerzitant wertschätzend ihre innerpsychischen Kräfte wahrnimmt und sich von diesen steuern lässt – und die negativen Energien entlarvt, um sich von ihnen nicht bestimmen zu lassen. Die theologische → Anthropologie
Gibt es verschiedene Positionen der Exerzitiendeutung? Unterscheiden lässt sich: eine dramatische Deutung: Exerzitien führen in das große Heilsdrama Gottes mit dem Menschen ein, sie erschüttern und heilen; eine sozialpsychologische-apostolische Deutung: Exerzitien machen das Leben geordneter, effizienter, sie zielen auf tätiges Engagement; eine mystische Deutung: Exerzitien zielen auf Verinnerlichung, Gottesschau und Ruhe in Gott. Doch diese Deutungen müssen sich nicht widersprechen oder ausschließen, denn Exerzitien vereinen diese Aspekte und bringen sie in eine gemeinsame Dynamik.
4. Pädagogische Praxis der Exerzitien
4.1. Setting
Ein Exerzitienkurs dauert meist eine Woche und findet in einem abgeschiedenen Haus statt, mit einer ruhigen und naturhaften Umgebung. Die Gruppe bleibt im Schweigen und hält Stille; auch Lektüre, Kontakte nach außen und andere Ablenkungen sollten unterbleiben, um tiefer in die Stille und Leere zu gelangen. Das Leben wird verlangsamt. Begegnungen mit der Natur helfen, zur Ruhe und zu Gott zu finden. Die Teilnehmende üben selbständig und nach ihrem Rhythmus, an einem frei gewählten Ort, an dem sie gut eine Stunde verweilen können.
Täglich führen die Übenden je ein Gespräch mit einer Begleitperson, die selbst in Exerzitien erfahren und für die Begleitung ausgebildet ist. Im Gespräch berichtet man, wie es am vergangenen Tag ergangen ist, kann persönliche Fragen besprechen und erhält neue Übungen – meist Schrifttexte – für den folgenden Tag. Die Begleitung ist respektvoll, zurückhaltend und freilassend. Sie unterliegt der seelsorglichen Verschwiegenheit und hütet sich vor jedem missbräuchlichen Verhalten (→ Macht
Die Gruppe erfährt trotz des Schweigens tiefe Gemeinschaft durch das gemeinsame Üben und Beten. Sie trägt emotional und spirituell, hat aber auf den individuellen Exerzitienprozess keinen Einfluss. Ein oder zwei Gottesdienste pro Tag – oft täglich mit → Abendmahl / Eucharistie
4.2. Weisen des Gebets und der Betrachtung
Die häufigste Form des Übens ist die Schriftbetrachtung, in der man sich eine Perikope der → Bibel
4.3. Exerzitienformen
Unter ignatianischen Exerzitien versteht man heute meist solche von mehreren Tagen, mit Schweigen und Einzelbegleitung, mit der hauptsächlichen Übungsweise der Schriftbetrachtung (meditative Aneignung biblischer Geschichten vor allem aus den Evangelien; Kiechle, 2024, 31-35). Kontemplative Exerzitien sind in anderem Sinn ebenfalls ignatianisch, sie konzentrieren sich auf gegenstandslose Übungen des Wahrnehmens und Achtens. Weitere Exerzitienformen verbinden die ignatianische Tradition mit anderen Weisen der intensiven Wahrnehmung und des Gebets: So gibt es Wander- und Filmexerzitien, → Bibliodrama
4.4. Lernort religiöser Erfahrung
Exerzitien sind in der katholischen Kirche traditionsreiche und weithin anerkannte Lernorte für spirituelle und religiöse Erfahrung (→ Spirituelles Lernen
Für Jugendliche und junge Erwachsene gibt es angepasste Exerzitienformate, welche die Erfahrungswelt, die Bedürfnisse und die religiöse Suche junger Menschen einbeziehen und fördern. Auch für eine jugendgemäße Alltagsspiritualität greift man oft auf Elemente und Methoden der Exerzitien zurück. Ebenso gibt es Ansätze ignatianisch geprägter Schulpastoral (Görtz, 2014; Spermann/Gentner/Zimmermann, 2017; → Schulseelsorge/Schulpastoral
Literaturverzeichnis
- Arbeitsgemeinschaft deutscher Diözesen für Exerzitien und Spiritualität (ADDES), Exerzitien, o.O. o.J. Online unter: https://www.exerzitien.info/index.php
, abgerufen am 30.10.2024. - Baier, Walter, Ludolf von Sachsen, in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 300-301. Online unter: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118817736.html#ndbcontent
, abgerufen am 30.10.2024. - Buchberger, Birgit u.a. (Hg.), Ignatianische Impulse für die Schule. Wie Persönlichkeitsbildung im Unterricht gelingt, Würzburg 2022.
- Cisneros, García Jiménez de, Exerzitien des geistlichen Lebens. Exercitatorio de la vida spiritual, Münsterschwarzach 2021.
- Diccionario de Espiritualidad Ignaciana (2 Bde.), Bilbao/Santander 2007.
- Görtz, Philipp, Ignatianische Schulpastoral: Anregungen für eine spirituelle Praxis an konfessionellen Schulen, Würzburg 2014.
- Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen. Nach dem spanischen Autograph übersetzt von Peter Knauer SJ, Würzburg 3. Aufl. 2015.
- Ivens, Michael, Understanding the Spiritual Exercises, Herefordhire /Surrey 1998.
- Jalics, Franz, Kontemplative Exerzitien, Würzburg 19. Aufl. 2022.
- Kiechle, Stefan, Gott in allen Dingen. Kurze Praxis der ignatianischen Exerzitien, Würzburg 2024.
- Kiechle, Stefan, Gott die Ehre. Kurze Theologie der ignatianischen Exerzitien, Würzburg 2021.
- Kiechle, Stefan, Sich entscheiden, Würzburg 10. Aufl. 2020.
- Kiechle, Stefan, Ignatius von Loyola, Leben – Werk – Spiritualität, Würzburg 3. Aufl. 2010.
- Knauer, Peter, Hinführung zu Ignatius von Loyola, Freiburg i. Br. 2006.
- Köster, Peter, Zur Freiheit befähigen. Die Geistlichen Übungen des hl. Ignatius von Loyola. Ein Kommentar mit Hinweisen für die Praxis, Würzburg 2017.
- Kramp, Igna Marion, Begegnungen mit den Geheimnissen des Lebens Jesu Christi. Zur biblischen Hermeneutik der Exerzitien, Münster 2020.
- Kramp, Igna/Schulenburg, Johanna (Hg.), In der Kraft des Geistes. Beiträge von Franz Meures zur Spiritualität der Exerzitien, Würzburg 2021.
- Kunz, Erhard, „Bewegt von Gottes Liebe“. Theologische Aspekte der ignatianischen Exerzitien und Merkmale jesuitischer Vorgehensweise, in: Sievernich, Michael/Switek, Günter (Hg.), Ignatianisch. Eigenart und Methode der Gesellschaft Jesu, Freiburg i. Br. 1990, 75-95.
- Lefrank, Alex, Umwandlung in Christus. Die Dynamik des Exerzitienprozesses, Würzburg 2009.
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- Schwager, Raymund, Das dramatische Kirchenverständnis bei Ignatius von Loyola, Zürich 1970.
- Sievernich, Michael (Hg.), Ignatius von Loyola, Bericht des Pilgers, Wiesbaden 2006.
- Spermann, Johann/Gentner, Ulrike/Zimmermann, Tobias (Hg.), Der Spur der Sehnsucht folgen: Wie ignatianische Spiritualität und Schulseelsorge gelingen, Freiburg i. Br./Basel/Wien 2017
- Traber, Annette, Gewänder des Heils. Exerzitien im Alltag, Würzburg 2023.
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Zeitschriften
- Korrespondenz zur Spiritualität der Exerzitien. Online unter: https://gcl.de/produkt/korrespondenz-zur-spiritualitaet-der-exerzitien-jahres-abo/
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, abgerufen am 30.10.2024. - Ignaziana. Online unter: https://ignaziana.org
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Buchreihe
- „Ignatianische Impulse“ (Echter Verlag Würzburg) mit über 100 Bänden zur Praxis ignatianischer Exerzitien. Online unter: https://www.echter.de/search/search.php?suche=Ignatianische+Impulse
, abgerufen am 30.10.2024.
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