Deutsche Bibelgesellschaft

Fokusgruppendiskussion

Andere Schreibweise: Fokusgruppe; focus group; focus group discussion

(erstellt: Februar 2026)

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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.400086

1. Hinführung

Die Fokusgruppendiskussion als Methode zur Erhebung von Daten hat ihren Ursprung in der Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA. Entwickelt wurde sie ursprünglich zur Analyse der Wirkung von Kriegspropaganda (Merton/Fiske/Kendall, 1990; Merton/Kendall, 1946, 542). Daraufhin verlagerte sich ihr Einsatzfeld zunächst aufgrund ihrer Effizienz in den Bereich der kommerziellen Markt- und Meinungsforschung. In den letzten Jahrzehnten etablierte sich die Methode jedoch in den Sozialwissenschaften als ein Gruppenerhebungsverfahren, das in vielfältigen Kontexten – von der gesundheitsbezogenen bis hin zur politikwissenschaftlichen Forschung – Anwendung findet (Barbour, 2017, 1f.). Dies gilt zunehmend auch in Bezug auf den deutschsprachigen Forschungskontext, in dem sie lange Zeit über weitaus weniger Beachtung fand als im angloamerikanischen Raum (Misoch, 2019, 139). Trotz der starken Zunahme der empirischen Forschung (→ Empirie) innerhalb der Religionspädagogik spielt die Methode der Fokusgruppendiskussion hier bislang eine marginale Rolle. Im Folgenden wird sie in Abgrenzung zu anderen Gruppenerhebungsverfahren erläutert und hinsichtlich ihrer Eignung für religionspädagogische Forschungsanliegen beleuchtet.

2. Definition

2.1. Terminologische Klärung

Fokusgruppendiskussionen können definiert werden als Vorgehensweise in einer Gruppe, wobei „anhand eines moderierten und strukturierten Verfahrens (anhand der Verwendung eines Leitfadens) eine zeitlich begrenzte und thematisch orientierte Gruppeninteraktion zu einem bestimmten Thema mittels eines Stimulus initiieren, wobei die Teilnehmenden vorab anhand bestimmter Kriterien zusammengestellt wurden“. Die durch den Stimulus initiierten Gruppeninteraktionen, die sich auf das vom Forschenden vorgegebene Thema beziehen, sind die Datenbasis für die Auswertung (Misoch, 2019, 139). Ziel ist die Erhebung von Sichtweisen und Erfahrungen der teilnehmenden Personen (Morgan, 1988, 24f.), wobei „verschiedene Facetten des Themas“ (Littig/Wallace, 1997, 2) zur Sprache gebracht werden sollen.

Ein Problem besteht jedoch darin, dass mit den Begriffen Fokusgruppendiskussion, Gruppendiskussion (→ Moderierte Gruppendiskussion)  und Gruppeninterview eine terminologische und methodische Unschärfe einhergeht, die sowohl in der Methodenliteratur als auch der Forschungspraxis deutlich wird. So werden teils unter einem einzelnen Begriff divergierende methodische Vorgehensweisen verstanden, aber auch verschiedene Begriffe synonym verwendet (z.B. Vogl, 2019, 695; Lüthje, 2015, 158-160; Wolff/Puchta 2007, 1). Überdies werden in der Praxis auch Mischformen verschiedener Verfahren angewandt, was zur Problematik der Differenzierung beiträgt. Nachfolgend wird deshalb die Fokusgruppendiskussion als eigenständige Methode vom Gruppeninterview und der Gruppendiskussion abgegrenzt.

2.2. Abgrenzung zu anderen Gruppenerhebungsverfahren

Zentral für Fokusgruppendiskussionen ist die Interaktion der Gruppe: Durch gegenseitiges Zuhören, Reagieren und Erklären sollen detaillierte Einsichten in die Perspektiven der Teilnehmenden auf das Forschungsthema aufgeworfen werden, die beispielsweise in einer individuellen Form der Befragung wie etwa einem Einzelinterview oder → Fragebogen weniger oder nicht zugänglich wären (Morgan, 1998, 12). Damit sich eine Gesprächsdynamik entwickeln kann, schafft die moderierende Person eine positive Gesprächsatmosphäre, in der die Teilnehmenden motiviert werden, Meinungen, Einstellungen und Erfahrungen miteinander auszutauschen (Kitzinger/Barbour, 2001, 4). Nachdem der Moderator bzw. die Moderatorin den Anfangsimpuls gesetzt hat, verhält er bzw. sie sich während des Gesprächs der Teilnehmenden untereinander zurückhaltend und neutral. Zugleich stellt er bzw. sie mithilfe eines Leitfadens sowie gegebenenfalls mit kleineren Interventionen sicher, dass es sich um eine fokussierte Diskussion handelt, die sich stets auf das vorgegebene Thema konzentriert, sodass die Forschungsfragen beantwortet werden können.

Von der Gruppendiskussion unterscheidet sich die Fokusgruppendiskussion durch divergierende Erkenntnisziele und ihren Grad der Steuerung: Nach Bohnsack besteht das Ziel einer Gruppendiskussion in ihrer Selbstläufigkeit, die sich darin zeigt, dass die Teilnehmenden den Verlauf der Diskussion selbst bestimmen (Bohnsack, 2019, 380). Auf diese Weise sollen kollektive  Orientierungsmuster (häufig mithilfe der dokumentarischen Methode [→ Dokumentarische Methode] als Auswertungsmethode) rekonstruiert werden, die vor allem in sehr dynamischen und selbstläufigen Passagen des Gesprächs zutage treten (Bohnsack, 2021;2019; Loos/Schäffer, 2001). In Fokusgruppendiskussionen wird eine derart selbstläufige Gesprächsentwicklung nur zum Teil anvisiert. Innerhalb der thematisch vorgegebenen Rahmung kommunizieren die Teilnehmenden zwar frei miteinander, der Austausch bleibt jedoch stets auf den Untersuchungsgegenstand und die konkreten Diskussionsimpulse bzw. Fragen der moderierenden Person ausgerichtet. Denn bei einer Fokusgruppendiskussion besteht das Hauptinteresse in der Regel nicht in der Rekonstruktion kollektiver Orientierungsmuster und Gruppendynamiken, die für die Gruppendiskussion einen hohen Stellenwert einnehmen, sondern in der Erhebung expliziter Inhalte (Misoch, 2019, 145f.).  

Der zentrale Unterschied zwischen der Fokusgruppendiskussion und dem Gruppeninterview besteht im Stellenwert der Gruppeninteraktion: Während diese in einer Fokusgruppendiskussion von entscheidender Bedeutung für die Generierung profunder und oft unerwarteter Einsichten in die Erfahrungen und Perspektiven der Teilnehmenden ist, wird im Gruppeninterview keine Interaktion innerhalb der Gruppe angestrebt. Stattdessen werden „mehrere Personen in einem Raum gleichzeitig bzw. nacheinander befragt“ (Lamnek, 2005, 27; Kitzinger/Barbour, 2001, 4), sodass es sich um ein Gespräch zwischen der moderierenden Person und den Teilnehmenden, nicht aber um eine Diskussion zwischen Letzteren untereinander handelt (Porzelt, 2000, 72). Das Gruppeninterview ähnelt methodisch und hinsichtlich des Erkenntnisinteresses stark einem Einzelinterview, bietet Forschenden jedoch den Vorteil der Zeiteffizienz (Loos/Schäffer, 2001, 12).

3. Methodisch-technische Aspekte

3.1. Vorüberlegungen

Bei der Fokusgruppendiskussion handelt es sich um eine flexible Methode, die für verschiedene Forschungsanliegen angepasst werden kann. Häufig wird sie im Rahmen explorativ angelegter Studien angewandt, kann jedoch auch in der explanativen und der evaluativen Forschung eingesetzt werden (Hennink, 2014, 15). Darüber hinaus kann sie sowohl allein als auch in Kombination mit weiteren Methoden Anwendung finden (Hennink, 2014, 15; Morgan, 1988, 24). Bezüglich der notwendigen Anzahl von Diskussionen innerhalb eines Forschungsprojekts lässt sich (u.a. aufgrund ihrer Flexibilität) keine allgemeingültige Aussage treffen. Grundsätzlich empfiehlt es sich, die Erhebungsphase so lange zu gestalten, bis eine theoretische Sättigung der Daten erreicht wird, d.h. bis keine neuen Erkenntnisse mehr gewonnen werden (Krueger/Casey, 2015, 27; Liamputtong, 2011, 45).

3.2. Gruppenzusammensetzung

Je nach Anlage und Zielsetzung einer Studie können Fokusgruppendiskussionen sowohl mit bereits existierenden Gruppen, also Realgruppen, als auch mit künstlich zusammengestellten Gruppen durchgeführt werden (Barbour, 2018, 73f.; Morgan, 1998, 49). Unabhängig davon empfiehlt es sich, Personen mit einem gemeinsamen Erfahrungs- oder sozialem bzw. kulturellem Hintergrund auszuwählen. In der Regel fühlen sich die Teilnehmenden damit wohler und sprechen offener miteinander, sodass ihre Aussagen ehrlicher sind (Schulz, 2012, 14; Liamputtong, 2011, 34; Kitzinger/Barbour, 2001, 8). Es ist darauf zu achten, dass die Gruppenmitglieder mindestens eine Gemeinsamkeit teilen; handelt es sich um eine künstlich zusammengestellte Gruppe, werden die Teilnehmenden in der Regel zu Beginn der Diskussion über entsprechende Gemeinsamkeit(en) informiert (Barbour, 2018, 69f.; Krueger/Casey, 2015, 6). Entscheidend ist jedoch, dass die Teilnehmenden nicht hinsichtlich ihrer Einstellungen homogen sind (Morgan, 1988, 46). Denn innerhalb einer Fokusgruppe, deren Mitglieder meist einer Meinung sind, kann keine tatsächliche Diskussion emergieren, was wiederum zu wenig aussagekräftigen Daten führen würde (Barbour, 2018, 70). Handelt es sich um eine Realgruppe, muss darüber hinaus beachtet werden, dass die Teilnehmenden nicht in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen, da dies die Offenheit des Gesprächs und somit ebenfalls die Qualität der Daten erheblich beeinträchtigen würde.

3.3. Gruppengröße

Die Qualität einer Fokusgruppendiskussion wird zu einem nicht unerheblichen Teil von der Größe der Gruppe mitbestimmt. Die Angaben in der Methodenliteratur zur optimalen Gruppengröße unterscheiden sich zwar, bewegen sich jedoch insgesamt in einem ähnlichen Rahmen von ca. vier bis acht Teilnehmenden pro Gruppe: So schlagen Krueger und Casey beispielsweise eine Anzahl von fünf bis acht Personen vor (2015, 6). Hennink gibt an, dass Fokusgruppendiskussionen typischerweise mit sechs bis acht Personen durchgeführt werden (2014, 1). Kitzinger und Barbour erachten fünf oder sechs Teilnehmende für zielführend (2001, 8). Zugleich wird darauf hingewiesen, dass in der Praxis mitunter auch Gruppen mit einer Größe von fünf bis zehn (Hennink, 2014, 1), vier bis zwölf (Krueger/Casey, 2015, 6) oder vier bis zehn (Liamputtong, 2011, 43) gebildet werden. Die im Bereich der Marktforschung vorgeschlagene Teilnehmerzahl von zehn bis zwölf Personen ist für die meisten nichtkommerziellen Forschungsprojekte und folglich für religionspädagogische Forschungsanliegen zu groß (Krueger/Casey, 2015, 82; Kitzinger/Barbour, 2001, 8). So ermöglichen kleinere Gruppen von beispielsweise vier bis acht Personen den Teilnehmenden mehr Redezeit und eine vertiefte Diskussion der Themen. Dies ist insbesondere bei der Bearbeitung komplexer Fragestellungen relevant und gerade dann von Vorteil, wenn die Teilnehmenden viele Erfahrungen mit der Forschungsthematik haben und dementsprechend viel zur Diskussion beitragen können (Hennink, 2014, 38; Liamputtong, 2011, 42). Darüber hinaus muss beachtet werden, dass es mit zunehmender Gruppengröße schwieriger wird, die Gruppe und den Gesprächsverlauf als Moderator bzw. Moderatorin zu kontrollieren (Kruger/Casey, 2015, 82). So gelten Nebengespräche zwischen zwei oder mehreren Personen als ein Anzeichen dafür, dass die Gruppe zu groß ist (Kruger/Casey, 2015, 6).

3.4. Durchführung

3.4.1. Konstruktion des Diskussionsleitfadens

Die Konstruktion des Diskussionsleitfadens ist der zentrale Schritt in der Vorbereitung von Fokusgruppendiskussionen, da der Leitfaden die zu behandelnden Themen und das Maß der Strukturierung des Gesprächs vorgibt. Generell kann er entweder stichwortartig und offen gestaltet werden oder konkrete, ausformulierte Fragen in einer festgelegten Reihenfolge enthalten (Misoch, 2019, 144). Ein ausformulierter Leitfaden erhöht die Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Gruppen und erscheint daher vorteilhaft. Es ist allerdings darauf zu achten, dass er in enger Anbindung an die Forschungsfragen entwickelt wird.

Die einzelnen Fragen bzw. Impulse sollten in einer logischen Reihenfolge angeordnet werden, sodass der Gesprächsverlauf auf die Teilnehmenden möglichst spontan, nachvollziehbar und natürlich wirkt (Krueger/Casey, 2015, 7). Zudem ist auf eine verständliche und dem Sprachgebrauch der Teilnehmenden entsprechenden Formulierung zu achten (Krueger/Casey, 2015, 42). Als zielführend gelten offene, erzählgenerierende Fragen, da sie die Teilnehmenden dazu anregen, ihre Perspektiven ausführlich zu entfalten und miteinander in Austausch zu treten (Krueger/Casey, 2015, 43). Geschlossene Fragen hingegen führen in der Regel zu kürzeren und oberflächlicheren Gesprächsbeiträgen.

Neben Fragen und Impulsen besteht auch die Möglichkeit, zusätzliches Stimulusmaterial (z.B. Bilder, Filme, Texte oder Objekte) einzubringen. Dieses kann sowohl zu Beginn der Diskussion als auch zu späteren Zeitpunkten dargeboten werden, um eine lebhafte und vertiefte Auseinandersetzung der Teilnehmenden anzuregen (Misoch, 2019, 144). Darüber hinaus können kleinere Aufgaben die Aufmerksamkeit stärker auf die Interaktion zwischen den Teilnehmenden lenken und sie dazu anregen, ihre eigenen Positionen darzulegen und unter Umständen gegenüber anderen zu verteidigen (Kitzinger/Barbour, 2001, 11f.).

Um die Qualität des Diskussionsleitfadens sicherzustellen, sollte dieser vor der Durchführung der eigentlichen Fokusgruppendiskussionen im Rahmen eines Pretests erprobt und bei Bedarf modifiziert werden.  

3.4.2. Ablauf der Fokusgruppendiskussion

In den Methodenhandbüchern werden unterschiedliche Ansätze zur konkreten Ausgestaltung von Fokusgruppendiskussionen vorgestellt. Ein Ablaufschema liegt allerdings den meisten Ansätzen zugrunde (siehe hierzu Misoch, 2019, 140; Krueger/Casey, 2015, 7;44-46; Hennink, 2014, 51-59; Liamputtong, 2011, 73-76): Nach einer Einführungsphase, in der die moderierende Person die Teilnehmenden begrüßt, den weiteren Ablauf erläutert und auf datenschutzrechtliche Aspekte eingeht, folgen zunächst eher allgemeinere, breiter angelegte Fragen, die die Teilnehmenden auf das Thema der Diskussion einstimmen sollen. Die Teilnehmenden können dazu angeregt werden, über ihren eigenen Bezug zur Thematik nachzudenken, was dem Moderator bzw. der Moderatorin bereits erste Hinweise auf ihre Erfahrungen und Perspektiven liefert. Daran schließen sich „Key Questions“ und somit die zentrale Diskussionsphase an, in der zunehmend spezifische Fragen gestellt werden, die – noch dezidierter als die weiteren Fragen und Impulse im Gesprächsverlauf – auf die Beantwortung der Forschungsfragen abzielen. Hierbei – wie auch bereits nach Abschluss der Einführungsphase – können auch Stimuli wie Bilder oder Texte eingesetzt werden, um die Diskussion anzuregen. Abschließend folgt eine Schlussphase, in der die Diskussion durch breiter angelegte „Ending Questions“ abgerundet wird, zentrale Aspekte zusammengefasst werden und den Teilnehmenden die Möglichkeit gegeben wird, ergänzende Gedanken einzubringen.

Wie lange eine Fokusgruppendiskussion in der Praxis dauert, ist stets abhängig vom jeweiligen Gesprächsfluss und der Gruppendynamik (Liamputtong, 2011, 46); teils spielen auch äußere oder organisatorische Rahmenbedingungen eine Rolle. Als sinnvoll erweist sich ein Richtwert von ca. 1,5 Stunden. Deutlich abzuraten ist von Diskussionen, die länger als zwei Stunden dauern. Dies hängt damit zusammen, dass mit zunehmender Dauer auch die Gefahr einer Ermüdung und sinkenden Aufmerksamkeit der Teilnehmenden verbunden ist (Liamputtong, 2011, 46). Diskussionen mit einer Dauer unter einer Stunde hingegen dürften sich für die meisten Forschungsprojekte nicht als erschöpfend genug erweisen.

3.4.3. Gestaltung der Gesprächssituation

Zunächst stellt sich die Frage nach einem geeigneten Ort. Wichtig ist, dass für die Fokusgruppendiskussion ein abgetrennter, ruhiger Raum gewählt wird, in dem die Teilnehmenden möglichst vor störenden oder ablenkenden äußeren Einflüssen geschützt sind. Die Wahl des Ortes hängt auch von der Art der Gruppe ab. Bei Realgruppen kann es sich anbieten, einen Ort zu nutzen, der der Gruppe bekannt und leicht zugänglich ist. So könnte beispielsweise bei einer Fokusgruppe mit Religionslehrkräften, die an derselben Schule tätig sind, ein Raum innerhalb dieser Schule gewählt werden (siehe hierzu Kremer, 2026).

Die Gesprächssituation wird auch durch die Art und Weise ihrer Dokumentation geprägt, welche die Grundlage für die anschließende Datenauswertung ist. Mitunter wird für die Dokumentation im Rahmen von Gruppenerhebungsverfahren eine Videoaufzeichnung empfohlen (z.B. bei Pirner/Tribida/Roth, 2018, 299). Es ist allerdings zu erwägen, dass sie die Teilnehmenden auch verunsichern kann, was sich negativ auf ihre Redebeiträge auswirken könnte (Schulz, 2012, 15f.). Um dies zu vermeiden, sollte das Gespräch per Audio aufgenommen werden.

Die zentrale Rolle für die Gestaltung der Gesprächssituation spielt die moderierende Person, die sowohl Sachkompetenz als auch soziale und kommunikative Kompetenzen aufweisen muss (Misoch, 2019, 144). Sie selbst nimmt nicht an der Diskussion teil, steuert diese jedoch sensibel anhand des Leitfadens, achtet auf den zeitlichen Verlauf und darauf, dass die Forschungsfragen beantwortet werden; zugleich sorgt sie für eine offene, tolerante Atmosphäre (Misoch, 2019, 144; Hennink, 2014, 70f.). Grundsätzlich kann das Verhalten je nach Phase der Diskussion variieren: zu Beginn etwas direktiver, in intensiven Diskussionsphasen, in denen die Teilnehmenden womöglich völlig neue Aspekte des Forschungsthemas besprechen, zurückhaltender (Hennink, 2014, 74). Zugleich muss eingegriffen werden, sobald sich die Diskussion inhaltlich zu weit von der zu behandelnden Thematik entfernt.  

3.5. Auswertung

Vor der Analyse und Auswertung der Fokusgruppendiskussionen müssen diese zunächst anhand vorab festzulegender Transkriptionsregeln transkribiert werden (siehe hierzu Fuß/Karbach, 2019; Dresing/Pehl, 2018; Kuckartz/Rädiker, 2022; Bohnsack, 2010). Wie detailliert ein Transkript angefertigt werden muss, ist abhängig vom Forschungsinteresse. Im Anschluss stehen je nach Erkenntnisinteresse des Forschungsprojekts verschiedene qualitative Auswertungsmethoden zur Verfügung. Da Fokusgruppendiskussionen in erster Linie auf die Erschließung immanenter Sinngehalte bzw. des explizit Gesagten abzielen, eignen sich besonders verschiedene Formen der qualitativen Inhaltsanalyse (→ Qualitative Inhaltsanalyse) nach Mayring (2022) oder Kuckartz und Rädiker (2022). Im Rahmen explorativ angelegter Projekte kann ebenso die → Grounded Theory (Method) herangezogen werden (Glaser/Strauss, 2010). Bei dieser „besteht das Ziel immer darin, eine neue in den Daten gegründete Theorie (mittlerer Reichweite) zu entwickeln. Dies kann auch ein Ziel bei der Anwendung qualitativer Inhaltsanalyse sein, muss es aber nicht“ (Kuckartz/Rädiker, 2022, 115). Die → Dokumentarische Methode, die häufig zur Auswertung von Gruppendiskussionen genutzt wird, ist eher dann geeignet, wenn auch die Diskursorganisation – beispielsweise zur Rekonstruktion eines kollektiven Orientierungsrahmens – von Interesse ist.

4. Einsatzmöglichkeiten in der religionspädagogischen Forschung

Innerhalb der empirischen Religionspädagogik kann bei der Fokusgruppendiskussion bislang noch nicht von einer etablierten Forschungsmethode (→ Forschungsmethoden, religionspädagogische) gesprochen werden. Ein Blick in andere Disziplinen zeigt jedoch, dass sie sich durch eine hohe Anpassungsfähigkeit an sehr unterschiedliche Fragestellungen auszeichnet. Diese Flexibilität spricht dafür, dass auch in der Religionspädagogik ein breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten denkbar ist.

Besonders naheliegend ist die Verwendung dort, wo es um die Erhebung tieferliegender Einstellungen, Meinungen und Erfahrungen bestimmter Gruppen geht. Gegenüber Einzelinterviews bieten Fokusgruppendiskussionen den Vorteil, dass geteilte wie auch unterschiedliche Perspektiven gemeinsam ausgehandelt werden. Die Dynamik des Austauschs eröffnet Einblicke, die über die Summe einzelner Perspektiven hinausgehen. Teilnehmende greifen Aussagen auf, ergänzen oder widersprechen sich und regen einander zum weiteren Nachdenken an. Darüber hinaus können Aspekte hervortreten, die ohne den Impuls der anderen Beteiligten ungenannt geblieben wären (Merton/Fiske/Kendall, 1990, 146).

Für die empirische Religionspädagogik eröffnet dies vielfältige Anknüpfungspunkte, die hier nur exemplarisch genannt werden können: Fokusgruppen können zur Erforschung sowohl formaler religiöser Bildungsbereiche wie Schule und Kindergarten als auch außerschulischer und informeller Kontexte, beispielsweise der Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden (→ Konfirmandenunterricht/Konfirmandinnenarbeit), eingesetzt werden. Dabei können unterschiedliche Personengruppen in den Blick genommen werden – Kinder und Jugendliche bzw. → Schülerinnen und Schüler, → Ministrantinnen/Ministranten ebenso wie Eltern, (Religions-)Lehrkräfte (siehe hierzu Kremer, 2026), Hochschullehrende, Lehramtsstudierende sowie haupt- und ehrenamtliche Akteurinnen und Akteure des Gemeindekontexts. Die mit Fokusgruppendiskussionen untersuchbaren Fragestellungen sind nahezu unbegrenzt und reichen von professionellen Selbstverständnissen über die Wahrnehmung von Gemeindeangeboten bis hin zu Aspekten der Organisationsform von Religionsunterricht.

Schwierigkeiten können sich allerdings dort ergeben, wo nach persönlichen religiösen oder weltanschaulichen Positionen gefragt wird. Solche sensiblen Themen können in einem Gruppensetting Hemmungen hervorrufen, sodass hier oftmals individuelle Befragungsformen geeigneter sind (Barbour, 2018, 19).

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