Deutsche Bibelgesellschaft

Fallvignetten

(erstellt: Februar 2025)

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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.400043

1. Fall-Vignetten in der empirischen Sozialforschung

Fall-Vignetten gewinnen in der empirischen Religionspädagogik sukzessive an Beliebtheit und folgen damit einer Entwicklung, die bereits in den letzten zwei Jahrzehnten in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft einsetzte. Fall-Vignetten, sei es als eigenständiges Elizitierungsverfahren oder in Triangulation mit anderen Ansätzen, bieten ein breites Spektrum an Anwendungsmöglichkeiten für empirische Untersuchungen (Miko-Schefzig, 2022, 15). Typisch für den Einsatz von Fall-Vignetten ist die Untersuchung von Schemata in der Wahrnehmung, Interpretation und Beurteilung (Schnurr, 2003, 393). Infolge dessen können mit Schnurr (2003) folgende Einsatzgebiete benannt und erweitert werden:

  • „die empirische Gerechtigkeitsforschung bzw. die sozialpsychologische Urteils- und Entscheidungsforschung,
  • Forschungen zur Ermittlung öffentlicher Meinungen und Einstellungen, sowie
  • professionsanalytische Forschungen, die auf eine Rekonstruktion des tacit knowledge und die Relevanz- und Sinngebungsmuster von Professionellen bzw. Professionen zielen“ (393).
  • die Kompetenzforschung, die eine Rekonstruktion oder Erfassung von Wissen, Motivation und Volition fokussiert.

Insbesondere in der Erziehungswissenschaft werden Fall-Vignetten häufig im Rahmen der professionsanalytischen Forschung angewendet (z.B. Niehaus, 2024; Paseka/Hinske, 2014; Kutscher, 2010; Rosenberger, 2009), in der Kompetenzforschung ist ebenfalls eine sukzessiv ansteigende Verwendung festzustellen (z.B. Sander, 2017). In der Religionspädagogik hat sie bisher vor allem in der Urteils- sowie Entscheidungsforschung (z.B. Gennerich/Käbisch, 2024; Gennerich/Strack, 2015) und der Kompetenzforschung (z.B. Schweitzer/Bräuer/Boschki, 2017; Gennerich/Käbisch/Woppowa, 2021) Verwendung gefunden.

2. Fall-Vignetten und ihre methodisch-technischen Aspekte

Unter Fall-Vignetten als Erhebungsmethode wird eine Darstellung verstanden, die zur Stimulierung von Befragten in Studien verwendet wird. Diese Darstellung erfolgt üblicherweise in Form eines Textes, kann jedoch auch visuelle Elemente wie Videos oder Bilder beinhalten oder gänzlich aus diesen bestehen. Im Zuge dessen wird ein spezifischer Fall beschrieben, der eine Kombination aus einer Person oder mehreren Personen sowie der Situation, in der diese sich befinden, zeigt. Mitunter umfasst die Darstellung auch das Handeln oder die Interaktion der dargestellten Personen (Schnurr, 2003, 393). Das Spezifikum von Fall-Vignetten besteht infolge dessen darin, dass sie gegenüber einzelnen Fragen eine höhere kontextuelle Dichte aufweisen (Miko-Schefzig, 2022, 21). Diese Fall-Vignetten werden den Befragten im Rahmen eines → Fragebogens, eines Interviews (z.B. → Leitfadeninterviews) oder auch einer Gruppendiskussion (→ moderierte Gruppendiskussion) vorgelegt. Je nach Forschungsdesign und Erkenntnissinteresse werden sie aufgefordert, sich zu der geschilderten Situation zu äußern, sie zu bewerten, eine situationsangemessene Handlungsweise zu benennen oder diese zu begründen (Schnurr, 2003, 393).

Die Offenheit dieser Definition reflektiert die hohe Variabilität von Fall-Vignetten, die sich je nach Erkenntnisinteresse in Umfang, Detailreichtum und Inhalt stark unterscheiden können. Auch wenn die Anforderungen an eine Fall-Vignette aufgrund der unterschiedlichen Einsatzgebiete variieren können, lassen sich bei der Durchsicht von Forschungsarbeiten formale Konstruktionskriterien zusammenstellen (Niehaus, 2024; Paseka/Hinzke, 2014; Stiehler/Fritsche/Reutlinger, 2012; Kutscher, 2010; Auspurg/Hinz/Liebig, 2009; Beck/Baer/Guldimann, 2008; Atria/Strohmeier/Spiel, 2006; Barter/Renold, 1999; im Überblick Miko-Schefzig, 2022, 23-25, Paseka/Hinzke, 2014, 52):

  • Vignetten sollten ausschließlich beobachtbare Verhaltensweisen ohne interpretative Elemente darstellen.
  • Die Situation muss klar und prägnant wiedergegeben werden, sodass sie schnell erfasst werden kann, während alle relevanten Kontextinformationen zur vollständigen Verständnisgewinnung bereitgestellt sind.
  • Vignetten müssen authentisch und glaubwürdig erscheinen, dabei jedoch nicht zu spezifisch oder detailliert gestaltet sein.
  • Vignetten sollten problemorientiert und in einem realitätsnahen Kontext dargestellt werden, um die unmittelbare Relevanz für die Befragten sicherzustellen.
  • Sie sollten verschiedene Lösungsansätze oder Handlungsmöglichkeiten zulassen.

In didaktischer Perspektive weisen die Konstruktionskriterien von Fall-Vignetten eine Nähe zu solchen von kompetenzorientierten → Anforderungssituationen auf, wie sie zum Beispiel von Feindt und Wittmann (2010, 29) formuliert wurden. Deutlich tritt dies ebenfalls in Obsts (2015, 186) Verständnis von Anforderungssituationen hervor, wenn sie betont, dass sich dort „Fragen stellen, die geklärt oder beantwortet werden sollen, Konflikte zeigen, die zu untersuchen sind, Dilemmata, die ein Urteil provozieren, Fälle, die entwirrt werden sollen, Aufgaben, die zu bearbeiten sind, oder auch Probleme, die gelöst werden müssen“. Abzugrenzen sind sie jedoch in ihrer Zielsetzung – während Anforderungssituationen als „didaktisches Schlüsselprinzip des Unterrichts“ (Obst, 2015, 243) und damit als Stimulus für Kompetenzerwerb fungieren, zielen Fall-Vignetten auf die Datengewinnung und verfolgen damit die Untersuchung von Schemata in der Wahrnehmung, Interpretation und Beurteilung.

3. Fall-Vignetten in quantitativer und qualitativer Forschung

Vignetten wurden anfänglich vorwiegend in quantitativen Forschungsdesigns eingesetzt, finden jedoch inzwischen auch in qualitativen Arbeiten Anwendung. Unterschiede zeigen sich insbesondere hinsichtlich der Antwortformate und der Auswertung, wie im Folgenden skizziert werden soll.

3.1. Quantitative Forschung

Der Einsatz zielt in quantitativ ausgerichteten Forschungsdesigns darauf, Beziehungen zwischen den Merkmalen der verschiedenen Fälle, den gefällten Urteilen oder Entscheidungen und den Eigenschaften der Urteilenden zu ermitteln (Schnurr, 2003, 396). Das besondere Potenzial der Vignetten-Methodik liegt im Zuge dessen in der gezielten und kontrollierten Substitution von Merkmalen. Durch Vignetten lassen sich experimentelle Bedingungen simulieren, um den Einfluss von unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen wie Alter, Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit bei ansonsten identischen Fallmerkmalen im Blick auf die Urteilsbildung zu untersuchen (Auspurg/Hinz/Liebig, 2009, 62-63; Schnurr, 2003, 396). Ebenso sind Analysen darüber möglich, welche Fallmerkmale bestimmte Urteile auslösen, und ob die Merkmale der Urteilenden, wie etwa Gruppenzugehörigkeit oder Ausbildung, die Wahrnehmung und Beurteilung verändern (Dülmer, 2019, 863; Schnurr, 2003, 396). Infolge dessen gilt die Vignettenforschung nach Art der faktoriellen Surveys als Mischform zwischen experimentellen Designs und Umfragemethoden (Auspurg/Hinz/Liebig, 2009, 59).

Typischerweise bleibt das Spektrum der Urteils- oder Entscheidungsalternativen bei Fall-Vignetten in quantitativen Designs geschlossen, sodass den Befragten eine festgelegte Auswahl möglicher Urteile oder Entscheidungen zur Verfügung steht (Dülmer, 2019, 867; Schnurr, 2003, 396). Die Datenanalyse erfolgt meist durch Varianz- und Regressionsanalysen, häufig werden diese mit datenreduzierenden Verfahren wie Hauptkomponenten- und Faktorenanalysen (→ Faktorenanalyse, explorative) kombiniert (Schnurr, 2003, 396). Die Varianzanalyse ermöglicht eine Prüfung, ob und in welchem Ausmaß unterschiedliche Gruppen – etwa basierend auf verschiedenen Merkmalen der Urteilenden – signifikante Unterschiede in ihren Urteilen aufweisen. Sie kann aufzeigen, welche unabhängigen Variablen (z.B. Geschlecht, Alter, Wertorientierung) statistisch relevante Unterschiede in den Urteilen bewirken. Die Regressionsanalyse geht darüber hinaus, indem sie die Beziehung zwischen einer abhängigen Variablen (z.B. das gefällte Urteil) und einer oder mehreren unabhängigen Variablen (z.B. Merkmale der Fall-Vignetten oder der Urteilenden) modelliert. Infolge dessen kann der Einfluss einzelner Variablen auf das Urteil quantifiziert werden.

3.2. Qualitative Forschung

In qualitativen Forschungsdesigns lassen sich Fall-Vignetten in teilstandardisierte Interviews oder Gruppendiskussionen einbinden. Der Einsatz von Fall-Vignetten dient meist als Eingangsimpuls, der Inferenzleistungen seitens der Befragten initiiert, während die Ausgangsinformationen vorgegeben sind (Miko-Schefzig, 2022, 37; Schnurr, 2003, 397). In diesem Kontext werden die interviewte Person oder die Gruppendiskussionsteilnehmenden aufgefordert, einen Fall auf der Grundlage vorgegebener, jedoch gleichzeitig begrenzter und unvollständiger Merkmale zu beurteilen und eventuell angemessene Handlungsweisen abzuleiten. In qualitativ ausgerichteten Fall-Vignettendesigns werden infolge dessen keine vorgefertigten Urteils- oder Handlungsalternativen angeboten. Stattdessen und im Einklang mit dem Prinzip der Offenheit wird den Befragten überlassen, den sprachlichen Ausdruck ihrer Beurteilungen oder präferierten Handlungsweisen selbst zu formulieren, wenngleich eine gewisse Strukturierung durch Frage-Leitfäden möglich ist (Miko-Schefzig, 2022, 48; Schnurr, 2003, 397; z.B. in Niehaus, 2024; Sander, 2017; Paseka/Hinske, 2014).

Aus methodischer Sicht sind bei der Auswertung von Fall-Vignetten rekonstruktive Verfahren besonders geeignet (z.B. Bohnsack, 2021; Oevermann/Allert/Konau/Krambeck, 1979) (→ Dokumentarische Methode; → Objektive Hermeneutik). Erst durch die Kombination dieser Ansätze wird es möglich, Bearbeitungsweisen und Strukturlogiken zu identifizieren, die sich unterhalb der Oberfläche des Gesagten verbergen und aus der Rekonstruktion impliziter Wissensbestände hervorgehen (auch Paseka/Hinzke, 2014, 61). In anderen Worten: Durch die Anwendung dieser Methoden können nicht nur die expliziten Aussagen der Befragten, sondern auch deren latente Wissensstrukturen und habitualisierte Denk- und Handlungsweisen erfasst werden. In der Forschungspraxis und in methodischen Kommentaren findet sich ebenfalls die Anwendung kategorisierender Auswertungsmethoden, wie etwa der → Qualitativen Inhaltsanalysen oder der → Grounded Theory (Method) (z.B. Miko-Schefzig, 2022, 73; Schnurr, 2003, 397). Diese bieten sich an, sofern die Systematisierung der Daten und die Beschreibung der inhaltlichen Struktur im Datenmaterial im Vordergrund stehen.

4. Fall-Vignetten als Erhebungsmethode in der religionspädagogischen Forschungspraxis

Um Fall-Vignetten in der religionspädagogischen Forschungspraxis zu beleuchten und die Variabilität von Fall-Vignetten in Abhängigkeit von verschiedenen Erkenntnisinteressen zu verdeutlichen, werden im Folgenden die quantitativ-empirischen Untersuchungen von Carsten Gennerich und David Käbisch (2023; 2024) sowie Friedrich Schweitzer u.a. (2017; aber auch in den nachfolgenden, bisher unveröffentlichten Studien) mit besonderer Berücksichtigung einer jeweils exemplarischen Fall-Vignette vorgestellt. Des Weiteren wird die laufende Dissertationsarbeit von Daniela Zahneisen (2023) als Beispiel für den Einsatz von Fall-Vignetten in empirisch-qualitativen Arbeiten präsentiert.

4.1. Fall-Vignetten in der Entscheidungsforschung: Partizipation und Relevanz von Kirche im Blick auf unterschiedliche Wertorientierungen und Welterschließungsperspektiven

Das vorrangig quantitativ-empirische Projekt zielt auf den Nachweis der Bedeutung unterschiedlicher Welterschließungsperspektiven für das kirchliche Partizipationsverhalten. Im Zuge dessen entwarfen Carsten Gennerich und David Käbisch fünf Fall-Vignetten, die sich auf unterschiedliche Aspekte kirchlichen Partizipationsverhaltens, z.B. auf den Gottesdienstbesuch (Liturgia), das soziale Engagement (Diakonia), das Bekenntnis (Martyria), kirchliche Bildungsangebote (Paidea) und die kirchliche Gemeinschaft (Koinonia), beziehen. So stellt eine Fall-Vignette die Kirchenumnutzung in den Mittelpunkt, indem folgende Situation geschildert wird:

„Eine Kirche in ihrem Wohnort soll in ein Restaurant umgewandelt werden, da der Kirchenraum aufgrund sinkender Kirchenmitgliedszahlen nicht mehr benötigt wird“ (Gennerich/Käbisch, 2023, 464).

Die Befragten hatten sodann im Rahmen eines Fragebogens die Möglichkeit, zunächst relevante Gesichtspunkte für die Entscheidung in einem offenen Antwortformat zu äußern, bevor sie 12 Items angeboten bekommen haben. Die Items bilden die unterschiedlichen Welterschließungsperspektiven nach Baumert (2002) ab, indem nach der Gewichtung von kognitiv-instrumentellen, ästhetisch-expressiven, normativ-evaluativen und konstitutiv-rationalen Gesichtspunkten gefragt wird.

Das Forschungsprojekt nutzt Fall-Vignetten als Stimuli, um Zusammenhänge zwischen den Merkmalen des zu beurteilenden Objekts, Bewertungskategorien der entscheidenden Welterschließungsperspektiven und ihrer Entscheidung zu prüfen. In anderen Worten: Die Reaktion der Befragten auf die Fall-Vignette soll Auskunft über die politischen, rechtlichen, ökonomischen, ästhetischen, religiösen etc. Welterschließungsperspektiven geben, die bei der Entscheidung für oder gegen ein konkretes Partizipationsangebot von Kirche eine Rolle spielen. Die Fall-Vignette ist in ihrem Umfang und Detail-Reichtum als minimalistisch zu beschreiben. Es werden in diesem exemplarischen Beispiel lediglich Angaben zum Standort der Kirche sowie zur Begründung ihrer Umnutzung gemacht. Knappe Fall-Vignetten erfordern von den Befragten, dass sie Lücken in den bereitgestellten Informationen identifizieren und diese eigenständig interpretativ ausfüllen – dies kann insbesondere mit Blick auf eine offene Fassung des Forschungsgegenstandes gewinnbringend sein. Ferner werden die Befragten direkt angesprochen, sodass keine attributive Projektion provoziert wird. Ein projektiver Charakter minimiert zwar Aspekte sozialer Erwünschtheit (Auspurg/Hinz/Liebig/Sauer, 2015, 146), jedoch werden hier keine Wertvorstellungen oder gesellschaftlichen Normen abgefragt, sodass dies nicht notwendig erscheint.

4.2. Fall-Vignetten in der Kompetenzforschung: Interreligiöses Lernen durch Perspektivenübernahme

Die vorrangig quantitativ-empirische Prä-Post-Untersuchung zielt mit dem Einsatz von Fall-Vignetten auf die Erfassung von Perspektivenübernahmefähigkeit, die als Komponente interreligiöser Kompetenz gilt. In diesem Rahmen entwarfen Friedrich Schweitzer u.a. neun Fall-Vignetten, die religiöse Feste, die Gebetspflicht, die interreligiöse Eheschließung, Speisevorschriften, Gewalt im Zusammenhang mit Religion und Religion im Rahmen geschäftlicher Beratungstermine thematisieren. So fokussiert eine Fall-Vignette die Gebetspflicht, indem folgendes Szenario entfaltet wird:

„Ertan arbeitet als Industriemechaniker in einem produzierenden Unternehmen. Er besucht regelmäßig die Moschee und würde gerne seiner täglichen Gebetspflicht auch im Betriebsalltag nachkommen. Eines Tages vertraut Ertan seinem Freund und Kollegen Marcel an, dass er unglücklich damit ist, dass er während der Arbeit nicht beten kann. Andere Arbeitskollegen bekommen dies mit und diskutieren Ertans Anliegen untereinander“ (Schweitzer/Bräuer/Boschki, 2017, 240).

Die Berufsschülerinnen und Berufsschüler werden dazu aufgefordert, sich in die in den Fallgeschichten präsentierten Figuren hineinzuversetzen und anzugeben, inwieweit die Handlungsvorschläge geeignet sind. Das Spektrum der Antwortmöglichkeiten ist geschlossen, die Befragten können die vorgeschlagenen Handlungsoptionen auf einer vierstufigen Likertskala als mehr oder weniger geeignet bewerten. In Bezug auf die genannte Fall-Vignette konnten fünf Handlungsoptionen bewertet werden: die Verschiebung des Gebets auf das Wochenende, die Integration des Gebets in den Arbeitsalltag, die Kündigung, die Delegation an die Teamleitung und die Entscheidung, dass Ertan sich gar nicht erst hätte bewerben sollen.

Das Forschungsprojekt nutzt Fall-Vignetten ebenfalls als Stimuli, jedoch um kompetente Äußerungen der Schülerinnen zu situieren und damit eine Rückbindung an fachspezifische Handlungsanforderungen zu ermöglichen. Damit bewältigen sie eine Herausforderung, mit der die Kompetenzforschung konfrontiert ist – die notwendige Situativität, Kontextabhängigkeit und Komplexität in Aufgabenstellungen abzubilden (Rosenberger, 2016, 208). Infolge dessen weisen die Fall-Vignetten einen hohen Detail-Reichtum auf, der sich hier in der Beschreibung des Unternehmens, Ertans Religionsausübung, seiner Interaktion mit einer zweiten Person und seinem Gefühlszustand zeigt. In dieser detaillierten Beschreibung wird für die Berufsschülerinnen und Berufsschüler einerseits ein Lebensweltbezug konstruiert, indem die Fall-Vignette durch einen betrieblichen Kontext gerahmt ist. Andererseits wird für nicht-muslimische Berufsschülerinnen und Berufsschüler eine Distanz entworfen, da Ertan in seiner Religionszugehörigkeit und -praxis eindeutig als Muslim ausgewiesen wird. Diese Distanz ist angesichts des Forschungsgegenstands notwendig, um eine religionsbezogene Perspektivenübernahme zu initiieren.

4.3. Fall-Vignetten in der professionsanalytischen Forschung: Religionslehrkräfte und Konfessionslosigkeit. Qualitativ-empirische Einblicke und religionspädagogische Perspektiven

Das qualitativ-empirische Dissertationsprojekt von Daniela Zahneisen setzt sich vor dem Hintergrund des COACTIV-Modells (Baumert/Kunter, 2006; Riegel, 2022) mit Professionalität von Lehrkräften angesichts von Konfessionslosigkeit auseinander. Leitend ist im Zuge dessen die Frage nach Einstellungen von Religionslehrkräften zu Konfessionslosigkeit als Dimension religiös-weltanschaulicher Vielfalt in Kontexten religiöser Bildung. Analog zur erziehungswissenschaftlichen Professionsforschung werden Fall-Vignetten in dieser Arbeit dazu genutzt, Professionalitätsausprägungen durch Außenwahrnehmung zu ermitteln und über subjektive Einschätzungen des beruflichen Selbstverständnisses hinausgehende Erkenntnisse zu gewinnen (z.B. auch Paseka/Hinzke, 2014). Insbesondere da Selbsteinschätzungen und getestetes pädagogisches Wissen nicht zwangsläufig übereinstimmen (König/Kaiser/Felbrich, 2012, 487), scheint der Einsatz von Fall-Vignetten und damit verbunden die Ermittlung von Professionalitätsausprägungen durch Außenwahrnehmung geeignet.

Die Fallvignetten werden Szenarien skizzieren, die dem schulischen Alltag entlehnt sind und in denen Informationen lediglich angedeutet werden. Diese Szenarien enthalten implizit verschiedene Antinomien, die für das pädagogische Handeln als sich widersprechende und nicht-aufhebbare Anforderungen konstitutiv sind. Im Falle des hier fokussierten Gegenstandes handelt es sich insbesondere um Antinomien, die aus der religiösen Positionierung der Religionslehrkraft und der Positionierung konfessionsloser Lernender resultieren. Genutzt wird hier vor allem der Mechanismus der attributiven Projektion: Befragte schreiben im Rahmen von Interviews ihre eigenen Motive, Gefühle und Verhaltensweisen den in der Vignette dargestellten Figuren zu. Durch diese Identifikation können sie stellvertretend aufzeigen, wie sie selbst in der beschriebenen Situation denken, fühlen und handeln würden (auch Stiehler/Fritsche/Reutlinger, 2012, 1). Infolge dessen werden die Erschließung von Praxisszenen und Antinomien, die der professionellen Praxis eingelagert sind, die Reflexion über darin enthaltene Anforderungen sowie eine Auseinandersetzung mit Handlungsoptionen ermöglicht. Diese werden anschließend mit der Grounded Theory und der Objektiven Hermeneutik sowohl kategorisierend als auch rekonstruktiv ausgewertet.

5. Zusammenfassung und Ausblick

Fall-Vignetten stellen ein modifizierendes Element in quantitativen wie qualitativen Erhebungsmethoden dar. Sie zeichnen sich durch die Beschreibung eines spezifischen Falls aus und finden unter anderem Anwendung in Bereichen wie der Entscheidungs-, Professions- und Kompetenzforschung. Gleichsam sind Fall-Vignetten ein sehr variables Erhebungsinstrument, wie die Beleuchtung der drei Forschungsprojekte zeigte. Je nach Erkenntnisinteresse und Forschungsparadigma können Umfang, Einsatz und Detailliertheit der Fall-Vignetten differieren. Aufgrund der Variabilität von Fall-Vignetten gilt im besonderen Maße: Empirische Forschung ist auch immer Methodenforschung und ist gründlich zu reflektieren.

Eine kritische Reflexion und Würdigung bedürfen Fall-Vignetten speziell in folgender Hinsicht: Die Konzeptionskriterien sehen unter anderem vor, dass für ein angemessenes Verständnis seitens der Befragten alle relevanten Kontextinformationen integriert und realitätsnah gerahmt werden. Trotz realitätsnahen Rahmungen handelt es sich jedoch nicht um echte Entscheidungssituationen, religionsbezogene Dilemmata oder Unterrichtssituationen, sondern um konstruierte. Infolge dessen sind Fall-Vignetten zwangsläufig Vorstrukturierungen inhärent – bestimmten Merkmalen wird Relevanz zugewiesen, bestimmte Bedingungen werden gesetzt, bestimmte Details werden akzentuiert oder nivelliert. Damit nimmt die forschende Person zwangsläufig Einfluss auf den Forschungsgegenstand und konstituiert ihn mit (auch Paseka/Hinzke, 2014, 62; Kutscher, 2010, 200; Auspurg/Hinz/Liebig, 2009, 64).

Dies vorangestellt, ist eine weiterführende Integration von Fall-Vignetten in die religionspädagogische Forschungspraxis wünschenswert – auch vor dem Hintergrund des bisher spärlichen Einsatzes in der qualitativ-empirischen Religionspädagogik. Insbesondere gilt dies für rekonstruktive Projekte, da Fall-Vignetten in ihrer Situiertheit einen Forschungszugang darstellen können, der einen empirischen Zugriff auf implizites Wissen ermöglicht. Auf Grundlage der Rekonstruktion können beispielsweise im Falle der Kompetenzforschung domänenspezifische Lerntheorien entwickelt werden, die als Grundlage für die Entwicklung von Kompetenzmodellen dienen. Diese Modelle können weiterführend für die quantitative Messung von Kompetenzen operationalisiert werden (Martens/Asbrand, 2009, 215).

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