Deutsche Bibelgesellschaft

Dis/abilitykritische Bibelauslegung

(erstellt: Februar 2026)

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1. Disability als analytische Kategorie

Disability/Behinderung dient ebenso wie andere Personen- und Strukturkategorien, etwa gender, class oder race, der Humandifferenzierung und damit dem besseren Verständnis gesellschaftlicher Wirklichkeit und kultureller Praktiken (Waldschmidt 2020a, 34). Umgekehrt tragen Differenzierungsprozesse zur Konstruktion und Stabilisierung solcher Kategorien bei. Meist werden mit ihnen Vorstellungen von Mehrheitsgesellschaft und Normalität sowie von Gruppenzugehörigkeiten und unterscheidenden Eigenschaften verknüpft, die zu Abwertungen auf der einen bzw. Idealisierungen auf der anderen Seite führen.

Die Kategorie Behinderung findet sich erst in der modernen Gesellschaft, verbunden mit unterschiedlichen Bedeutungsattribuierungen (Waldschmidt 2020a, 35). Alltagssprachlich suggeriert der Begriff „die Bezeichnung einer homogenen Gruppe von Menschen und lässt Behinderung als immer und überall gleiches Phänomen erscheinen“, das sich eindeutig beschreiben lässt (Köbsell, 2023). Letztlich bezieht sich aber der unscharfe Oberbegriff Behinderung „auf eine bunte Mischung von unterschiedlichen körperlichen, psychischen und kognitiven Merkmalen […], die nichts anderes gemeinsam haben, als dass sie mit negativen Zuschreibungen wie Einschränkung, Schwäche oder Unfähigkeit verknüpft werden“ (Waldschmidt 2010, 14).

Die sog. Dis/ability Studies betrachten Behinderung hingegen nicht als „einfache Tatsache“, sondern fordern, „von der Kontingenz der Differenzkategorie auszugehen und nach deren historisch entstandenen, kulturell variablen und gesellschaftlich spezifischen Konstruktionsweisen zu fragen“ (Waldschmidt 2020a, 24). Als „erkenntnisleitendes Moment“ kann Dis/ability auf diese Weise „schlaglichtartig Aspekte zum Vorschein“ bringen, „welche verborgen geblieben wären, hätte man sich mit der ‚normalen‘ Perspektive begnügt und wäre von einer unversehrten Leiblichkeit in einer fraglos geltenden Welt ausgegangen“ (Waldschmidt 22012, 14).

Die beiden Begriffe Behinderung und Disability werden in der Fachliteratur weitgehend synonym verwendet, obwohl sich Behinderung im Deutschen auf ein Geschehen bezieht, das die Beziehung einer Person zu seiner Umwelt behindert, während disability im Englischen die Unfähigkeit einer Person bzw. die Negation einer Eigenschaft bezeichnet (Waldschmidt 2020a, 35). Der vielfach im Begriff Dis/ability verwendete Schrägstrich deutet die fehlende Trennschärfe von Behinderung und Nichtbehinderung an.

2. Dis/ability Studies – Einübung in ein anderes Denken

Die Dis/ability Studies entstanden in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts – etwa zeitgleich in den USA und England – aus der politischen Behindertenbewegung einerseits und aus dem wissenschaftlichen Engagement einzelner Soziologen wie Irving Kenneth Zola und Mike Oliver andererseits. Zunehmende Internationalisierung führte in der Folgezeit zu unterschiedlichen Ausdifferenzierungen und Akzentsetzungen sowie zu einem theoretischen Pluralismus (Waldschmidt 2020a, 40-71). Dennoch lassen sich mit dem individuellen, sozialen und kulturellen Ansatz drei Basismodelle der Behinderung sowie mit den Überlegungen von Michel Foucault und Erving Goffman zwei grundlegende Theorieansätze benennen und beschreiben. Insgesamt geht es den Dis/ability Studies, wie Waldschmidt (2020a, 39) pointiert formuliert, immer um „eine Einübung in ein ‚anderes‘ Denken, ein Denken, das sich bewusst als ‚schräg‘, ‚schief‘ oder ‚ver-rückt‘ versteht.“

2.1. Behinderungsmodelle

Der individuelle oder auch medizinische Ansatz wird in den Dis/ability Studies als Kontrastmodell beschrieben, um sich dezidiert von defizitorientierten oder reduktionistischen Betrachtungsweisen von Behinderung etwa in der Heil- und Sonderpädagogik, den Rehabilitationswissenschaften oder der Medizin abzugrenzen (im Folgenden Schiefer Ferrari 2019 und 2024). Dieses Modell betrachtet „individuelle Schädigung (impairment) als alleinige Ursache von Beeinträchtigung (disability) und Benachteiligung (handicap)“ (Waldschmidt 2005, 17), gesellschaftliche Ursachen blendet es hingegen weitgehend aus. Behinderung wird mit objektiv beschreibbaren körperlichen Schädigungen oder funktionalen Beeinträchtigungen gleichgesetzt und auf ein individuell zu bewältigendes Los reduziert. Zudem führen Vorstellungen von der Perfektibilität des Menschen und der Kontrollierbarkeit möglicher Abweichungen implizit zur „Abwertung unheilbar kranker und behinderter Menschen“ (Dederich 2007, 177).

Dagegen versteht das soziale Modell Behinderung nicht als schicksalhaft, sondern als Zuschreibung der Gesellschaft und Ergebnis vielfältiger Barrieren. Das soziale System behindert Menschen mit Behinderung, indem es sie marginalisiert und von gleichberechtigter Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft ausschließt. Kritisch einzuwenden gegenüber dem sozialen Modell ist allerdings, dass mit Behindertsein (impairment) und Behindertwerden (disability) nicht trennscharfe Kategorien beschrieben werden „im Sinne von: hier das natürlich, körperlich Gegebene, dort die darauf bezogene gesellschaftliche Praxis“. Vielmehr handelt es sich um „verschiedene Dimensionen ein und desselben gesellschaftlichen, also sozial hergestellten Phänomens, die sich wechselseitig durchdringen und aufeinander verweisen“. Da auch medizinische Kategorien „ihre Geschichte, ihre kulturelle Bedeutung und ihre sozialen Konstruktionsmodi haben“, muss die körperliche Schädigungsebene ebenso als gesellschaftlich bedingt und die Unterscheidung selbst als historisch kontingent betrachtet werden (Schneider/Waldschmidt, 2012, 141f.).

Mit dem von den Dis/ability Studies meist favorisierten kulturellen Modell ist ein Perspektivwechsel verbunden, der versucht, die Kategorisierungsprozesse selbst in den Blick zu nehmen. Es genügt nicht, allein das Phänomen der Behinderung zu betrachten, ebenso ist „ihr Gegenteil, die gemeinhin nicht hinterfragte ‚Normalität‘“, zu analysieren; eigentlicher Untersuchungsgegenstand muss die Mehrheitsgesellschaft werden. Menschen mit und Menschen ohne Behinderungen sind „keine binären, strikt getrennten Gruppierungen, sondern einander bedingende, interaktiv hergestellte und strukturell verankerte Komplementaritäten.“ Die kulturwissenschaftliche Sichtweise will „die Relativität und Historizität von Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsprozessen zum Vorschein“ bringen und zeigen, „dass die Identität (nicht)behinderter Menschen kulturell geprägt ist und von Deutungsmustern des Eigenen und des Fremden bestimmt wird“ (Waldschmidt 2005, 25). Für eine Anerkennung und „volle und wirksame Teilhabe“ von Menschen mit Behinderungen „an allen Aspekten des Lebens“ (Art. 3c und Art. 26 Abs. 1 der UN-Behindertenrechtskonvention von 2008) bedarf es daher neben Sozialleistungen und Bürgerrechten vor allem auch der kulturellen Repräsentation: „Individuelle und gesellschaftliche Akzeptanz wird erst dann möglich sein, wenn behinderte Menschen nicht als zu integrierende Minderheit, sondern als integraler Bestandteil der Gesellschaft verstanden werden“ (Waldschmidt 2005, 27).

Mit dem kulturwissenschaftlichen Ansatz ist darüber hinaus die hermeneutisch wichtige „Aufforderung verbunden, Zweifel an den eigenen impliziten und expliziten Annahmen, methodischen Ansätzen und Ergebnissen“ (Waldschmidt 2020b, 68) zu haben.

2.2. Theorieansätze

Wenn die Dis/ability Studies insbesondere „die Historizität und Kulturalität, Relativität und Kontingenz von (Nicht-)Behinderung zu erfassen“ suchen, verdankt sich dieser Ansatz nicht zuletzt den Studien des französischen Philosophen Michel Foucault, der bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zum Beispiel zeigt, wie sich Wahnsinn und Vernunft gegenseitig bedingen und „gesellschaftliche Normierungs-, Regierungs- und Subjektivierungspraktiken“ immer auch Normalität produzieren, indem sie Anderssein herstellen (Waldschmidt 2020b, 69).

Ebenso grundlegend für die weitere Theoriebildung innerhalb der Dis/ability Studies sind die Überlegungen Erving Goffmans, der in den 70er Jahren den „Umgang mit Stigmatisierungsprozessen, die mit einem Stigma verbundenen ‚Beschädigungen‘ von Identität und die Praktiken interaktiver Normalisierung“ (Waldschmidt 2020a, 95) untersucht. In den 90er Jahren stellt Rosemarie Garland-Thomson (1997, 8) „Goffmans Figur des Stigmatisierten […] diejenige des Normalen, den ‚normate‘ gegenüber“ und bezeichnet damit „eine Subjektposition, die sich in Abgrenzung zur Figur des abweichenden Anderen konstituiert“ (Waldschmidt 2020a, 95).

Wichtig mit Blick auf literarische Texte ist vor allem auch das zu Beginn der 2000er Jahre von David T. Mitchell und Sharon L. Snyder entwickelte Konzept der „narrativen Prothese“ (im Folgenden Schiefer Ferrari 2024). Mit Hilfe dieses Ansatzes wird „nach der literarischen Konstruktion von Behinderung und nach dem Anteil der Literatur an gesellschaftlich-kulturellen Normalitätsvorstellungen“, aber auch nach dem „subversive[n] Potenzial literarischer Ästhetiken gegenüber normalisierenden Diskursen“ gefragt. Vergleichbar einer physischen Prothese weist eine von einer Behinderung handelnde Erzählung sowohl auf die Kompensation als auch auf die Ursache einer Abweichung hin. Auch wenn die Gefahr besteht, dass die „gesellschaftliche Realität von Menschen mit Behinderung“ hinter der „symbolischen Indienstnahme“ in literarischen Texten verschwindet, kann umgekehrt gerade durch die „narrative Prothese“ auch auf eine „außerhalb der sprachlichen Zeichen liegenden Materialität“ von Behinderung verwiesen werden (Helduser 2022, 223-225).

2.3. Interdisziplinäre und intersektionale Ausrichtung

Die Dis/ability Studies verstehen sich als Querschnittdisziplin, die dezidiert inter- und transdisziplinär ausgerichtet ist. Neben der Aufdeckung der „vernachlässigten gesellschaftlichen Praktiken“ (sozialwissenschaftliche Disability Studies) geht es ihnen vor allem auch um die Erforschung der „verschütteten Geschichte“ (Disability History) sowie der „unausgeleuchteten kulturellen Räume“ (kulturelle Disability Studies) (Waldschmidt 2020a, 36).

Die Dis/ability History versteht sich dabei nicht einfach als Teilgebiet der Geschichtswissenschaften, das die Geschichte von Menschen mit Behinderung erforscht. Vielmehr will sie allgemeine Geschichte neu schreiben und ihre Schattenseiten aufdecken, indem sie untersucht, wie „in früheren Epochen Anderssein und Differenz konstruiert und die entsprechenden Gruppenzugehörigkeiten und Identitäten“ (Waldschmidt 2020a, 36) hergestellt wurden. Ausgehend vom Konzept verkörperter Differenz (embodied difference) wird beispielsweise danach gefragt, „welche Phänomene in welchen sozialen Kontexten überhaupt als Beeinträchtigung (bzw. als Krankheit, Schwäche oder Bedürftigkeit) sicht- und abgrenzbar gemacht werden und welche soziokulturellen Bedeutungen sich damit verbinden“ (Bösl / Frohne 2022, 131). Die dezidierte Infragestellung zeit- und kulturübergreifender Konstanten beim Phänomen Behinderung und klischeehafter Vorstellungen von Vernachlässigung oder Verstoßung in der Antike und im Mittelalter sowie die vorrangige Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung als „Handelnde und Subjekte der Geschichte“ soll vor der unreflektierten Übertragung gegenwärtiger, meist reduktionistischer Annahmen schützen (Bösl 2009, 11;17).

Zunehmend wichtiger in den letzten Jahren wird auch für die Dis/ability Studies der Intersektionalitätsansatz, der zu ihrer weiteren Diversifizierung beiträgt (Waldschmidt 2020a, 120-121;172-174). Dabei geht es nicht allein darum, Mehrfachdiskriminierungen auf Grund von u.a. gender, class, race und disability aufzudecken. Diese Differenzkategorien sind nicht einfach nur nebeneinander, sondern in ihren potenzierenden gegenseitigen Verschränkungen wahrzunehmen. Bezüge zu anderen Wissenschaftsdisziplinen ergeben sich daraus für die Dis/ability Studies vor allem mit den Gender Studies, Queer Studies und Postcolonial Studies, welche „die impliziten Normen und Werte des gesellschaftlichen und kulturellen ‚mainstreams‘ ebenfalls in Frage stellen“ (Waldschmidt 2020b, 68).

Trotz ihrer interdisziplinären und kulturwissenschaftlichen Orientierung nehmen die Dis/ability Studies Theologie und Bibelwissenschaften kaum als relevante Bezugswissenschaften wahr, obwohl sich die Bibel über Jahrhunderte als kulturprägend erwiesen hat. Mögliche Ursachen dafür dürften in den Vorbehalten gegenüber dem humanistisch-christlichen Erbe der Heil- und Sonderpädagogik liegen, von der sich die Dis/ability Studies bewusst abgrenzen, da diese „bei der Institutionalisierung von Aussonderung und Stigmatisierung eine treibende Kraft“ gewesen ist (Waldschmidt 2020a, 20f.).

3. Dis/abilitykritische Auslegung biblischer Texte und ihrer Rezeption

Geht man, wie erwähnt, von der kulturprägenden Wirkung der Bibel aus, muss sich die Theologie ebenso wie andere Geistes- und Kulturwissenschaften fragen (lassen), inwieweit nicht auch sie über Jahrhunderte zu einer Konstruktion von Differenzvorstellungen beigetragen und beispielsweise binäre Gegensätze von normal/abweichend und behindert/nicht behindert entscheidend mitgeformt hat. Daraus ergibt sich auch für die Bibelwissenschaften die Aufgabe, zum einen biblische Texte und ihre Rezeption auf solche Differenzkonstruktionen hin zu reflektieren und zum anderen aktuelle Verstehens- und Interpretationszugänge kritisch auf implizit damit verbundene Normalitäts- und Perfektibilitätsvoraussetzungen zu befragen.

3.1. Dis/abilitykritische Verstehens- und Interpretationsprozesse

Aufgrund der Überlegungen in den vorausgehenden Kapiteln legen sich für eine dis/abilitykritische Annäherung an biblische Texte und ihre Rezeption folgende Verstehens- und Interpretationsprozesse nahe.

3.1.1. Dis/ability Studies-Perspektive

Ausgehend von Dis/ability als analytischer Kategorie setzt eine dis/abilitykritische Bibelauslegung – ebenso wie entsprechende Zugänge zu anderen literarischen Texten – beim kulturwissenschaftlichen Behinderungsmodell der Dis/ability Studies an, insbesondere beim Konzept der „narrativen Prothese“ der Literary Disability Studies (Luserke-Jaqui 2019; Helduser 2022) und beim Anliegen der Dis/ability History, „nicht nur Geschichte(n) der (Nicht-)Behinderung, sondern auch die allgemeine Geschichte neu zu schreiben“ (Waldschmidt / Bösl 2017, 47f.). Über diese für die → historisch-kritische Exegese selbstverständliche inter- und transdisziplinäre Orientierung an Geschichts- und Literaturwissenschaften hinaus ist eine dis/abilitykritische Bibelauslegung intersektional ausgerichtet, vor allem mit Blick auf → Gender Studies und → Postcolonial Studies.

3.1.2. Doppelte Kontextanalyse

Da Dis/ability als kontingenter Begriff, das heißt als soziokulturelle bzw. soziohistorische Konstruktion und gesellschaftliche Differenzkategorie zu denken ist, ist zwischen den kulturellen, sozio-ökonomischen und situativen Bezügen der Texte einerseits und die der Interpret*innen andererseits zu differenzieren (Kahl 2006). Bei der Analyse biblischer Texte ist nach Formen der verkörperten Differenz im jeweiligen zeitlichen Kontext der Texte zu fragen (Laes 2017; Laes 2020), ohne sie in das Referenzsystem eines modernen, recht diffusen Behinderungsbegriffs einzuebnen. Scheinbar eindeutige Bezeichnungen für Krankheiten oder Beeinträchtigungen sind als gesellschaftlich bedingt und historisch kontingent und nicht etwa im Sinne einer modernen medizinischen Diagnostik zu verstehen. Interpretierende haben sich außerdem selbstkritisch die Frage zu stellen, welche klischeehaften Perfektibilitäts- und Normalitätsvorstellungen oder auch welche Mitleidshaltungen, die letztlich zur positiven Diskriminierung von Menschen mit Behinderung führen, sie (un-)bewusst in Deutungsversuche eintragen, um nicht selbst durch die Generierung und Verbreitung bestimmter Bilder und Konzepte von Dis/ability „an der Konstitution von Ausgrenzungsmechanismen“ beteiligt zu sein (Waldschmidt / Bösl 2017, 47f.).

Umgekehrt darf aber mit der für eine Analyse notwendigen Trennung beider Kontexte nicht aus den Augen verloren werden, dass eine der Wurzeln der Dis/ability Studies in der politischen Behindertenbewegung der 70er Jahre zu finden ist, also damit beispielsweise Forderungen nach sozialer und kultureller Teilhabe verbunden sind. Daher sind hinter der Textebene und ihrer sprachlichen Indienstnahme von Menschen mit körperlicher Differenz auch die jeweiligen gesellschaftlichen Realitäten in den Blick zu nehmen. Menschen mit Beeinträchtigungen dürfen zudem nicht einfach Behandelte einer Textanalyse sein, sondern sind als Handelnde und Subjekte der Geschichte wahrzunehmen (Schiefer Ferrari 2024).

Dem Anspruch der Dis/ability Studies folgend, mit Hilfe der Kategorie Behinderung die Mehrheitsgesellschaft in den Blick zu nehmen, versteht sich eine dis/abilitykritische Bibelauslegung nicht als eine kontextuelle Bibellektüre, die von der Lebenswelt einer diskriminierten Gruppe ausgeht und versucht, biblische Texte für diese zu erschließen. Der Lektürekontext der Leser*innen und Interpret*innen bestimmt sich nicht durch die partikularen Interessen einer spezifischen Gruppe, sondern durch eine für die Gesamtgesellschaft relevante Perspektive (Schiefer Ferrari 2017a, 73).

3.1.3. Differenzzuschreibungen

Konkret ist bei einer dis/abilitykritischen Analyse bzw. Interpretation biblischer Texte darauf zu achten, inwieweit etwa mit Hilfe von Kategorisierungen und Grenzziehungen binäre Zuschreibungen von behindert/nicht behindert bzw. abweichend/normal erzeugt werden. Trägt ein Text z.B. dazu bei, Menschen auf ein oder mehrere Differenzmerkmale zu reduzieren und solche Zuweisungen dadurch noch zu verstärken? Werden mittels Stigmatisierung, etwa aufgrund des Tun-Ergehen-Zusammenhangs, und damit verbundener Assoziationshöfe zusätzlich Defizite oder spezifische Eigenschaften konstruiert? Werden Differenzmerkmale noch weiter vertieft, indem versucht wird, das kulturell Selbstverständliche und Normale auf der Folie des kulturell Anderen und Fremden besonders hervorzuheben (Kontrastierung) und plastisch erfahrbar zu machen? Eine Funktionalisierung von Menschen mit Beeinträchtigungen in biblischen Texten kann auch darin bestehen, diese als Gegenbilder zu einer heilen Wirklichkeit (Metaphorisierung), als Aufforderung zum Engagement für Ausgegrenzte (Ethisierung) oder als Bildrepertoire und Projektionsfläche für eigene Schwächen der Leser*innen (Ästhetisierung) zu vereinnahmen. Die Reihe möglicher Differenzzuschreibungen setzt sich fort, wenn beispielsweise Menschen mit Beeinträchtigungen in biblischen Texten namenlos bleiben (Anonymisierung), ihnen (alltägliche) Fähigkeiten abgesprochen werden (Infantilisierung) oder sie undifferenziert in eine Gruppe sozial Isolierter, wie etwa Bettler*innen, eingeordnet werden (Subsumierung) (Schiefer Ferrari 2017a, 54).

Im Sinne einer doppelten Kontextanalyse sind umgekehrt aber pauschale Bewertungen biblischer Aussagen als behindertenfeindlich ebenso kritisch zu hinterfragen, wenn nicht hinreichend das jeweilige kulturelle Bezugssystem Beachtung findet. Dagegen ist detailliert danach zu fragen, inwiefern biblische Aussagen Differenzvorstellungen der eigenen Zeit aufgreifen und fortschreiben, diese aber möglicherweise auch aufbrechen (subversives Potenzial).

3.2. Entwicklung der dis/abilitykritischen Bibelauslegung

Will man die Entwicklung der dis/abilitykritischen Bibelauslegung beschreiben, lassen sich drei Phasen erfassen, die inhaltlich und zeitlich allerdings nur bedingt voneinander zu trennen sind (im Folgenden Schiefer Ferrari 2024).

In einer ersten Phase (1980–2006) setzen sich vor allem Betroffene kritisch mit biblischen Erzählungen über Menschen mit Behinderung auseinander und erörtern in zahlreichen, meist kleineren Publikationen die von ihnen als diskriminierend erlebte Rezeption dieser Texte (z.B. Wilhelm 1998; Hull 2003; Bach 2006; Betcher 2013). Auch die biblischen Erzählungen selbst und ihre Deutungen werden vielfach keineswegs als Hoffnungstexte, sondern als kränkende Provokationen verstanden. Insbesondere in Bezug auf neutestamentliche Heilungserzählungen werden – oftmals in Kombination mit Anliegen der feministischen Theologie – heftige Vorwürfe formuliert, diese Texte funktionalisierten Menschen mit Behinderung und transportierten exkludierende Vollkommenheitsvorstellungen und Normalisierungsansprüche, indem sie die Geheilten als Ab- bzw. Vorbilder eines paradiesischen Urzustandes bzw. einer neuen Schöpfung darstellten und somit Heilung und Heil gleichsetzten.

Diese Auseinandersetzung wird in einer zweiten Phase (2006–2017) zunehmend auch von Vertreter*innen der biblischen Wissenschaften, vor allem der alttestamentlichen Exegese, entdeckt und auf der Basis der Diskurse der Dis/ability Studies weitergeführt (Schipper 2006; Avalos / Melcher / Schipper 2007; Moss / Schipper 2011; Grünstäudl / Schiefer Ferrari 2012; Lawrence 2013; Schiefer Ferrari 2017a). Die dis/abilitykritisch beleuchtete Themenpalette reicht dabei von → Merib-Baal, den an beiden Beinen gelähmten Sohn Jonatans im Kontext der Thronfolgegeschichte Davids, über den → leidenden Gerechten bei Jesaja bis zu den Heilungsgeschichten der Evangelien und den Körpererfahrungen des Paulus. Vielfach werden die biblischen Themen in einem größeren Rahmen zusammen mit anderen theologischen Perspektiven, besonders denen der Religionspädagogik und Pastoraltheologie, behandelt. Solche weitergefassten dis/abilitykritischen Auseinandersetzungen erscheinen – bis heute – in Tagungsbänden und Themenheften, wobei – bei genauerer Betrachtung – keineswegs alle Beiträge konsequent von Dis/ability als einer kontingenten Differenzkategorie ausgehen, sondern sich manche eher allgemein von einer Inklusions-/Exklusionsdebatte leiten lassen.

In den letzten Jahren finden sich in einer dritten Phase (seit 2017) – auch mit der Differenzierung zwischen Erstem und Zweitem Testament – dis/abilitykritische Kommentare (Melcher / Parsons / Yong 2017; Melcher 2022) und insbesondere Monographien zum Neuen Testament (Solevåg 2018; Gosbell 2018; Nogossek-Raithel 2023; Soon 2023), die zum einen dezidiert bei einem kulturellen Behinderungsmodell ansetzen und zum anderen dieses mit einer klassisch historisch-kritischen Exegese konfrontieren. Sind die ersten Jahre der dis/abilitykritischen Bibelauslegung noch stark von einer Betroffenenperspektive geprägt, dominiert jetzt zunehmend die Textorientierung.

3.3. Desiderate der dis/abilitykritischen Bibelauslegung

So grundlegend die historisch-kritische Forschung und ihre Ergebnisse für eine dis/abilitykritische Bibelauslegung sind, besteht, wie in den jüngsten Arbeiten zu sehen ist, die Gefahr, dass der Bezug zur Gegenwart zwar als wichtig erachtet, aber anderen überlassen wird. Wenn Vertreter*innen der Dis/ability Studies für die Dis/ability History einfordern, dass diese weder „spezialisierte Segmentgeschichte“ noch „historische Randgruppenforschung oder Behindertenwissenschaft“ sein dürfe, sondern dazu beitragen müsse, Geschichte – nicht nur der (Nicht-)Behinderung – neu zu schreiben, und zwar auch mit Blick auf exkludierende Mechanismen in gegenwärtigen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten (Waldschmidt / Bösl 2017, 47f.), so gilt dies ebenso für eine dis/abilitykritische Bibelauslegung.

Um sich noch deutlicher gegenüber den Ansätzen der Dis/ability Studies zu öffnen, sollte eine dis/abilitykritische Bibelauslegung, wie etliche Studien bereits exemplarisch vorgeführt haben, intersektionale und interdisziplinäre Perspektiven aufgreifen und zudem die Rezeptionsgeschichte neutestamentlicher Texte, etwa in der frühchristlichen Kunst (Schiefer Ferrari 2017b) und Literatur (Solevåg 2018), untersuchen, nicht zuletzt mit der Fragestellung, inwieweit gerade diese zur Konstruktion von Dis/ability beigetragen hat.

4. Siehe auch

Literaturverzeichnis

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