Deutsche Bibelgesellschaft

Antiochenischer Streit

Andere Schreibweise: Antiochenischer Zwischenfall

(erstellt: Oktober 2024)

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1. Einführung

Als antiochenischer Streit bzw. antiochenischer Zwischenfall wird die Auseinandersetzung zwischen Paulus und Petrus bezeichnet, die lt. Gal 2,11–14 in Antiochien am Orontes stattgefunden hat. Auslöser für den Konflikt war die von Petrus verweigerte Tischgemeinschaft mit den heidenchristlichen Gemeindemitgliedern nach Eintreffen der sog. „Leute des Jakobus“, einer Gruppe aus Judenchristen, die für sich die Autorität des Herrenbruders Jakobus in Anspruch nehmen. Im Hintergrund dieser Auseinandersetzung steht die größere Frage, ob Heidenchristen als gleichwertige Mitglieder innerhalb der Gemeinden anzusehen sind, bzw. ob es vorher der Übernahme der Toragebote einschließlich der Beschneidung bedurfte. Dieser Auseinandersetzung und ihrer Lösung wird eine hohe Bedeutung für die Entstehung christlicher Identität beigemessen.

2. Textlicher Hintergrund in Gal 2,11–21

Innerhalb des Neuen Testaments berichtet lediglich Paulus in Gal 2,11–21 von den Auseinandersetzungen um die gleichwertige Tischgemeinschaft in Antiochien. Obwohl Apg 15 – nach mehrheitlicher Meinung – dieselben dem Konflikt vorangehenden Ereignisse wie Paulus in Gal 2,1–10 beschreibt, ist in der Apg von diesem Aufeinandertreffen zweier Protagonisten des Buches nicht die Rede.

2.1. Kontextuelle Einbettung innerhalb des Briefes

Im →Galaterbrief liefert Paulus den längsten autobiographischen Exkurs innerhalb der von ihm überlieferten Briefe (Gal, 1,13–2,21). In ihm verweist er – vor dem Hintergrund eines tiefgehenden Konflikts mit einer judenchristlichen Missionarsgruppe in Galatien – auf seinen eigenen Werdegang im Glauben. Sein zentrales Interesse liegt darin, die Entstehung der beschneidungsfreien Heidenmission zu schildern, bei deren Etablierung und Verbreitung er selbst eine maßgebliche Rolle gespielt hat. Zwei Ereignisse werden dabei als wesentliche Meilensteine markiert: zum einen der sog. →Apostelkonvent in Jerusalem (Gal 2,1–10), zum anderen der antiochenische Zwischenfall. Auf dem Apostelkonvent wurden von Petrus, dem Herrenbruder Jakobus und dem Zebedäussohn Johannes, den sog. „Säulen“ der Urgemeinde in Jerusalem, keinerlei Auflagen in Form von Beschneidung oder Speisegeboten gefordert, die Heidenchristen erfüllen müssten, um in voller Gemeinschaft mit jüdischen Christusgläubigen zu leben.

2.2. Die Schilderung des antiochenischen Streits

Auf der Basis der Entscheidungen des Apostelkonvents ist es demnach für Petrus zunächst auch kein Problem, mit den Heidenchristen in Antiochien – einer Gemeinde, in der sowohl Heiden- als auch Judenchristen lebten (vgl. 3.2.) –  ohne Vorbehalt zu verkehren und Mahl zu halten (vgl. Gal 2,12b). Nach der Ankunft einer Gruppe von „Leuten des Jakobus“ (2,12a) lehnt Petrus diese Tischgemeinschaft jedoch ab (2,12c), was Paulus als Furcht vor dieser judenchristlichen Gruppe deutet (2,12d). Dazu werden auch andere Christen in Antiochien zur selben Haltung angeregt, darunter à Barnabas (2,13), als dessen Co-Missionar Paulus gewirkt hatte, und der damit eine wesentliche Rolle im Werdegang und der Verkündigungstätigkeit des Paulus einnahm.

Ob diese Jakobusleute vom Herrenbruder gesandt wurden, oder sich nur auf in beriefen, bleibt unklar. Da Jakobus beim Apostelkonvent dezidiert keine Auflagen für Christen aus dem Heidentum verlangt hatte, scheint ihre Interpretation dieses Beschlusses eine separative Praxis nach sich zu ziehen. Demnach würden beschnittene und unbeschnittene Gläubige zwar nebeneinander in der Gemeinde existieren, jedoch ohne miteinander Mahlgemeinschaft pflegen. Für diese Erklärung spricht, dass Paulus von keiner expliziten Konfrontation mit dieser Gruppe schreibt.

Deutlich als „Heuchelei“ (ὑπόκρισις/hypókrisis) verurteilt Paulus jedoch die Aufkündigung der zuvor bereits eingehaltenen Mahlgemeinschaft zwischen Juden- und Heidenchristen und attackiert Petrus in Gegenwart der Gesamtgemeinde dafür scharf (2,14). In seiner Rede (2,14d–21) kritisiert er an Petrus, dass dieser selbst als Jude wie ein Heide lebte und dennoch Heiden dazu nötigte, auf „jüdische Art zu leben“ (ἰουδαΐζειν/iudaΐzein). Der Vorwurf beinhaltet wohl mehr als lediglich die Observanz von Speiseregeln und bezieht sich wohl auf die Einhaltung des gesamten Gesetzes inklusive der Beschneidung. In die im Schreiben an Petrus adressierte Rede (2,14d–21) fließt jedoch deutlich sichtbar die Situation der Christ*innen in Galatien mit ein. In ihr versucht Paulus seine in der Zwischenzeit ausgefaltete Lehre von der →Rechtfertigung durch den Glauben in Kurzform wiederzugeben. Welche Reaktionen auf sein Vorgehen erfolgten, schildert Paulus jedoch nicht und wendet sich in Gal 3,1 in einem neuen Abschnitt mit deutlichen Worten direkt an die galatischen Christusgläubigen.

3. Historischer Kontext und Datierung

3.1. Differenzen zwischen Apg und Gal

Vor allem die Leerstelle in der Apg hat immer wieder die Frage nach der Authentizität bzw. der historischen Verortung des antiochenischen Streits aufgeworfen. Neben dem Tatbestand fehlenden Quellenmaterials wird in der Forschung darauf hingewiesen, dass die Auseinandersetzung in Antiochien nicht den harmonisierenden Darstellungsabsichten der Apg in den Rollenzuschreibungen des Petrus und Paulus entsprochen hätte. 

Setzt man voraus, dass die Geschehnisse so stattgefunden haben, muss Paulus als Augenzeugen eine höhere Glaubwürdigkeit zugedacht werden als dem Verfasser der Apg, der mehrere Jahrzehnte später die Entwicklung der ersten Gemeinden erzählt. Schließlich bewegt sich Paulus in der Auseinandersetzung um den Einfluss der judenchristlichen Missionare in Galatien und deren Drängen auf die Beschneidung von Heidenchristen auf sehr schwierigem Terrain. Ein massives Abweichen von den eigentlichen Geschehnissen, die zum Abfassungszeitpunkt nur wenige Jahre zurückliegen, scheint in Anbetracht der zentralen Rolle, die dieser Konflikt im rhetorischen Gesamtgefüge des Galaterbriefs einnimmt, unwahrscheinlich.

3.2. Die Bedeutung Antiochiens für frühchristliche Identitätsdiskurse

Antiochien am Orontes nahm in der Ausbreitung des Christusbekenntnisses eine wichtige Rolle ein. In der Darstellung der Apg werden hier die ersten nichtjüdischen Griechen mit der Botschaft Jesu konfrontiert (vgl. Apg 11,20). Für diese Verkündigungsarbeit werden indirekt griechischsprechende Judenchristen aus dem Kreis um Stephanus (vgl. Apg 6,1–7; 11,19) verantwortlich gemacht. Unter der Führung des Barnabas und des von ihm in die Stadt gebrachten Paulus (11,26) wächst die Gemeinde, in der Christusgläubige sowohl heidnischer wie jüdischer Herkunft lebten, und wurde zu einem bedeutenden Diskursort der frühen Kirche. Antiochien unterhielt damals gute Verbindungen nach Jerusalem. Das galt sowohl für die Synagogen- (vgl. Ios. bell. VII 45) als auch die Christengemeinde (vgl. Apg 11,27–30), was sich in namhaften Geldspenden nach Jerusalem äußerte. Lt. Apg 11,26 liegt hier auch der (historisch umstrittene) Ursprung des Namens „Christen“ für die Gemeindemitglieder, die zunächst wohl eine Fremdbezeichnung durch die römischen Behörden war. In Apg 15 wird die Stadt aufgrund des Drucks judäischer Christen zum Schauplatz der Auseinandersetzung um die Beschneidungsfreiheit von Heidenchristen, die in das Aposteldekret mündet, das konkret an die Heidenchristen in Antiochien, Syrien und →Kilikien adressiert ist (vgl. Apg 15,23).

3.3. Datierung des antiochenischen Streits

Im Gegensatz zu den vorangegangen biographisch relevanten Ereignissen, in denen Paulus mehrfach Zeitabschnitte benennt (vgl. Gal 1,18; 2,1), leitet er seine Schilderung über die Ereignisse in Antiochien mit der unspezifischen temporalen Konjunktion ὅτε (hóte: als) ein, mit der er die Ankunft des Petrus in der Stadt am Orontes verknüpft. Der Vorfall muss also nach dem in Gal 2,1–10 geschilderten Apostelkonvent passiert sein, der gewöhnlich auf 48/49 datiert wird. Wurde lange davon ausgegangen, dass sich der Konflikt direkt im Anschluss daran ereignet hat, wird in der jüngeren Forschung darauf hingewiesen, dass mehrere Jahre zwischen den Entscheidungen in Jerusalem und dem Konflikt in Antiochien liegen müssen. Für letzteren würde etwa der in Apg 18,22 geschilderte Aufenthalt des Paulus in Antiochien in Frage kommen, der aufgrund der vorher erzählten Gallio-Episode (Apg 18,12–17) mit großer Wahrscheinlichkeit auf 52 festgelegt werden kann; schließlich lässt sich die Regentschaft des Gallio, Prokonsul in der Provinz Achaia mit der Hauptstadt →Korinth, auf die Jahre 51 und 52 eingrenzen und dient damit als wichtiger Ankerpunkt für die biographischen Daten des Paulus.

Mit dieser zeitlichen Einordnung lassen sich die unterschiedlichen Ansätze zwischen 1 Thess und den späteren Paulusbriefen erklären. Zudem wird plausibel, warum Paulus Antiochien später keinen Besuch mehr abstattet und die Apg über diesen Aufenthalt nichts als die kurze Notiz in Apg 18,22 berichtet.

3.4. Die „Jakobusklauseln“ als Lösung des antiochenischen Streits?

Paulus verliert über die weiteren Vorgänge um die Lösung des Konflikts kein Wort mehr, obwohl das seiner Argumentation in Galatien sicherlich zuträglich gewesen wäre. Wahrscheinlich ist er aus diesem Streit als Verlierer hervorgegangen. Als mögliche Lösungsansätze werden in der Forschung daher u.a. die sog. vier Jakobusklauseln bzw. das Aposteldekret (vgl. Apg 15,19.29; 21,21: Verzicht auf Götzenopferfleisch, Ersticktes, Blut und unerlaubten Sexualverkehr) ins Feld geführt. Da Paulus in Gal 2,6–10 deutlich vom Beschluss einer auflagenfreien Heidenmission im Zuge des Jerusalemer Apostelkonvents spricht, scheint es möglich, dass der Verfasser der Apg die Kompromisslösung, die zur Gemeinschaft aus Heiden- und Judenchristen beitragen soll, aus dem Konflikt um Antiochien entnommen hat. Dafür spricht die Fokussierung auf Speisegebote innerhalb der Klauseln, die Verknüpfung mit dem Herrenbruder Jakobus in beiden Texten sowie die örtliche Anbindung an Antiochien.

4. Ringen um Identität

Am antiochenischen Streit wird beispielhaft deutlich, dass der Weg der frühen Kirche zu einer pluralen Identität aus Juden- und Heidenchristen konfliktreich war. In der Mitte des 1. Jhdts. gehörte die Debatte um die Möglichkeit der gesetzes- und v.a. beschneidungsfreien Heidenmission zu den wichtigen Fragestellungen der jungen Kirche, wie die Texte in Apg 10 und 15 oder Gal 2 zeigen. Paulus präsentiert sich in seiner eigenen Darstellung dabei als überzeugter und unnachgiebiger Verfechter der auflagenfreien Heidenmission. Um das durchzusetzen, schreckt er auch vor einem Konflikt mit den höchstrangigen Vertretern der judenchristlich geprägten Urgemeinde nicht zurück, wenn diese die notwendig integrative Haltung aufgeben. Gleichzeitig rüttelt Paulus in Antiochien noch nicht an der Rolle und Geltung der Tora für Judenchristen; für sie hat das Gesetz weiterhin autoritativen und identitätsstiftenden Charakter.

Dass sich der Konflikt entlang der Mahlgemeinschaft entzündet hat, ist signifikant für die frühe Kirche, in der das Herrenmahl einen wesentlichen Beitrag zur gemeindlichen Identität leistete (vgl. 1 Kor 11). Zudem spielten Speisevorschriften als Abgrenzungsmarker im Identitätsdiskurs des frühen Judentums eine bedeutsame Rolle, während gleichzeitig die Mahlkultur auch in der griechisch-römischen Welt einen wichtigen gemeinschaftsstiftenden Platz einnahm. 

Am Ausgang dieser Episode stand wohl eine Kompromisslösung. Diese zeigt den vielfältigen und lebendigen Diskursraum christlicher Identität innerhalb der frühen Kirche, und die Bedeutung, die dabei dem jüdischen Erbe zukam.

Literaturverzeichnis

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