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Matthäus 4,1-11 | Invokavit | 18.02.2024

Einführung in das Matthäusevangelium

Das MtEv gehört seit seiner Entstehung zu den wichtigsten Büchern des Neuen Testaments und hat die Geschichte der weltweiten Christenheit geprägt wie kein anderes Buch. Entsprechend anhaltend ist das Interesse daran auch in der wissenschaftlichen Forschung. Allerdings hat die Durchsetzung der Mk-Prioriät im 19. Jh. das MtEv als ältestes und apostolisches Evangelium in der historisch-kritischen Forschung zurückgestuft zu einer Parteischrift judenchristlicher Gemeinden, die gegenüber anderen frühchristlichen Milieus das Festhalten an einem wörtlichen Verständnis der Tora des Mose vertraten. Damit verbunden ist die Frage, ob sich die sog. „Gemeinde des Matthäus“ noch als Teil der jüdischen Glaubens- und Volksgemeinschaft verstand (bzw. von dieser noch als Teil derselben akzeptiert wurde) oder ob das Evangelium von einer eigenständigen Entwicklung der sich auf Jesus als Messias beziehenden Gemeinschaften ausgeht, wissend, dass dies mit einem Abweichen vom Weg der Mehrheit in Israel einhergeht. In diesem Fall wird das Evangelium als Versuch einer eigenen Orts- und Zeitbestimmung in Gottes Geschichte mit seinem Volk und den Völkern der Welt verstanden. Eine zentrale Rolle in der Entscheidung dieser Frage hat das jeweils vorausgesetzte Verhältnis des Evangelisten zur Tora. Gegen das in der gegenwärtigen Forschung vielfach vertretene Verständnis eines von Mt intendierten wörtlichen Praktizierens aller Toragebote spricht, dass die kirchliche Praxis sein Evangelium nie in dieser Weise verstanden oder praktiziert hat. Die Interpretation pro Tora würde also bedeuten, dass Mt in der Kirche von Anfang an gegen seine eigene Intention gelesen und gepredigt wurde. Die Folge ist eine weitere Aushöhlung des protestantischen sola scriptura.

1. Verfasser

Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3 (Matthäus der Zöllner), die erkennbar und absichtsvoll auf die Berufung des Zöllners Matthäus 9,9–13 (der in den Parallelen Mk 2,13–27; Lk 5,27–32 Levi heißt, woraus in der Tradition Matthäus-Levi wurde) zurückverweist. Dies wird weithin als Referenz auf den intendierten (oder eben tatsächlichen) Verfasser verstanden. Die Apostolizität – verstanden in einer Weise, dass wesentliche Teile des Inhalts auf Überlieferungen aus dem Zwölferkreis, repräsentiert durch Matthäus, zurückgehen – kann so in Einklang mit der frühchristlichen Tradition trotz des relativ späten Entstehungsdatums des kanonischen (= griechischen) MtEv vertreten werden.

2. Adressaten

Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5 genannten christlichen Pharisäern verbinden). Alternativ kann man im MtEv, basierend u.a. auf seiner breiten Rezeptionsgeschichte seit dem 2. Jh. in den geographisch sehr verschiedenen Milieus des frühen Christentums und im Hören auf die patristischen Traditionen, ein in seinen Anfängen apostolisches Zeugnis sehen, dessen griechische Endgestalt das Mk- und möglicherweise auch das LkEv bereits voraussetzt. In diesem Fall stellt es die abschließende synoptische Stimme im neutestamentlichen Kanon dar, in der die Verkündigung von Jesus im Kontext einer „kerygmatischen Biographie“ (so Martin Hengel) einschließlich ihrer fortlaufenden Formatierung bis ungefähr zum Jahr 85–90 enthalten ist.

3. Entstehungsort

Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f. beschreibt den unmittelbaren geographischen Radius von Jesu Wirksamkeit (und damit einen möglichen ersten Adressatenkreis), aber das Evangelium selbst lässt keinen Zweifel an seiner universalen Perspektive (24,9.14; 26,13; 28,18–20), die sich zudem in der wiederholten Erwähnung von nichtjüdischen Personen als Empfängern der guten Botschaft konkretisiert (Mt 1,5; 2,1; 8,5–13.28–34; 15,21–28; 27,54).

4. Wichtige Themen

Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21] und als Vollendung [26,28: nur Mt verbindet die Worte vom Bundesschluß im Abendmahl mit der Vergebung der Sünden εἰς ἄφεσιν ἁμαρτιῶν]; Gericht und Eingang ins Leben als wichtige Orientierungspunkte) und Ethik (6,1; 7,24; 25,40.45: die Betonung des Tuns/ποιέω) aus der besonderen Perspektive hinsichtlich des Verhältnisses zu den Traditionen Israels, dem jüdischen Volk in Vergangenheit und Gegenwart sowie der Tora. Das MtEv enthält einige der bekanntesten neutestamentlichen Texte, darunter die weltweit in allen Kirchen benützte Fassung des Vaterunsers und die Bergpredigt, aber auch problematische Texte wie die große Scheltrede gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten (Mt 23), die antijüdische Voreingenommenheiten (z.B. Klischees über die Pharisäer) bis heute befeuern. Diese Gefahr bestand immer dann, wenn die Entstehungssituation des Evangeliums nicht reflektiert und die polemische Rhetorik einer Gemeinde in einer bedrängten Minderheitensituation, die gleichwohl selbstbewusst für ihre Botschaft eintrat, von einer sich über das jüdische Volk erhebenden christlichen Kirche bruchlos übernommen wurde. Das wirkte sich so unheilvoll aus, weil kein Evangelium im Lauf der Kirchengeschichte mehr gepredigt wurde als Matthäus. Dabei ist es vor allem der mt Redestoff, der für katechetische und homiletische Zwecke herangezogen wurde und wird, während im Erzählstoff die farbigeren Darstellungen bei Mk und Lk bekannter sind.

5. Besonderheiten

Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17, wo diese Struktur sogar benannt wird) oder „chiastische Ringkompositionen“ (U. Luz). Dagegen fehlt eine erkennbare Gesamtstruktur, indem der Aufbau insgesamt eher schlicht ist: Als Auftakt die Genealogie als Brücke in Israels Geschichte und die Kindheitsgeschichte als Erfüllungsgeschehen (vier der insgesamt 12 bzw. 13 Erfüllungszitate sind in Kapitel 1–2, beginnend mit 1,22: τοῦτο δὲ ὅλον γέγονεν ἵνα πληρωθῇ τὸ ῥηθὲν „Dieses alles aber ist geschehen, damit erfüllt werden würde, was gesagt worden ist durch …“, vgl. außerdem 2,15.17.23; 4,14; 8,17; 12,17; 13,14.35; 21,4; 26,56; 27,9), daran anschließend das Wirken in Galiläa, und ab 16,21 eine zunehmende Fokussierung auf Jerusalem; Passionsbericht und Auferstehung bilden den Abschluss. Einzelne Perikopen werden durch Schlüsselworte und gleichartige Formulierungen zu thematischen Erzählfäden verbunden, so dass sich die Gesamtsicht der mt Botschaft am besten durch wiederholtes und zusammenhängendes Lesen erschließt. Das macht es wahrscheinlich, dass das Evangelium von Anfang an für den gottesdienstlichen Gebrauch intendiert war. Herausragendes Merkmal sind die fünf großen Reden in den Kapiteln 5–7, 10, 13, 18 und 24f., die alle nahezu identisch abgeschlossen werden (7,28; 11,1; 12,53; 19,1; 26,1). Der biographisch-historische Rahmen ist durch die gleichlautenden Einleitungen in 4,17 (Ἀπὸ τότε ἤρξατο ὁ Ἰησοῦς + Infinitiv als Einleitung in das öffentliche Wirken Jesu vor allem in Galiläa) und 16,21 (als Beginn der Passionserzählung mit dem Fokus auf Jerusalem) markiert. Auch die Passionsgeschichte, die weitgehend mit Mk parallel geht, ist als Erfüllung dessen dargestellt, was der Evangelist in Israels Heiligen Schriften an Vorausverweisen auf Jesus fand (26,54.56; 27,9).

Literatur:

  • Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
  • Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
  • Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
  • Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.

A) Exegese kompakt: Matthäus 4,1-11

1Τότε ὁ Ἰησοῦς ἀνήχθη εἰς τὴν ἔρημον ὑπὸ τοῦ πνεύματος πειρασθῆναι ὑπὸ τοῦ διαβόλου. 2καὶ νηστεύσας ἡμέρας τεσσεράκοντα καὶ νύκτας τεσσεράκοντα, ὕστερον ἐπείνασεν. 3καὶ προσελθὼν ὁ πειράζων εἶπεν αὐτῷ· εἰ υἱὸς εἶ τοῦ θεοῦ, εἰπὲ ἵνα οἱ λίθοι οὗτοι ἄρτοι γένωνται. 4ὁ δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν· γέγραπται· οὐκ ἐπ’ ἄρτῳ μόνῳ ζήσεται ὁ ἄνθρωπος, ἀλλ’ ἐπὶ παντὶ ῥήματι ἐκπορευομένῳ διὰ στόματος θεοῦ.

5Τότε παραλαμβάνει αὐτὸν ὁ διάβολος εἰς τὴν ἁγίαν πόλιν καὶ ἔστησεν αὐτὸν ἐπὶ τὸ πτερύγιον τοῦ ἱεροῦ 6καὶ λέγει αὐτῷ· εἰ υἱὸς εἶ τοῦ θεοῦ, βάλε σεαυτὸν κάτω· γέγραπται γὰρ ὅτι

τοῖς ἀγγέλοις αὐτοῦ ἐντελεῖται περὶ σοῦ

καὶ ἐπὶ χειρῶν ἀροῦσίν σε,

μήποτε προσκόψῃς πρὸς λίθον τὸν πόδα σου.

7ἔφη αὐτῷ ὁ Ἰησοῦς· πάλιν γέγραπται· οὐκ ἐκπειράσεις κύριον τὸν θεόν σου.

8Πάλιν παραλαμβάνει αὐτὸν ὁ διάβολος εἰς ὄρος ὑψηλὸν λίαν καὶ δείκνυσιν αὐτῷ πάσας τὰς βασιλείας τοῦ κόσμου καὶ τὴν δόξαν αὐτῶν 9καὶ εἶπεν αὐτῷ· ταῦτά σοι πάντα δώσω, ἐὰν πεσὼν προσκυνήσῃς μοι. 10τότε λέγει αὐτῷ ὁ Ἰησοῦς· ὕπαγε, σατανᾶ· γέγραπται γάρ· κύριον τὸν θεόν σου προσκυνήσεις καὶ αὐτῷ μόνῳ λατρεύσεις.

11Τότε ἀφίησιν αὐτὸν ὁ διάβολος, καὶ ἰδοὺ ἄγγελοι προσῆλθον καὶ διηκόνουν αὐτῷ.

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Übersetzung

1 Damals wurde Jesus von dem Geist in die Wüste geführt, damit er vom Diabolos geprüft/versucht würde. 2 Und nachdem er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte er danach. 3 Und der Prüfer/Versucher, sich nähernd, sagte ihm: „Wenn du der Sohn Gottes bist (vgl. 3,17), sage, dass diese Steine zu Brot werden.“ 4 Er aber gab zur Antwort: „Geschrieben worden ist: Der Mensch wird nicht allein vom Brot leben, sondern von jedem Wort, das herausgeht aus dem Mund Gottes“ (Dtn 8,3).

5 Daraufhin nimmt ihn der Diabolos in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sagt ihm: „Wenn du Gottes Sohn bist, wirf dich selbst nach unten! Geschrieben ist nämlich, dass er seinen Engel gebot bezüglich deiner und sie werden auf Händen dich tragen, damit nicht zu Fall kommt an einem Stein dein Fuß“ (Ps 91,11f.). 7 Sprach zu ihm Jesus: „Ebenso ist geschrieben worden: Du sollst nicht herausfordern den Herrn, deinen Gott“ (Dtn 6,16).

8 Wiederum nimmt ihn der Teufel auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Königreiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sagte zu ihm: „Dieses alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ 10 Daraufhin sagt Jesus zu ihm: „Verschwinde, Satan! Denn geschrieben steht: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein sollst du dienen“ (Dtn 6,13).

11 Daraufhin verließ ihn der Teufel, und siehe da, Engel näherten sich und dienten ihm.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 1: τότε = damals, daraufhin. Das Pronominaladverb mit demonstrativer Funktion ist ein besonders von Mt benütztes Gliederungssignal, das in diesem kurzen Text viermal begegnet: V. 1.5.10.11. Damit sind die drei Bewährungsproben eingeführt (V. 1f. können im Griechischen als ein Satz gelesen werden), die als ein nacheinander ablaufendes Geschehen geschildert werden.

ὁ διάβολος: der Widersacher/Teufel/Durcheinanderbringer hat in 4,1-11 verschiedene Namen: Diabolos (V. 1.5.8.11), Versucher (V. 2) und die hebr. Bezeichnung Satan(as) (V. 10). Hinzu kommen noch die Bezeichnungen Beelzebul (10,25; 12,24.27), der Feind (13,25.28.39), der Böse (13,38, evtl. 6,13) und „der Starke“ (12,29), den Jesus besiegt. Der Teufel ist „der Oberste der Dämonen“ (9,34; 12,24).

V. 2: Vierzig Tage: Mose war 40 Tage und Nächte auf dem Berg Gottes (Sinai/Horeb) in der Wüste, um das Gesetz zu empfangen (Ex 24,18; 34,28; Dtn 9,9), wobei er weder Brot aß noch Wasser trank (Ex 34,28); Vorbereitungszeit Elias vor seiner Gottesbegegnung am Horeb (1Kön 19,8) und auch die israelitischen Kundschafter erkundeten das verheißene Land 40 Tage lang (Num 13,25).

V. 4: In Jesu Antwort mit Dtn 8,3 ist bei Mt (anders Lk 4,4) auch die positive Hälfte zitiert: „sondern von jedem Wort, das herausgeht aus dem Mund Gottes“.

V. 9f.: Das Verb προσκυνέω (= kniefällig verehren, anbeten) ist wichtig für Mt. In Mt 2,2.8.11 wird mit der Anbetung des Messiaskindes die universale Anbetung vorweggenommen; hier, in 1,9f., weist Jesus das Ansinnen zurück, einen anderen als Gott anzubeten; am Ende (28,17) erkennen die Jünger in ihm den Repräsentanten Gottes (so erstmalig in 14,33) und beten ihn an. So macht Mt deutlich, dass Jesus wirklich der „Immanuel“ ist, der Mit-uns-ist-Gott. Zur Nichtanbetung fremder Götter s. Ex 20,5; 23,24; Lev 26,1. Die Anbetungsgeste impliziert ein Zu-Boden-werfen vor der Person, was hier (vgl. 2,11; 18,26) noch durch das Partizip (πεσών = niederfallend) hervorgehoben wird. Auch wenn Menschen etwas von Jesus erbitten, gebraucht Mt dieses Verb: Mt 8,2; 9,18; 15,25; 18,26; 20,20. Zu einer eindrucksvollen Darstellung der Proskynese eines römischen Vasallenkönigs vor dem Kaiser vgl. Dio Cassius 63,2.4f. (= NW I/1.2, 204–206).

2. Literarische Gestalt und Kontext

Der erzählende Text ist klar abgegrenzt: einleitende Bemerkung (V. 1 mit τότε als Konnektivum) und Schlusssatz (V. 11 erneut mit τότε) bilden den Rahmen. Die Perikope folgt unmittelbar auf die Taufe, in der Jesus seinen Gehorsam erklärte (3,15) und von Gott als „geliebter Sohn“ bestätigt wurde (3,17). Mt 4,12–16 bildet mit dem Weggang nach Kapernaum den Abschluss der Vorbereitungsphase von Jesus. Sein öffentliches Wirken setzt mit 4,17 ein.

Im Zentrum des Abschnitts stehen drei Erprobungen von Jesus durch den Teufel, die trotz formaler Unterschiede ungefähr gleich lang sind. Sie sind als Dialog gestaltet, wobei die Initiative jeweils vom Diabolos ausgeht: Er tritt zu Jesus (V. 3), er nimmt ihn in die Heilige Stadt (V. 5) und auf einen Berg (V. 8). Jesus weist die Aufforderungen des Teufels jeweils mit einem biblischen Zitat zurück. Damit wird erzählerisch abgebildet, was in 5,17 programmatisch formuliert ist: Jesus erfüllt „Gesetz und Propheten“, d.h. bewegt sich in der Israel von Gott gegebenen Ordnung und bewährt darin das gehorsame Verhältnis zu seinem Vater.

3. Historische Einordnung

Die literarhistorische Einordnung legt nahe, dass die Überlieferung über die Versuchung traditionell ist. Die ausführliche Fassung bei Mt und Lk (4,1–13; vgl. auch 22,28) geht auf die Q-Überlieferung zurück, die zwischen 50 und 70 datiert wird. Auch Mk kennt diese Überlieferung (Mk 1,12f.), berichtet darüber aber nicht ausführlich. Hebr 2,17f.; 4,15 belegen, dass die Vorstellung von der Versuchung Jesu traditionell ist und paränetisch eingesetzt wurde (vgl. πειράζω, jeweils im Passiv, in Hebr 4,15 und Mt 4,1). Spannender ist jedoch die Frage, wie eine solche Überlieferung überhaupt entsteht. Die Forschung bietet dazu nur wenige Antworten:

  • Eine alttestamentliche Vorgabe (Gen 3,1-7; Hi 1,6-12; 2,1-6 oder auch 1Chr 21,1; Sach 3,1) wird auf Jesus übertragen; allerdings überwiegen dabei die Unterschiede bei weitem die Gemeinsamkeiten. Immerhin belegen die Stellen die Vorstellung, dass der Teufel Menschen gezielt zu manipulieren versucht, damit sie Gottes Gebot übertreten (Gen 3,4f.) bzw. ihn verleugnen (Hi 1,11; 2,5.9).
  • Häufig wird in der Literatur auf religionsgeschichtliche Parallelen hingewiesen (umfassend in NW I/1.2, 204-236). Vor allem die berühmte Geschichte von Herakles am Scheideweg, den Tugend und Lasterhaftigkeit, dargestellt als Frauengestalten, jeweils für ihren Weg gewinnen wollten (Xenophon, Memorabilia II 21–30, in: NW I/1.2, 717–719). Aber trotz dieser zahlreichen Parallelen fällt auf, dass die griech.-röm. Welt zwar Analogien zu den einzelnen Versuchungen kennt, aber keinen Versucher als eigenständige Macht.
  • Die einfachste Erklärung, die aber vielfach nicht einmal erwogen wird, ist, dass etwas im Leben von Jesus geschehen ist, das in dieser Form eine literarische, „behältliche“ Form gefunden hat. In diesem Fall ist an eine visionäre Erfahrung zu denken, ähnlich wie sie auch bei der Taufperikope anzunehmen ist. Lk 10,18 würde eine weitere Parallele darstellen.

4. Schwerpunkte der Interpretation

In der Versuchungsgeschichte rückt das Menschsein Jesu in den Fokus: Mit der Taufe trat er ein in die Gemeinschaft der Sünder, die er retten sollte (Mt 1,21). Mit der Versuchungsgeschichte setzt sich Jesus der menschlichen Verführbarkeit aus, damit er die Macht des Versuchers erfährt und so Barmherzigkeit lernt für sein Amt als Richter der Menschen (Hebr 4,15f.; 5,7f.).

Liest man die drei Versuchungen im Kontext des Mt, wird deutlich, worum es hier geht: Jesus verwirklicht sich nicht dadurch, dass er seine Bedürfnisse/Wünsche (Hunger, Bestätigung, Macht) aus eigenem Können (1. Versuchung), aus der Manipulation Gottes (2. Versuchung) oder aus der Kooperation bzw. Unterwerfung unter den Teufel (3. Versuchung) erreicht, sondern indem er dem Willen Gottes, wie er sich in der Tora offenbart, gehorsam bleibt bis zum Gang ans Kreuz (26,39).

  • Die erste Versuchung dreht sich darum, die besonderen Gaben, die einem anvertraut sind, für sich selbst zu verwenden. Jesus hätte seine Nöte befriedigen können, weil er – wie das Evangelium später zeigt – die Macht hatte, aus Steinen Brot zu machen. Aber erst, wo er diese Macht einsetzt, damit hungrige Menschen satt werden (in der Speisung der 5000 bzw. 4000, Mt 14,15-21; 15,32-38), handelt er „ohne Sünde“. Es ist Brot (und Vollmacht), die mit Dank empfangen wird (vgl. 14,19; 15,36: „er dankte“). Diese Weitergabe des Brots (johanneisch formuliert: „Brot des Lebens“) findet ihren Höhepunkt im Abendmahl (26,26-28), indem die Lebenshingabe von Jesus zur Vergebung der Sünde führt (26,28, so nur Mt, der großen Wert auf das Thema „Vergebung der Sünden“ legt).
  • Bei der zweiten Versuchung ist die Deutung als Schauwunder verbreitet, d.h. der öffentlichkeitswirksam imaginierte Sturz von der Tempelzinne. Vorausgesetzt wird dabei, dass die Menschen dem zujubeln, der einen solchen „stunt“ ohne Schaden hinbekommt. Das wäre dann die Versuchung des „Stars“, der bewundert werden will um seiner selbst willen. Der Versucher will Jesus vorwegnehmen lassen, was ihm erst nach seinem Weg ans Kreuz verheißen ist. Erst bei seiner Parusie wird er als der erkannt, der als Menschensohn zur Rechten Gottes sitzt (Mt 24,30, vgl. 26,63). Eine andere Deutung sieht hier die Versuchung der Frommen, sich Gottes zu sicher zu sein und ihn für die eigene Sache zu instrumentalisieren. Ps 91, mit dem der Teufel hier argumentiert, ist eine einzige Schutzzusage für den, der Gott vertraut (und wird bis heute als Schutzamulett verwendet). Jesus betet am Kreuz jedoch mit Ps 22, liefert sich damit Gott aus und erwartet seine Rettung aus ärgster Bedrängnis von ihm.
  • Die Versuchung zur Macht ist bei Mt Abschluss und Höhepunkt. Eine Versuchung, die alle Menschen in unterschiedlicher Weise bedrängt: Macht über andere (z.B. Missbrauch, Krieg), Macht über die Schöpfung (z.B. Klimakrise), Macht über Leben und Tod (z.B. Transhumanismus). Jesus ist am Ende der, dem „alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist“ (Mt 28,18