Galater 2,16-21 | 11. Sonntag nach Trinitatis | 11.08.2024
Einführung in den Galaterbrief
Im Corpus Paulinum
1. Verfasser und Entstehungsort
Der Brief
(a) In 1Kor 16,1
(b) Auffällig ist die Nähe zum Röm. Enge Berührungen zeigen sich im Aufbau, an dem in Röm 3,19–4,25
2. Adressaten
Als Empfänger kommen Gemeinden in der Landschaft Galatien
3. Wichtige Themen
Vieles spricht dafür, dass es sich bei den in Galatien aktiven Fremdmissionaren um toraobservante Judenchristen handelt. Mit ihrer Kritik an Paulus haben sie die Gemeinden überzeugt und für sich gewonnen. In der Briefsituation stehen diese im Begriff, auf die an sie herangetragenen Forderungen einzugehen: Vollzug der Beschneidung
In Gal 2,16
4. Besonderheiten
Gut möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich ist, dass die im Brief eine dominierende Rolle spielende Abraham-Thematik von den Fremdmissionaren eingebracht worden ist. Sie war geeignet, ihre Position zu stärken. Um Kinder Abrahams zu sein und dem auserwählten Gottesvolk anzugehören, müssten sich die Galater wie er und seine männlichen Nachkommen (Gen 17,9–14
Literatur:
- Klaiber, W., Der Galaterbrief, Die Botschaft des Neuen Testaments, Neukirchen-Vluyn 2013.
- Eckstein, H.-J., Christus in euch. Von der Freiheit der Kinder Gottes, Göttingen 2017.
- Keener, C.S., Galatians. A Commentary, Grand Rapids 2019.
- Meiser, M., Der Brief des Paulus an die Galater, ThHK 9, Leipzig 2022.
A) Exegese kompakt: Galater 2,16–21
Übersetzung
16 Da aber, wie wir wissen, der Mensch nicht aus Werken des Gesetzes gerecht gesprochen wird, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir aus Glauben an Christus gerecht gesprochen werden und nicht aus Werken des Gesetzes, denn aus Werken des Gesetzes wird kein Fleisch gerecht gesprochen werden.
17 Wenn aber wir, indem wir danach strebten, in Christus gerecht gesprochen zu wer-den, auch selbst als Sünder erwiesen wurden, ist dann etwa Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne!
18 Denn (nur) wenn ich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, erweise ich mich als Übertreter.
19 Ich bin nämlich durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt.
20 So lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. Das irdische Leben, das ich jetzt noch führe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich dahingegeben hat.
21 Ich setze die Gnade Gottes nicht außer Kraft. Denn wenn durch das Gesetz (die) Gerechtigkeit (kommt), dann ist Christus grundlos gestorben.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.16a Das Perfektpartizip εἰδότες rekurriert wie ἡμεῖς in V.16b auf den in Reihe VI ausgelassenen V.15
V.16a ἐὰν μή ist hier nicht exzeptiv gebraucht („außer“, „es sei denn“), sondern streng adversativ zu verstehen („sondern nur“, „ausschließlich“).
V.16a In der Nominalverbindung πίστις Ἰησοῦ Χριστοῦ ist der Genitiv kein Gen. subiectivus („der Glaube Jesu Christi“), sondern ein Gen. obiectivus bzw. qualitatis. Dies ergibt sich aus dem Hauptsatz „auch wir sind zum Glauben an Christus Jesus gekommen“ (V.16b).
V.16b „Wir“ = die ἡμεῖς von V.15
V.17 Zu εὑρίσκω in diesem Sinne vgl. Röm 7,10b
2. Einordnung in den Kontext
Die Perikope 2,16–21
3. Leitfaden der Interpretation
Gleichviel, wie man sie strukturiert, ist V.15
Der Konditionalsatz in V.17a knüpft direkt an V.16 an und zieht die Folgerung aus dem dort Gesagten. Bei ihrem Streben, allein in Christus gerechtfertigt zu werden, erwiesen sich auch die geborenen Juden tatsächlich als „Sünder“. Darin unterscheiden sie sich nicht von denen ἐξ ἐθνῶν (V.15). Mit der rhetorischen Frage in V.17b greift Paulus einen polemischen Vorwurf seiner judenchristlichen Opponenten auf, um ihn gleich entschieden abzuwehren: μὴ γένοιτο. Verneint wird nur der Nachsatz „ist dann Christus ein Diener der Sünde“, während die Prämisse zutrifft. Ab V.18 (bis V.21) wechselt Paulus vom „Wir“ zum „Ich“, das hier ein Stilmittel, nicht eigentlich individuelles, sondern typisches Ich ist. Vom Kontext her referiert das metaphorisch gebrauchte Niederreißen und Wiederaufbauen auf V.17a und verdeutlicht, was die Sünde wirklich fördert und als „Übertretung“ zu gelten hat, nämlich die Verkennung der Gnade Gottes. Nachdem er den ihm gemachten Vorwurf widerlegt hat, muss Paulus nun zeigen (V.19), worin der Grund für das „Niederreißen“ besteht. Er ist durch das Gesetz, dessen Aufgabe es ist, Sünder bei ihrer Sünde zu behaften, dem Gesetz gestorben, damit er für Gott lebt – in der Freiheit vom Herrschaftsbereich des den Gesetzesübertreter verurteilenden Nomos. Als Mit-Christus-Gekreuzigter hat er Anteil am sühnewirkenden Kreuzestod Jesu und ist so hineingenommen in ein neues Leben. V.20 formuliert zunächst die Konsequenz der zentralen Aussagen von V.19 und expliziert die Basis dessen, was in V.16 als Glaube benannt worden war. Das „Ich“, in dem Christus lebt, ist das Ich des Paulus und bezeugt die Intensität des Lebens aus dem Glauben. Mit dem präpositionalen Ausdruck ἐν σαρκί ist wie in Phil 1,22
B) Praktisch-theologische Resonanzen
Ich in Christus – Christus in mir
1. Persönliche Resonanzen
Die exegetischen Überlegungen ordnen den Abschnitt konsequent in den Kontext des Streits zwischen Paulus und Petrus in Antiochien ein. Dieser drehte sich um die Frage, inwieweit sich auch die Heidenchristen die Vorschriften der Tora (bes. Speisegebote und Bescheidung) halten müssen. Zu diesen Fragen haben heutige Predigthörer*innen aber einen deutlichen Abstand. Denn keine*r der heutigen Predigthörer*innen wird ernsthaft vor der Frage stehen, inwieweit er sich beschneiden lassen muss oder inwieweit sie jüdisch Speisegebote einzuhalten hat. Umso wichtiger ist, die Möglichkeiten und Grenzen einer Aktualisierung (s.u.) zu reflektieren.
Zugleich bedürfen die vielen im Text von Paulus verwendeten Formeln (z.B. „Werke des Gesetzes“, „mitgekreuzigt“, „Christus in mir“, „Gnade“) nicht einfach einer Wiederholung, sondern einer aktualisierenden Auslegung.
2. Thematische Fokussierung
Während der erste Teil der Perikope um das Thema der Rechtfertigung mit den beiden Alternativen „durch Werke des Gesetze“ oder „durch den Glauben an Jesus Christus“ kreist, legt der zweite Teil den Akzent auf „leben“ (ich lebe Gott V.19
Damit legt sich eine Fokussierung der Predigt auf das durch die Rechtfertigung aus Glauben eröffnete Leben in/für/mit/durch Gott nahe.
3. Theologische Aktualisierung
Hieran lässt sich ein Nachdenken über die Bedeutung von Rechtfertigung heute anschließen: Allerdings hat inzwischen nicht nur die damalige Frage nach der Tora-Observanz ihre Bedeutung verloren, auch (Luthers) Frage nach einem gnädigen Gott und die Rechtfertigung vor ihm können heute offensichtlich immer weniger Menschen nachvollziehen. Jedoch stehen Menschen auch (oder gerade) heute unter einem immensen Rechtfertigungsdruck: vor anderen Menschen und ihren Forderungen, vor sich selbst und den eigenen Ansprüchen, in sozialen Medien, angesichts von Schönheits- und Leistungsidealen. Darin kann dann durchaus auch eine transzendente/religiöse Dimension aufleuchten, nämlich dann, wenn in, mit und unter all den irdischen Rechtfertigungsanforderungen die Frage nach der fundamentalen (unbedingten) Rechtfertigung der gesamten eigenen Existenz aufleuchtet. (In Antiochia sind es übrigens auch andere Menschen, die Petrus mit ihren Forderungen unter Druck setzen und ihn zum Straucheln bringen.)
Auch angesichts dieses Rechtfertigungsdrucks erweist sich der Versuch der (Selbst-)Rechtfertigung durch eigene Leistung letztlich als Sackgasse und nicht zukunftsfähig. Demgegenüber steht die Behauptung des Paulus, dass der Glaube an Jesus Christus (neues) Leben eröffnet. Dieses (neue) Leben ist nun wiederum – nicht durch eigene Interessen, Leistungen etc., sondern – durch die glaubende Verbindung mit Christus bestimmt und qualifiziert: Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir (V.20
Eben diese Neubestimmung könnte die Predigt ausbuchstabieren: Wie sieht ein neues, anderes Leben aus,
- das nicht durch den (letztlich scheiternden) Versuch eine Selbstrechtfertigung angesichts heutigen Rechtfertigungsdrucks bestimmt ist,
- sondern das aus dem befreiendem Vertrauen (Glauben) lebt, dass ich jenseits aller Leistung (und trotz aller Fehler) von Gott bejaht bin,
- und das durch die Rückbindung an Jesus Christus bestimmt und orientiert ist. Dabei eröffnet gerade die Befreiung vom Selbstrechtfertigungszwang die christusförmige Zuwendung zur/zum Nächsten. Konkret heißt das, wer sich nicht selbst beweisen, produzieren, rechtfertigen muss, weil er darauf vertraut, dass er (von Gott) unbedingt bejaht ist, der kann sich (in der Nachfolge Jesu) auch anderen frei und offen zuwenden.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der 11. Sonntag nach Trinitatis steht mitten in der Trinitatis- (und Ferien-)Zeit. Im Evangelium Lk 18,9-14
Das moderne Wochenlied „Meine engen Grenzen“ bringt das Verwandeln der eigenen Grenzen hinein in die göttliche Weite schön zum Ausdruck.
5. Anregungen
Anforderungen, denen heute Menschen ausgesetzt sind und denen gegenüber sie sich „rechtfertigen“ müssen, dürften relativ leicht zu identifizieren und zu beschreiben sein, ebenso die gemeinschafts- und selbstzerstörenden Folgen der Versuche, sich selbst durch eigene Leistungen zu rechtfertigen. Doch sollte diese „Negativfolie“ die Predigt nicht dominieren.
Spannender ist es demgegenüber, die Formeln „ich lebe [für] Gott“ (V.19
Was bedeutet diese Wechselbeziehung von Gott und meinem Leben konkret? Wie gewinnt sie Gestalt in meinem Leben? Welche Praxis (spirituell und diakonisch) bedingt sie? Gibt es Vorbilder, in deren Leben davon etwas zum Ausdruck kommt?
Dazu ließe sich auch an die Bildsprache und die spirituelle Praxis der Mystik anknüpfen (z.B. Atemübungen), die versucht, diese Wechselbeziehung zwischen „Christus in mir“ und „ich in Christus“ immer wieder neu durchzubuchstabieren.
Auch das Wochenlied „Meine engen Grenzen“ ließe sich in die Predigt einarbeiten als Beschreibung davon, das Eigene loszulassen und durch das Vertrauen auf Gott Weite, Stärke, Heimat zu finden.
Autoren
- Prof. em. Dr. Dieter Sänger (Einführung und Exegese)
- Dr. Claus Müller (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500056
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