Deutsche Bibelgesellschaft

Hebräer 13,12-14 | Judika | 22.03.2026

Einführung in den Hebräerbrief

"Werft euer Vertrauen nicht weg", - diese eindringliche Ermutigung aus Hebr 10,35 stand 2019 im Mittelpunkt des Dortmunder Kirchentags. Der Hebräerbrief wendet sich bis heute als »Wort tröstlicher Ermahnung« (13,22) an müde gewordene Gemeinden. Damit ist er hochaktuell. Auch in der jüngeren Forschung hat der Hebr Konjunktur, zugleich gibt er nach wie vor ungelöste Rätsel auf.

1. Verfasser

Den Verfasser (Vf.) des Hebräerbriefes identifizierte die Kirche über viele Jahrhunderte mit Paulus und begründete dies u.a. mit der Nennung (s)eines Mitarbeiters Timotheus (13,23). Paulus scheidet jedoch aus sprachlichen und theologischen Gründen als Autor aus. Auch andere Verfasserhypothesen (Clemens Romanus; Barnabas; Apollos) überzeugen nicht. Es bleibt beim Urteil des Origenes (Eusebius von Cäsarea, Kirchengeschichte, VI 25,11ff): „Wer diesen Brief geschrieben hat, das weiß Gott allein.“ Der Vf. ist ein eigenständiger Denker von hohem rhetorischem und theologischem Format. Er gibt das von den Aposteln zuverlässig überlieferte Wort Gottes weiter (2,1-4). Sein theologisches Denken weist Bezüge zur jüdischen Apokalyptik und zum hellenistischen Judentum, vor allem zu Philo auf.

2. Adressaten

Die Adressierung „An die Hebräer“ ist eine vom Inhalt erschlossene Überschrift aus der Zeit der Sammlung urchristlicher Briefe. Die Adressaten sind dem Vf. persönlich bekannt (13,19). Die Gemeinde war in der Vergangenheit vorbildlich in der Nächstenliebe (6,10), sie erduldete einen schweren Leidenskampf, nahm den Raub ihrer Besitztümer hin und ertrug das Schicksal, dass sie zum „Schauspiel gemacht wurde“ (10,32-34). Die äußere Bedrängnis setzt den Gemeindegliedern zu. Sie sind verunsichert (13,9) und stehen in der Gefahr vom Glauben abzufallen (3,12f), schwerhörig (5,11), träge (6,12), müde und verbittert (12,12ff) zu werden, die Gottesdienste zu verlassen (10,25), ihre Zuversicht aufzugeben (10,35f), am Heil vorbeizutreiben (2,1) und von der himmlischen Ruhestatt Gottes ausgeschlossen zu werden (4,1). In diese Situation hinein schreibt der Vf. sein

3. »Wort tröstlicher Ermahnung« (13,22)

Diese Selbstbezeichnung steht in der antiken Synagoge für die Predigt (vgl. Apg 13,15). Seiner Form nach ist der Hebräer kein Brief im eigentlichen Sinn. Es fehlen die für einen antiken Brief (vgl. Paulusbriefe) wesentlichen Angaben zum Absender und zu den Adressaten (Präskript) ebenso wie die Danksagung (Proömium) für die Glaubensfestigkeit der Adressatengemeinde. Der Hebr ist „die erste vollständige urchristliche Predigt, die uns erhalten blieb“ (O. Michel, S.24). Sie wurde mit einem Briefschluss versehen und versandt. Die Hebräerpredigt umkreist vielfach das Thema von Verheißung und Erfüllung, sie verfolgt das Ziel, die angefochtene Gemeinde an die in Jesus Christus fest gegründete Hoffnung zu erinnern (Zuspruch: 3,1-6; 6,17-20; 10,19-21). Zugleich ermutigt und ermahnt sie, am Christusbekenntnis festzuhalten (Anspruch: 3,14; 6,11f; 10,22-25) und so das unmittelbar bevorstehende endzeitliche Heil zu erlangen (9,28; 10,25; 10,35-39).

4. Abfassungszeit und Entstehungsort

Die Adressatengemeinde ist wohl in Rom beheimatet. Dafür sprechen die Grüße in 13,24 und die erste sicher datierbare Bezeugung des Hebr durch den in Rom entstandenen 1. Clemensbrief (96 n.Chr.). Wörtliche und sachliche Anklänge zeigen, dass der 1Clem den Hebr gekannt hat. Die Abfassungszeit ist demnach vor dem Jahr 96 anzusetzen. Als frühestmöglicher Abfassungszeitpunkt kommen die Wirren um das »Claudiusedikt« (49 n.Chr.) oder die neronische Verfolgung (64 n.Chr.) in Betracht (10,32-34; 13,7). Dass die Adressatengemeinde noch nicht bis aufs Blut widerstanden hat (12,4), spricht jedoch gegen ein weitverbreitetes Martyrium. Genauere zeitliche Eingrenzungen sind kaum möglich. Auch der Entstehungsort ist nicht endgültig identifizierbar. Die Angabe „es grüßen euch die aus Italien“ (13,24) kann zweifach gedeutet werden: Entweder hält sich der Vf. in Italien (Rom) auf oder er schreibt zusammen mit anderen, aus Italien stammenden Personen an die Adressatengemeinde.

5. Gliederung und wichtige Themen der exegetischen Interpretation

Einer Schlagzeile gleich stellt der Hebr in den Eingangsversen (1,1-4) das Wichtigste voran: Gott redet zu uns Menschen. An die Väter- und Müttergeneration des Volkes Israel erging Gottes Wort vorzeiten, vielfach und auf vielerlei Weise durch die Propheten. An die christliche Gemeinde erging es einmalig und abschließend im Sohn Gottes (1,2; 2,3). Mit diesen zwei Redeweisen Gottes sind zwei Ordnungen (διαθῆκαι) verbunden, in denen Gottes Heilsgeschichte und sein Verhältnis zu uns Menschen festgelegt ist. In drei Hauptteilen vergleicht der Hebr die Zeit Israels als Zeit der »ersten Ordnung« (πρώτη διαθήκη) mit der Zeit der christlichen Gemeinde als Zeit der »neuen Ordnung« (καινή διαθήκη). Der Vf. stellt Kundgabe, Dauer, Form, Mittlerschaft, Priestertum, Wirkungsweise und Zielsetzung der beiden Ordnungen gegenüber. Im Mittelpunkt steht die Haltung des »wandernden Gottesvolkes« gegenüber dem göttlichen Verheißungswort.

Der 1. Hauptteil (1,1-4,13) stellt die Wüstengeneration als warnendes Beispiel des Ungehorsams dar: Wer dem Verheißungswort Gottes nicht vertraut, kann nicht in Gottes himmlische Ruhestatt eingehen (3,7-4,11).

Im 2. Hauptteil (4,14-10,31) vergleicht der Hebr das levitische Priestertum mit dem himmlischen Hohenpriestertum Jesu: Das levitische Priestertum wiederholt Jahr für Jahr am Großen Versöhnungstag im irdischen Heiligtum die Opfer für die eigenen Sünden und für die Sünden des Volkes. Der himmlische Hohepriester Jesus (5,1-10; 7,1-28) gab sich an Karfreitag, dem Großen Versöhnungstag, im himmlischen Allerheiligsten einmalig selbst dahin, um für alle Menschen eine ewig gültige Sündenvergebung zu erwirken (8,1-10,18). Dadurch ist der Weg ins himmlische Allerheiligste für alle Glaubenden des einen Gottesvolkes beider Ordnungen frei. Sie können in den Gottesdiensten hinzutreten zum Thron der Gnade (4,14-16). Im Glauben haben sie jetzt schon einen festen Anker der Seele, der ins himmlische Allerheiligste hineinreicht (6,19). Wenn der himmlische Hohepriester zum zweiten Mal kommt (9,28), dürfen sie ihm, dem Vorläufer, in die Gegenwart Gottes folgen (6,19f; 10,19ff).

Im Zentrum des 3. Hauptteils (10,32-12,29) steht die „Wolke der Glaubenszeugen“ aus der Geschichte Israels (11,1-40), an der sich die angefochtene Gemeinde orientieren soll. Bemerkenswert ist: Jesus wird in diese Schar eingereiht (12,1-3). Als Sohn Gottes und himmlischer Hoherpriester ist er Urheber des Heils (2,10; 5,9) für alle Glaubenden (fundamentum et sacramentum fidei). Zugleich weist er als Glaubensvorbild (exemplum fidei) seinen Brüdern und Schwestern (2,17f) den Weg ins himmlische Allerheiligste, in das er vorausgegangen ist. Dort sitzt er zur Rechten Gottes (1,3; 8,1; 10,12f; 12,2) und hält Fürsprache für die Glaubenden (7,24f).

6. Theologische Eigenart

Die theologische Eigenart der Hebräerpredigt kennzeichnet vor allem seine für das Neue Testament einzigartige Hohepriesterlehre: Der Vf. verbindet das im Anschluss an Ps 2,7 formulierte Bekenntnis „Jesus ist der Sohn Gottes“ mit Ps 110,4b: „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks“ (5,5-10; 7,3.20-22). Er knüpft dabei an atl. Kultussprache an und unterscheidet – wie das AT (Ex 25-27; Lev 16) – zwischen irdischem und himmlischem Heiligtum (Kap. 8f). Wenn der Hebr vom „Gesetz“ spricht, dann meint er v.a. das priesterliche Kultgesetz (7,11.19.28). Dieser vielfache Bezug zum Alten Testament dürfte mit Grund für die Überschrift „An die Hebräer“ gewesen sein.

Hervorzuheben ist ferner sein Glaubensverständnis. Martin Luthers Übersetzung der Glaubensdefinition in 11,1 ist berühmt: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Dies trifft Wesentliches, obwohl die neueren Auslegungen Luthers Übersetzung nicht mehr folgen: Glaube ist Feststehen bei Erhofftem, Überzeugtsein von der Realität der himmlischen Dinge, die man mit bloßen Augen nicht sieht. Glaube vertraut dem göttlichen Verheißungswort und gibt – auch in schweren Tagen – das Bekenntnis zu Jesus Christus nicht preis (3,12-14; 4,1-3; 10,22-25; 10,35-11,1; 12,1f). Wer bis zur Wiederkunft des himmlischen Hohenpriesters an der Hoffnung und den Verheißungen Gottes festhält, wird das Heil erlangen und in die unmittelbare Gottesnähe eingehen (εἰσέρχesθαι: 3,12-14; 4,1-3; 9,28; 10,35ff; 11,39f; 12,18-24). Für all diejenigen jedoch, die bewusst vom Glauben abfallen, gibt es nach dem Hebr keine Erneuerung der Buße (6,4-8; 10,26-31; 12,16f). Wie soll man diesem »harten Knoten« (M. Luther) begegnen? Vielleicht mit der Segensbitte im angefügten Briefschluss (13,20f): „Der Gott des Friedens … möge in uns wirken, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesus Christus.“

Literatur:

  • Backhaus, Knut, Der Hebräerbrief (Regensburger Neues Testament), Regensburg 2009.
  • Gräßer, Erich, An die Hebräer, Band 1-3 (EKK XVII 1-3) Zürich-Neukirchen, 1990-1997, Göttingen 2016.
  • Long, Thomas G.: Hebrews (Interpretation. A Bible Commentary for Teaching and Preaching), Louisville/Kentucky 1997.
  • Michel, Otto, Der Brief an die Hebräer (KEK 13), Göttingen 71975.
  • Rose, Christian, Der Hebräerbrief (Die Botschaft des Neuen Testaments); Neukirchen/Göttingen/Leiden 32023.
  • Schunack, Gerd, Der Hebräerbrief (ZBK.NT 14), Zürich 2002.

A) Exegese kompakt: Hebräer 13,12-14

Judica – Wie schafft Gott Recht und Zukunft?

12Διὸ καὶ Ἰησοῦς, ἵνα ἁγιάσῃ διὰ τοῦ ἰδίου αἵματος τὸν λαόν, ἔξω τῆς πύλης ἔπαθεν. 13τοίνυν ἐξερχώμεθα πρὸς αὐτὸν ἔξω τῆς παρεμβολῆς τὸν ὀνειδισμὸν αὐτοῦ φέροντες· 14οὐ γὰρ ἔχομεν ὧδε μένουσαν πόλιν ἀλλὰ τὴν μέλλουσαν ἐπιζητοῦμεν.

Hebräer 13,12-14NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

12Darum ist auch Jesus, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen, außerhalb des Stadttores gestorben. 13So lasst uns zu ihm hinausgehen, zu dem Ort außerhalb des Lagers, und seine Schmach tragen. 14Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir sehnen die zukünftige herbei.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

Dreimal betont der kurze Perikopentext das »Draußen« (ἔξω) vor den Toren Jerusalems. Ausgerechnet dort, außerhalb der Heiligen Stadt, eröffnet Gott den Weg in die ewige Himmelsgemeinschaft.

2. Literarische Gestaltung und Kontext

Das Schlusskapitel 13 scheint auf den ersten Blick ein Katalog voller ermahnender Weisungen an die Adressaten der Hebräerpredigt zu sein. Das mag mit ein Grund dafür zu sein, dass das Kapitel bis heute ein wenig geliebtes Stiefkind der Exegese ist. „Sobald wir dieses Kapitel jedoch als briefliche Erdung der Rede lesen, gewinnt es einen resoluten Wirklichkeitssinn, mit dem sich der Verfasser als realitätsnaher Seelsorger erweist, der die »hohe Theologie« in das konkrete Leben des Gemeindealltags übersetzt“ (Vgl. K.Backhaus: Der Hebräerbrief, S. 459).

Der Prediger verbindet in zwei Abschnitten (13,1-19; 13,20-25) urchristliche ethische Unterweisungen (Geschwisterliebe, gemeindliche Solidarität, Fragen zur Ehe, genügsame Lebensweise) mit Ermahnungen für den Gemeindealltag (Respekt gegenüber Gemeindeleitungen, Achthaben auf Irrlehre, gegenseitige Wohltätigkeit).

3. Kontext und historische Einordnung

Aus der Gegenüberstellung der Speisen im levitischen Kult und in der christlichen Gemeinde (V. 9f) ergibt sich die Gegenüberstellung der Opferrituale des Großen Versöhnungstages im levitischen Kult (V. 11) und am Karfreitag (V. 12).

4. Theologische Akzente der Perikopenverse

Es gehört zur Eigenart des Hebr, dass er irdische Verheißungsgüter in die himmlische Welt verlagert (9,1-15; 11,8–10.13–16; 12,22). So auch im vorliegenden Perikopenabschnitt: V. 12 beschreibt die doppelte Dimension des Kreuzestodes Jesu. Am Kreuz von Golgatha, außerhalb des Stadttores, wird der irdische Leib Jesu als Opfergabe dahingegeben (10,10;). Das dabei gewonnene Blut Jesu wird an den Altar im himmlischen Allerheiligsten gesprengt. Durch seine Selbsthingabe heiligt Jesus, der himmlische Hohepriester, das Volk(vgl. 2,9–11). Zugespitzt formuliert: Der Auszug Jesu und seine Selbsthingabe im profan-irdischen Raum vor den Toren der Stadt eröffnet den Glaubenden den Weg ins himmlische Allerheiligste. Das ist die Hauptsache, von der die Hebräerpredigt handelt: „Wir haben einen Hohenpriester, der sich im Himmel zur Rechten des Thrones der Majestät gesetzt hat“ (8,1). Durch seine Hingabe schafft er Erlösung von den Übertretungen und schenkt den Glaubenden das verheißene ewige Erbe“ (9,14f). Er wird als Hohepriester (ἀρχιερεύς) zum »Brückenbauer« (zum Pontifex, wie die Vulgata ἀρχιερεύς übersetzt) zwischen Erde und Himmel. Durch ihn haben wir die Zuversicht, dass wir ihm, dem »Vorläufer« (πρόδρομος) durch den Vorhang hindurch ins himmlische Allerheiligste folgen werden (6,19f; 10,19f).

Dadurch, dass Christus, dem Heiligen entzogen, außerhalb der Stadt stirbt, wird zugleich deutlich: Das irdische Jerusalem ist nicht die Stadt der ewigen Heimat. V. 13 fordert von der Gemeinde den Weg in die Leidensnachfolge außerhalb des Lagers, um an der Schmach Christi teilzuhaben (11,26; 12,1–3; 5,7–10). Der Kreuzestod wird in der heidnischen Antike als Schmach und im Judentum als Fluch (Dtn 21,22f; Apg 5,30; Gal 3,13) verstanden. Was für die Adressatengemeinde gilt, trifft heutzutage für viele Glaubensgeschwister in der weltweiten Kirche zu. Außerhalb, oft genug aber auch innerhalb geschützter Versammlungsräume, wartet die Schmach der Verfolgung. Es gibt jedoch auch eine andere Seite. Der Weg der Gemeinde in die profane Welt eröffnet Heilsperspektiven. Der Auszug nach draußen ist nicht einfach nur die Verweigerung der Teilhabe am Leben in der Stadt und am Kult in der Stadt. Der Auszug ist vor allem Zutritt zur Gegenwart Gottes. Die Gemeinde tritt hinzu zum himmlischen Heiligtum, dessen Zugang Jesus eröffnet hat. Die Wege hinaus ins Profane und oft auch ins Leiden, in den geistlichen Kampf (12,2f), sind wohl Schritte in die Unsicherheit. Es sind aber zugleich und vor allem Schritte des Glaubens hin zur himmlischen Heimat (vgl. 12,22–24).

Denn – so begründet V. 14 diese Schritte – »wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir sehnen die zukünftige herbei«. Was wie Weltflucht klingt, ist die Hoffnung auf endzeitliche Geborgenheit. Die eigentliche Heimat der Glaubenden liegt für den Hebr im Himmel. Der »Himmel ist nicht leer«, das hat der Prediger breit entfaltet. Die christliche Gemeinde – und mit ihr die Glaubenden der ersten Ordnung (11,39f) – wartet auf das Offenbarwerden der Stadt mit festen Fundamenten, deren Erbauer Gott ist (11,10). Die irdische Staatsbürgerschaft ist begrenzt, die himmlische hingegen ewig. Wo immer wir auf Erden leben, dafür gibt es allenfalls eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Das ewige, bleibende Bürgerrecht ist im Himmel (Phil 3,20; vgl. Eph 2,19f). Damit verbindet der Hebr auch das bleibende Erbe und die ewige Gottesgemeinschaft. Die irdischen Gottesdienste geben davon einen Vorgeschmack (4,14–16; 10,19–22; 12,22–24). In ihnen wird die Sehnsucht nach dem endzeitlichen Heil laut: Der aramäische Ruf »Maranatha (Unser Herr, komm!)« (1Kor 16,22 LÜ2017; vgl. Offb 22,17.20; Did 10,6) erfleht die Wiederkunft Jesu und den Anbruch des kommenden Heils. Was ist bis dahin zu tun ist, darauf antworten die anschließenden V. 15–17. Dabei darf nicht aus dem Blick geraten: Der Verfasser fordert in Kap. 13 von der Gemeinde eine Haltung der Dankbarkeit gegenüber Gott.

5. Theologisch-homiletische Perspektiven

In der Coronazeit sorgte der Zukunftsforscher Matthias Horx mit seiner These für Aufsehen, dass Tiefenkrisen wie die Coronapandemie Geschichten hinterlassen, die weit in die Zukunft weisen und zugleich eine Botschaft aus der Zukunft übermitteln, vielleicht so: Erfindet euch neu, denkt an die Zukunft, die unsere Tiefenkrise überdauert.

So ähnlich stelle ich mir das vor, damals, im Rom des ersten Jahrhunderts, als die Gemeinde des Hebräerbriefs versuchte, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Es war einer der Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. In der Tiefenkrise greift einer zur Feder und schreibt eine 13 Kapitel lange Predigt, mit der er ermutigt: Schaut zurück in die Zukunft mitten im Alltag der Welt. Da schafft Gott Recht und Zukunft, so schräg es klingen mag.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Wenn alles bricht – und Zukunft neu wird. Der Moment der Hinrichtung Jesu außerhalb der Tore der Stadt war für die Jesusbewegung ein tiefer Einschnitt. Die Zukunft nahm plötzlich eine andere Richtung als erwartet. Diese Perspektive eröffnet die Exegese der Hebräerpredigt – ein Blickwinkel, der sich unterscheidet von der häufigen theologischen Deutung des Todes Jesu. Denn wir blicken heute aus der Zukunft zurück und kennen die Bedeutung des Kreuzes. Für die Menschen damals jedoch war Jesu Tod, und das Leben als Anhänger dieses Hingerichteten, eine existentielle Erschütterung. Eine Tiefenkrise (Horx, Matthias, https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/) in der sich die Richtung der Zukunft (ebd.) verschob.

2. Thematische Fokussierung

Die Exegese des Perikopentextes Hebr 13,12–14 zeigt, dass der Tod Jesu außerhalb des Stadttores (Hebr 13,12) nicht bloß ein historisches Randdetail ist, sondern ein theologisches Signal: Er verweist auf die radikale Infragestellung vertrauter Sicherheiten, für die damalige Gemeinde ebenso wie für heutige Hörer:innen. Diese existenzielle Krise fordert heraus, eröffnet aber zugleich die Möglichkeit einer Neuausrichtung. Im Zentrum der Praktisch-Theologischen Fokussierung steht deshalb der Gedanke, dass gerade in der Krise eine andere Zukunft sichtbar werden kann. Die Exegese unterstützt diesen Fokus, indem sie deutlich macht: Der Weg zu Christus führt nicht ins Zentrum der Macht, sondern nach draußen, dorthin, wo oft nichts mehr sicher ist, aber Neues entstehen kann. Auch wenn der Text verschiedene Zugänge erlaubt (z. B. Christusnachfolge, Ausgrenzung, Schmach, Heiligung), liegt der Schwerpunkt auf der Frage: Welche Zukunft beginnt dort, wo menschliche Sicherheiten zerbrechen. Oder anders: Welche Geschichte entsteht aus der Krise für die Gemeinschaft/ für den einzelnen Menschen?

3. Theologische Aktualisierung

„Was ist deine Geschichte?“ – so fragt ein Lied von Keno. Jeder Mensch kennt sie: diese Momente, in denen alles bricht – und die Zukunft nicht mehr in die erwartete Richtung weiterläuft. Die Corona-Pandemie hat solche Erfahrungen auf kollektiver Ebene sichtbar gemacht. Auch die Adressat:innen der Hebräerpredigt standen in einer solchen Krise. Die Hinrichtung Jesu außerhalb der Stadt (Hebr 13,12) war nicht nur ein historisches Ereignis – sie erschütterte ihre Hoffnung. Doch gerade dort, am Ort der Schmach (Hebr 13,13), beginnt eine neue Geschichte. Wer hätte damals geahnt, welche Zukunft aus dem Kreuz erwachsen würde?

Wie aus der Exegese hervorgeht, bedeutet die Nachfolge dieses Gekreuzigten, sich außerhalb gesellschaftlicher Sicherheiten zu bewegen – in Unsicherheit, Ausgrenzung und Schmach. Und doch ruft der Text dazu auf: So lasst uns zu ihm hinausgehen [...] und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir sehnen die zukünftige herbei. (Hebr 13,13-14) Was, wenn gerade im Bruch, im Verlust von Gewissheiten, eine Begegnung mit Christus geschieht?

Was ist deine Geschichte? Diese Frage bleibt aktuell. Denn fast jeder kennt sie: diese Wendepunkte, an denen das Leben sich neu schreibt – nicht aus eigener Stärke, sondern im Kontakt mit Zerbrechlichkeit. Ein Rückblick aus der Zukunft (Horx) kann helfen, solche Brüche nicht als Scheitern zu deuten, sondern als Anfang von etwas Neuem. Vielleicht gilt das auch für die Kirche heute: Wenn die bleibende Stadt (Hebr 13,14), also die vertrauten Strukturen, die Deutungshoheit, die Nähe zu gesellschaftlicher Macht, nicht mehr trägt, könnte der Ruf lauten: Hinausgehen. Weg von der Mitte der alten Welt, hin zu Christus am Rand – dort, wo neue Wege offen werden. Nicht trotz der Krise, sondern durch sie hindurch. Und dieser Ruf betrifft nicht nur die Kirche, sondern jeden einzelnen Menschen. Denn jede:r trägt eine Geschichte. Eine Geschichte, die selten bruchlos ist. Und oft sind es genau diese Brüche, in denen es „interessant“ wird. Denn manchmal ist es gerade der Riss, der zwei Lebenslinien kreuzen lässt. Wie es in Liebesgeschichten heißt: „Wenn das nicht passiert wäre, wären wir uns nie begegnet.“

Vielleicht gilt das auch für unsere Beziehung zu Gott: Dass wir Gott nicht immer dort begegnen, wo wir es erwarten, sondern am Rand: „Draußen“ vor der Stadt. In den Momenten, in denen es schwierig wird. Oder in denen wir selbst schwierig werden.  In denen wir merken, dass wir nicht (mehr) die sind, die wir waren. Dass etwas in uns zerbricht – und vielleicht gerade dort etwas Neues beginnt.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Auch die Texte dieses Sonntags sprechen von Krisenerfahrungen im Leben von Menschen. Vor allem der alttestamentliche Text aus 1. Mose 22,1–14 (die sogenannte „Bindung Isaaks“) erzählt von einer Tiefenkrise, die die Richtung der Zukunft grundlegend verändert. Was wäre gewesen, wenn Gott das Opfer nicht in letzter Sekunde verhindert hätte? Oder wenn Abraham sich geweigert hätte, diesen Weg zu gehen? Die Situation zwischen Abraham und Isaak beschreibt keine Alltagserfahrung. Sie steht exemplarisch für existenzielle Brüche: Momente, die einem alles abverlangen, in denen Glaube, Vertrauen und Zukunftsperspektive radikal herausgefordert werden.

Auch das Evangelium dieses Sonntags aus Mk 10,35-45 verweist auf solche Umbruchmomente: Jesus betont, dass nicht Position, nicht Macht oder Sicherheit das Reich Gottes prägen, sondern Dienen, Verzicht und Nachfolge im Leiden. Die Perikopen unterstreichen in der Passionszeit: Glaube gewinnt oft nicht im glatten Verlauf, sondern im Bruch Gestalt.

5. Anregungen

Was ist deine Geschichte? Vielleicht bietet sich diese Frage als erzählerischer Rahmen für eine Predigt an, in der es um die Erfahrung einer Tiefenkrise geht, die zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Zukunft führt. So lassen sich persönliche Erfahrungen oder die Geschichte einer gesellschaftlichen Krise mit der Situation der damaligen Predigthörer:innen und der heutigen Gemeinde miteinander in Beziehung setzen. Möglich wäre es außerdem, die Predigt an einem anderen als dem gewohnten Ort im Kirchraum zu beginnen, um die Bedeutung des „Draußen“ in der Perikope räumlich erfahrbar zu machen. Für die Predigtvorbereitung kann es hilfreich sein, sich folgende Fragen zu stellen: Wo habe ich selbst Brüche erlebt, die meine Zukunft verändert haben? Was könnte es für meine Gemeinde bedeuten, „die bleibende Stadt“ (Hebr 13,14) zu verlassen?

Liedvorschläge:

  • EG 97 (Wochenlied): „Holz auf Jesu Schulter“ – das den Blickwechsel ausdrückt: Von der Welt verflucht, wird es zum Baum des Lebens für die Glaubenden.
  • Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder (Wwdl) Nummer 164: „In einer fernen Zeit“
  • Nach der Predigt eignet sich EG 153 „Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt“ – das zwar textlich die Offenbarung zitiert, aber die Einsicht und Aussicht aufgreift: Hier haben wir keine bleibende Stadt, aber wir gehen Gott und einer guten, heilvollen Zukunft entgegen

Autoren

  • Prof. em. Dr. Christian Rose (Einführung und Exegese)
  • Melina Racherbäumer (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500179

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