Offenbarung 21,5 | Jahreslosung
Einführung in die Offenbarung
In den letzten 30 Jahren hat die Forschung zur neutestamentlichen Johannesapokalypse erheblich an Dynamik gewonnen. Sowohl in Hinsicht auf die Fragen nach Verfasser, Adressaten, Abfassungszeit und literarischer Integrität dieser Schrift als auch im Blick auf den theologischen Skopus dieses letzten Buches des Neuen Testaments sind neue Vorschläge vorgelegt worden.
1. Verfasser
Angesichts des Sachverhalts, dass die Johannesapokalypse an die sieben christlichen Gemeinden in der römischen Provinz Asia, dem westlichen Teil der heutigen Türkei, gerichtet ist (Apk 1,4
2. Adressaten
Die Apk ist adressiert an sieben im Westen der römischen Provinz Asia ansässige christliche Gemeinden. Zugunsten der Annahme, dass diese Gemeinden bzw. die in jenen organisierten Christen einer umfassenden, von staatlicher Seite autorisierten Christenverfolgung ausgesetzt wären, läßt sich in der Apk selbst keinerlei Textsignal namhaft machen. Vereinzelte Hinweise, die gegenwärtige Bedrängnisse von Seiten der nichtchristlichen Umwelt der in Apk angeschriebenen Christen zu indizieren scheinen, lassen sich, wenn überhaupt, auf einzelne, auf lokaler Ebene ergriffene behördliche Maßnahmen gegen die Christen deuten; Belege für staatlich organisierte und propagierte provinzweite oder gar reichsweite antichristliche Maßnahmen gegen jene bietet die Apk hingegen nicht. Viel eher scheint es so zu sein, dass sich die Adressaten der Apk zur Zeit der Abfassung der Apk mit ihrer nichtchristlichen Umwelt weitestgehend arrangiert hatten und sich – zumindest in ihrer Mehrheit – als ein durchaus integrativer Teil der jeweiligen pagan geprägten Stadtgesellschaft verstehen wollten. Würde die Abfassung der Apk, wie die gegenwärtige Mehrheit der Forschung dies vorschlägt, in die Zeit der Regentschaft des römischen Kaisers Domitianus (81–96 n.Chr.), konkret in die Zeit zwischen 90 und 95 n.Chr. datiert, so ließen sich für eine solche Annahme durchaus gute Gründe anführen: Nach einer Phase der politischen Instabilität nach dem Tode Kaisers Nero, des letzten Kaisers der julisch-claudischen Dynastie, im Jahr 68 n.Chr. – hinzuweisen ist hier in Sonderheit auf das sog. „Dreikaiserjahr“ 68/69 n.Chr., in dem mit den Imperatoren Galba, Otho und Vitellius gleich drei Imperatoren vergeblich versuchten, sich auf dem römischen Kaiserthron zu etablieren – übernahm im Jahr 69 n.Chr. mit Flavius Vespasianus der im ersten jüdischen Krieg 66–70 n.Chr. siegreiche römische Feldherr die Macht. Jenem gelang es, die Verhältnisse zu stabilisieren und die flavische Dynastie zu etablieren. Flavius Vespasianus (69–79 n.Chr.) und seine Söhne Titus (79–81 n.Chr.) und Domitianus (81–96 n.Chr.) beruhigten die innen- und außenpolitische Lage und trugen, vor allem auch durch eine umfassende Wirtschafts- und Strukturförderung, wesentlich zu einer nach Jahren der Stagnation wieder wachsenden Prosperität des gesamten Imperium Romanum und damit natürlich auch der Provinz Asia und ihrer Einwohner bei.
Vor diesem Hintergrund will nicht verwunderlich scheinen, dass auch die christlichen Einwohner derselben keiner Anlaß sahen, sich, soweit es ihr christlicher Glaube aus ihrer Sicht zuließ, in die Gesellschaft ihrer jeweiligen Stadt zu integrieren und sich der kultisch-religiösen Verehrung des – nach Röm 13,1–7
3. Entstehungsort
Die Apk gibt an, an einem Sonntag auf der Insel Patmos, einer der Provinz Asia vorgelagerten Insel, empfangen worden zu sein (Apk 1,9f.
- Der Apokalyptiker befand sich auf dieser Insel in einer – womöglich zeitlich begrenzten – Verbannung. Dieser lange Zeit den Forschungsconsensus repräsentierenden These widerspricht jedoch, dass Verbannte in der Regel an Verbannungsorte verbracht worden sind, die sich in erheblicher räumlicher Entfernung von ihrem Wohnort befanden. Wenn der Apokalyptiker in der Provinz Asia lebte und wirkte, will Patmos als Verbannungsort eher unwahrscheinlich erscheinen.
- Der Apokalyptiker befand sich auf Patmos, um dort das Evangelium zu verkündigen.
- Der Apokalyptiker besuchte diese nur sehr dünn besiedelte Insel, um sich geistlich inspirieren zu lassen.
Unter den sieben in der Apk aufgelisteten Städten, in denen die angeschriebenen christlichen Gemeinden ansässig sind, sind in Sonderheit Ephesus
4. Wichtige Themen
In der Apk ruft der Apokalyptiker zentral dazu auf, standhaft und treu im Glauben zu bleiben, sich der paganen Mehrheitsgesellschaft und ihren „bürgerlichen“ Verlockungen, in Sonderheit der Teilhabe an der kultisch-religiösen Kaiserverehrung vollständig zu verweigern und dafür auch gesellschaftliche Nachteile und Repressionen in Kauf zu nehmen. Nur derjenige – so seine These – der diesen Weg der vollständigen Separation gehe, werde des in Bälde zu erwartenden, in der Errichtung eines neuen Himmels und einer neuen Erde gipfelnden endgültigen Heils teilhaftig und erhalte die Möglichkeit, in heilvoller Gemeinschaft mit Gott und seinem Christus in Ewigkeit zu leben. Diejenigen, die sich in die pagane Mehrheitsgesellschaft integrieren, haben hingegen die ewige Vernichtung zu gewärtigen.
Literatur:
- D.E. Aune, Revelation, 3 Bände, Dallas/Nashville 1997/1998 (WBC 52.52A.52B)
- T. Witulski, Die Johannesoffenbarung und Kaiser Hadrian. Studien zur Datierung der neutestamentlichen Apokalypse, FRLANT 221, Göttingen 2007.
A) Exegese kompakt: Offenbarung 21,5
Mit den letzten beiden Kapiteln seiner Schrift, Offb 21f., kommt der Apokalyptiker zum Ende seiner theologischen Ausführungen. An diesem Ende stehen die Schau eines neuen Himmels und einer neuen Erde, die an die Stelle des bis dato bestehenden Kosmos treten, und die Schau des vom Himmel herabkommenden ‚neuen Jerusalems‘ (ἡ πόλις ἡ ἁγία Ἰερουσαλὴμ καινή) als des endzeitlichen und endgültigen Wohnraumes derjenigen, die glaubenstreu und standhaft geblieben sind und die gegenüber ihrer nichtchristlichen Umwelt, trotz möglicher Anfeindungen und zahlreicher Verlockungen, eine – zumindest in den Augen des Apokalyptikers – notwendige Distanz gewahrt haben. Innerhalb der Ausführungen in Offb 21,1–8
Übersetzung
(5a) Und der, der auf dem Thron sitzt (d.h., Gott), sprach: Siehe, ich erschaffe alle Dinge als neue.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Die Übersetzung dieser wenigen Worte bietet keinerlei Schwierigkeiten. In Offb 21,5
2. Literarische Gestaltung / Kontexte / Schwerpunkte der Interpretation
Ein angemessenes Verständnis der Jahreslosung kann nur gewonnen werden, wenn der theologische Kontext der Offb in ihrer Gesamtheit einer-, der unmittelbare literarische Kontext dieses Halbverses andererseits mitbedacht werden. Dies soll hier in drei Abschnitten geschehen:
- Den Machtansprüchen des imperium Romanum
als des um das Mittelmeer herum zentralen politischen Akteurs und dem von seinen Repräsentanten proklamierten staatlich-imperialen Narrativ von dessen ewigem Bestand und Bestehen (aeternitas) setzt der Apokalyptiker seine durch eine Himmelsschau gewonnene Erzählung vom dessen Untergang entgegen. Die Zukunft gehört – davon ist der Apokalyptiker überzeugt – nicht dem imperium Romanum, seinen Repräsentanten und den tragenden Gottheiten, sondern dem bereits im AT sich offenbarenden Gott Israels und der Christen und dem von ihm geschaffenen neuen Kosmos. Der bestehende Kosmos mit all seinen politischen, gesellschaftlichen und sozialen Verhältnissen und den darin dominierenden Werten ist dem Untergang geweiht; damit wird dem imperium Romanum trotz dessen staatlich-imperialer Propaganda zugleich jegliche soteriologische Qualität abgesprochen. An die Stelle der alten Welt tritt Gottes neue und heilvolle Schöpfung. Damit ist klar: Das Heil für die Menschen liegt ausschließlich in der Hand Gottes; er allein – und eben nicht der Kaiser in Rom – erweist sich als derjenige, der zu Recht als σωτὴρ καὶ κτίστης, als Retter und Schöpfer verehrt wird. - Die Teilhabe am neuen Himmel und an der neuen Erde, sind in gleicher Weise wie auch die Erlaubnis, sich im ‚neuen Jerusalem‘ anzusiedeln, als positive Vergeltung und Belohnung für diejenigen zu verstehen, die sich und ihre christliche Existenz der paganen Mehrheitsgesellschaft vollständig verweigert und gegenüber ihren partizipatorischen Angeboten konsequent distanziert geblieben sind. Der aus dieser Distanzierung erwachsene Verlust an ‚Lebensqualität‘ wird gleichsam kompensiert durch die Möglichkeit, an der neuen Schöpfung teilzuhaben und im ‚neuen Jerusalem‘ zu leben. Neuer Kosmos und heilige Stadt sind nur denjenigen beschieden, die in ihrer christlichen Existenz glaubenstreu und standhaft geblieben sind und ihre christliche Identität nicht aufgegeben haben.
- Die – sich auf den ersten Blick theologisch nachgerade ‚neutral‘ gerierende – Aussage in Offb 21,5
a gewinnt ihre theologische Semantik und ihren theologischen Akzent im Grunde erst durch die unmittelbar vorausgehenden Ausführungen in 21,3f.: „3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen“ (Luther 2017). Die soteriologische Qualität der in 21,5a angekündigten neuen Schöpfung erweist sich somit in concreto in dem Sachverhalt, dass Gott den Bewohnern des ‚neuen‘ Jerusalem unmittelbar nahe ist; 21,3b macht dies in pleonastischer – und damit für hörende Rezipienten in sehr eindringlicher und einprägsamer – Weise deutlich: Gott wird bei den Menschen wohnen, sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Diese Nähe, dieses Besorgtsein, diese Achtsamkeit Gottes werden ihrerseits dann in 21,4 konkretisiert: Gott selbst wischt die Tränen der Bewohner des ‚neuen Jerusalem‘ ab, Tod, Leid, Klage und Schmerz werden unter ihnen nicht mehr zu finden sein. Wer die in 21,5a verheißene neue Schöpfung – die Gewissheit ihrer Realisierung wird dann in 21,5b unterstrichen – lediglich als ein kosmologisches ludibrium Gottes auffassen möchte, irrt. Neue Schöpfung und ‚neues Jerusalem‘, das heißt: Gott realisiert und schenkt den Glaubenstreuen und Standfesten sein Heil in eschatologischer und damit endgültiger Weise.
3. Theologische Perspektivierung
Die Kompromisslosigkeit dieser Verkündigung (im NT nur noch vergleichbar mit dem Dualismus zwischen christlicher Gemeinde und umgebender Welt im Johev und 1Joh) fordert Christen zu allen Zeiten dazu auf, ihre Sicht der sie umgebenden politischen Institutionen und Figuren und ihr Verhältnis zu ihnen immer wieder zu reflektieren und darauf achtzugeben, im Umgang mit ihnen nicht der eigenen christlichen Identität verlustig zu gehen. Da, wo Staat und Gesellschaft als Mächte in Erscheinung treten, die für sich unbedingte Verehrung einfordern, ist ihnen entschieden und kompromisslos entgegenzutreten. Hinzu kommt: Staat und Gesellschaft, politische Gruppen, Parteien, Organisationen und Gruppierungen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, sich für das Wohl anderer zu engagieren, verfügen grundsätzlich über keinerlei soteriologische Qualität und sind aus sich heraus nicht in der Lage, soteriologisch, d.h. im Sinne der Kreation gelingenden Lebens, in Erscheinung zu treten, eine Erkenntnis, die Karl Raimund Popper ohne direkten Bezug zur biblischen Überlieferung folgendermaßen formuliert hat: „Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle. Dieser Versuch führt zu Intoleranz, zu religiösen Kriegen und zur Rettung der Seelen durch die Inquisition“ (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II, Tübingen 1992, 277). Rettung, Hilfe, Heil, Begleitung, Trost, Ermutigung, neue Hoffnung, Perspektiven, die in der verheißenen neuen Welt das Miteinander prägen, sind zwar auch in der bestehenden Welt durchaus bereits erlebbar und erfahrbar, sind letzten Endes aber nur von Gott selbst zu erwarten, der durch seine Botinnen und Boten bereits in dieser alten, noch bestehenden Schöpfung wirkt und im Dunkel des Alten bereits das heilvolle und heilsame Licht des Neuen aufleuchten lässt. Somit eignet der Jahreslosung aus Offb 21,5
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die offizielle Jahreslosung ist gegenüber der Übersetzung in der Exegese noch weiter verkürzt: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu“ (Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen, www.jahreslosung.eu
Die grundlegende Frage, welche ursprüngliche Intention hinter der Aussage von Offb 21,5
Persönlich regen sich auch Störgefühle: Hängt hier nicht alles zu sehr am „Ich“ des Losungssatzes: Siehe, ICH mache alles neu? Überfordern die Aufforderungen zur Hinwendung zu Gott nicht Glaubende und können in Kontrast zur frei geschenkten Rechtfertigung treten? So gut es ist, allein von Gott Heil zu erwarten – gibt es neben sinnvollen Abgrenzungen nicht in unseren Gesellschaften auch viel, mit dem in christlichem Sinne gehandelt wird und wo ein Mittun gut ist? Am stärksten vielleicht: Was ist mit der jahrhundertelangen Deutung, dass die Offb Trost in eine Bedrängnissituation hinein ist (vgl. Offb 18–20)? Haben Sätze wie die Jahreslosung nicht gerade hier Kraft für Glaubende entfaltet?
Eine andere Frage wird schon durch eine kleine Übersetzungsdifferenz geweckt. Die Jahreslosung hebt den Ausspruch Gottes gewissermaßen ins Überzeitliche, indem gesagt wird „Gott spricht.“ Korrekt aus dem Griechischen ist in der Exegese wiedergegeben: Der auf dem Thron sitzt / Gott „sprach“. Die Vergangenheitsform weist auf die Einbettung in den Kontext der Offenbarung hin. Die Gegenwartsform, die der Jahreslosung vorangestellt ist, öffnet die Möglichkeit, nach weiteren überzeitlichen Bezügen zu suchen – die dann auch 2026 Wirkung entfalten (ohne der Exegese entgegenzustehen). Wie sehen diese Bezüge aus? (Ausdrücklich: in Ergänzung der von der Exegese eindringlich aufgeführten Aspekte.)
2. Thematische Fokussierung
Die Exegese eröffnet also bereits einen lebendigen Fächer von Gegenwartsbezügen. Dieser soll im Folgenden weiter aufgespannt werden:
„Gott spricht: ‚Siehe ich mache alles neu.‘“ Schaue ich auf mein Alltagsleben und meine Existenz „als Mensch“ kommen drei ‚Kategorien‘ in den Blick, in denen die Jahreslosung eine deutlich unterschiedliche Resonanz auslöst:
2.1 Ja, es gibt die Bereiche, in denen wirklich eine vollständige Erneuerung ersehnt und erhofft ist: alle Kriege, alle Folter, das, was Menschen einander antun, die, theologisch gesprochen, Sündenverhaftetheit des Menschen, die zu Bösem und Leid führt – alles dies sollte vollständig geheilt, erneuert, ersetzt, abgeschafft und verändert werden! Krankheiten, Naturkatastrophen, Tod, tiefe Ängste, unsagbare Verluste mit all‘ ihrem Leiden – wie gut, heilsam und hoffnungsvoll ist es, hier von Gott zu hören: „Siehe, ich mache alles neu.“ Auch gegenüber subtileren Verstrickungen, Abhängigkeiten, Erfahrungen von tiefer Schwäche und Scheitern entsteht der Wunsch, dass wirklich alles neu werde. Die Jahreslosung kann wunderbare Verheißung sein.
2.2 Es gibt aber auch dasjenige, für das eine Verbesserung, ein Heilen, ein Weiterbestehen in erneuerter, aber eben nicht absolut neu gewordener Form als Wunsch auftaucht: Die Menschen, für die ich jeden Tag bete – soll hier „alles neu“ werden? Schönes im Leben – Musik, Kunst, Naturwahrnehmung, Literatur und weitere Kultur, Sport, kulturübergreifende Kontakte, Wissenschaft und Erkenntnis –, für das man sich täglich einsetzt – soll wirklich alles dem Neuwerden weichen? Ist es nicht legitim, um ‚Verbesserung‘ und Bestehenbleiben zugleich zu bitten? Die Jahreslosung kann sich hier (scheinbar?) gut zu menschlichem Planen und Wünschen fügen.
2.3 Und schließlich viel mehr noch das, um dessen Bleiben wirklich gebetet/n werden kann, auch aus einer tiefen Dankbarkeit Gott gegenüber für das Geschenkte heraus: die lebendige, tiefe Liebe zum anderen Menschen in einer Ehe / Partnerschaft / Lebensgemeinschaft, zu den Kindern, tiefe, bereichernde und befreiende Freundschaft, gewonnener, geschenkter, sich festigender Glaube, Humor – sicher gibt es nicht viel, bei dem der Gedanke „Siehe, ich mache alles neu“ Abwehr weckt. Aber auch diesen dritten Bereich gibt es. Die Jahreslosung ist dann geradezu Drohung.
Hinzu kommt, gerade auch in Kirchen, in der Gegenwart Enttäuschung mit Veränderungsprozessen und ein Misstrauen gegenüber Verheißungen, dass Neues besser sei. „Ostalgie“ und „Westalgie“, Revisionismus, „Retro“, Veränderungsmüdigkeit… Wie kommt Gottes „Siehe, ich mache alles neu“ hier zu guter Resonanz?
3. Theologische Aktualisierung
Das Neuwerden des Menschen ist theologisches Grundthema, damit auch das Neuwerden alles dessen, mit dem er zu tun hat. Die Taufe wird als ein absolutes und grundsätzliches Neuwerden geschildert. Schon im AT kennzeichnen die Zäsur des Exils in Babylon, aber auch die von manchen als neues Paradigma einer Deutung des AT (und NT) entdeckte Exoduserzählung ein Neuwerden von Menschen hin zu einem (restituierten) Gottesvolk. Sintflut, Vertreibung aus dem Paradies, zahllose Einzelerzählungen umreißen ein Neuwerden von Gott her – bis hin zur Jesaja-Apokalypse und ähnlichen Texten, die in einem literarischen oder anderen Traditionszusammenhang mit der Offb stehen (können).
Das NT ist, zumindest in der Deutung von Paulus her, von der Einsicht geprägt, dass selbst gewählte („gemachte“) Erneuerung des Menschen Grenzen hat. Von Gott her wird eine Erneuerung erwartet, wie sie im Hintergrund der Jahreslosung steht. Diese ist vor allem eschatologisch gedacht: die Überwindung des Todes, das Ende des Bösen, ein neues Zusammenleben von Menschen und Geschöpfen bei Gott und mit Gott. Diese Erneuerung, vollkommen erst nach dem Tod, kann in das gegenwärtige Leben hineinwirken (die Rolle des Heiligen Geistes bei der Erneuerung ist ein eigenes Thema). Von einer Indienstnahme des Menschen für diese Erneuerung zu sprechen, läuft jedoch Gefahr, in Hochmut und / oder Überforderung zu „kippen“ – so gut es ist, von Bibel, Glauben, Tradition und christlicher Gemeinschaft her Richtungen für eine Erneuerung der Lebensverhältnisse zu nehmen. Dasselbe gilt für den Versuch, Finanzkürzungen o.ä. mit der Jahreslosung zu verbrämen: Gottes Neu-Schaffen ist existenziell und eschatologisch – dieses Werk Gottes leistet keine Synode und kein Kirchenamt.
In diesem, vielleicht evangelisch-nüchternen Sinn erfahren auch die unter 2.) genannten Felder eine mögliche Deutung durch die Jahreslosung „Gott spricht: ‚Siehe, ich mache alles neu.‘“ 1. ist das Neuwerden voll und ganz ersehnt, ist es verheißen und kann nur von Gott her vollkommen gelingen. 2. erscheint das Neuwerden als (zu sehr) passend zu menschlichen Plänen, kann es im Glauben angenommen, muss aber immer geprüft werden, ob nicht zu sehr nur Altes bewahrt werden soll – oder ob es durch Gottes Wirken nicht gerade wirklich neu und anders werden und so dankbar angenommen werden sollte. 3. erscheint das Neuwerden bedrohlich, darf im Glauben eine neue Qualität des Geschenkten erhofft und erwartet werden, vielleicht sogar ein Bleiben, das dann von Gott lebendig gehalten und geschenkt ist.
Für die Jahreslosung gibt es i.d.R. keinen gesonderten Gottesdienst. Vielleicht wird im Rahmen von Neujahrsgottesdiensten auf sie eingegangen, dann können die Texte des Neujahrstags zu ihr in Beziehung gesetzt werden. Wird wie in vielen Gemeinden Neujahr Abendmahl gefeiert, legt es sich dann nahe, das Mahlgeschehen als Erneuerung und Bestärkung von Sündenvergebung, Gemeinschaft und Christusmemoria zu bedenken.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Häufig dürfte eine Besinnung, Andacht oder Meditation zur Jahreslosung im Rahmen von Veranstaltungen in den ersten Wochen des Neuen Jahres 2026 gefragt sein. Von den Jahrestagen – von 25 Jahren Wikipedia bis zum Beginn der „Eugenischen Kriege“ im Star Trek Universum – sticht besonders der 25. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center 2001 heraus („9/11“). Sollten die 2025 bestehenden Konflikte und Kriege 2026 andauern, ist gerade hier das Neuwerden Inhalt von Gebet und Hoffnung. Verheißungstexte wie Jes 65,17-25
Psalm 96 und Psalm 98 als „neue Lieder“ sind ebenfalls geeignete Texte.
Die Lieder zum Jahreswechsel EG 58–65 stehen ambivalent zur Jahreslosung: Teils betonen sie den steten Fortgang, teils weisen sie auf Erneuerung hin. Zu beidem kann die Jahreslosung in Beziehung gesetzt werden. Ebenso sind Lieder wie FT 72 „Ich sing‘ dir mein Lied“ oder pneumatologische „Erneuerungslieder“ wie EG 136 „O komm, du Geist der Wahrheit“ geeignet, in einer Andacht zur Jahreslosung Platz zu finden. Der Offenheit für die Erneuerung durch Gott bereiten auch Lieder wie 165 „Gott ist gegenwärtig“ oder außerhalb des EG „Denn der Geist und die Braut“ (Offb 22,17
Deutlich zu betonen ist, dass ohne die Erneuerung von Gott her und ohne die Hoffnung darauf an zahlreichen Stellen in Biografie und Gesellschaft Verzweiflung Raum greifen kann. Es gehört zur christlichen Einsicht, dass menschliche Kräfte begrenzt sind (vgl. oben das Diktum von Raimund Popper in der Exegese). Es gibt Punkte, an denen nur noch die Hoffnung auf Gott trägt – und Gott trägt.
5. Anregungen
Über die Jahreslosung 2026 kann m. E. nicht anders als sehr reflektiert und persönlich gepredigt oder eine andere Art von Ansprache gehalten werden. Alles Verkürzte, alle platte Erneuerungsrhetorik, alles Schönreden oder Manipulieren-Wollen wird zur leicht erkennbaren Phrase. Zugleich transportiert die Jahreslosung „Gott spricht: ‚Siehe, ich mache alles neu‘“ tiefste urchristliche Hoffnung – sei es in Abgrenzung zu Verführungen der „Welt“ (s. Exegese), sei es in Situationen von Bedrängnis und Anfechtung. Diesen Trost, diese Hoffnung und Kraftquelle zum Klingen zu bringen, ist die schöne Aufgabe und Herausforderung für jede und jeden, die oder der über die Jahreslosung 2026 predigt.
Autoren
- Prof. Dr. Thomas Witulski (Einführung und Exegese)
- Dr. Andreas Ohlemacher (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500163
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