Deutsche Bibelgesellschaft

Hebräer 13,8-9b | Altjahrsabend | 31.12.2025

Einführung in den Hebräerbrief

"Werft euer Vertrauen nicht weg", - diese eindringliche Ermutigung aus Hebr 10,35 stand 2019 im Mittelpunkt des Dortmunder Kirchentags. Der Hebräerbrief wendet sich bis heute als »Wort tröstlicher Ermahnung« (13,22) an müde gewordene Gemeinden. Damit ist er hochaktuell. Auch in der jüngeren Forschung hat der Hebr Konjunktur, zugleich gibt er nach wie vor ungelöste Rätsel auf.

1. Verfasser

Den Verfasser (Vf.) des Hebräerbriefes identifizierte die Kirche über viele Jahrhunderte mit Paulus und begründete dies u.a. mit der Nennung (s)eines Mitarbeiters Timotheus (13,23). Paulus scheidet jedoch aus sprachlichen und theologischen Gründen als Autor aus. Auch andere Verfasserhypothesen (Clemens Romanus; Barnabas; Apollos) überzeugen nicht. Es bleibt beim Urteil des Origenes (Eusebius von Cäsarea, Kirchengeschichte, VI 25,11ff): „Wer diesen Brief geschrieben hat, das weiß Gott allein.“ Der Vf. ist ein eigenständiger Denker von hohem rhetorischem und theologischem Format. Er gibt das von den Aposteln zuverlässig überlieferte Wort Gottes weiter (2,1-4). Sein theologisches Denken weist Bezüge zur jüdischen Apokalyptik und zum hellenistischen Judentum, vor allem zu Philo auf.

2. Adressaten

Die Adressierung „An die Hebräer“ ist eine vom Inhalt erschlossene Überschrift aus der Zeit der Sammlung urchristlicher Briefe. Die Adressaten sind dem Vf. persönlich bekannt (13,19). Die Gemeinde war in der Vergangenheit vorbildlich in der Nächstenliebe (6,10), sie erduldete einen schweren Leidenskampf, nahm den Raub ihrer Besitztümer hin und ertrug das Schicksal, dass sie zum „Schauspiel gemacht wurde“ (10,32-34). Die äußere Bedrängnis setzt den Gemeindegliedern zu. Sie sind verunsichert (13,9) und stehen in der Gefahr vom Glauben abzufallen (3,12f), schwerhörig (5,11), träge (6,12), müde und verbittert (12,12ff) zu werden, die Gottesdienste zu verlassen (10,25), ihre Zuversicht aufzugeben (10,35f), am Heil vorbeizutreiben (2,1) und von der himmlischen Ruhestatt Gottes ausgeschlossen zu werden (4,1). In diese Situation hinein schreibt der Vf. sein

3. »Wort tröstlicher Ermahnung« (13,22)

Diese Selbstbezeichnung steht in der antiken Synagoge für die Predigt (vgl. Apg 13,15). Seiner Form nach ist der Hebräer kein Brief im eigentlichen Sinn. Es fehlen die für einen antiken Brief (vgl. Paulusbriefe) wesentlichen Angaben zum Absender und zu den Adressaten (Präskript) ebenso wie die Danksagung (Proömium) für die Glaubensfestigkeit der Adressatengemeinde. Der Hebr ist „die erste vollständige urchristliche Predigt, die uns erhalten blieb“ (O. Michel, S.24). Sie wurde mit einem Briefschluss versehen und versandt. Die Hebräerpredigt umkreist vielfach das Thema von Verheißung und Erfüllung, sie verfolgt das Ziel, die angefochtene Gemeinde an die in Jesus Christus fest gegründete Hoffnung zu erinnern (Zuspruch: 3,1-6; 6,17-20; 10,19-21). Zugleich ermutigt und ermahnt sie, am Christusbekenntnis festzuhalten (Anspruch: 3,14; 6,11f; 10,22-25) und so das unmittelbar bevorstehende endzeitliche Heil zu erlangen (9,28; 10,25; 10,35-39).

4. Abfassungszeit und Entstehungsort

Die Adressatengemeinde ist wohl in Rom beheimatet. Dafür sprechen die Grüße in 13,24 und die erste sicher datierbare Bezeugung des Hebr durch den in Rom entstandenen 1. Clemensbrief (96 n.Chr.). Wörtliche und sachliche Anklänge zeigen, dass der 1Clem den Hebr gekannt hat. Die Abfassungszeit ist demnach vor dem Jahr 96 anzusetzen. Als frühestmöglicher Abfassungszeitpunkt kommen die Wirren um das »Claudiusedikt« (49 n.Chr.) oder die neronische Verfolgung (64 n.Chr.) in Betracht (10,32-34; 13,7). Dass die Adressatengemeinde noch nicht bis aufs Blut widerstanden hat (12,4), spricht jedoch gegen ein weitverbreitetes Martyrium. Genauere zeitliche Eingrenzungen sind kaum möglich. Auch der Entstehungsort ist nicht endgültig identifizierbar. Die Angabe „es grüßen euch die aus Italien“ (13,24) kann zweifach gedeutet werden: Entweder hält sich der Vf. in Italien (Rom) auf oder er schreibt zusammen mit anderen, aus Italien stammenden Personen an die Adressatengemeinde.

5. Gliederung und wichtige Themen der exegetischen Interpretation

Einer Schlagzeile gleich stellt der Hebr in den Eingangsversen (1,1-4) das Wichtigste voran: Gott redet zu uns Menschen. An die Väter- und Müttergeneration des Volkes Israel erging Gottes Wort vorzeiten, vielfach und auf vielerlei Weise durch die Propheten. An die christliche Gemeinde erging es einmalig und abschließend im Sohn Gottes (1,2; 2,3). Mit diesen zwei Redeweisen Gottes sind zwei Ordnungen (διαθῆκαι) verbunden, in denen Gottes Heilsgeschichte und sein Verhältnis zu uns Menschen festgelegt ist. In drei Hauptteilen vergleicht der Hebr die Zeit Israels als Zeit der »ersten Ordnung« (πρώτη διαθήκη) mit der Zeit der christlichen Gemeinde als Zeit der »neuen Ordnung« (καινή διαθήκη). Der Vf. stellt Kundgabe, Dauer, Form, Mittlerschaft, Priestertum, Wirkungsweise und Zielsetzung der beiden Ordnungen gegenüber. Im Mittelpunkt steht die Haltung des »wandernden Gottesvolkes« gegenüber dem göttlichen Verheißungswort.

Der 1. Hauptteil (1,1-4,13) stellt die Wüstengeneration als warnendes Beispiel des Ungehorsams dar: Wer dem Verheißungswort Gottes nicht vertraut, kann nicht in Gottes himmlische Ruhestatt eingehen (3,7-4,11).

Im 2. Hauptteil (4,14-10,31) vergleicht der Hebr das levitische Priestertum mit dem himmlischen Hohenpriestertum Jesu: Das levitische Priestertum wiederholt Jahr für Jahr am Großen Versöhnungstag im irdischen Heiligtum die Opfer für die eigenen Sünden und für die Sünden des Volkes. Der himmlische Hohepriester Jesus (5,1-10; 7,1-28) gab sich an Karfreitag, dem Großen Versöhnungstag, im himmlischen Allerheiligsten einmalig selbst dahin, um für alle Menschen eine ewig gültige Sündenvergebung zu erwirken (8,1-10,18). Dadurch ist der Weg ins himmlische Allerheiligste für alle Glaubenden des einen Gottesvolkes beider Ordnungen frei. Sie können in den Gottesdiensten hinzutreten zum Thron der Gnade (4,14-16). Im Glauben haben sie jetzt schon einen festen Anker der Seele, der ins himmlische Allerheiligste hineinreicht (6,19). Wenn der himmlische Hohepriester zum zweiten Mal kommt (9,28), dürfen sie ihm, dem Vorläufer, in die Gegenwart Gottes folgen (6,19f; 10,19ff).

Im Zentrum des 3. Hauptteils (10,32-12,29) steht die „Wolke der Glaubenszeugen“ aus der Geschichte Israels (11,1-40), an der sich die angefochtene Gemeinde orientieren soll. Bemerkenswert ist: Jesus wird in diese Schar eingereiht (12,1-3). Als Sohn Gottes und himmlischer Hoherpriester ist er Urheber des Heils (2,10; 5,9) für alle Glaubenden (fundamentum et sacramentum fidei). Zugleich weist er als Glaubensvorbild (exemplum fidei) seinen Brüdern und Schwestern (2,17f) den Weg ins himmlische Allerheiligste, in das er vorausgegangen ist. Dort sitzt er zur Rechten Gottes (1,3; 8,1; 10,12f; 12,2) und hält Fürsprache für die Glaubenden (7,24f).

6. Theologische Eigenart

Die theologische Eigenart der Hebräerpredigt kennzeichnet vor allem seine für das Neue Testament einzigartige Hohepriesterlehre: Der Vf. verbindet das im Anschluss an Ps 2,7 formulierte Bekenntnis „Jesus ist der Sohn Gottes“ mit Ps 110,4b: „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks“ (5,5-10; 7,3.20-22). Er knüpft dabei an atl. Kultussprache an und unterscheidet – wie das AT (Ex 25-27; Lev 16) – zwischen irdischem und himmlischem Heiligtum (Kap. 8f). Wenn der Hebr vom „Gesetz“ spricht, dann meint er v.a. das priesterliche Kultgesetz (7,11.19.28). Dieser vielfache Bezug zum Alten Testament dürfte mit Grund für die Überschrift „An die Hebräer“ gewesen sein.

Hervorzuheben ist ferner sein Glaubensverständnis. Martin Luthers Übersetzung der Glaubensdefinition in 11,1 ist berühmt: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Dies trifft Wesentliches, obwohl die neueren Auslegungen Luthers Übersetzung nicht mehr folgen: Glaube ist Feststehen bei Erhofftem, Überzeugtsein von der Realität der himmlischen Dinge, die man mit bloßen Augen nicht sieht. Glaube vertraut dem göttlichen Verheißungswort und gibt – auch in schweren Tagen – das Bekenntnis zu Jesus Christus nicht preis (3,12-14; 4,1-3; 10,22-25; 10,35-11,1; 12,1f). Wer bis zur Wiederkunft des himmlischen Hohenpriesters an der Hoffnung und den Verheißungen Gottes festhält, wird das Heil erlangen und in die unmittelbare Gottesnähe eingehen (εἰσέρχesθαι: 3,12-14; 4,1-3; 9,28; 10,35ff; 11,39f; 12,18-24). Für all diejenigen jedoch, die bewusst vom Glauben abfallen, gibt es nach dem Hebr keine Erneuerung der Buße (6,4-8; 10,26-31; 12,16f). Wie soll man diesem »harten Knoten« (M. Luther) begegnen? Vielleicht mit der Segensbitte im angefügten Briefschluss (13,20f): „Der Gott des Friedens … möge in uns wirken, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesus Christus.“

Literatur:

  • Backhaus, Knut, Der Hebräerbrief (Regensburger Neues Testament), Regensburg 2009.
  • Gräßer, Erich, An die Hebräer, Band 1-3 (EKK XVII 1-3) Zürich-Neukirchen, 1990-1997, Göttingen 2016.
  • Long, Thomas G.: Hebrews (Interpretation. A Bible Commentary for Teaching and Preaching), Louisville/Kentucky 1997.
  • Michel, Otto, Der Brief an die Hebräer (KEK 13), Göttingen 71975.
  • Rose, Christian, Der Hebräerbrief (Die Botschaft des Neuen Testaments); Neukirchen/Göttingen/Leiden 32023.
  • Schunack, Gerd, Der Hebräerbrief (ZBK.NT 14), Zürich 2002.

A) Exegese kompakt: Hebräer 13,8-9b

8Ἰησοῦς Χριστὸς ἐχθὲς καὶ σήμερον ὁ αὐτὸς καὶ εἰς τοὺς αἰῶνας. 9Διδαχαῖς ποικίλαις καὶ ξέναις μὴ παραφέρεσθε· καλὸν γὰρ χάριτι βεβαιοῦσθαι τὴν καρδίαν, οὐ βρώμασιν ἐν οἷς οὐκ ὠφελήθησαν οἱ περιπατοῦντες.

Hebräer 13,8-9NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

8 Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit. 9 Lasst euch nicht durch mancherlei und fremdartige Lehre vom rechten Weg abbringen. Denn es ist gut, dass das Herz durch Gnade fest werde, und nicht etwa durch Mahlzeiten, die noch niemandem, der sich daran gehalten hat, Nutzen brachten.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

Sprachlich fällt auf: Einzig im Schlusskapitel 13, das als Briefschluss der Hebräerpredigt (Kapitel 1–12) angefügt und untrennbar mit ihr verknüpft ist, wird der ewige Gottessohn zweimal mit seinem vollen Namen und Hoheitstitel, Jesus Christus, genannt (13,8.21).

2. Literarische Gestaltung

Die Hebräerpredigt endet in 12,28f. mit der Ermahnung zur Dankbarkeit. Daran knüpft der briefliche Abschluss im Schlusskapitel 13 an. In zwei Abschnitten (13,1–19 sowie 13,20–25) verbindet der Prediger urchristliche ethische Unterweisungen (Geschwisterliebe, gemeindliche Solidarität, Fragen zur Ehe, genügsame Lebensweise) mit Ermahnungen für den Gemeindealltag (Respekt gegenüber Gemeindeleitungen, Achthaben auf Irrlehre, Gegenseitige Wohltätigkeit).

Im Zentrum des „Wortes tröstlicher Ermahnung“ (13,22) steht der von Johann Albrecht Bengel (Gnomon, 945) als „Summe des Evangeliums“ bezeichnete wegweisende Satz „Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit“. In ihm fasst der Hebr alles das zusammen, was er in seiner langen Predigt über die Person und das Werk Jesu entfaltet hat: Jesus Christus ist von Ewigkeit her der Sohn, der Abglanz der Herrlichkeit und die Ausprägung des Wesens Gottes (1,3a). Durch ihn sind die Welten geschaffen (1,2b). Er hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät Gottes (1,3d). Als himmlischer Hoherpriester hat er durch seine Hingabe die Reinigung von den Sünden erwirkt (1,3c; 2,9f; 5,5–10; 10,10). Er ist als himmlischer Hoherpriester auf ewig derselbe (1,12; 7,17). Als Erlöser und Bruder der Menschen (2,5–18) hält er vor dem Thron Gottes bis zum Tag der Heilsvollendung Fürsprache für die Glaubenden (7,25).

3. Kontext und historische Einordnung

Die Gemeinden der ersten Stunde haben sich an Jesus Christus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, orientiert. An ihn sollen sich auch die angefochtenen Adressatengemeinden in der Gegenwart und in der Zukunft halten. Himmel und Erde werden vergehen (1,10f.; 12,26–29), Christus bleibt. Auf ihn ist Verlass. Er bleibt und ist derselbe in seiner Hingabe für die Menschen. Er ist und bleibt der Bürge für die neue Ordnung (7,22). Er ist und bleibt der Garant für die himmlische Heilsvollendung (8,6). Darauf gründet sich alles Vertrauen.

4. Theologische Akzente der Perikopenverse

In Jesus Christus, dem Hohenpriester, findet das angefochtene und bedrängte Herz einen festen Anker (6,19f.; 10,19f.). An ihm soll sie sich orientieren, von ihm sich leiten lassen. Er ist einzigartiges Urbild und Vorbild des Glaubens (12,2). V. 8 wechselt überraschend von den Gemeindeleitern zur sog. ‚Dreizeitenformel‘: Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Innerhalb der biblisch-jüdischen und auch der philosophisch-außerbiblischen Tradition wird auf Ewigkeit und Zeitüberlegenheit der Gottheit hingewiesen. Gottes Sein umfasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er stellt sich Mose vor als der „Ich bin, der ich sein werde“ (Ex 3,14). Im letzten Buch der Bibel wendet sich der Seher Johannes an die sieben Gemeinden der Provinz Asien mit den Worten (Offb 1,4): „Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt“.

Die Orientierung an Jesus stärkt die Gemeinde in Gegenwart und Zukunft. Es gehört zur bleibenden Verlässlichkeit Gottes in Jesus Christus, dass er treu zu seinen Verheißungen steht (10,23; 11,11) und dass die einmalige hohepriesterliche Selbsthingabe Jesu ein für alle Mal gültig ist (9,11–14). Der bleibenden Gnade Gottes in Jesus Christus entspricht aufseiten des Menschen die Standhaftigkeit des Glaubens an die Verheißungen Gottes (3,6.14; 10,39). Es braucht die Festigkeit des Herzens (V. 9): Das Herz ist die personale Mitte des Menschen und der Sitz des Willens. Dort erfährt ein Mensch die in Jesus Christus beschlossene Gnade Gottes. Dort gewinnt er Gewissheit (10,22). Im Herzen liegt aber auch die Gefahr der Verhärtung im Unglauben und im Abfall von Gott (3,12). Dort kann man auch die Gnade Gottes versäumen (12,15). Mit einem gefestigten Herzen können die Glaubenden hinzutreten zum Thron der Gnade und Hilfe finden zur rechten Zeit (4,16). So erfahren sie die Wirkungen des Geistes (10,29; vgl. 6,4). So findet die Seele einen Anker im himmlischen Allerheiligsten (6,19f.).

Die Festigkeit des Herzens ist jedoch gefährdet durch vielfältige fremde Lehre und durch Speisen ohne Nutzen. Woran der Hebr im Einzelnen denkt, bleibt im Dunkeln. Es gibt keine Anhaltspunkte für Streitigkeiten über Irrlehren in der Adressatengemeinde. Unklar bleibt auch, ob es in der Gemeinde ähnliche Auseinandersetzungen um Kultmahle mit Götzenopferfleisch gab wie in Antiochien (Gal 2,11-16), Jerusalem (Apg 15,19-29) oder Korinth (1Kor 8). So legt sich eine Auslegung im Horizont der Predigt und des unmittelbaren Kontextes nahe.

Die Speisen gehören zum Opferkult und zu den fleischlichen Rechtssatzungen, die nicht vollenden, nicht in die endzeitliche Gottesgemeinschaft führen können. Sie bringen keinen Nutzen (7,16–19; 9,9f.). Irdische Speisen, Getränke und Waschungen können die am irdischen Kult Teilnehmenden nicht im Gewissen vollenden. Sie können nicht von den Sünden reinigen (9,14), um so dem lebendigen Gott in Dankbarkeit zu dienen. Sie können kein ewiges Heil vermitteln. Das kann allein der ewig bleibende himmlische Hohepriester Jesus Christus. Das Herz wird durch Dank und Gnade gefestigt. Es findet durch den Hohenpriester Jesus einen festen Anker der Seele im himmlischen Allerheiligsten (6,19f.; 10,19f.; vgl. 3,14).

5. Theologisch-homiletische Perspektivierung

Zum Jahreswechsel erinnert der Hebräerbrief: Im Christuszeugnis ist das feste Fundament, auf dem die Hoffnung der glaubensmüden und verzagten Christengemeinde unverbrüchlich gründet und in dem jedes Herz einen festen Anker der Seele findet. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verweisen auf einen weiten Horizont der Erinnerung, der Gegenwart und der Zukunftshoffnung. Darin ist das Heil der Menschen begründet, eröffnet und fest verankert.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Was gibt uns ein festes Herz? Das Herz wird durch Dank und durch Gnade gefestigt. Die Exegese betont, dass ein festes Herz im Zusammenspiel dieser beiden Dimensionen erwächst. Die bleibende Gnade Gottes bildet dabei die göttliche Grundlage – sie ist verlässlich, treu und vorauslaufend. Auf Seiten des Menschen entspricht ihr die Standhaftigkeit im Glauben, das beständige Vertrauen in Gottes Verlässlichkeit.

Eine neue Perspektive, wie diese Standhaftigkeit im Glauben gestärkt werden kann, eröffnet sich der Exegese zufolge in der Dankbarkeit. Sie ist mehr als eine Gefühlsregung. Sie ist eine geistliche Haltung, die das Herz neu ausrichtet. Dankbarkeit lenkt den Blick auf Gottes Handeln im Konkreten und lässt im Rückblick Spuren von Treue und Bewahrung sichtbar werden. So kann sie zu einer tieferen Beziehung zu Gott führen – und dadurch das Herz fest machen.

2. Thematische Fokussierung

Immer wieder betont die Hebräerpredigt, wie entscheidend die Standhaftigkeit im Glauben für die Gemeinde ist. Beim Lesen der Exegese kam mir sofort ein Satz Martin Luthers aus dem Großen Katechismus in den Sinn: „Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“

Wie fest ist unser Herz – und worauf richtet es sich in unserem Leben? Diese Frage berührt nicht nur unseren Glauben, sondern unser ganzes Dasein. Die Verse sprechen hier unmittelbar in unsere Lebenswirklichkeit hinein. Sie rufen uns zur Besinnung darauf, worauf wir unser Herz wirklich richten. Besonders die Zeitüberlegenheit Gottes, dessen Sein Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst, lenkt unseren Blick auf das Zentrum unseres Glaubens: Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit (13,8).

An ihn, und nicht an fremde Lehren oder vergängliche Dinge, sollen wir als Gemeinde unser Herz hängen. Nicht das, was kurzfristig beeindruckt oder äußerlich nährt, macht das Herz fest, sondern die Gnade Gottes. Die Exegese betont darüber hinaus die Dankbarkeit als eine innere Haltung, die das Herz stärkt und im Glauben verankert. Gnade und Dankbarkeit – beides sind keine Leistungen, sondern erwachsen aus der Beziehung zu Jesus Christus. Sie helfen uns, fest zu werden in einer Welt voller Beweglichkeit.

3. Theologische Aktualisierung

Jesus Christus bleibt derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Inmitten aller Veränderungen der Zeiten und der Menschen gibt es etwas, das bleibt. Diese Zusage der Hebräerpredigt kann Halt geben in einer Welt, in der sich so vieles ständig wandelt: Beziehungen, Werte, Lebensentwürfe, gesellschaftliche Normen, politische Verhältnisse. Und die Ablenkungen und Verstrickungen des Alltags der Menschen sind ebenfalls vielfältig: Selbstoptimierung, beruflicher und gesellschaftlicher Druck, Konsum, digitale Reizüberflutung. All das kann dazu führen, dass Menschen ihr Herz an etwas hängen, was unruhig und unfrei macht. Da erinnert die Hebräerpredigt an Jesus Christus: Er bleibt. Durch ihn ist unser Herz fest verankert im Himmel. Gerade in der Gemeinschaft der Glaubenden kann diese Zusage lebendig werden. Im Gebet, im Hören auf Gottes Wort und in der gegenseitigen Ermutigung wächst ein festeres Herz – eins, das nicht von jeder Veränderung hin und her geworfen wird, sondern im Vertrauen auf Christus verwurzelt ist.

So wird Kirche zu einem Ort, an dem Menschen nicht leisten müssen, sondern glauben dürfen. Und unser Herz lernt neu, woran es sich hält und worauf es sich verlassen kann.

Was heißt es sein Herz an Christus zu hängen? Was bedeutet dies konkret im Alltag? Nicht alle Probleme und Zweifel verstummen. Aber es heißt: Ich trage mein Leben nicht allein. Ich darf mit allem, was mich begleitet, mit meinem Scheitern, meinem Hoffen, meinem gesamtem Leben vor Gott treten. Und es heißt: Ich richte meinen Tag nicht nur nach Kalender, Nachrichten oder Erwartungen, sondern auch nach dem, was Gott mir zusagt. Ich nehme mir bewusst Zeit für meinen Glauben und für ein festes Herz. Es heißt: Ich muss mich nicht über Leistung oder Besitz definieren. Ich sehe meine Mitmenschen mit anderen Augen – nicht als Konkurrenz, sondern als Geschwister. Und ich lebe in einer Hoffnung, die über das Sichtbare und die Zeit hinausreicht. Und genau darin bekommt mein Herz Halt.

Die Exegese der Hebräerpredigt hebt darüber hinaus die Dankbarkeit als geistliche Kraft hervor: Dank macht das Herz fest. Denn wer dankt, bleibt nicht beim Mangel stehen, sondern richtet den Blick auf das, was da ist: auf das Gute und das Geschenkte.

Dankbarkeit nimmt die eigenen Umstände anders wahr und sieht Gottes Spuren auch im Kleinen: ein gutes Gespräch, ein Sonnenstrahl, eine heilende Pause, ein Wort zur rechten Zeit. Dank verwandelt die Perspektive. Sie unterbricht das Kreisen um uns selbst und um die eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten und aktiviert eine Beziehung zu dem, der geschenkt hat – der da ist.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Der Altjahresabend stellt eine besondere zeitliche Schwelle dar. Das vergangene Jahr endet, und viele Menschen nutzen diesen Moment, um Bilanz zu ziehen. Während einige das Jahr mit Erleichterung loslassen – „Gut, dass es vorbei ist“ – blicken andere mit Hoffnung oder Unsicherheit auf das kommende Jahr. Diese Übergangszeit bringt Fragen mit sich: Was war? Was bleibt? Und was wird sein?

In all diese Endlichkeit, in unser menschliches Erleben von Zeit, spricht der Perikopentext hinein: Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit (13,8).

Diese Zusage durchbricht unsere Begrenztheit. Sie verweist auf den, der bleibt, wenn alles andere vergeht. Auch der Wochenspruch »Meine Zeit steht in deinen Händen« (Psalm 31,16a) erinnert uns daran, dass unsere Zeit nicht ins Leere fällt, sondern gehalten ist von Gott. Passende Lieder wie: „Meine Zeit steht in deinen Händen“, „Anker in der Zeit“, „Wir haben Gottes Spuren festgestellt“ oder „Nun danket alle Gott“ können das Thema dieses Gottesdienstes liturgisch vertiefen und emotional tragen. 

„Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“

An dieser zeitlichen Schwelle des Jahres erinnert der Gedanke Luthers und der Zuspruch der Hebräerpredigt daran, dass Jesus Christus, als Anfänger und Vollender des Glaubens der Garant für den Menschen über alle Zeiten hinaus ist und ermutigt die Adressaten dazu, ihr Herz an Jesus Christus zu hängen, um fest und sicher im Glauben zu stehen.

5. Anregungen

Was war? Was bleibt? Und was wird sein?Diese Fragen und der Vers „Jesus Christus gestern, heute und derselbe in Ewigkeit“ verbinden sich mit dem Altjahresabend zu einer Einladung, die Predigt entlang dieser dreifachen Zeitstruktur zu gestalten.

Gerade am Ende des Jahres bietet sich eine meditative Reflexion an, die zugleich tröstet und Orientierung schenkt, getragen vom Zuspruch eines Gottes, der alle Zeit umgreift und verlässlich bleibt.

Autoren

  • Prof. em. Dr. Christian Rose (Einführung und Exegese)
  • Melina Racherbäumer (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500162

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