Lukas 24,36-45 | Ostermontag | 06.04.2026
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 24,26-45
Übersetzung
36. Während sie dies beredeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: „Friede sei mit euch!“ 37. Sie aber, von Schrecken und Furcht ergriffen, glaubten einen Geist zu erblicken. 38. Und er sagte zu ihnen: „Was seid ihr verstört und warum steigen Zweifel in eurem Herzen auf? 39. Seht meine Hände und meine Füße, dass ich es selbst bin. Fasst mich an und seht, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe“. 40. Und als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und Füße. 41. Da sie aber vor Freude noch immer nicht glauben konnten und sich wunderten, sagte er zu ihnen: „Habt ihr etwas Essbares hier?“ 42. Sie aber gaben ihn ein Stück gebratenen Fisch, 43. und er nahm es und aß es vor ihnen. 44. Er sagte aber zu ihnen: „Diese [sind] meine Worte, die ich zu euch geredet habe, als ich noch mit euch zusammen war: Alles muss erfüllt werden, was im Gesetz des Mose und bei den Propheten und Psalmen über mich geschrieben ist.“ 45. Daraufhin eröffnete er ihnen den Verstand, die Schriften zu verstehen.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
‚Friede‘ (eirênê) ist als Übersetzung des hebräischen Schalom vom Beginn des Lukasevangeliums an Synonym für das von Jesus gebrachte Heil; gerade die Vorgeschichten rekurriert immer wieder darauf. Pneuma bezeichnet bei Lukas geistige Wesen, zumeist den Heiligen Geist, aber auch die unreinen / bösen Geister. Hier steht es für die Körperlosigkeit eines Gespenstes. Dialogismos ist in der Grundbedeutung ‚Gedanke‘, ‚Überlegung‘, hier hat es ebenfalls die negative Bedeutung ‚Zweifel‘. Psêlaphaô bezieht sich auf den Tastsinn und bedeutet ‚betasten‘, ‚berühren‘.
2. Kontext
Zuvor wird die Erscheinung Jesu vor den Emmausjüngern erzählt und die vor Petrus berichtet. Aber damit sind noch nicht aller Zweifel beseitigt. Mitten in den Austausch der Nachrichten hinein erscheint deshalb Jesus selbst, um Zweifel an der Realität seiner Auferstehung zu beseitigen (Vv. 36-43). Hat Lukas diesen Zug mit Joh 20,19-29
3. Historische Einordnung
Offensichtlich gab es schon früh Erklärungsversuche, die die Auferstehung als Erscheinung eines Geistes, eines ‚Gespenstes‘, deuteten. Damit wäre sie eines unter vielen Phänomenen, die von der (kurzzeitigen) Wiederkehr Gestorbener berichten, aber hätte nichts damit zu tun, dass Gott mit, durch und an Jesus begonnen hat, seine Schöpfung dem Machtbereich des Todes zu entreißen. Wie in der Geschichte vom ungläubigen Thomas im Johannesevangelium betont Lukas deshalb mit seiner Erzählung der Erscheinung Jesu vor den Jüngern die Leibhaftigkeit der Auferstehung. Ob der Auferstandene wirklich Fische gegessen hat, ob ein Jünger wirklich seine Hand in die Wunde gelegt hat, ist dabei zweitrangig.
4. Schwerpunkte der Interpretation
Indem er die Seinen mit dem Friedensgruß
5. Theologische Perspektivierung
In ihrer nachgerade anstößigen Konkretheit wollen diese Erzählungen deutlich machen, dass sich hier grundstürzend Neues ereignet: Der Auferstandene, der jetzt im „Paradies“ (Lk 23,43
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Beobachtung der „massiven Sinnlichkeit“ und „anstößigen Konkretheit“, die in der Exegese herausgestellt werden, nehme ich auf. Ebenso theologisch interessant scheint mir, dass die Jünger Jesus nicht am Gesicht erkennen, sondern an den Wundmalen. Auch wenn hier sinnliche und alltägliche Vorgänge des Zeigens, Anfassens und Essens die Erkennbarkeit ermöglichen sollen, vollzieht sich durch den Verweis auf die Wundmale doch keine normale bzw. alltägliche Art dieses Wiedererkennens. Interessant erscheint mir ebenso, dass die Zweifel an der Erscheinung aufgenommen und ausführlich dargestellt werden.
Lukas nimmt damit die Erfahrungs- und Erlebniswelt der Jünger und unsere ebenso in die Erzählung hinein bzw. knüpft daran an, bevor er erzählt, dass Jesus ihnen den „Verstand eröffnete“.
Ebenso leuchtet mir ein, dass die Vorstellung der leibhaften Auferstehung einem Dualismus von Geist und Natur wehrt und damit die Schöpfung insgesamt in die Heilsverheißung einbezogen wird.
Die Ambivalenz zwischen der menschlichen Erfahrungswelt, innerhalb derer Jesus sich als Auferstandener anschaulich und damit glaubhaft machen möchte, und dem Ereignis der Auferstehung, das der Beginn einer neuen Schöpfung ist, die zunächst einmal unglaublich erscheint, wird in diesen Versen erzählerisch dargestellt. Ein wichtiger Punkt scheint mir außerdem zu sein, dass Jesus mit den Jüngern redet, auf ihre Reaktion eingeht und offenbar Schrecken und Furcht der Jünger überwinden will. Dass die Perikope mit Vers 45 endet, nimmt ihr m.E. eine Zielperspektive, nämlich die Zeugenschaft der Jünger und ihre Stärkung dazu, die in den nachfolgenden Versen thematisiert wird.
2. Thematische Fokussierung
Der Evangelist Lukas grenzt in seiner Erzählung die Auferstehung Jesu von einer Geistererfahrung ab. Damit aufgeworfen erscheint die Frage, ob die Jünger wirklich dem gekreuzigten Jesus begegnen. Der Glaube an die Auferstehung Christi, wie er in Vers 46 als Schriftzitat wiedergegeben wird, wird in den Versen vorher erzählerisch plausibilisiert, indem die Leibhaftigkeit der Erscheinung Jesu betont wird. Die Auferstehung Christi ist weder ein „gespenstisch“-unerklärliches Phänomen noch eine abstrakte, geistige Erfahrung.
Die Frage nach der theologischen Bedeutung und Deutung der leiblichen Auferstehung Jesu Christi wird seit dem Urchristentum diskutiert. (Vgl. die fundierte Zusammenstellung wichtiger theologischer Positionen von Julia Drube im SysLex Artikel Auferstehung Jesu Christi, www.syslex-online.de
Welche Implikationen sind mit der leibhaften Präsenz des gekreuzigten Christus, wie Lukas sie in der Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern erzählt, enthalten?
Mit der Leiblichkeit der Erscheinung bleibt auch der auferstandene Christus eine eigenständige Person, ein Gegenüber, und hat eine eigene Individualität. Der Gekreuzigte und Auferstandene ist Teil der sichtbaren und geschöpflichen Welt. Anders als im Johannesevangelium wird die sinnliche Erfahrung „Fasst mich an…“ als eine von Jesus angebotene Form der Erkenntnis verstanden, die nicht durch ein „nicht sehen und doch glauben“ überboten wird. Die Jünger dürfen, ja sollen fühlen und greifen, um ihren Zweifel zu überwinden. Für mich hat diese Erzählung damit eine seelsorgerliche Dimension. Sie erzählt von dem Auferstandenen als einem, dem der Glaube der Jünger und die Gewissheit seiner Auferstehung wichtig sind. Die unterschiedlichen Stimmungen, von dem Schrecken über die Furcht zur Freude, scheinen mir noch einmal zu betonen, dass es Lukas auch um die Wirkung dieses Ereignisses für den Glauben der Jünger geht, die er hier so ausführlich darstellt. Die Erzählung stellt jedenfalls das, was zwischen den Jüngern und Jesus geschieht, im Dialog und im leibhaften Kontakt, ausführlich dar. Die Hörenden und Lesenden des Evangeliums werden in diese Situation hineingenommen. Ebenfalls im Unterschied zum Johannesevangelium sind sie nicht die, die (anders als Thomas) „nicht sehen und doch glauben“, sondern die, die sich in Schrecken, Furcht und Freude wiederfinden können.
3. Theologische Aktualisierung
Die Bedeutung der Körper in der Theologie wächst seit vielen Jahren. Der Fokus auf die realen und strukturellen Gegebenheiten menschlicher Leidens- Ungerechtigkeits- und Verletzungserfahrungen, deren machtpolitischen Ursachen und globalen Auswirkungen führt zu einer Wahrnehmung der Körper als einerseits „Austragungsort gesellschaftlicher Machtkämpfe“ (Pierre Bourdieu) und andererseits als Teil geschöpflicher Präsenz, an der und in der sich die Verheißung der göttlichen Präsenz und Gnade manifestiert.
Die Körperlichkeit menschlicher und geschöpflicher Existenz ist damit nicht mehr eine zu überwindende irdische Daseinsform, sondern diejenige, in der und an der sich Gottes Gegenwart und seine liebende Beziehung zeigt.
Damit einher geht die Anerkennung und Sichtbarkeit menschlichen Lebens in all seiner Verletzlichkeit und Fragmentarizität ebenso wie in seiner individuellen Würde. In der feministischen Theologie und in der (im deutschsprachigen Raum noch wenig rezipierten) disability theology wird die Bedeutung der Körper als Teil der leibhaften christlichen Gemeinschaft mit Jesus Christus und die daraus sich ergebende Präsenz Christi in den verletzlichen Körpern wichtig.
In der Erzählung des Lukas zeigt der auferstandene Christus den Jüngern seine Wunden und sich selbst als Verwundeter. Auferstehung als Gottes Tat der rettenden Verwandlung des Geschöpflichen zeigt sich offenbar nicht darin, dass diese Wunden verschwinden. Sie zeigt sich darin, dass diese Wunden und die Verletzungen von den Jüngern gesehen und „begriffen“ werden, so dass die Beziehungen zwischen Gott und Menschen und den Menschen untereinander nicht mehr (weiter) zerstörerisch werden können. Die heilsame Verwandlung liegt in der Veränderung von Beziehung, die, in ihrer Vollendung gedacht, das verletzliche Leben achten und destruktive Macht und Gewalt beenden.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Im Kontext des Osterfestes steht am Ostermontag die Bedeutung der Auferstehung für das Leben als christliche Gemeinschaft und die Hoffnung des einzelnen im Vordergrund. Die biblischen Lesungen gehen auf die Veränderung des Lebens angesichts dieser Hoffnung ein. In diesem Zusammenhang kann der Dialog zwischen den Jüngern und Jesus und sein Bestreben, dass die Jünger ihn erkennen und verstehen, sowie die Ermöglichung, durch die sinnliche Wahrnehmung, durch Sehen, Fühlen und Hören die Zweifel zu überwinden, in den Vordergrund gestellt werden.
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Dr. Melanie Beiner (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500186
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