Jesaja 66,10-14 | Lätare | 15.03.2026
Einführung in das Jesajabuch
1. Synchrone Endgestalt des Buches
Das Jesajabuch ist mit seinen 66 Kapiteln das längste Prophetenbuch der Bibel. Die masoretische und griechische Fassung weisen im Wesentlichen Übereinstimmungen, nur in bestimmten Fällen Abweichungen voneinander auf. Die berühmte Jesajarolle aus Qumran (1Q Jesa) zeigt dabei eine Nähe zur Septuagintafassung. Umstellungen oder längere fehlende oder „überschüssige“ Textpassagen gibt es in der Septuaginta-Fassung nicht.
Das gesamte Buch wird laut Jes 1,1
2. Kompositions- und Redaktionsgeschichte
Der Kern des Jesajabuches geht auf den gleichnamigen Propheten zurück, der im 8. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem wirkte. Spätestens die Kapitel ab Jes 40
Im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Forschung des 20. Jahrhunderts ist der Kernbestand bei allen drei Teilen teilweise auf wenige Kapitel geschrumpft. Der Großteil wird späteren Ergänzern, Fortschreibern oder Redaktoren zugewiesen. Das hat zwei Folgen:
- Zum einen kann man nur einen kleinen Teil der Schrift „mit Sicherheit“ dem Propheten Jesaja oder Deuterojesaja zuweisen, während der überwiegende Teil des Buches Jesaja von unbekannten Redaktoren etc. verfasst wurde.
- Zum anderen gibt es eine stärkere Orientierung am „Sitz im Buch“, d.h. man kann die Texte meist nicht einem ganz bestimmten Zeitpunkt zuweisen, dafür aber die Stelle, in der der Text vorkommt, aus dem Buch heraus begründen.
Die Texte des Jesajabuches sind keine zufällige Sammlung von Einzelworten, sondern eine – wie auch immer geartete – Komposition oder bewusste Gestaltung.Auf diese Weise kann man die theologischen Debatten, die Aktualisierungen und Anpassung der alten Prophetenworte an die jeweils neue Zeit nachvollziehen.
Allerdings gibt es bis heute die Ansicht, ein Großteil der Texte ginge auf den historischen Propheten Jesaja zurück und man könne die unterschiedlichen, teils auch widersprüchlichen Texte auf Verkündigungsphasen des Propheten zurückführen. Aber auch hierbei gilt, dass diese Forschungsrichtung im Jesajabuch eine bewusste und absichtliche Gestaltung des Buches erkennt.
3. Historische Kontexte
Da der hintere Teil des Jesajabuches (ab Jes 40
Die weiteren Fortschreibungen von Deuterojesaja – sowohl in Jes 40–52 als auch ab Jes 53–66 – denken dieses und andere Themen weiter und ziehen letztlich so etwas wie „Querstreben“ ein, die das gesamte Jesajabuch zusammenhalten. Für die einzelnen Texte wird man daher nur ungefähre Angaben zu den historischen Kontexten machen können, zumal die Texte zwar einer nachexilischen, persischen oder hellenistischen Zeit entspringen, aber immer wieder auch dem historischen Propheten Jesaja in den Mund gelegt werden.
Für die nachexilische Zeit lässt sich allerdings auch sagen, dass man immer wieder von Fremden beherrscht wurde und eine Eigenstaatlichkeit erst mit den Makkabäern im 2. Jahrhundert wieder erreichte. Hoffnungen auf eine andere, grandiose und utopische Zukunft, die die Fremdherrschaft ablösen oder wenigstens erträglich machen soll, lassen sich ab Jes 56
4. Wichtige Themen
Zion
Literatur:
- Duhm, B., 51968, Das Buch Jesaja übers. und erkl. (HK III/1), Göttingen
- Höffken, P., 1998, Das Buch Jesaja. Kapitel 40–66 (NSK.AT 18/2), Stuttgart
- Zapff, B., 2006, Jesaja 56–66 (NEB.AT 37), Würzburg
Einführung Tritojesaja
Tritojesaja
Für die Entstehungszeit muss man die nachexilische Zeit annehmen. Die Septuaginta-Übersetzung
A) Exegese kompakt: Jesaja 66,10-14
Übersetzung
V.10: Freut euch über Jerusalem
und jubelt ihretwegen, alle, die ihr sie liebt.
Freut euch mit ihr in Freude, alle, die ihr ihretwegen Trauerkleidung tragt.
V.11: Damit ihr saugt und satt werdet an der Mutterbrust ihres Trostes,
damit ihr trinkt/saugt und euch erquickt an der Zitze ihrer Fülle.
V.12: Denn so spricht Jhwh:
Siehe, ich leite zu ihr wie einen Fluss den Frieden
und wie einen reißenden Bach den Überfluss der Völker.
Und ihre Säuglinge werden auf der Hüfte getragen
und auf den Knien geschaukelt werden.
V.13: Wie ein Mann, den seine Mutter tröstet,
so tröste ich euch auch,
und in Jerusalem werdet ihr getröstet werden.
V.14: Und ihr werdet sehen und euer Herz wird jubeln,
und eure Knochen werden wie das Gras sprossen,
und die Hand Jhwhs wird bekannt gemacht werden bei seinen Dienern
und der Zorn bei seinen Feinden.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.11: מִזִּיז כְּבוֹדָהּ: an der Zitze ihrer Fülle à an ihrer vollen Zitze
V.12: הִנְנִי נֹטֶה: wörtlich: „Siehe, ich bin leitend“ (Zapff, S.436)
V.12: כְּבוֹד: wörtl. Ehre/Herrlichkeit, Gesenius18, S.525, z. St.: Überfluss, Reichtum
V.12: lies statt וִינַקְתֶּם (ihr werdet trinken) mit der Septuaginta וְיֹנַקְתָּהּ (ihre Säuglinge), vgl. Gesenius18, S.470 z.St. (unter Verweis auf Duhm, S.485 z.St.), anders Zapff, S.436, der sich für den masoretischen Text ausspricht.
V.13: אִישׁ: so wörtlich; im Hebräischen wird so aber eine allgemeine Aussage im Sinne von „jemand“ formuliert.
2. Literarische Gestalt und Kontext
Jesaja 66 ist das Schlusskapitel des Jesajabuches. Da ab Jes 60
Diejenigen, die in V.10–14 angeredet werden, sind kurz zuvor geboren worden. Ihnen gegenübergestellt sind Brüder, die aber eine falsche Praxis an den Tag legen (vgl. V.3–5
Die Angeredeten führen ein besseres Leben, da sie – so muss man das aus dem Zusammenhang von V.3
3. Textgenese
Der Text macht weitgehend einen einheitlichen Eindruck. In V.11 wird erklärt, warum man sich freuen soll (V.10). Die Anbindung mit לְמַעַן („damit“) verkehrt das Bild: Ein Säugling schreit, damit er trinken kann. Die Angeredeten sollen sich jedoch freuen, um trinken zu können. Gefüllt ist die Mutterbrust jedoch mit Trost
Der Trost ist hier wie auch in Deuterojesaja
Auch das Motiv, dass Jerusalem Kinder hat, die sie nährt und großzieht, findet sich in den vorangegangenen Kapiteln. So klagt Zion, sie sei von Jhwh verlassen (Jes 49,14
4. Historische Einordnung der Schichten
Allein aus Jes 66,10-14
5. Schwerpunkte der Interpretation
Wer schenkt echten Trost? Wer kann im Angesicht von Gefahr, Unglück und Tod wahrhaft trösten? Jhwh allein vermag es, dem Menschen die Angst
6. Perspektiven für die Predigt
Im Zusammenhang mit den vorangehenden Versen des Kapitels (V.1–9
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Kann eine Utopie Trost spenden? Das Jesajabuch fasziniert mich mit seiner unerschütterlichen Zuversicht, dass einst auf dem Zion in Jerusalem alles gut sein wird. Die Erwartungen und Träume, die sich an diesen Ort heften, sollen über die zahllosen Leiderfahrungen hinweghelfen, die die 66 Kapitel über die Jahrhunderte ihrer Entstehung speichern. Auch der Predigttext verheißt Frieden und Wohlstand in einer Situation der Fremdherrschaft und der Spaltung. Doch frage ich mich: Wie kann eine Hoffnung, die – wie es in der Exegese heißt – nicht von dieser Welt stammt, im realen Leid trösten? Reichen utopische Gegenbilder zur erlittenen Wirklichkeit aus, um Trauer in Freude zu verwandeln?
2. Thematische Fokussierung
Der Predigttext verbindet die Versprechen von Frieden, Wohlstand und ausgleichender Gerechtigkeit – vielleicht sogar von Rache (V.14
Der Trost, von dem der Predigttext spricht, ist nicht voraussetzungslos: Nur wer zur Freude
3. Theologische Aktualisierung
Trostbedürftig – Untröstlich
Der Mensch ist „ein der Tröstung fähiges Wesen“ (Blumenberg, S. 623). Er ist trostbedürftig sowie gleichermaßen untröstlich, attestiert der Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg. Doch was ist Trost
Die Lügen der Tröster
Auf die Abgründigkeit von Trostangeboten – gerade in der Seelsorge – weist Henning Luther in seinem Vortrag Die Lügen der Tröster hin. Er kritisiert ein Paradigma von Trost, das die Leiderfahrung individualisiert, den Kontext des Leids aber affirmiert. Dahinter steht die Annahme, Welt und Gesellschaft seien insgesamt intakt und sinnvoll. Diese Voraussetzung bezweifelt Luther grundlegend und nennt sie „Fassadenwelt“: „Seelsorge, die Trost vermitteln will durch die Behauptung von Sinn und Bestärkung von Lebensgewißheit, ist immer in der Gefahr, der Fassadenwelt aufzusitzen. Das ‚Dahinter‘ einer trostlosen Welt, die um den Verstand bringt und in die Verzweiflung treibt, bleibt ausgespart und verdrängt.“ (Luther, S. 165) Luther warnt vor Trost, der „Sinn suggeriert […] und jede[n] Anflug eines Verdachts der Unsinnigkeit und Sinnlosigkeit unserer Lebensverhältnisse tabuisiert und verdrängt“ (Luther, S. 167). Trost, der nicht am So-Sein von Welt und Gesellschaft rüttelt, sondern lediglich die Reintegration des einzelnen trostbedürftigen Menschen anstrebt, ist in seinen Augen eine trostlose Vertröstung und eine „Anfreundung mit dem Tod“ wie Traugott Roser schreibt (Roser, S. 23). Von den Tröstern fordert Luther stattdessen, sich der Sinnlosigkeit des Leids mitauszusetzen, anstatt vorschnell Sinnangebote zu präsentieren. Echten Trost könne es ohnehin nur in eschatologischer Perspektive geben: „Nur der Trost, der das Noch-Ausstehende der Verheißung festhält, der Vertrauen nicht setzt auf das, was ist, sondern was unsere Hoffnung ist, bleibt von falscher Vertröstung bewahrt.“ (Luther, S. 175f) Echter Trost – so lässt sich dieser kritische Einwand von Luther auch verstehen – kann nicht von dieser Welt sein oder diese Welt, so wie sie ist, zum Ziel haben. Trost ist dementsprechend keine handhabbare Technik. Trost stellt sich vielmehr dort ein, wo glaubwürdige Solidarität im Leiden die Augen und Herzen für eine Verheißung öffnet, die sich der Sinnlosigkeit und Gleichgültigkeit der Welt radikal entgegenstellt. Dass Trost gelingt, ist also immer auch ein Wunder.
Die existentielle Bedeutung von Trost
Trost ist seit der Antike ein vielbearbeitetes Thema in Philosophie und Theologie. Seneca und Boethius finden in der Sterblichkeit den wichtigsten Trostgrund. Die Philosophie soll dabei helfen, mit dieser conditio humana leben zu lernen, indem sie das menschliche Geschick in eine umfassende Vorsehung einbettet. Ein solches Schicksal ist gerade nicht, was der Predigttext als Trost anbietet: Heben die antiken Philosophen auf die Unausweichlichkeit und Rationalität der göttlichen Weltordnung ab, der sich die Menschen nur fügen können, heißt es beim Propheten Jesaja, Jhwh wende sich den Trauernden zu wie eine Mutter. An die Stelle der unausweichlichen Schöpfermacht tritt die Fürsorge für die verletzliche Schöpfung. Im Predigttext ist von einem Gott die Rede, der sich in seiner mütterlichen Zuwendung zu den leidgeplagten Bewohner*innen Jerusalems durch Mitmenschlichkeit auszeichnet.
Christenmenschen sehen dieses Gesicht Gottes auch in Jesus Christus. Der Heidelberger Katechismus setzt genau bei dieser Facette des jüdischen und christlichen Gottesbildes an: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Die Antwort des Katechismus macht deutlich: In einem Trost, der nicht nur auf vereinzelte Leiderfahrungen reagiert, sondern der die ganze menschliche Existenz in ihrer latenten Verwundbarkeit umfängt, ist bereits Gottes Heilshandeln als bedingungslose Zuwendung sichtbar: „Daß ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“
Dieselbe existentielle Herausforderung ist noch immer aktuell. Hans Blumenberg nennt als schwerwiegendsten Grund der Untröstlichkeit des Menschen seine kontingente Existenz: Der Mensch „existiert auf unzureichendem Grunde.“ (Blumenberg, S. 638) Allein kann er sich diesen Grund, auf dem er getröstet zu leben vermag, nun nicht legen. Was dem Menschen Halt zu geben vermag, präsentiert der Predigttext: Es sind die bedingungslose Zuwendung Gottes im Leid und eine Hoffnung, die nicht von dieser Welt ist, die Verhältnisse eben nicht affirmiert, sondern der irdischen Trostlosigkeit eine echte heilvolle Perspektive entgegensetzt.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der Sonntag Laetare ragt aus der Passionszeit heraus und weist voraus auf das Hoffnung stiftende Osterfest. Liturgische Besonderheiten wie rosafarbene Paramente können dies besonders unterstreichen. Das Wochenlied Jesu, meine Freude (EG 396) thematisiert die Zwischenstellung dieses Sonntags treffend und findet passende Worte zum vorgeschlagenen Predigtthema Trost. Passend ist auch Friedrich Spees O Heiland reiß die Himmel auf (EG 7), insbesondere die Strophen vier und sechs.
Trost kann den ganzen Gottesdienst durchziehen: Besonders die Epistel (2Kor 1,3–7
Nun geht es aber nicht nur darum, vom Trost zu sprechen. Die Feier des Gottesdienstes kann zu einer tröstenden Erfahrung werden, indem z.B. Gemeinschaftselemente wie die Feier des Abendmahls oder der gemeinsame Gesang von Taizé-Liedern (z.B. Jésus le Christ / Jesus, dein Licht) in die Liturgie integriert werden.
5. Anregungen
Der Predigttext inspiriert mich dazu, von verschiedenen Trostsituationen im Lebenslauf zu erzählen. Die möglichen Situationen reichen vom aufgeschlagenen Kinderknie über jugendlichen Liebeskummer, eine Ehekrise und Schwierigkeiten im Berufsleben bis hin zu den Tränen am Grab eines geliebten Menschen. Beim Abschreiten solcher Erfahrungen will ich je und je erkunden, was wirklich tröstet (und was gerade nicht). Dabei will ich immer weiter zur existentiellen Tiefe von Trost vordingen, der sich sicher nicht mit dem Tod anfreundet, der stattdessen Grundlage für eine Hoffnung über den Tod hinaus ist. Trost, der der Welt trotzt, ist der kleine Bruder christlicher Hoffnung, die zu Ostern ihren Anfang nimmt.
Literatur
- Blumenberg, H., 2006, Beschreibung des Menschen, hg. von Sommer, M., Frankfurt/M., S. 623–655
- Feldmeier, R. / Spieckermann, H., 2011, Der Gott der Lebendigen. Eine biblische Gotteslehre, Tübingen, S. 491–513
- Heidelberger Katechismus (https://www.ekd.de/Heidelber-Katechismus-erste-und-zweite-Frage-13500.htm
). - Luther, H., 1998, Die Lügen der Tröster (PrTh 33, S. 163–176)
- Roser, T., 2022, Kann denn Trösten Lüge sein?, in: Spiritual Care 11(1), S. 19–24
Autoren
- Dr. Alexander Weidner (Einführung und Exegese)
- Steffen Götze (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500178
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