Deutsche Bibelgesellschaft

Jesaja 66,10-14 | Lätare | 15.03.2026

Einführung in das Jesajabuch

1. Synchrone Endgestalt des Buches

Das Jesajabuch ist mit seinen 66 Kapiteln das längste Prophetenbuch der Bibel. Die masoretische und griechische Fassung weisen im Wesentlichen Übereinstimmungen, nur in bestimmten Fällen Abweichungen voneinander auf. Die berühmte Jesajarolle aus Qumran (1Q Jesa) zeigt dabei eine Nähe zur Septuagintafassung. Umstellungen oder längere fehlende oder „überschüssige“ Textpassagen gibt es in der Septuaginta-Fassung nicht.

Das gesamte Buch wird laut Jes 1,1 dem Propheten Jesaja, Sohn des Amoz (wohl nicht zu verwechseln mit dem Propheten Amos), zugeschrieben. Selbst die Texte ab Jes 40 und Jes 56, die man gemeinhin Deutero- bzw. Tritojesaja zuweist, stehen den Redaktoren der Bibel zufolge in der Autorität oder in der „Nachfolge“ des Propheten Jesaja.

2. Kompositions- und Redaktionsgeschichte

Der Kern des Jesajabuches geht auf den gleichnamigen Propheten zurück, der im 8. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem wirkte. Spätestens die Kapitel ab Jes 40 werden aber einem zweiten Propheten zugerechnet, den man Deuterojesaja nennt. Bernhard Duhm hat in seinem Kommentar von 1892 alle Kapitel ab Jes 56 einem dritten Propheten, also Tritojesaja, zugeschrieben. Die klassische Jesajathese geht also von Protojesaja oder Erstem Jesaja (Jes 1–39), Deuterojesaja oder Zweitem Jesaja (Jes 40–55) und Tritojesaja oder Drittem Jesaja (Jes 56–66) aus.

Im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Forschung des 20. Jahrhunderts ist der Kernbestand bei allen drei Teilen teilweise auf wenige Kapitel geschrumpft. Der Großteil wird späteren Ergänzern, Fortschreibern oder Redaktoren zugewiesen. Das hat zwei Folgen:

  • Zum einen kann man nur einen kleinen Teil der Schrift „mit Sicherheit“ dem Propheten Jesaja oder Deuterojesaja zuweisen, während der überwiegende Teil des Buches Jesaja von unbekannten Redaktoren etc. verfasst wurde.
  • Zum anderen gibt es eine stärkere Orientierung am „Sitz im Buch“, d.h. man kann die Texte meist nicht einem ganz bestimmten Zeitpunkt zuweisen, dafür aber die Stelle, in der der Text vorkommt, aus dem Buch heraus begründen.

Die Texte des Jesajabuches sind keine zufällige Sammlung von Einzelworten, sondern eine – wie auch immer geartete – Komposition oder bewusste Gestaltung.Auf diese Weise kann man die theologischen Debatten, die Aktualisierungen und Anpassung der alten Prophetenworte an die jeweils neue Zeit nachvollziehen.

Allerdings gibt es bis heute die Ansicht, ein Großteil der Texte ginge auf den historischen Propheten Jesaja zurück und man könne die unterschiedlichen, teils auch widersprüchlichen Texte auf Verkündigungsphasen des Propheten zurückführen. Aber auch hierbei gilt, dass diese Forschungsrichtung im Jesajabuch eine bewusste und absichtliche Gestaltung des Buches erkennt.

3. Historische Kontexte

Da der hintere Teil des Jesajabuches (ab Jes 40) der exilischen und nachexilischen Zeit zugerechnet wird, kann man dort nicht danach fragen, ob ein Text auf den historischen Jesaja zurückgeht. Will man also wissen, zu welcher Zeit und unter welchen Umständen ein Text geschrieben ist, muss man die Texte selbst befragen und im Vergleich mit anderen Texten die Kontexte ermitteln. Der Kern von Jes 40–52* behandelt die Rückkehr Jhwhs zum Zion (Jes 40,1–11; 52,71–10). Diese ermöglicht die Rückkehr des Volkes, womit eine Diaspora angesprochen werden soll, die noch nicht zurückgekehrt ist oder nicht zurückkehren will.

Die weiteren Fortschreibungen von Deuterojesaja – sowohl in Jes 40–52 als auch ab Jes 53–66 – denken dieses und andere Themen weiter und ziehen letztlich so etwas wie „Querstreben“ ein, die das gesamte Jesajabuch zusammenhalten. Für die einzelnen Texte wird man daher nur ungefähre Angaben zu den historischen Kontexten machen können, zumal die Texte zwar einer nachexilischen, persischen oder hellenistischen Zeit entspringen, aber immer wieder auch dem historischen Propheten Jesaja in den Mund gelegt werden.

Für die nachexilische Zeit lässt sich allerdings auch sagen, dass man immer wieder von Fremden beherrscht wurde und eine Eigenstaatlichkeit erst mit den Makkabäern im 2. Jahrhundert wieder erreichte. Hoffnungen auf eine andere, grandiose und utopische Zukunft, die die Fremdherrschaft ablösen oder wenigstens erträglich machen soll, lassen sich ab Jes 56, ab Jes 40, ja sogar ab Jes 1 überall finden.

4. Wichtige Themen

Zion durchzieht das Jesajabuch wie kein zweites Thema. Neben z. B. Jes 1,21–26; 2,1–5; 37,33–38; 49,14–52,10; 54,1–17; 65 und 66 sind die drei großen Kapitel Jes 60–62 zu nennen. Die Rettung des Zion vor den Assyrern, selbst wenn es sie historisch gesehen wohl so nicht gegeben hat, ist der Kern des vorexilischen Jesajabuches. Mit Deuterojesaja und den Ereignissen um Kyros und den Fall Babylons werden dieser Erzählung weitere Zion-Texte hinzugefügt, die Jhwhs Rückkehr zum Zion (Jes 52,8) als Beginn einer neuen Zeit feiern (vgl. z.B. Jes 60 und 66).

Literatur:

  • Duhm, B., 51968, Das Buch Jesaja übers. und erkl. (HK III/1), Göttingen
  • Höffken, P., 1998, Das Buch Jesaja. Kapitel 40–66 (NSK.AT 18/2), Stuttgart
  • Zapff, B., 2006, Jesaja 56–66 (NEB.AT 37), Würzburg

Einführung Tritojesaja

Tritojesaja (Jes 56–66) ist eine wissenschaftliche Hypothese von Bernhard Duhm, der diesen Textabschnitt in seinem Kommentar von 1892 einem dritten und von damit von Deuterojesaja unterschiedenen Propheten zuweist. Die literarische Einheit von Tritojesaja war schon zuvor und ist auch noch danach umstritten gewesen, sodass man heutzutage nicht mehr von einem eigenständigen Propheten ausgeht, sondern von Fortschreibung von proto- und deuterojesajanischen Texten. Den Kern von Tritojesaja sieht man dabei in Jes 60–62, worauf Jes 56–59 zulaufen. Jes 63–66 entwickeln wiederum Jes 60–62 fort.

Für die Entstehungszeit muss man die nachexilische Zeit annehmen. Die Septuaginta-Übersetzung des Jesajabuches, die man in das 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr. datiert, wird man als untere Grenze für die Entstehung Tritojesajas annehmen müssen. Somit bleiben das 5. bis 3. Jahrhundert als Entstehungszeitraum zur Verfügung – eine Zeit also, in der Jerusalem nicht selbstständig war, sondern unter Fremdherrschaft der Perser und der Seleukiden bzw. Ptolemäer stand. Es geht in Jes 56–66 um das Heil – wahrscheinlich im Zeitalter des Hellenismus, als griechische und orientalische Kultur sich zu verschmelzen begannen und die religiöse und kulturelle Identität infrage gestellt wurde.

A) Exegese kompakt: Jesaja 66,10-14

10שִׂמְח֧וּ אֶת־יְרוּשָׁלִַ֛ם וְגִ֥ילוּ בָ֖הּ כָּל־אֹהֲבֶ֑יהָ שִׂ֤ישׂוּ אִתָּהּ֙ מָשֹׂ֔ושׂ כָּל־הַמִּֽתְאַבְּלִ֖ים עָלֶֽיהָ׃ 11לְמַ֤עַן תִּֽינְקוּ֙ וּשְׂבַעְתֶּ֔ם מִשֹּׁ֖ד תַּנְחֻמֶ֑יהָ לְמַ֧עַן תָּמֹ֛צּוּ וְהִתְעַנַּגְתֶּ֖ם מִזִּ֥יז כְּבוֹדָֽהּ׃ ס

12כִּֽי־כֹ֣ה ׀ אָמַ֣ר יְהוָ֗ה הִנְנִ֣י נֹטֶֽה־אֵ֠לֶיהָ כְּנָהָ֨ר שָׁל֜וֹם וּכְנַ֧חַל שׁוֹטֵ֛ף כְּב֥וֹד גּוֹיִ֖ם וִֽינַקְתֶּ֑ם עַל־צַד֙ תִּנָּשֵׂ֔אוּ וְעַל־בִּרְכַּ֖יִם תְּשָׁעֳשָֽׁעוּ׃ 13כְּאִ֕ישׁ אֲשֶׁ֥ר אִמּ֖וֹ תְּנַחֲמֶ֑נּוּ כֵּ֤ן אָֽנֹכִי֙ אֲנַ֣חֶמְכֶ֔ם וּבִירֽוּשָׁלִַ֖ם תְּנֻחָֽמוּ׃ 14וּרְאִיתֶם֙ וְשָׂ֣שׂ לִבְּכֶ֔ם וְעַצְמוֹתֵיכֶ֖ם כַּדֶּ֣שֶׁא תִפְרַ֑חְנָה וְנוֹדְעָ֤ה יַד־יְהוָה֙ אֶת־עֲבָדָ֔יו וְזָעַ֖ם אֶת־אֹיְבָֽיו׃

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Übersetzung

V.10: Freut euch über Jerusalem

und jubelt ihretwegen, alle, die ihr sie liebt.

Freut euch mit ihr in Freude, alle, die ihr ihretwegen Trauerkleidung tragt.

V.11: Damit ihr saugt und satt werdet an der Mutterbrust ihres Trostes,

damit ihr trinkt/saugt und euch erquickt an der Zitze ihrer Fülle.

V.12: Denn so spricht Jhwh:

Siehe, ich leite zu ihr wie einen Fluss den Frieden

und wie einen reißenden Bach den Überfluss der Völker.

Und ihre Säuglinge werden auf der Hüfte getragen

und auf den Knien geschaukelt werden.

V.13: Wie ein Mann, den seine Mutter tröstet,

so tröste ich euch auch,

und in Jerusalem werdet ihr getröstet werden.

V.14: Und ihr werdet sehen und euer Herz wird jubeln,

und eure Knochen werden wie das Gras sprossen,

und die Hand Jhwhs wird bekannt gemacht werden bei seinen Dienern

und der Zorn bei seinen Feinden.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V.11: מִזִּיז כְּבוֹדָהּ:  an der Zitze ihrer Fülle à an ihrer vollen Zitze

V.12: הִנְנִי נֹטֶה: wörtlich: „Siehe, ich bin leitend“ (Zapff, S.436)

V.12:  כְּבוֹד: wörtl. Ehre/Herrlichkeit, Gesenius18, S.525, z. St.: Überfluss, Reichtum

V.12: lies statt וִינַקְתֶּם (ihr werdet trinken) mit der Septuaginta וְיֹנַקְתָּהּ (ihre Säuglinge), vgl. Gesenius18, S.470 z.St. (unter Verweis auf Duhm, S.485 z.St.), anders Zapff, S.436, der sich für den masoretischen Text ausspricht.

V.13: אִישׁ: so wörtlich; im Hebräischen wird so aber eine allgemeine Aussage im Sinne von „jemand“ formuliert.

2. Literarische Gestalt und Kontext

Jesaja 66 ist das Schlusskapitel des Jesajabuches. Da ab Jes 60 die großartige Zukunft Zions/Jerusalems in den Blick genommen worden ist, wird in V.10–14 „das künftige Glück Zions und das seiner Kinder“ (Zapff, S.431) geschildert. Dieser Abschnitt scheint den vorher geschilderten Gedanken der Geburt aus V.6–9 weiterzuentwickeln: Dort hatte Zion/Jerusalem schneller geboren als gedacht, so dass ihre Kinder nun Säuglinge sind, die sich satt saugen können (V.10f.) und getröstet werden (V.13). Dass die Feinde Jhwhs seinen Zorn spüren werden (V.14), hat Anlass geboten, diese Rache in den Farben des Feuers auszumalen (V.15f.). Die Übriggebliebenen – so lässt sich zusammenfassend sagen – werden Jhwh verehren (V.23), womit dann auch ein neuer Himmel und eine neue Erde erschaffen werden (V.22).

Diejenigen, die in V.10–14 angeredet werden, sind kurz zuvor geboren worden. Ihnen gegenübergestellt sind Brüder, die aber eine falsche Praxis an den Tag legen (vgl. V.3–5). Man kann hier von „Priesterpolemik“ sprechen (Höffken, S.247).

Die Angeredeten führen ein besseres Leben, da sie – so muss man das aus dem Zusammenhang von V.3 lesen – ebenfalls opfern, aber eben keine Menschen erschlagen, die Speiseopfer darbringen, aber gerade kein Schweineblut. Die Angeredeten sind also die wahren Gläubigen, die gottgefällig leben und denen eine große Zukunft versprochen wird.

3. Textgenese

Der Text macht weitgehend einen einheitlichen Eindruck. In V.11 wird erklärt, warum man sich freuen soll (V.10). Die Anbindung mit לְמַעַן („damit“) verkehrt das Bild: Ein Säugling schreit, damit er trinken kann. Die Angeredeten sollen sich jedoch freuen, um trinken zu können. Gefüllt ist die Mutterbrust jedoch mit Trost (vgl. Jes 40,1 u. ö.), der in V.12 dann entfaltet wird: Frieden und der Reichtum der Nationen werden zu Jerusalem kommen (vgl. Jes 60,3-13; 61,6) und die Angeredeten werden von Jhwh wie eine Mutter getröstet werden. Man hat dann noch den Ort ergänzt: „und in Jerusalem werdet ihr getröstet“ (V.13bβ). Die Schlussfolgerung steht in V.14.

Der Trost ist hier wie auch in Deuterojesaja ein zentrales Thema. Zu Beginn (Jes 40,1) soll das Volk von einer (angeredeten, aber nicht näher erläuterten Gruppe) getröstet werden; später heißt es aber, Jhwh selbst tröste das Volk (vgl. Jes 49,13; 51,3.12; 66,13).

Auch das Motiv, dass Jerusalem Kinder hat, die sie nährt und großzieht, findet sich in den vorangegangenen Kapiteln. So klagt Zion, sie sei von Jhwh verlassen (Jes 49,14), jedoch soll sie aufblicken und ihre herbeigeeilten Söhne anschauen (V.17.22). Während in Jes 49–51 Zion/Jerusalem, diejenige ist, die des Trostes bedarf, wird sie in Jes 66 diejenige, die sich um ihre Säuglinge/ihre Kinder kümmert. Waren dort die Söhne ihr Trost (vgl. Jes 49,17), erfahren sie in Jes 66,11 selbst Stärkung. Freilich sind jeweils andere Söhne/Kinder gemeint: In Jes 49 geht es darum, dass nach Zerstörung und Exil für Zion/Jerusalem wieder eine neue Heilszeit anbricht, während in Jes 66 Kritik an der gegenwärtig Praxis geübt wird und die Angeredeten als eine neue, jedenfalls von den Brüdern aus V.3–5 abzugrenzende Gruppe entstanden ist.

4. Historische Einordnung der Schichten

Allein aus Jes 66,10-14 wird man keine Rückschlüsse ziehen können, wann dieser Text entstanden ist. Es lässt sich aus den anderen Texten des Kapitels schließen, dass die Angeredeten einer anderen Gruppe, den Brüdern, gegenüberstehen, die wohl auch Juden sind, aber eine falsche Praxis an den Tag legen (V.3–5). Wenn die griechische Fassung des Jesajabuches in das 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr. gehört, dann kann man das Kapitel im besten Fall in das 2. Jahrhundert datieren und damit auch mit den Streitigkeiten rund um die Hellenisierung Jerusalems und den Makkabäern in Verbindung bringen. Allerdings gibt es bis auf das Schweineblut (vgl. 1 Makk 1,41-49, bes. V.47) keine konkreten Anhaltspunkte.

5. Schwerpunkte der Interpretation

Wer schenkt echten Trost? Wer kann im Angesicht von Gefahr, Unglück und Tod wahrhaft trösten? Jhwh allein vermag es, dem Menschen die Angst zu nehmen. Er tröstet, wie eine Mutter tröstet. Er bringt nicht nur Frieden, sondern leitet ihn wie einen Fluss um, dass man darin ertränkt wird. Diese Hoffnung, wie sie in Jes 66,10-14 geäußert wird, scheint zu schön, um wahr zu sein – ist nicht von dieser Welt. Es ist die Hoffnung auf das ewige Leben, bei dem Gott alle Tränen abwischen wird (Offb 21,4).

6. Perspektiven für die Predigt

Im Zusammenhang mit den vorangehenden Versen des Kapitels (V.1–9) ließe sich fragen, worauf es im Leben ankommt? Muss man alle Gebote erfüllen? Kann man alle Gebote erfüllen? Muss man nicht immer wieder daran scheitern, wenn man sich selbst retten und erlösen will? Da bleibt nur Gott als Tröster, der uns zusagt, sich wie eine Mutter um uns zu kümmern und zwar bedingungslos. Jhwh tröstet die Angeredeten, von irgendwelchen Vorbedingungen ist da nicht die Rede. Diesen Trost sollen die Angeredeten aber auch annehmen, nicht aber nur dadurch, dass sie den Trost über sich ergehen lassen, sondern auch indem sie fröhlich darüber jubeln und sich freuen. Gottes Zuspruch ist keine Trauerveranstaltung, sondern ein Freudenfestival.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Kann eine Utopie Trost spenden? Das Jesajabuch fasziniert mich mit seiner unerschütterlichen Zuversicht, dass einst auf dem Zion in Jerusalem alles gut sein wird. Die Erwartungen und Träume, die sich an diesen Ort heften, sollen über die zahllosen Leiderfahrungen hinweghelfen, die die 66 Kapitel über die Jahrhunderte ihrer Entstehung speichern. Auch der Predigttext verheißt Frieden und Wohlstand in einer Situation der Fremdherrschaft und der Spaltung. Doch frage ich mich: Wie kann eine Hoffnung, die – wie es in der Exegese heißt – nicht von dieser Welt stammt, im realen Leid trösten? Reichen utopische Gegenbilder zur erlittenen Wirklichkeit aus, um Trauer in Freude zu verwandeln?

2. Thematische Fokussierung

Der Predigttext verbindet die Versprechen von Frieden, Wohlstand und ausgleichender Gerechtigkeit – vielleicht sogar von Rache (V.14) – mit der intimen Urerfahrung im Arm der Mutter. Der Trost nimmt im Text also seinen Ausgang bei der innigen Zuwendung zu den trostbedürftigen Menschen. Die Exegese weist dabei auf die originelle Verkehrung des Bildes vom getrösteten Säugling hin (V.10f): Am Anfang seiner Trosterfahrung steht nicht erwartungsgemäß das Klagegeschrei des Neugeborenen, sondern die Freude! Schon in V.10 begegnet eine analoge metaphorische Verkehrung: Dort werden Menschen in Trauerkleidung aufgefordert zu jubeln.

Der Trost, von dem der Predigttext spricht, ist nicht voraussetzungslos: Nur wer zur Freude fähig ist, empfängt Trost aus der Mutterbrust. Die Trauerbekleidung liegt den Angesprochenen zwar noch auf den Schultern, die Trauer hängt ihnen noch in den Knochen; und doch fordert das Prophetenwort die mentale Beweglichkeit ein, der leidvollen Lebenssituation etwas entgegen setzen zu können. Trauer und Klagegeschrei hängen zu sehr am Leid, der Trost Jhwhs entspringt jedoch gerade nicht dem desperaten So-Sein der Welt.

3. Theologische Aktualisierung

Trostbedürftig – Untröstlich

Der Mensch ist „ein der Tröstung fähiges Wesen“ (Blumenberg, S. 623). Er ist trostbedürftig sowie gleichermaßen untröstlich, attestiert der Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg. Doch was ist Trost eigentlich? Blumenberg greift zur Definition dieses allgemein menschlichen Phänomens eine Wendung Georg Simmels auf: Trost sei nicht Hilfe, da er das Leiden bestehen lässt. Trost hebe allerdings „das Leiden am Leiden“ auf (Blumenberg, S. 625). Blumenberg beschreibt diesen Vorgang als einen zwiespältigen Prozess, der letztlich zur mentalen Distanzierung vom erlittenen Übel führt: Erstens die Delegation (Blumenberg, S. 625ff.) des Leids an das Mitleiden anderer und zweitens die Vermeidung von Bewusstsein (Blumenberg, S. 629ff.)der leidvollen Realität. Was der Predigttext als Trost anbietet – Gottes mitleidende Zuwendung und die die Verheißung einer freudigen Zukunft – kann unmittelbar an diese Analyse Blumenbergs anschließen. Doch decouvriert der Philosophen auch die Gründe für eine Trost-Skepsis: Das Mitleiden ist immer ein fiktives. Es steht stets unter der Hypothek, dass sich Leiden unmöglich verobjektivieren lässt und deswegen ritualisierte Trostformeln wie: „Ich kenne das…“, leicht ins Leere laufen können, wenn der Getröstete ihnen nicht traut. Die Vermeidung von Bewusstsein wiederum ist stets dem Verdacht der Realitätsverweigerung ausgesetzt. Es gibt immer gute und rationale Gründe, dem angebotenen Trost nicht zu trauen. An diesem Dilemma des neuzeitlichen Menschen kann eine Predigt zum Thema nicht vorbeigehen.

Die Lügen der Tröster

Auf die Abgründigkeit von Trostangeboten – gerade in der Seelsorge – weist Henning Luther in seinem Vortrag Die Lügen der Tröster hin. Er kritisiert ein Paradigma von Trost, das die Leiderfahrung individualisiert, den Kontext des Leids aber affirmiert. Dahinter steht die Annahme, Welt und Gesellschaft seien insgesamt intakt und sinnvoll. Diese Voraussetzung bezweifelt Luther grundlegend und nennt sie „Fassadenwelt“: „Seelsorge, die Trost vermitteln will durch die Behauptung von Sinn und Bestärkung von Lebensgewißheit, ist immer in der Gefahr, der Fassadenwelt aufzusitzen. Das ‚Dahinter‘ einer trostlosen Welt, die um den Verstand bringt und in die Verzweiflung treibt, bleibt ausgespart und verdrängt.“ (Luther, S. 165) Luther warnt vor Trost, der „Sinn suggeriert […] und jede[n] Anflug eines Verdachts der Unsinnigkeit und Sinnlosigkeit unserer Lebensverhältnisse tabuisiert und verdrängt“ (Luther, S. 167). Trost, der nicht am So-Sein von Welt und Gesellschaft rüttelt, sondern lediglich die Reintegration des einzelnen trostbedürftigen Menschen anstrebt, ist in seinen Augen eine trostlose Vertröstung und eine „Anfreundung mit dem Tod“ wie Traugott Roser schreibt (Roser, S. 23). Von den Tröstern fordert Luther stattdessen, sich der Sinnlosigkeit des Leids mitauszusetzen, anstatt vorschnell Sinnangebote zu präsentieren. Echten Trost könne es ohnehin nur in eschatologischer Perspektive geben: „Nur der Trost, der das Noch-Ausstehende der Verheißung festhält, der Vertrauen nicht setzt auf das, was ist, sondern was unsere Hoffnung ist, bleibt von falscher Vertröstung bewahrt.“ (Luther, S. 175f) Echter Trost – so lässt sich dieser kritische Einwand von Luther auch verstehen – kann nicht von dieser Welt sein oder diese Welt, so wie sie ist, zum Ziel haben. Trost ist dementsprechend keine handhabbare Technik. Trost stellt sich vielmehr dort ein, wo glaubwürdige Solidarität im Leiden die Augen und Herzen für eine Verheißung öffnet, die sich der Sinnlosigkeit und Gleichgültigkeit der Welt radikal entgegenstellt. Dass Trost gelingt, ist also immer auch ein Wunder.

Die existentielle Bedeutung von Trost

Trost ist seit der Antike ein vielbearbeitetes Thema in Philosophie und Theologie. Seneca und Boethius finden in der Sterblichkeit den wichtigsten Trostgrund. Die Philosophie soll dabei helfen, mit dieser conditio humana leben zu lernen, indem sie das menschliche Geschick in eine umfassende Vorsehung einbettet. Ein solches Schicksal ist gerade nicht, was der Predigttext als Trost anbietet: Heben die antiken Philosophen auf die Unausweichlichkeit und Rationalität der göttlichen Weltordnung ab, der sich die Menschen nur fügen können, heißt es beim Propheten Jesaja, Jhwh wende sich den Trauernden zu wie eine Mutter. An die Stelle der unausweichlichen Schöpfermacht tritt die Fürsorge für die verletzliche Schöpfung. Im Predigttext ist von einem Gott die Rede, der sich in seiner mütterlichen Zuwendung zu den leidgeplagten Bewohner*innen Jerusalems durch Mitmenschlichkeit auszeichnet.

Christenmenschen sehen dieses Gesicht Gottes auch in Jesus Christus. Der Heidelberger Katechismus setzt genau bei dieser Facette des jüdischen und christlichen Gottesbildes an: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Die Antwort des Katechismus macht deutlich: In einem Trost, der nicht nur auf vereinzelte Leiderfahrungen reagiert, sondern der die ganze menschliche Existenz in ihrer latenten Verwundbarkeit umfängt, ist bereits Gottes Heilshandeln als bedingungslose Zuwendung sichtbar: „Daß ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“

Dieselbe existentielle Herausforderung ist noch immer aktuell. Hans Blumenberg nennt als schwerwiegendsten Grund der Untröstlichkeit des Menschen seine kontingente Existenz: Der Mensch „existiert auf unzureichendem Grunde.“ (Blumenberg, S. 638) Allein kann er sich diesen Grund, auf dem er getröstet zu leben vermag, nun nicht legen. Was dem Menschen Halt zu geben vermag, präsentiert der Predigttext: Es sind die bedingungslose Zuwendung Gottes im Leid und eine Hoffnung, die nicht von dieser Welt ist, die Verhältnisse eben nicht affirmiert, sondern der irdischen Trostlosigkeit eine echte heilvolle Perspektive entgegensetzt.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Der Sonntag Laetare ragt aus der Passionszeit heraus und weist voraus auf das Hoffnung stiftende Osterfest. Liturgische Besonderheiten wie rosafarbene Paramente können dies besonders unterstreichen. Das Wochenlied Jesu, meine Freude (EG 396) thematisiert die Zwischenstellung dieses Sonntags treffend und findet passende Worte zum vorgeschlagenen Predigtthema Trost. Passend ist auch Friedrich Spees O Heiland reiß die Himmel auf (EG 7), insbesondere die Strophen vier und sechs.

Trost kann den ganzen Gottesdienst durchziehen: Besonders die Epistel (2Kor 1,3–7) widmet sich dem Thema. Das alternative Evangelium von der Verleugnung Jesu durch Petrus (Lk 22,54-62) führt die Trostbedürftigkeit des wichtigsten Jüngers eindrücklich vor Augen und bietet Anlass zu der Frage, was in einer solchen Lebenslage trösten kann.

Nun geht es aber nicht nur darum, vom Trost zu sprechen. Die Feier des Gottesdienstes kann zu einer tröstenden Erfahrung werden, indem z.B. Gemeinschaftselemente wie die Feier des Abendmahls oder der gemeinsame Gesang von Taizé-Liedern (z.B. Jésus le Christ / Jesus, dein Licht) in die Liturgie integriert werden.

5. Anregungen

Der Predigttext inspiriert mich dazu, von verschiedenen Trostsituationen im Lebenslauf zu erzählen. Die möglichen Situationen reichen vom aufgeschlagenen Kinderknie über jugendlichen Liebeskummer, eine Ehekrise und Schwierigkeiten im Berufsleben bis hin zu den Tränen am Grab eines geliebten Menschen. Beim Abschreiten solcher Erfahrungen will ich je und je erkunden, was wirklich tröstet (und was gerade nicht). Dabei will ich immer weiter zur existentiellen Tiefe von Trost vordingen, der sich sicher nicht mit dem Tod anfreundet, der stattdessen Grundlage für eine Hoffnung über den Tod hinaus ist. Trost, der der Welt trotzt, ist der kleine Bruder christlicher Hoffnung, die zu Ostern ihren Anfang nimmt.

Literatur

  • Blumenberg, H., 2006, Beschreibung des Menschen, hg. von Sommer, M., Frankfurt/M., S. 623–655
  • Feldmeier, R. / Spieckermann, H., 2011, Der Gott der Lebendigen. Eine biblische Gotteslehre, Tübingen, S. 491–513
  • Heidelberger Katechismus (https://www.ekd.de/Heidelber-Katechismus-erste-und-zweite-Frage-13500.htm).
  • Luther, H., 1998, Die Lügen der Tröster (PrTh 33, S. 163–176)
  • Roser, T., 2022, Kann denn Trösten Lüge sein?, in: Spiritual Care 11(1), S. 19–24

Autoren

  • Dr. Alexander Weidner (Einführung und Exegese)
  • Steffen Götze (Praktisch-theologische Resonanzen)

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