Lukas 18,31-43 | Estomihi | 15.02.2026
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 18,31-43
Übersetzung
31 Er nahm aber die Zwölf zu sich und sagte zu ihnen: „Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was durch die Propheten im Blick auf den Menschensohn geschrieben wurde. 32 Denn er wird den Völkern ausgeliefert werden und verspottet und misshandelt und angespuckt werden 33 und nachdem sie ihn sie auspeitscht haben, werden sie ihn töten, und am dritten Tag wird er auferstehen.“ 34 Und sie verstanden nichts von alledem und [der Sinn] dieser Rede war ihnen verborgen und sie begriffen das Gesagte nicht.
35 Es geschah aber: Als er sich Jericho näherte, saß ein Blinder am Weg und bettelte. 36 Als er aber eine Menge vorüberziehen hörte, erkundigte er sich, was da los sei. 37 Man teilte ihm mit, dass Jesus der Nazoräer vorbeizöge. 38 Da schrie er: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ 39 Da fuhren ihn die Vorausgehenden an, er solle den Mund halten. Er aber schrie umso mehr: „Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ 40 Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich herzuführen. Als er aber nahegekommen war, fragte er ihn: 41 „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Er aber sagte: „Herr [mach], dass ich wieder sehe“. 42 Da sagte Jesus zu ihm: „Sieh wieder! Dein Glaube hat dich gerettet.“ 43 Und sofort sah er wieder und folgte ihm und pries Gott. Und das ganze Volk, das es sah, zollte Gott Lob.
1. Hilfen zur Übersetzung
In seine Vorlage Mk 10,33
2. Gattung und Kontext
Es handelt sich um eine Leidensweissagung, gefolgt von einer Wundergeschichte. Indem Lukas den Streit der Jünger um die Rangordnung in Jesu Abschiedsrede verlagert hat, hat er die beiden Perikopen enger zusammengebunden: Während die Jünger Jesus nicht verstehen, hat der Blinde im Davidsohn den Retter erkannt und preist nach seiner Heilung Gott und folgt Jesus nach (während die Jünger schon bald davonlaufen). Der Makrokontext ist der Reisebericht, der sich jetzt dem Ende nähert: Mit Jericho steht Jesus vor dem Aufstieg nach Jerusalem, dem Ort des Todes, der aber schon am Beginn der Reise nach Jerusalem
3. Historische Einordnung
Jesus verfügte offenbar über außerordentliche Heilungskräfte und vollbrachte „Machttaten“. Andernfalls wäre unverständlich, wo die Fülle von Heilungserzählungen herkommt – von keiner Gestalt der Antike gibt es so viele wie von Jesus, und selbst Jesu Gegner bestreiten diese nicht, sondern führen sie auf Beelzebul zurück, die widergöttliche Macht. Zumindest die auch bei anderen ungewöhnlichen Menschen vorkommende Gabe der Heilung wird man Jesus daher nicht absprechen können. Allerdings zeigt schon der synoptische Vergleich, dass bei Jesu Heilungen das Wunderhafte gesteigert werden kann.
4. Schwerpunkt der Interpretation
Beim bevorstehenden Einzug des „im Namen des Herrn kommenden Königs“ (Lk 19,38
5. Theologische Perspektivierung
Das Verb τελέω in einleitenden V.31 unterstreicht, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern dass Jesus einem τέλος entgegengeht, dass als „Ende“ zugleich „Ziel“ ist, weil der von den Menschen ermordete „Menschensohn“ von Gott verherrlicht wird (Lk 24,26
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Geschichte von der Heilung des Blinden, sein Schreien, die meckernden Jünger, den sanften Jesus, habe ich so gut im Ohr und vor Augen, dass mein erster Impuls ist: Ich möchte den Predigttext um den vorderen Teil kürzen, die verklausulierte Leidensweissagung erscheint mir eher lästig und vom eigentlichen Thema ablenkend. Die Exegese bringt mir jedoch die Verzahnung von Leidensweissagung und Wundergeschichte näher. Sie vertieft für mich zwei Aspekte der Wundergeschichte: Erstens ist es der aufs Leiden zugehende Jesus, der hier handelt. Trotz und mitten in seiner eigenen „sich dramatisch zuspitzenden Situation“ wendet er sich den Benachteiligten und Versehrten zu. Noch weiter auf die Spitze getrieben wird diese Liebeshingabe für mich, wenn der lukanische Jesus am Kreuz sagt: „Vater, vergib ihnen…“ Zweitens wird durch die Verzahnung von Leidensweissagung und Wundererzählung der Kontrast zwischen dem Unverständnis der Jünger zu dem erkennenden Blinden verstärkt.
2. Thematische Fokussierung
Die Erzählung entwirft eine Situation, in der drei Protagonisten(gruppen) miteinander interagieren und die die Frage aufwirft, welches Verhalten gegenüber Jesus und gegenüber den Mitmenschen angemessen ist. Der Blick auf das Ende oder Ziel des Weges unterstreicht die Wichtigkeit und Brisanz dieser Frage. Der Hörerin bzw. der Leserin wird damit ein dreifaches Angebot zur Identifikation gemacht. Im Kontext des Sonntags Estomihi steht sie selbst im Kirchenjahresverlauf am Anfang des gemeinsamen Weges mit Jesus hin zu Karfreitag und es stellt sich außerdem die Frage: Welche der drei Rollen ist der Maßstab für die Jesus-Nachfolge?
Die Jünger sind hier eigentlich die, die mit Jesus auf dem Weg sind, kommen aber mit ihrer inneren Haltung nicht hinterher. Sie begreifen nicht, was los ist, weil sie damit beschäftigt sind, sich darum zu streiten, wer der Größte ist. Sie sehen nicht, was wichtig ist, weil sie die Prioritäten falsch setzen. Den schreienden Menschen empfinden sie als Störenfried ihrer Mission und als Hindernis auf ihrem Weg. Das macht sie für eine Identifikation nicht sonderlich attraktiv. Sie können bei der Hörerin dennoch die Selbstreflexion anregen: Vielleicht bin ich selbst wie die Jünger? Höre ich richtig hin? Sehe ich, was in der Welt los ist? Oder bin ich die ganze Zeit nur mit mir beschäftigt?
Jesus selbst ist der Leidende und Wissende, der „Mensch für Andere“, das Idealbild eines Menschen. Er hört und sieht genau hin. Er setzt nicht gönnerhaft voraus, was sein Gegenüber braucht, sondern stellt die Frage: „Was willst du, das ich dir tue?“. Indem er den Blinden selbst formulieren lässt, was er braucht, nimmt er ihn in seiner Selbstständigkeit ernst. „Was willst du, das ich dir tue?“ ist die Frage, die eine gute Seelsorgerin stellt und mit der sie behutsam die Selbstwirksamkeit ihres Gegenübers aktiviert. Eine „hörende Seelsorge“, eine „aufsuchende“, „fragende“ oder „hörende“ Kirche – das sind Idealbilder, die sich die Kirche in jüngster Zeit setzt, um die herausfordernde Aufgabe, das Evangelium in die Gegenwart zu vermitteln, zu meistern. Erst einmal fragen, wer die Leute überhaupt sind und was sie brauchen, bevor man ihnen Angebote macht. Genau hinsehen und hinhören, bevor man vorschnell eindeutige Antworten auf ein vermeintliches spirituelles Bedürfnis formuliert. In der Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt in kirchlichen Einrichtungen erweist sich das Bild der „hörenden Kirche“ im Umgang mit den Betroffenen als zentral: Die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen ist einer der wichtigsten neuen Ansatzpunkte für die Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt geworden. Ist also Jesus selbst in dieser Erzählung der Maßstab dessen, was Nachfolge heißt? An ihre Grenze kommt die Identifikation mit ihm, wenn das Bild des guten Seelsorgers wie in dieser Erzählung auf der einen Seite mit dessen extremer Leidensgeschichte verbunden wird und er auf der anderen Seite offensichtlich „außerordentliche“, über das einem normalen Menschen Mögliche hinausgehende, „Heilungskräfte“ besitzt. Kann das denn wirklich gehen, wie Jesus zu werden?
Bleibt für die Identifikation noch der Blinde, der Mensch mit Sehbehinderung. Der hat eigentlich allen Grund, nichts mehr von seinen Mitmenschen zu erwarten. Und trotzdem: Er erwartet alles von einem Einzigen. Er bittet ihn um Rettung. Er setzt sein ganzes Vertrauen in ihn und stimmt, als er geheilt ist, das Gotteslob an, zu dem sich die um ihn herum dann auch animieren lassen. In der Erzählung wird er im Kontrast zu den Jüngern zum besseren Jesus-Nachfolger stilisiert.
3. Theologische Aktualisierung
Im Kontext des Sonntags kurz vor der Passionszeit höre ich aus dem Text den Anspruch der Leidens- oder Liebesnachfolge (vgl. Evangelium Mk 8,31-38
4. Bezug zum Kirchenjahr
Diese Worte könnten im Gottesdienst liturgisch mit einem an die Formulierungen von Ps 31
5. Anregungen
Für die Predigt bietet es sich an, die drei Identifikationsmöglichkeiten, die der Text bietet, und die damit verbunden Haltungen bzw. Verhaltensweisen in Extremsituationen auszuloten. Drei Impulse, um ins Schreiben zu kommen:
„Du störst!” – Stell dir die Situation des Gottesdienstes am Sonntagmorgen vor. Wer fühlt sich durch wen gestört? Warum?
„Erbarme dich meiner!“ – Welche Situationen in Kirche und Gesellschaft fallen dir ein, wo nur noch dieser Ruf hilft? Wie würde dieser Ruf die Situation und das Selbstverständnis der Rufenden verändern?
„Was willst du, das Jesus dir tut?“– Stelle die Frage dir selbst, stelle sie in Gedanken verschiedenen Menschentypen in der Gemeinde oder Gegenständen und Räumlichkeiten, die deine Kirche und ihr Umfeld prägen.
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Dr. Anna-Maria Klassen (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500173
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