Jeremia 14,1(2)3-4(5-6)7-9 | 2. Sonntag nach Epiphanias | 18.01.2026
Einführung in das Jeremiabuch
Das Jeremiabuch
Auch in der Debatte um das Verhältnis der historischen „klassischen“ Prophetie
Das Buch Jeremia kreist um die Zerstörung Jerusalems
Die gegenwärtig vertretenen Thesen darüber, welche Teile des Buches seinen entstehungsgeschichtlichen Kern bildeten, inwieweit dieser Kern auf eine Prophetengestalt namens Jeremia aus Anatot zurückzuführen sei, und welche Bereiche des Buches sich umgekehrt schriftgelehrter theologischer Reflexion verdankten, gehen weit auseinander. H.-J. Stipp etwa führt weite Teile der Wortüberlieferung in Jer 1–25
Dieser Ansatz hat den Vorteil, dass sich durch ihn einige Besonderheiten des Jeremiabuches erklären lassen. Dies beginnt bei der frühen Bedeutung der Frau Zion: Klagen wurden in Mesopotamien nicht selten im Namen der personifizierten Stadt vorgebracht; entsprechend werden die an die Klagen in Jer 4–6
Literatur:
- Bezzel, H., 2007, Die Konfessionen Jeremias. Eine redaktionsgeschichtliche Studie (BZAW 378), Berlin / New York.
- Köhler, S., 2017, Jeremia – Fürbitter oder Kläger? Eine religionsgeschichtliche Studie zur Fürbitte und Klage im Jeremiabuch (BZAW 506), Berlin / Boston.
- Levin, Chr., 1985, Die Verheißung des neuen Bundes. In ihrem theologiegeschichtlichen Zusammenhang ausgelegt (FRLANT 137), Göttingen.
- Pohlmann, K.-F., 1989, Die Ferne Gottes – Studien zum Jeremiabuch. Beiträge zu den „Konfessionen“ im Jeremiabuch und ein Versuch zur Frage nach den Anfängen der Jeremiatradition (BZAW 179), Berlin / New York.
- Schmid, K., 1996, Buchgestalten des Jeremiabuches. Untersuchungen zur Redaktions- und Rezeptionsgeschichte von Jer 30–33 im Kontext des Buches (WMANT 72), Neukirchen-Vluyn.
- Stipp, H.-J., 2019, Art. Jeremia, in: WiBiLex, https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/22332/
[Abruf 20.08.2023]
Kommentare
- Wanke, G., 1995, Jeremia. Teilband 1: Jer 1,1–25,14 (ZBK.AT 20.1), Zürich.
- Wanke, G., 2003, Jeremia. Teilband 2: Jer 25,15–52,34 (ZBK.AT 20.2), Zürich.
- Werner, W., 1997, Das Buch Jeremia. Kapitel 1–25 (Neuer Stuttgarter Kommentar 19,1), Stuttgart.
- Werner, W., 2003, Das Buch Jeremia. Kapitel 25,15–52 (NSK 19,2), Stuttgart.
A) Exegese kompakt: Jeremia 14,1(2)3-4(5-6)7-9
Dürre – Verzweiflung – Schuld – und Hoffnung?
Übersetzung
1 Was war das Wort JHWHs zu Jeremia über die Angelegenheiten der Dürre:
2 Juda trauert/vertrocknet und ihre Tore sind verdorrt. Sie sind niedergedrückt zur Erde, und das Geschrei Jerusalems steigt auf.
3 Und ihre Mächtigen schicken ihre Niederen nach Wasser. Sie kommen zu Zisternen; sie finden kein Wasser; sie kehren zurück; ihre Gefäße sind leer; sie sind zuschanden und beschämt und verhüllen ihr Haupt.
4 Weil die Erde zerschlagen ist, denn es ist kein Regen im Land. Die Landarbeiter sind zuschanden, sie verhüllen ihr Haupt.
5 Denn auch die Hindin auf dem Feld gebiert und verlässt [es], denn es gibt kein Gras.
6 Und Wildesel stehen auf kahlen Höhen, sie schnappen nach Luft wie Schakale), ihre Augen vergehen, denn es gibt kein Kraut.
7 Wenn unsere Sünden gegen uns antworten, JHWH, handle um deines Namens willen, denn zahlreich sind unsere Abtrünnigkeiten; an dir haben wir gesündigt.
8 Hoffnung/Quelle Israels, sein Retter in Zeit von Bedrängnis, warum bist du wie ein Fremder im Lande, und wie ein Wanderer, der [sein Zelt] ausspannt zum Übernachten?
9 Warum bist du wie ein verwirrter Mann, wie ein Held, der nicht zu retten vermag? Und du bist [doch] in unserer Mitte, JHWH, und dein Name ist über uns ausgerufen. Verlass uns nicht!
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Auch in dieser Perikope weist der masoretische Text an einigen Stellen Überstände gegenüber der Septuaginta auf, am prägnantesten sind V. 3bβ, eine Beinahe-Dublette zu V. 4b, und der Vergleich der nach Luft schnappenden Wildesel in V. 6 mit „Schakalen“
Der Abschnitt ist, dem Thema „Dürre“
2. Kontext und literarische Gestaltung
Die sprachlich etwas ungelenke Überschrift fasst das ganze Kapitel 14 unter das Thema „Dürre“, auch wenn neben den Versen 1–6.(7–9) nur noch V. 22 das Thema Regen anspricht. Zwei Abschnitte, in denen eine Pluralgruppe spricht (V. 7–9 und V. 19–22) und auf die hin jeweils dem Propheten verboten wird, Fürbitte zu leisten (Jer 14,11
V. 2–6 beschreiben in drastischen Bildern die Notlage einer extremen Dürre, an die in V. 7 eine Wir-Gruppe mit einem Sündenbekenntnis anschließt und zum Vertrauensbekenntnis in V. 8a überleitet. Zwei klagende Warum-Fragen in V. 8b und 9a werden in V. 9bα von einem weiteren Vertrauensbekenntnis gerahmt, ehe die Klage in die Bitte mündet, die aus nur zwei Worten besteht: „Verlass uns nicht!“
Die Perikopenauswahl klammert die Verse 2 sowie 5 und 6 ein. Damit geht dem Abschnitt zum einen der ‚Genderaspekt‘ verloren: Mit Vers 2 verschwinden die personifizierte Frau Juda und mit ihr der Zusammenhang mit Kapitel 13
3. Textgenese
Auch wenn sich das Kapitel 14 durch die klagenden Wir-Stücke als vermeintlich kohärentes und sorgfältig komponiertes ‚liturgisches‘ Stück lesen lässt, liegt ihm vermutlich eine längere Wachstumsgeschichte zugrunde. Deren Kern dürfte in der Klage über das Schicksal der „Jungfrau der Tochter meines Volkes“ (Jer 14,17b.18a
4. Historische Einordnung
Die kurze Skizze der – möglichen – Entstehungsgeschichte der Perikope zeigt: Sie ist ein Fortschreibungstext, der, vermutlich in zwei Stufen, auf der Klage einer personifizierten Frau Zion/Jerusalem und der Anklage Gottes gegen sie aufbaut. Die als göttliche Strafe gedeutete Katastrophe wird mit den bewusst doppeldeutigen Bildern von Dürre und Verzweiflung beschrieben. Natürlich ist es möglich, ein historisches Wetterereignis als Anlass anzunehmen – der wesentliche Kern von Notschilderung wie kollektiver Klage wird damit aber wohl eher verfehlt.
5. Schwerpunkte der Interpretation
Jer 14 war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Grundlage für eine Modifikation des klassischen Prophetenbildes, scheint man hier doch weniger einem Gerichtspropheten zu begegnen, der sich durch seine radikale Kritik in Opposition zu Institutionen wie Volk begibt, sondern umgekehrt einem Fürbitter, der vor Gott für ein Ende des Strafgerichts eintritt. Entsprechend wurde die Wir-Stimme der Verse 7–9 (und 19–22) als stellvertretendes Beten der Einzelperson Jeremia im Kontext einer ‚Klageliturgie‘ gedeutet. Auch wenn die Wachstumsgeschichte des Kapitels zur Zurückhaltung gemahnt, sich den Endtext im Munde eines historischen Jeremia und szenisch vorgetragen vorzustellen, ist doch die Erkenntnis wichtig, wie sich hier unterschiedliche Haltungen miteinander verbinden: Die gerichtsprophetische Deutung von der Not als göttlicher Strafe mit der klagenden Bitte um ihr Ende und der Hoffnung auf die liebende Zuwendung Gottes ebenso wie die Einzelstimme der Frau Juda mit der Pluralstimme der Wir-Gruppe im Munde des literarischen Propheten.
6. Perspektiven für die Predigt
Das Spiel der Perikope mit Mehrdeutigkeiten im Zusammenhang mit der Wasser- und Dürremetaphorik lädt dazu ein, sich als Prediger:in daran zu beteiligen. Zwei Chancen, die zugleich Risiken sind, ergeben sich für mich daraus: Der Text klagt nicht – nur – über ein Wetterereignis. Er schildert zugleich den Zustand der Gottverlassenheit in Bildern von Dürre und Wassermangel. Damit wird er für mich als gegenwärtige:n Hörende:n und Lesende:n schnell anschlussfähig. Die Gefahr besteht jedoch, schnell nur in Bildern zu denken und den Text allegorisch zu spiritualisieren. Es ist aber nicht nur die fromme Seele, die „wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“ (Ps 42,2
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Perikope ist entgegen dem ersten Augenschein nicht allein von dem Umgang mit einer großen Dürre, sondern auch von der Erfahrung des Verdorrens geprägt, die als Verzweiflung das Wortfeld der Trockenheit erweitert und übersteigt. Zugleich enthalten die Begriffsbilder des Textes eine Wassermetaphorik, die sichtbarer Trockenheit und daraus ableitbarer Verzweiflung die Aussicht auf Wasser und die Hoffnung auf Überwindung der Verzweiflung in mehrdeutigen Wendungen und Anspielungen gegenüberstellt. Dabei bedient sich der Text der Person der Frau Juda (V 2), die – ähnlich wie die „Wir“-Gruppe in V 7-9 – ihrer Verzweiflung über die Situation ihres Volkes Ausdruck verleiht, in dem er dessen Beziehung zu Gott ins Spiel bringt und so beides zu einer liturgisch gerahmten „Prophetenklage“ verbindet.
2. Thematische Fokussierung
Indem die Exegese darauf hinweist, dass Frau Juda mit Frau Jerusalem (Kap. 13), aber auch der sterbenden Mutter (Jer. 15,5
3. Theologische Aktualisierung
Die Einsicht darein, dass die Menschheit ihre schier ausweglose Situation immer noch verschlimmert, ermöglicht die Aufnahme der klagenden Worte des Jeremia, der als ein Fürbitter vor Gott auch für uns eintreten kann. Das auf den ersten Blick auch Gott gegenüber widerständige Fehlverhalten des Volkes Juda verwandelt sich durch das Eintreten der sich selbst anklagenden Wir-Stimmen in den Versen 7–9 in eine Gott um Hilfe anflehende Fürbitte: „Verlass uns nicht“. Auf diese Weise ermöglicht die (sich wiederholende) Klageliturgie das Keimen einer Hoffnung darauf, dass Gottes liebende Zuwendung zu seiner Welt eine Veränderung des selbstgerechten Verhaltens der Menschheit bewirkt.
Die Frage nach dem Zuspruch des Evangeliums setzt die Erkenntnis voraus, dass man dem Gesetz weder aktuell noch auf Dauer entrinnen kann. Dabei wird es theologisch darauf ankommen, dass die mit Blick auf den Klimawandel aporetische Situation zuvor klar herausgearbeitet worden ist. Im Horizont des Gesetzes geht es um die Einsicht, dass man seinem überführenden Charakter nicht entrinnen kann: weder können persönliche Einschränkungen den von einem uneinsichtigen Teil der Menschheit oder von neuen Technologien geschürten Energieverbrauch aufhalten, noch entkommen wir der Einsicht, dass der sich beschleunigende Klimawandel die Menschheit ihrer Lebensgrundlagen beraubt und sie sich insofern selbst bestraft (theologisch möglich: von Gott bestraft wird).
4. Bezug zum Kirchenjahr?
Im Weihnachtsfestkreis noch verankert, blickt der Text für den zweiten Sonntag nach Epiphanias auf die Botschaft von Weihnachten und stellt ihre Bedeutung für die Gemeinde, die sich nach den Feiertagen mit der alltäglichen Wirklichkeit konfrontiert sieht, heraus. Der Sonntag unterbricht die erneute Gewöhnung an die Alltäglichkeit von Klimawandel und Erderwärmung, indem er beides im Modus des Gesetzes interpretiert und darauf hinweist, dass wir „seinen“ Folgen nicht entkommen. Umso notwendiger sind wir auf das Evangelium angewiesen. Eine Erkenntnis, die auch der Wochenspruch aufnimmt: „Das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ (Joh 1,17
5. Anregungen
Ich kann mir gut vorstellen, die Predigt aus der Perspektive der Frau Juda heraus anzulegen. So lässt sich ihre Entwicklung nachvollziehen und im Vollzug der Predigt erleben: Von der zu Recht angeklagten Frau Jerusalem über die klagende Frau Juda bis hin zum sich selbst im Sündenbekenntnis anklagenden „Wir“ erkennt sie, dass sie aus ihrer Situation nicht aus eigener Kraft herauskommt, sondern einer anderen Kraft bedarf. Es empfiehlt sich dabei, die Frage nach Klimawandel und Erwärmung über das Konzept der „moves and structures“ (Deeg, Buttrick) einzuspielen.
Ansetzen könnte die Predigt auch bei der Frage nach der prophetischen Klageliturgie und danach, wie eine solche heute aussehen könnte.
Autoren
- Prof. Dr. Hannes Bezzel (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Antje Roggenkamp (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500168
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