Lukas 19,1-10 | 14. Sonntag nach Trinitatis | 06.09.2026
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 19,1-10
Übersetzung
1 Er kam nun nach Jericho und zog hindurch. 2 Und siehe, [da war] ein Mann mit Namen Zachäus, und der war Oberzöllner und reich. 3 Er wollte Jesus sehen, wer er ist, aber konnte es nicht wegen der Menge, denn er war kleinwüchsig. 4 Da lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen – denn an jener Stelle sollte er vorbeikommen. 5 Als Jesus nun zu der Stelle kam, schaute er hoch und sagte zu ihm: „Zachäus, steig schnell runter, denn heute muss ich in deinem Haus einkehren.“ 6 Da stieg er eilends hinunter und nahm ihn voller Freude auf.
7 Alle, die es sahen, murrten und sagten: „Bei einem sündigen Mann ist er hineingegangen, um zu rasten!“ 8 Zachäus aber stellte sich hin und sprach zum Herrn: „Siehe, Herr, die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen, und wenn ich etwas von jemandem erpresst habe, gebe ich es vierfach zurück.“ 9 Da sagte Jesus zu ihm: „Heute ist diesem Hause Heil zuteilgeworden, denn auch dieser ist Abrahams Sohn! 10 Der Menschensohn ist nämlich gekommen, das Verlorene zu suchen und zu retten.“
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Der „Oberzöllner“ hat als Generalpächter der Zölle von Jericho
Das „muss“ (δεῖ) verweist im Lukasevangelium immer wieder auf den göttlichen Auftrag Jesu als ‚Retter‘, den er in V. 10 noch mit einem Menschensohnwort
Zweimal findet sich in der Erzählung das markante „heute“ σήμερον, „heute“, das von der Geburtsankündigung der Engel
2. Gattung und Kontext
Das Thema der durch Jesus angebrochenen Rettung (σωτηρία) hat bereits das vorige Kapitel bis in die Begrifflichkeit hinein bestimmt (18,26–27
3.Historische Einordnung
Dass sich der historische Jesus den gesellschaftlichen Außenseitern zugewandt hat und dass dazu auch die Zöllner
4. Interpretation
Der Zöllner möchte Jesus sehen, ist aber zu klein, um über die Menge hinwegzusehen. Da niemand dem zwar „reichen“ (V. 2), aber „sündigen Mann“ (V. 7) Platz macht, klettert er dort, wo Jesus durchkommen soll, auf einen Maulbeerfeigenbaum
Zachäus
5. Theologische Perspektivierung
Das abschließende Menschensohnwort
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Der Zöllner Zachäus ist ein gern gesehener Gast im Kindergottesdienst. Die Geschichte gewinnt durch ihre Detailfülle große Anschaulichkeit und ist gut geeignet für Nacherzählung oder Inszenierung. Das komische Bild vom kleingewachsenen Reichen im Baum ragt aus den Jesus-Geschichten heraus. Angesichts der bewegten Handlung gerät die Pointe indes nicht selten stereotyp und moralisierend: Der auf fragwürdige Weise erworbene Reichtum des Zöllners steht dabei oft im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Auftreten Jesu bewirkt dann den Sinneswandel zurück zur Redlichkeit: „Betrüge nicht und teile deinen Reichtum!“, – so lautet oft die simple Moral der Geschichte.
Die Exegese weist mich jedoch darüber hinaus auf die Mission Jesu hin, wie sie der Evangelist Lukas ausarbeitet: das Verlorene zu suchen, zu finden und zu retten (Lk 19,10
2. Thematische Fokussierung
Der Kollaborateur, derjenige, der auf Kosten seiner Landsleute lebt – auch dieser ist ein Mensch am Rand, ein gesellschaftlicher Außenseiter. Und gerade solchen Menschen
3. Theologische Aktualisierung
Rettung am Rand
Den Durchzug Jesu durch Jericho (Lk 18f
Mir fällt dabei zunächst die Herzlosigkeit der Bevölkerung Jerichos auf: Dem Blinden verbieten sie den Mund (Lk 18,39
Mir fällt aber zugleich der himmelweite Unterschied zwischen dem blinden Bettler und dem reichen Oberzöllner auf. Das Leben des einen – so stelle ich es mir vor – ist geprägt von unverschuldetem Elend und Armut
Ein hörendes Herz
Diese Deutung von erfahrener Rettung – die unverfügbare Möglichkeit eines Neubeginns – lässt sich klassisch als Gnade verbuchen. Seit geraumer Zeit erweist sich die Resonanz- Soziologie von Hartmut Rosa gerade für diesen religiösen Phänomenbereich als besonders anschlussfähig. In seinem Essay Demokratie braucht Religion – gerade jetzt! weist er nachdrücklich darauf hin, dass das Christentum mit seinen Geschichten einen maßgeblichen Beitrag dazu leisten kann, das vom Soziologen konstatierte „systematische[…] Aggressionsverhältnis zur Welt“ (57) unserer Gesellschaft zu verlassen – und die Geschichte vom Oberzöllner im Maulbeerfeigenbaum ist dafür ein Paradebeispiel: Die Ausgangslage der Geschichte ruft Assoziationen zum gegenwärtigen Gesellschaftsklima wach, die auch Rosa in seinem Essay aufgreift: Da ist einerseits der Zöllner, der typischerweise als Exponent einer kapitalistischen Dynamik des endlosen Strebens nach Mehr geschildert wird (vgl. dazu 40–57). Ihm steht die anonyme Menge gegenüber, die nicht (mehr) bereit ist, ihn als echten Dialogpartner zu behandeln und nur noch den „ekelerregende[n] Feind“ (59) in ihm wahrnimmt – den sündigen Mann (Lk 19,7
Der Bannkreis der Kontaktschuld, das fertige Bild vom sündigen Mann und die Eigendynamik rücksichtslosen Gewinn- und Machtstrebens bilden einen Teufelskreis, der in der Erzählung auf vorbildhafte Weise aufgesprengt wird. Damit ist aber nicht allein das Handeln Jesu gemeint, denn dieses setzt die Offenheit des Zachäus voraus. Ausgerechnet der zwielichtige Zöllner erweist nämlich noch vor der Ansprache durch Jesus sein hörendes Herz. Hartmut Rosa bezeichnet damit in Aufnahme von 1 Kö 3,9
Der reiche Oberzöllner Zachäus klettert auf einen Baum und macht sich dabei lächerlich. Er macht sich aber zugleich auch für einen Moment unabhängig von allen gesellschaftlich determinierenden Faktoren. Diese Chance – in den Worten des Soziologen: diese offene vertikale Resonanzachse – nutzt Jesus: Und sein Zuspruch (Lk 19,9f.
So gelesen ist die Geschichte vom kleingeratenen Oberzöllner eine Lehrerzählung über das Potenzial, das die rettende Zuwendung Jesu für die individuellen Transformation birgt – aber auch über die Voraussetzungen, die es dazu braucht. Sie führt am Rand aber auch vor Augen, dass religiöse Narrative – z.B. indem einer als hoffnungsloser Fall und Sünder eingetütet wird – gesellschaftliche Missstände stabilisieren können (vgl. dazu 104).
4. Bezug zum Kirchenjahr
Die Texte zum 14. Sonntag nach Trinitatis durchzieht der Dank für die unerwartete und unverfügbare Erfahrung göttlicher Zuwendung. Diesem Thema sind starke Erzähltexte aus dem AT und NT zugeordnet. Alle vorgegebenen Lesungen durchzuführen dürfte – so schön und bekannt diese Texte auch sind – den Gottesdienst narrativ überfrachten.
In einigen Bundesländern ist diese Zeit besonders durch die zu Ende gehenden Sommerferien geprägt: Der Sonntag wird in diesem Jahr am 6. September gefeiert. (In Nordrhein-Westfalen enden die Sommerferien am 01.09, in Baden-Württemberg am 12.09. und in Bayern am 14.09.) Das beginnende neue Schuljahr bietet in Verbindung mit diesem Predigttext einen schönen Anlass für einen Familiengottesdienst oder für die Einbeziehung des Kindergottesdienstes in den Hauptgottesdienst der Gemeinde.
5. Anregungen
Das Evangelium des Sonntags, Die Heilung der zehn Aussätzigen (Lk 17,11-19
In die Inszenierung der Lesung(en) können Kinder einbezogen werden oder die Texte werden von mehreren Stimmen vorgetragen. Für die Predigt bietet das Gegenüber von der oft simplen Verwendung der Geschichte und der komplexen und aufgeheizten Lage unserer Gesellschaft einen naheliegenden Anknüpfungspunkt.
Literatur
- Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion – gerade jetzt! München 2026.
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Dr. Steffen Götze (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500211
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