Apostelgeschichte 4,32-37 | 1. Sonntag nach Trinitatis | 07.06.2026
Einführung in die Apostelgeschichte
In den letzten Jahrzehnten ist in der Forschung intensiv über das Genre und die Datierung der Apostelgeschichte
1. Verfasser
Die Apostelgeschichte wurde wie auch das Lukasevangelium, auf das Apg 1,1
2. Adressaten
Beide Teile des lukanischen Doppelwerks sind einem gewissen Theophilus
3. Entstehungsort
Über den Entstehungsort der Apostelgeschichte lässt sich nur spekulieren, und diese Frage ist in der Forschung dementsprechend umstritten. In der altkirchlichen Tradition werden vor allem Rom
4. Wichtige Themen
Während die Apostelgeschichte lange Zeit um 80/90 u.Z. datiert wurde, ist in den letzten Jahrzehnten wieder intensiv diskutiert worden, ob es sich nicht um ein Dokument des zweiten Jahrhunderts handele, während vereinzelt auch Frühdatierungen vorgeschlagen worden sind. Die Spätdatierungen reichen dabei von etwa 100-130 bis hinauf zu 150 u.Z. Als Argumente gelten etwa die äußere Bezeugung (d.h. die relativ späte Rezeption in der altkirchlichen Literatur) und die gegenüber älteren Zeugnissen sozial- wie theologiegeschichtlich veränderten Verhältnisse, die die Apostelgeschichte bezeugt, z.B. in Bezug auf das Verhältnis zur umgebenden Gesellschaft generell und im Hinblick auf Ablösungsprozesse vom Judentum im Besonderen. Hier wird nicht zuletzt diskutiert, inwiefern die Apostelgeschichte als anti-jüdisch oder supersezessionistisch angesehen werden muss (vgl. Matthews). Die Datierung hat nicht nur Einfluss auf unser Bild von der Entwicklung des frühen Christentums, sondern u.a. auch auf die Bewertung der Frage, ob der Verfasser das Oeuvre des Flavius Josephus oder die Paulusbriefe gekannt haben könnte – unabhängig davon, ob diese letztlich auch benutzt worden sind. In Bezug auf die Paulusrezeption ist losgelöst von Datierungsfragen eine Tendenz auszumachen weg von der Frage, inwieweit die Aussagen der Apostelgeschichte exakt mit denen der Paulusbriefe übereinstimmen, hin zu der Nachzeichnung der Rezeptionsgeschichte (vgl. Marguerat).
5. Besonderheiten
In der Forschung herrscht ein weitgehender Konsens darüber, dass Lukasevangelium und Apostelgeschichte beide vom selben Verfasser geschrieben wurden, u.a. wegen der (im Neuen Testament singulären) Prologe und der Widmung an Theophilus, der Himmelfahrt Jesu als erzählerischem Bindeglied und sprachlich-stilistischer wie theologischer Übereinstimmungen. Da sie allerdings nie in direkter Abfolge überliefert sind, etwa in Handschriftensammlungen oder Kanonlisten, wurde in den letzten Jahrzehnten intensiv diskutiert, ob die beiden Teile des Doppelwerks in der Antike jemals als Einheit gelesen wurden und inwieweit dies Konsequenzen etwa für eine narrative Exegese haben sollte, die beide Texte – sowohl literarisch wie theologisch – als eng miteinander verwoben ansieht (z.B. Tannehill). Die Frage der Einheit spielt teilweise auch in die der Bestimmung des Genres hinein, insofern das Doppelwerk hierbei anders zu bestimmen ist als die Apostelgeschichte für sich genommen. Für letztere gehen die Vorschläge weit auseinander und reichen von Historiographie, über kollektive Biographie bis hin zu fiktiver Romanliteratur.
Literatur:
- Helen Bond u.a., Art. Luke-Acts, Encyclopedia of the Bible and its Reception online, 2019.
- Wilfried Eckey, Die Apostelgeschichte: Der Weg des Evangeliums von Jerusalem nach Rom, Band 1-2, Göttingen 22011.
- Daniel Marguerat, Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 182022 (1. Auflage der Neubearbeitung).
- Shelly Matthews, The Acts of The Apostles: An Introduction and Study Guide: Taming the Tongues of Fire, London 2017.
- Rudolf Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1-2, Göttingen 32005/22013.
- Robert C. Tannehill, The Narrative Unity of Luke-Acts. A Literary Interpretation, Band 1-2, Philadelphia 1986/1990.
- Alfons Weiser, Die Apostelgeschichte 1-2, ÖTK V/1-2, Gütersloh 21989/1985.
A) Exegese kompakt: Apostelgeschichte 4,32-37
Nicht Meins, sondern Unseres! Soziale Gerechtigkeit als Ausdruck der Gnade Gottes
Übersetzung
32 Die Menge der Gläubiggewordenen war ein Herz und eine Seele, und nicht einer sagte von irgendetwas, das er besaß, es sei sein privates Eigentum, sondern alles war ihnen gemeinsam. 33 Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war auf ihnen allen. 34 Denn es war auch keiner notleidend unter ihnen; denn alle, die Besitzer von Grundstücken oder Häusern waren, verkauften (sie) und brachten den Erlös des Verkauften 35 und legten ihn zu Füßen der Apostel; es wurde jedem zugeteilt in dem Maße, wie man Bedarf hatte. 36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde, das heißt übersetzt: Sohn des Trostes, ein Levit, der Herkunft nach ein Zypriot, 37 der einen Acker besaß, verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es zu Füßen der Apostel.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.32: Τοῦ δὲ πλήθους ist Prädikatsnomen im Genitivus possessivus zu ἦν; ἴδιον εἶναι = AcI (siehe zu ἴδιος auch unter 3).
V.35: ἄν mit Imperfekt = Iterativ der Vergangenheit (BDR §3673).
2. Literarische Gestaltung und Kontext
Die Perikope besteht aus einem Sammelbericht (V. 32–35), der die Gütergemeinschaft unter den Christusgläubigen in Jerusalem beschreibt, und einer kurzen Szene (V. 36f.), die diese durch einen Einzelfall illustriert. Das Summarium
3. Kontext und historische Einordnung
Unser Text ist Teil der stilisierten Beschreibung des Lebens der stetig wachsenden, aber auch angefochtenen christlichen Gemeinschaft in Jerusalem in Apg 3,1-5,42
Während die Zusammenstellung von Herz und Seele in V.32 alttestamentlich geprägt ist (vgl. z.B. Dtn 6,5
Josef Barnabas nimmt in der ersten Hälfte der Apostelgeschichte eine herausragende Stellung ein; er war offenbar eine bedeutende Gestalt des frühen Christentums. Nach 4,36f
4. Schwerpunkte der Interpretation
In der Auslegungsgeschichte wird regelmäßig diskutiert, ob es sich bei der frühchristlichen Gütergemeinschaft – wie bei ihren griechisch-römischen Analogien – um einen fiktiven Idealzustand bzw. eine Utopie handelt oder ob die Beschreibung zumindest im Kern historisch ist. Für Letzteres könnte sprechen, dass eine ähnliche Praxis auch sonst im zeitgenössischen Judentum belegt ist und sich auch gewisse Parallelen im antiken Vereinswesen finden (vgl. Marguerat, Apostelgeschichte 201). Gewiss läge auch dann eine Idealisierung der Anfänge vor, so dass keine voreiligen Schlüsse auf den sozioökonomischen Status der Urgemeinde gezogen werden sollten. Dass zumindest einige ihrer Mitglieder über Grundbesitz
Unser Text ist eine wichtige Quelle für die lukanische bzw. christliche Sozialethik. Ernst Troeltsch hat die Vorstellung der Gütergemeinschaft als „religiösen Liebeskommunismus“ bezeichnet (Soziallehren 49). Interessant ist u.a., ob es bei Lukas eine Entwicklung in Bezug auf die Haltung zu Reichtum und Besitz gibt: vom Modell der radikalen Besitzlosigkeit im Evangelium (Lk 18,22-27
5. Kurzcharakteristik des Textes – von der Exegese zur Predigt
Unser Text entwirft das Bild einer Gemeinschaft, die als Ausdruck geistgewirkter christlicher Nächstenliebe
Literatur
- Blass, Friedrich / Debrunner, Albert / Rehkopf, Friedrich: Grammatik des neutestamentlichen Griechisch, Göttignen 192020.
- Hans-Josef Klauck, Gütergemeinschaft in der klassischen Antike, in Qumran und im Neuen Testament, Revue de Qumrân 11 (1982), 47–79, https://www.jstor.org/stable/24606829
. - Marguerat, Daniel: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 182022 (1. Auflage der Neubearbeitung).
- Öhler, Markus: Barnabas, in: Wibilex, https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/neues-testament/barnabas-2
. - Troeltsch, Ernst: Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen. Teilband 1, Tübingen 1994 (Nachdruck der Ausgabe Tübingen 1912).
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Kann das wirklich wahr (gewesen) sein? Wie realistisch ist dieses Bild einer gemeindlich-gesellschaftlichen Idylle „im Kleinen“: Kein Streit, kein Privateigentum, keine Not, Gütergemeinschaft und eine bedürfnisorientierte Versorgung aller. Ganz ohne hierarchische Verantwortungsteilung scheint es dann aber doch nicht gegangen zu sein: Die Apostel haben nach wie vor eine besondere Rolle, sie verteilen, was da ist. Aber die Gnade ist für alle da, das muss betont werden.
Angesichts der realen Ungerechtigkeiten, damals wie heute, löst Apg 4,32-37
2. Thematische Fokussierung
Gerechtigkeit ist eine Frage der Verteilung. Wer viel hat, gibt ab, wer wenig oder nichts hat, bekommt. Ist das sozial gerecht?
In der Figur des Barnabas konkretisiert der Text den Anspruch, aus geistlicher Haltung heraus sozial gerecht zu handeln: Barnabas stellt seinen Grundbesitz zur Verfügung. Die Grenzen der idealen christlich-sozialen Gütergemeinschaft werden aber durch den biblischen Kontext auch deutlich: Nicht alle beteiligten sich, Apg 5,1-11
Für die Predigt lege ich den Fokus auf die Figur des Barnabas: Wie kommt er dazu, sein Vermögen abzugeben? Wirkt in ihm und durch ihn der Geist Gottes? Wie geht seine Geschichte weiter und wie schaut er später, nach seinen Reisen mit Paulus und dem Sammeln der Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde, auf seine Entscheidung? War es richtig, sein Vermögen abzugeben und was hat das bewirkt, für die Gemeinde in Jerusalem und für ihn?
3. Theologische Aktualisierung
„Umverteilung“ ist auch in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten zum Sozialstaat und seinen Grenzen ein Lösungsansatz. Dabei ist es interessant, dass in Umfragen die wenigsten Menschen sich als „reich“ bezeichnen und sich selbst in der Lage sehen, wirklich signifikant materiell etwas abzugeben. Aber auch eine radikal andere Haltung ist möglich: „Taxmenow“ ist eine Bewegung reicher Erbinnen und Erben, die eine Steuergesetzgebung, die sie bevorzugt, ungerecht finden und die sie deshalb ändern wollen.
Die beiden großen Kirchen in Deutschland finanzieren sich heute zum großen Teil aus Kirchensteuermitteln. Daran gibt es sicher zurecht viel Kritik, aber dieses Konzept setzt auch eine gewisse Gerechtigkeit um: Wer viel verdient, zahlt viel ein, und alle Gemeinden partizipieren in transparenter und geregelter Weise aus dem „großen Topf“. Trotzdem ist offen, wie lange dieses System noch funktioniert.
Wie gehen die Kirche, die Landeskirchen, die konkrete Gemeinde vor Ort mit ihrem materiellen Besitz um? Kirchliche Gebäude, Pfarrhäuser, Gemeindezentren stehen inzwischen manchmal zum Verkauf. Andere werden für viel Geld renoviert, auch aus ökologischen Gründen. Und das Geld wird insgesamt knapp. Auf diesem Feld lassen sich viele Widersprüche und Ungereimtheiten ausmachen, besonders im Blick auf ökonomische Nachhaltigkeit. Der Blick auf die gesellschaftlichen und globalen Kontexte verstärkt diese Widersprüche und macht uns das Dilemma unserer ökonomischen Situation noch deutlicher: Wir sind reich, aber wir müssen sparen, sonst reicht es nicht (mehr). Gleichzeitig sagt der Predigttext: Euer Reichtum hat seinen Sinn, wenn ihr ihn dafür nutzt, Armut zu lindern und Räume zu schaffen, in denen Glauben gelebt wird. Der Predigttext ermutigt, eigenen – privaten, gemeindlichen, kirchlichen – Reichtum als solchen wahrzunehmen. Auf paradoxe Weise – nämlich im Blick auf das, was nicht in Apg 4,32-37, aber im biblischen Kontext deutlich wird – mahnt er auch dazu, nachhaltig mit diesem Reichtum zu wirtschaften. Großzügigkeit und ökonomischer Sachverstand schließen sich nicht aus. Es geht letztlich um eine Haltung, in der man gibt, was man hat, oder, um noch einmal Paulus zu Wort kommen zu lassen: Es geht darum, zu haben, als hätte man nicht und auf dieser Grundlage freigiebig und ohne Berechnung zu schenken.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Das Evangelium des Sonntages (Lk 16,19-31
5. Anregungen
Die Figur des Barnabas kann in der Predigt eine Möglichkeit zur Identifikation geben, ohne zu moralisieren. Ich möchte seine Geschichte weitererzählen und in „bibliologischer Weise“ narrativ entfalten. Was hat ihn dazu gebracht, seinen Acker zu verkaufen? Hatte er Zweifel? Konnte er mitreden bei der Verwendung des erlösten Geldes? Wie hat sich diese Erfahrung auf seinen Glauben ausgewirkt und wie sieht er die Geschichte „seiner“ Jerusalemer Gemeinde später, nach seinen Reisen mit Paulus? War das alles nachhaltig? Was würde er uns heute vielleicht raten – oder welche Fragen würde er uns stellen? Als Predigende ziehe ich mir seine Rolle an und erzähle in der Ich-Form: Ich erinnere mich an die Situation in Jerusalem und wie ich zur Gemeinde kam, was mich überzeugte und wie mich der Glauben an Christus verändert hat. Als solche vergegenwärtigende Identifikationsfigur kann Barnabas auch Fragen offenlassen und Widersprüche reflektieren.
Literatur
- Öhler, Markus: Barnabas. Der Mann in der Mitte (Biblische Gestalten 12), Leipzig 2005.
- Taxmenow: https://www.taxmenow.eu/
(zuletzt abgerufen am 07.03.2026).
Autoren
- Prof. Dr. Heike Omerzu (Einführung und Exegese)
- Dr. Susanne Ehrhardt-Rein (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500197
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