Matthäus 16,13-19 | Pfingstmontag | 09.06.2025
Einführung in das Matthäusevangelium
Das MtEv
1. Verfasser
Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3
2. Adressaten
Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5
3. Entstehungsort
Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21
5. Besonderheiten
Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17
Literatur:
- Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
- Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
- Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
- Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.
A) Exegese kompakt: Matthäus 16,13-19
Übersetzung
Als Jesus in das Gebiet von Caesarea Philippi gekommen war, fragte er seine Jünger und sagte: „Wer sagen die Menschen, dass der Menschensohn ist?“ 14 Sie aber sagten: „Die einen, (dass er) Johannes der Täufer (ist), andere aber Elia, noch andere aber Jeremia oder einer der Propheten.“ 15 Sagt er zu ihnen: „Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich bin?“ 16 Antwortend sagte Simon Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“ 17 Antwortend sagte Jesus zu ihm: „Selig bist du, Simon Bar Jona, denn Fleisch und Blut haben dir (dies) nicht offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist. 18 Ich sage dir aber, dass du (ein) petros bist, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bilden, und die Pforten des Hades werden sie nicht bezwingen. 19 Ich werde dir geben die Schlüssel des Himmelreiches, und was auch immer du bindest auf Erden, wird gebunden sein in den Himmeln, und was auch immer du löst auf der Erde, wird gelöst sein in den Himmeln.“ 20 Daraufhin gebot er den Jüngern, dass sie niemanden sagen sollten, dass er der Messias ist.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.13 Caesarea Philippi (heute Banias, im Norden Israels gelegen) war die Hauptstadt der Tetrarchie des Herodessohnes Philippus, der die nordöstlichen Territorien seines Vaters von 4 v.Chr. bis 34 n.Chr. regierte. Die Stadt liegt am Fuße des Hermongebirges, der als einer der Gottesberge (Baal-Hermon) in der biblischen Tradition gilt (vgl. Ri 3,3
υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου „Menschensohn
V.14 Die Nennung Jeremias
V.15 Vergleicht man die Frage in V.13 mit der Frage Jesu in V.15, wo Matthäus, nun die direkte Frage „Wer sagt ihr, dass ich bin?“ (τίνα με … εἶναι), bringt, dann erwartet der Evangelist, dass seine Leser Jesus als „den Menschensohn“ identifizieren. Damit ist zwar über die Füllung des Begriffs „Menschensohn“ noch nichts gesagt, da dieser, wie oben gezeigt, mehrdeutig ist. Die Antwort des Petrus
V.16 Gemeinsam ist allen Synoptikern das Bekenntnis „du bist der Messias“; nur Matthäus ergänzt „der Sohn des lebendigen Gottes.“ Das Epitheton „lebendig“ in Verbindung mit Israels Gott ist biblischer Sprachgebrauch, vgl. Dtn 4,33LXX
V.17 „Simon, Sohn des Jona“ – diese feierliche Anrede mit dem verkürzten Vatername Jona (aufgrund von Joh 1,42
Die Metapher vom Bau der Ekklesia: das Motiv des Bauens auf Fels (ἐπὶ τὴν πέτραν) ist bei Matthäus in 7,24–27
Ekklesia/Kirche: Nur Matthäus verwendet unter den Evangelisten das Wort ἐκκλησία (hier und 18,17
V.18 κἀγὼ δέ σοι λέγω – Jesus leitet die nachfolgende Beauftragung an Petrus mit einer feierlichen Formulierung ein, die sonst nicht mehr im NT vorkommt: „Aber auch ich sage zu dir…“ Damit qualifiziert der Evangelist die nachfolgende Aussage über Petrus als eine mit höchster Autorität gemachte Ansage. Die engste Parallele dafür ist die Beauftragung des Petrus in Joh 21,15–18
Πέτρος steht hier als griechische Form von aram. Kephas, der Name, den Jesus Petrus gab (Mk 3,16
πύλαι ᾅδου „die Pforten des Hades
κατισχύω ist hier als „(nicht) stärker sein/werden“ zu verstehen, d.h. die Bedrängnisse, mit der die feindlichen Mächte und Gewalten die Gemeinde attackieren, sind nicht stärker als die Macht, die Petrus von Jesus zugesprochen wurde.
V.19 Zur Binde- und Lösegewalt s. Jes 22,21–23
2. Literarische Gestaltung und Kontext
Die Perikope gehört zu den Lehrdialogen, in denen Jesus durch Nachfrage seinen Jüngern etwas erschließt. Sie bildet einen dramatischen Höhepunkt im Aufbau des MtEv und schließt (mit 16,20
In dem feierlichen Bekenntnis des Petrus kommen die im ersten Teil des Evangeliums angelegten christologischen Verweise (Jesus als Messias, Menschensohn, Sohn Davids, Kyrios) zum Abschluss: der, den seine Jünger als „Herr“ anreden (erstmals 8,25
- zu Messias
s. außer 1,1.16–18 besonders 2,4 („die Weisen“), 11,2 (Johannes der Täufer) und nun hier (die Jünger); - zu „Sohn Gottes“ s. 2,15
; 3,17 ; 4,3.6 ; 8,29 ; 17,5 , und als erstes gemeinsames Bekenntnis der Jünger in Mt 14,33 ; - Jesus selbst nennt Gott seinen Vater
und bekennt sich in 11,25–27 und 16,17 zu seiner Sohnschaft; in 16,20 bezieht Jesus den Messiastitel auf sich und dann noch einmal in Mt 23,10 ; 26,63f.
Das Petrusbekenntnis ist die Antwort auf eine zweiteilige Frage und Teil eines Lehrgesprächs. War das kollektive Bekenntnis zu Jesus als „Sohn Gottes“ in Mt 14,33
Die Perikope ist inhaltlich gegliedert durch das zweimalige σὺ εἶ – „du bist…“ – in V.16 und V.18 (das auch in Joh 6,69
Auf die Akklamation des Petrus folgt, ebenfalls mit einer singulären Einleitung (s. oben zu V.18), seine Installation (formal die Einsetzung eines Niedrigergestellten in eine besondere Funktion durch einen Höhergestellten) durch Jesus: Petrus wird zum Verwalter des ›Neubaus‹ der ekklesia, den Jesus errichtet. Die Übertragung der Schlüsselgewalt bezieht sich nicht primär auf eine Lehrautorität (obwohl dieser Gedanke mitschwingt, vgl. Mt 23,13
3. Historische Einordnung
Im Zentrum steht Petrus, der in Kapitel 14
V.17–19 sind mt Sondergut. Die Verleihung des Ehrennamens „Fels“ (Simon Petrus sollte eigentlich übersetzt werden als „Simon, der Fels“, ähnlich wie Jesus Christus zu übersetzen ist mit „Jesus, der Messias/der Gesalbte“) wird von Matthäus an dieser Stelle aus dramatischen Gründen eingefügt; in Mk 3,16
Mt verwendet Petrus als Eigennamen 23-mal, aber ausschließlich in den beschreibenden Teilen, nie in direkter Rede (das gilt für alle vier Evangelien mit der einzigen Ausnahme Lk 22,34
4. Schwerpunkte der Interpretation
Die lateinische Übersetzung von Mt 16,18 steht auf dem Spruchband der Kuppel des Petersdoms in Rom. Spätestens seit dem 5. Jh. betont die sancta Romana Ecclesia, dass sie „nicht aufgrund irgendwelcher Konzilsbeschlüsse den übrigen Kirchen vorangestellt ist, sondern aufgrund des Wortes des Herrn und Erlösers im Evangelium den Primat erlangt hat, denn er sagte… (es folgt Mt 16,18f.).“ Dieser Satz aus dem Decretum Gelasianum (= DH Nr. 350) und die damit verbundene Interpretation, dass das Petrus zugesprochene Wort sich auf die römische Gemeinde bzw. den Amtsträger der Kathedra Petri aller Zeiten beziehen lässt, bestimmt die Auslegungsgeschichte dieses Textes seit der Reformation. Dass Petrus der Fels ist, auf den die Kirche erbaut ist, und diese Zusage alle seine (vermeintlichen) Nachfolger als Bischof von Rom miteinschließt (wobei historisch gesehen Petrus wohl nie Bischof von Rom gewesen ist!), ist allerdings nicht die dominierende Auslegung der Alten Kirche. Sie hat in dieser Stelle (die in den alten Kommentaren keine große Aufmerksamkeit bekam) vielfältige Anknüpfungspunkte gesehen, die weit über einen Petrus- oder gar Romprimat hinausgehen. Für Origenes
5. Theologische Perspektivierung
Der vielzitierte Satz des katholischen Theologen Alfred Loisy (1857–1940), „Jesus kündigte das Reich Gottes an und gekommen ist die Kirche“ wird oft so verstanden, dass die Kirche die Schwundform des Reiches Gottes
Literatur
- Otto Betz, Felsenmann und Felsengemeinde. Eine Parallele zu Mt 16,17-19 in den Qumranpsalmen, in: ders., Jesus. Der Messias Israels, WUNT 42, Tübingen 1987, 99–126.
- Oscar Cullmann, Petrus. Jünger – Apostel – Märtyrer: Das historische und das theologische Petrusproblem, Zürich 1952.
- Martin Hengel, Der unterschätzte Petrus. Zwei Studien, Tübingen 2006.
- Alfred Loisy, Evangelium und Kirche, München 1904.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Ein herausfordernder Text über die Kirche
Es geht in dieser Perikope um die buchstäblich fundamentale Rolle des Petrus für die „Kirche“. Ist diese Einsicht geeignet, eine evangelische Theologin zusammenzucken zu lassen? Keinesfalls. Denn die exegetischen Betrachtungen machen klar, dass es dem Evangelisten hier nicht darum zu tun ist, einen monarchischen Episkopat zu installieren. Vielmehr lässt er Jesus auf das von Gott geoffenbarte (!) Bekenntnis des Petrus zu ihm als dem Sohn des lebendigen Gottes reagieren und stellt überdies mutmaßlich die faktische Bedeutung des historischen Petrus für die Anfänge der „Jesusgemeinden“ heraus.
Dennoch provoziert mich dieser biblische Text und zwar wegen der immensen geistlichen Bedeutung, die der „Kirche“ hier zugesprochen wird. Ihr komme, so das Evangelium, eine Schlüsselfunktion für den Zugang zum Reich Gottes zu. Roland Deines fasst den Gehalt des mt Kirchenbildes sogar mit den Worten zusammen, dass sie der „irdische Verwirklichungsort von allem Guten [sei], das mit Jesus in diese Welt“ gekommen ist. Gegen diese Vorstellung sträubt sich in mir viel und das hat maßgeblich mit dem in den letzten Jahren sichtbar gewordenen Ausmaß sexuellen und geistlichen Machtmissbrauchs innerhalb der kirchlichen Strukturen und durch Kirchenmenschen zu tun. Und so kommt eine Predigt zu Mt 16,13-19 meines Erachtens nicht daran vorbei, sich differenziert und sogar schmerzvoll mit Anspruch und Wirklichkeit, Verheißung und Realität der Kirche auseinanderzusetzen.
2. Thematische Fokussierung
Kirche, Petrus und die Pforten des Hades
Die Perikope bietet insbesondere zwei inhaltliche Anhaltspunkte für die Predigt. Zum einen drängt es sich (wie schon angedeutet) vom Text selbst, aber auch vom Pfingstmontag her auf, in der Predigt über die „Kirche“ nachzudenken, in all ihrer Ambivalenz: Über die ihr zugesprochene geistliche Bedeutung und Weite (man denke hier auch an die so schlichte wie großartige Bestimmung in CA VII), aber genauso über ihre oft beklagte organisatorische Enge. Über ihre Schönheit, aber auch Anfälligkeit und Abgründigkeit (Stichwort Missbrauch), über ihre schwindende Attraktivität in unseren Breitengraden, aber auch über ihre positive Prägekraft, die sie für Menschen entfaltet hat und immer noch entfaltet.
Zu berücksichtigen ist dabei natürlich, dass der Begriff „Kirche“ schillert. Denn er hebt zum einen auf eine theologische Größe (Kirche als „Gemeinschaft der Heiligen“) ab, aber ebenso auf soziologisch zu beschreibende Phänomene (Kirche als Organisation, Institution, Interaktion und Inszenierung). Allerdings – und das macht es nicht leichter – lassen sich beide Dimensionen weder faktisch noch ihrem Anspruch nach strikt voneinander trennen, schon gar nicht in der Wahrnehmung der Menschen innerhalb wie außerhalb der Organisation Kirche. Man kann es sich also nicht dadurch leicht machen, alle Missstände und Probleme lediglich der Organisation Kirche zuzuschieben.
Der zweite (und keineswegs alternative, sondern dazu passende) Anhaltspunkt, den die Perikope für die Predigt bietet, ist die Gestalt des Petrus (vgl. dazu Art. Petrus
Fragt man noch, welche der in der Exegese herausgearbeiteten Aspekte des Predigttextes einen befremdlichen Charakter aufweisen, so ist es zumindest für mich die Rede vom „Hades“ und damit die Vorstellung einer „von „bösen Toten und Geistern“ (Deines) bevölkerten Sphäre, die die Kirche bedrängt und bekämpft. Gleichwohl scheint mir gerade dieses Element des Textes besonders wichtig zu sein, weil es die Bedrohung der Ekklesia einspielt, deren Thematisierung für eine Predigt zu Mt 16,13-19 aus meiner Sicht unerlässlich ist.
3. Theologische Aktualisierung
Kirche zwischen Himmel und Hades
Ganz unzweifelhaft ordnet sich die in Mt 16 zu findende jesuanische Verheißung an die christliche Gemeinde einem breiten Strom affirmativer biblisch-ekklesiologischer Aussagen und Bilder zu. So gibt etwa Paulus zu erkennen, dass die Kirche seiner Auffassung nach durch Gott bzw. Christus berufen sowie in ihm gegründet und Christus demnach in ihr wirksam ist. Im 1Petr wird die Gemeinde mit einem geistlichen Haus verglichen, einem Bau, der durch den Eckstein Christus zusammengehalten wird usw. (vgl. dazu Art. Gemeinde (NT)
Trotzdem macht das Neue Testament keinen Hehl daraus, dass die christliche Gemeinschaft in ihrer konkreten Existenz auch mit Missverhalten, Verwerfungen und Streit zu tun hat, dass demnach um die Christusförmigkeit der Kirche immer gerungen werden muss. Davon zeugt das Matthäusevangelium selbst, wenn es uns Petrus wenige Verse nach der Perikope als Sprachrohr des Satans vor Augen stellt, dem es darum geht, Jesus von seinem Weg ans Kreuz abzubringen. Davon zeugt auch die Epistel des Pfingstmontags (1Kor 12,4-11
Alles in allem wird es in der Pfingstmontagspredigt darauf ankommen, theologisch gewissenhaft von beidem zu sprechen: von den Verheißungen, die auf der Kirche liegen, aber genauso von ihrer ständigen Bedrohtheit und Verirrung, die im Predigttext durch die „Pforten des Hades“ repräsentiert wird. Dabei ist es aus meiner Sicht wichtig, diese Bedrohung der Kirche nicht nur im Außen zu verorten (also etwa im liberalen „Zeitgeist“), wie man das immer wieder hören und lesen kann. Es gibt Bedrohungen von außen, gerade in Ländern, in denen Christinnen und Christen verfolgt werden. Trotzdem liegt die Gefährdung der Kirche genauso in ihrem „Inneren“: Im geistlichen Hochmut und Machtstreben der Menschen, die Kirche sind und Kirche gestalten. Aber damit verfehlt Kirche ihr Wesen, sofern sie nicht Machtanstalt sein kann (auch wenn es solche theologischen Phantasien in der Christentumsgeschichte gab und wohl immer noch gibt). Kirche lebt nicht aus dem Eigenen (etwa aus ihren Strukturen, Ämtern), sondern gründet auf einem ihr unverfügbaren Geschenk. Daran erinnert der Predigttext eindrücklich. Es ist das offenbarte Bekenntnis zu Jesus als dem Christus, auf das Jesus mit seiner Verheißung für die Kirche reagiert.
4. Inszenierungsimpulse für Predigende
Das Felswort in Sichtweite eines Felsgebirges
Ein gestalterischer Anstoß des Predigttextes liegt für mich in der Entdeckung, dass das Felsenwort an Petrus in Sichtweite eines Felsgebirges ergeht, genauer gesagt in Sichtweite des Hermongebirges. Damit eröffnet sich ein bildlicher Assoziationsraum, den man für die Predigt über die Kirche in ihrer Ambivalenz fruchtbar machen könnte, v.a. weil man bei Gebirgen gleichermaßen an Geröll, Erosion und die Mühen des Auf- und Abstiegs denken kann, so wie an Beständigkeit, Licht, Weite und Himmelsnähe.
Autoren
- Prof. Dr. Roland Deines (Einführung und Exegese)
- Dr. Kathrin Mette (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500121
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