Lukas 10,17-20 | Tag des Erzengels Michael und aller Engel (Michaelis) | 29.09.2025
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 10,17-20
Übersetzung
17 Die Zweiundsiebzig kamen aber voller Freude zurück und erzählten: „Herr, auch die Dämonen sind uns in deinem Namen untertan“. 18 Er sagte aber ihnen: „Ich sah den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel fallen. 19 Siehe, ich habe euch Vollmacht gegeben auf Schlangen und Skorpione zu treten, und über alle Macht des Feindes, und nichts wird euch schädigen. 20 Freut euch nicht darüber, dass euch die Geister untertan sind, freut euch aber, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind.“
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Satanas ist ein Hebraismus und bezeichnet den Feind (vgl. V. 19), v.a. den Ankläger vor Gottes Gericht. Als solcher gehört er zunächst zu Gottes Hofstaat (Hi 2,1–10
2. Gattung und Kontext
Die Erzählung befindet sich am Beginn des großen Reiseberichts, der Jesus auf dem Weg nach Jerusalem zeigt, dem Ort seines Todes. Diese Ausrichtung auf die Passion unterstreichen auch die weiteren Leidensweissagungen, die Lukas über die Markusvorlage hinaus eingefügt hat (Lk 11,49-51
3. Schwerpunkt der Interpretation
Jesus hatte seine Jüngerinnen und Jünger ausgesandt, um die Nähe der Gottesherrschaft anzusagen und Frieden und Heil zuzusprechen. Jetzt kommen sie zurück und erzählen ihrem „Herrn“ voller Freude, dass ihnen in seinem Namen selbst die Dämonen untertan waren. Sie wurden sie also nicht wie Schafe unter Wölfen zerrissen, sondern vermochten machtvolle Taten zu vollbringen, was nicht zuletzt dazu geführt hat, dass nun nicht mehr der Satan vor Gott steht. In seiner Antwort betont Jesus in bewusster Abgrenzung zur Faszination der Macht, die das Wesen des Teufels ausmacht (vgl. Lk 4,1-11
4. Theologische Perspektivierung
Wenn Jesus den Satan vom Himmel fallen sah, so macht dieser Sturz den Platz frei, den Jesus dann mit seiner Himmelfahrt einnimmt. Statt des Anklägers der Menschen steht nun deren Verteidiger vor Gott. Zugleich aber hat der vom Himmel gestürzte „alt böse Feind“ auf der Erde noch immer „groß Macht und viel List“ (vgl. Lk 4,6
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Der Reisebericht als Beginn der Passionsgeschichte – dieses Ergebnis der Exegese regt mich zum Nachdenken an. Kann Nachfolge – so denke ich weiter – Himmel- und Höllenfahrt sein? Die Betonung, dass die Jünger entbehren sollen/müssen, um dem, der heimatlos umherzieht, nachzugehen, nimmt den Kontext mit in die Verse hinein.
Gleichzeitig lese ich die Aussage: „und nichts wird euch schädigen“ auch wie eine Verheißung von Schutz. Dass sich hier der Wandel von einem Ankläger zu einem Verteidiger als Grundintention göttlichen Handelns vollzieht, diese Deutung finde ich wegweisend.
Schaue ich nur auf die vier Verse, dann scheinen für mich auch Anklänge an apokalyptische Bilder auf. Der Satan als Inbegriff des Bösen, der Sturz als Zeichen der endgültigen Entmachtung und das Zertreten von Skorpionen und Schlangen – diese Aussagen zielen zwar nicht auf eine endzeitliche Vision, aber die den Jüngern gegebene Vollmacht wird doch durch kosmische Erscheinungen bestärkt.
Zwischen der Freude der Jünger im ersten Vers der Perikope und der Freude, von der Jesus im letzten Vers spricht, wird in wenigen Sätzen ein machtvoller Umsturz skizziert.
Aus einem überschwänglichen Bericht bei der Rückkehr nach einer gelungenen Auftragsreise wird eine eschatologische Verheißung.
2. Thematische Fokussierung
Jesus nimmt die Aussage der Jünger, dass auch die Dämonen ihnen untertan sind, zunächst auf und bestärkt sie durch seine Vision, dass der Satan wie ein Blitz vom Himmel stürzt. Die Vollmacht in Jesu Namen ist mächtig und wirksam. Gleichzeitig wird diese Vollmacht konkretisiert und abgegrenzt. Es geht nicht um eine Macht, die durch Überlegenheit wirkt, sondern um eine, die Zugehörigkeit und Verbundenheit zum Ziel hat. In dieser Hinsicht wird sie zu einer Macht, die nicht auf Destruktion hinaus will, sondern aufzurichten in der Lage ist. Und weitergedacht: Eine solche Vollmacht ist in der Lage, dem Negativen und Schädlichen die Kraft zu nehmen. Wodurch entfaltet sie eine solche Wirkung? Jesus verweist darauf, dass die Namen im Himmel geschrieben sind. Ich verstehe das als ein Bild, das nicht nur auf eine abstrakte Beziehung verweist, sondern darauf, dass Gott mich kennt und ansprechen kann. Menschliche Macht, die auf Selbstbehauptung zielt, kann verschwinden, wenn Gott mich anspricht und mich meint. Damit wird eine alternative Bestimmung von Sein gegeben: Sein, Selbstsein konstituiert sich statt durch das Selbstwirksamkeitserleben der Person durch die je individuelle, unhintergehbare und bleibende Ansprache der Person durch Gott. Entscheidend für das Leben in der Nachfolge scheint darum zu sein, „wes Geistes Kind wir sind.“ Dass es darauf ankommt, in diesem Geist zu bleiben, auch wenn die Umgebung anders reagiert, das wird schon in den ersten Versen des Kapitels zum Ausdruck gebracht, in denen Jesus den Jüngern eine eher zurückhaltende „missionarische Haltung“ mit auf den Weg gibt. Die Perikope thematisiert die Ambivalenz zwischen erfahrener Selbstwirksamkeit im eigenen Handeln und der bleibenden Bezogenheit auf Gott als Ursprung und Garanten gelingender Interaktion. Die Dramatik, mit der der Satan und das Böse verschwinden, der Platz im Himmel geräumt, die Dämonen ausgetrieben und die giftigen Einflüsse im Bild der Skorpione und Schlangen vernichtet werden, lässt erahnen, wie groß die Versuchung sein kann, den irdischen (und damit durchaus auch eigenen) Machtspielen und -ansprüchen nachzugeben. Sie lässt auch erahnen, dass es in der Nachfolge um etwas geht und in der Vollmacht Jesu zu sprechen und zu handeln einen Unterschied macht. Ein wichtiger Akzent dieser Perikope scheint mir zu sein, dass Jesus angesichts der Tatsache, dass es um entscheidende Machtfelder und gewichtige Akteure geht, die Jüngerinnen und Jünger konsequent stärkt, indem er ihnen seine Vollmacht überträgt, sie ihnen zutraut, sie handeln lässt und ihnen Schutz zusagt. In der Nachfolge Christi kann es um das Ringen mit Mächten und Gewalten gehen – die Zusage und „Verteidigung“ Gottes stehen und sind gerade damit konsequenter Ausdruck, dass Gott Garant dessen ist, was dem Leben dient.
3. Theologische Aktualisierung
Teufel und Dämonen symbolisieren Machteinwirkungen, die die Erfahrung eigener Ohnmacht mit sich bringen und die sich destruktiv auf Psyche, Seele und Geist auswirken. In der antiken Welt wurden diese Machteinwirkungen personalisiert und ihnen wurde dementsprechend ein eigener „Antrieb“ zugeschrieben. In den neutestamentlichen Zeugnissen wird Jesus Christus die Überlegenheit über diese Mächte zugeschrieben.
Was immer sich als destruktiv für das Leben erweist – sei es noch so übermächtig – es hat letztendlich keinen Bestand. Was bedeutet das für die Nachfolge der Jüngerinnen und Jünger bzw. für diejenigen, diejenigen, die sich in der Nachfolge Jesu begreifen?
Zwei Punkte erscheinen mir wichtig: Zum einen schmälert Jesus nicht, dass die Jüngerinnen und Jünger die Dämonen vertrieben haben und die Geister ihnen untertan sind. Er redet ihre Wirkung nicht klein. Sie können das. In Zeiten einer großen Verunsicherung über die Bedeutung des Christentums und der Frage nach der Relevanz der Kirchen in der westlichen Welt höre ich das als große Stärkung derer, die sich in der Nachfolge Christi verstehen.
So sehr Jesus ihnen Zurückhaltung auferlegt, wenn und wo sie nicht willkommen sind und sie „den Staub von den Füßen zu schütteln“ (Lk 10,11
Dass ihre Namen im Himmel geschrieben sind, eine unverbrüchliche Beziehung bleibt, auch wenn die sozialen Beziehungen sich als destruktiv oder gar vergiftet erweisen, erscheint wie der Horizont, an dem sie sich ausrichten können.
Zum anderen wird ihnen Schutz zugesagt. Nichts wird euch schädigen. Wer in der Nachfolge steht, ja gesandt wird, geht in einen öffentlichen Raum, der immer schon Austragungsort von Mächten und Gewalten war. Angesichts destruktiver Kräfte in einer Gesellschaft, die nun gerade durch ein Erstarken politisch autoritärer Machtausübung verbreitet werden, scheint mir das der zweite wichtige Aspekte in einer heutigen Situation der Nachfolge. Die Dimension der Mächte wird nicht verkleinert. Dennoch muss man sich von dieser Unkultur oder anderen gesellschaftlichen Mächten, die sich im öffentlichen Raum zeigen, nicht „anstecken“ lassen. Man kann eine andere Öffentlichkeit herstellen. Prominentes jüngstes Beispiel ist die Predigt der anglikanischen Bischöfin Mariann Budde, die in ihrer Predigt nach der Amtseinführung des 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten diesen um Erbarmen bittet. Dass diese Bitte internationale öffentliche Beachtung erfahren hat, ist Ausdruck dessen, wie wirkmächtig eine christliche Rede ist, die nicht auf menschliche Macht setzt und ihr eine göttliche Kultur der Menschlichkeit entgegensetzt.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der Michaelistag verlegt den Fokus der Perikope auf die Bedeutung der guten Macht Gottes. In der evangelischen Tradition hat die Feier der Erzengel an Bedeutung zugenommen, ist aber nach wie vor ein nicht selbstverständlich begangener Festtag. Dabei geht es nicht um eine Engelverehrung, sondern um die Bedeutung der Engel als Macht gegen das Böse und als Boten Gottes. In gewisser Weise haben in Lk 10
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Dr. Melanie Beiner (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500140
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