Epheser 4,25-32 | Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus | 27.01.2025
Einführung in den Epheserbrief
Die aktuellen Fragen, die in der Exegese des Epheserbriefs
1. Verfasser
In der Exegese herrscht große Einigkeit darüber, dass der Epheserbrief nicht von Paulus verfasst wurde. Dagegen sprechen die von den authentischen Paulusbriefen abweichende eigene Sprachgestalt (z.B. die Vorliebe für überlange Sätze) sowie theologische Weiterentwicklungen, besonders in Christologie und Kosmologie (z.B. Christus, der das All zusammenfasst Eph 1,10
2. Adressaten
Der Eph ist nach 1,1
3. Entstehungsort
Was für die Adressaten gilt, gilt auch für den Entstehungsort des Schreibens. Das westliche Kleinasien ist ein Entwicklungszentrum des frühen Christentums, wie z.B. die in Offb 2f
4. Wichtige Themen
Theologie, Christologie, Kosmologie und Ekklesiologie sind wichtige Themen des Eph - und sie sind eng miteinander verbunden. Der Kosmos besteht aus zwei Räumen, Erde (4,9
Dies wird mit Hilfe verschiedener Bilder zum Ausdruck gebracht. Neben der Kirche als „Leib Christi“ wird sie auch als „Bauwerk“, in dem die Christen Wohnrecht haben, und als „Tempel“ bezeichnet (2,19-22
Deshalb ist die Ekklesiologie auch nicht, wie oft vertreten wurde, das eine, zentrale Thema des Eph. Ohne die Christologie (und die damit verbundenen soteriologischen Aussagen) wären die Aussagen über die Kirche ihrer Grundlage beraubt. Was in der Kirche erkannt, geglaubt und von ihr in die Welt getragen wird, ist nicht in erster Linie eine Lehre von der Kirche, sondern ein Bekenntnis zu Christus (vor allem 1,3-14
Der ganze zweite Hauptteil des Eph und damit die Hälfte des Schreibens befasst sich mit der Lebensführung der Adressaten. Das hat Auswirkungen auf das Verständnis der Ekklesiologie. Gerade weil die Kirche das Geheimnis Gottes als Grundlage (1,10
Dass alles, was es im Himmel und auf Erden gibt, alle Menschen, alle Mächte und Gewalten, die von den Christen schon erkannte und geglaubte Erlösung in Christus ebenfalls erkennen und in das Gotteslob (1,3-14
5. Besonderheiten
Das Schreiben ist mit dem Kol eng verwandt, und zwar im Blick auf den Gesamtaufbau (Eph 1-3
Literatur:
- Sellin, Gerhard: Der Brief an die Epheser, KEK, Göttingen 2008.
- Lindemann, Andreas: Der Epheserbrief, ZBK NT 8, Zürich 1985.
- Gese, Michael: Der Epheserbrief (BNT), Neukirchen-Vluyn 32022.
A) Exegese kompakt: Epheser 4,25-32
Übersetzung
25 Darum, indem ihr die Lüge ablegt, redet die Wahrheit, jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Wenn ihr zürnt, sündigt nicht; die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, 27 und gebt nicht Raum dem Teufel. 28 Wer stiehlt, stehle nicht mehr, vielmehr bemühe er sich, mit eigenen Händen das Gut(e) zu schaffen, damit er (etwas) habe, um es dem zu geben, der es nötig hat. 29 Kein schlechtes Wort gehe aus eurem Mund, sondern ein gutes zur Erbauung, wo es nötig ist, damit es Gnade gibt denen, die es hören.30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, in dem ihr versiegelt worden seid für den Tag der Erlösung.
31 Alle Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und Lästerung seien von euch weggenommen samt aller Bosheit. 32 Werdet aber untereinander gütig, herzlich, vergebt einander, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 26 ὀργίζεσθε καὶ μὴ ἁμαρτάνετε: wörtlich - zürnt, aber sündigt nicht.
V. 29 ἀλλʼ εἴ τις ἀγαθὸς πρὸς οἰκοδομὴν τῆς χρείας: wörtlich - sondern, wenn es ein gutes (ist) zur Erbauung des Bedarfs.
2. Literarische Gestalt
Der Abschnitt lässt sich in eine Reihe von Mahnsprüchen (V. 25–30) und sowie einen Laster- und einen Tugendkatalog (V. 31f.) unterteilen. Die Mahnungen werden jeweils negativ und positiv aufgeschlüsselt (legt die Lüge ab / redet die Wahrheit etc.) und teils mit einer Begründung (V. 25 wir sind untereinander Glieder), teils mit einer weiterführenden Konsequenz ergänzt (V. 28 damit er abgeben kann; V. 29 damit es Gnade bringe). Die Mahnung, den heiligen Geist Gottes nicht zu betrüben, hat umfassenden Charakter und schließt die vorangehenden Mahnungen mit ein.
V. 31f. fügen einen Katalog von fünf zu meidenden Lastern und einen Tugendkatalog an. Gewarnt wird vor Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei, Lästerung und zusammenfassend vor aller Bosheit; ermutigt wird zu freundlichem, herzlichem Verhalten und zur Vergebungsbreitschaft, die mit der Vergebung Gottes in Christus begründet wird.
3. Literarischer Kontext
Διὸ greift auf 4,22–24
Martin Dibelius hatte im Blick auf solche Mahnungen von „usueller Paränese“ gesprochen, damit deren allgemeinen Charakter betont und von „aktueller“, situationsbezogener Paränese abgehoben. Natürlich wird man sich die frühchristlichen Gemeinden nicht als Ansammlung leicht reizbarer Lügner und Diebe vorstellen, die mit solchen Mahnungen auf den rechten Weg gebracht werden sollen. Die Mahnungen in Eph 4,25ff. gehen wie vergleichbare Paränesen immer über konkrete Situationen hinaus. Das schließt aber konkrete Anhaltspunkte nicht aus. Wenn man die eindringliche Mahnung zu Einheit und Einigkeit in 4,1–6
4. Schwerpunkte der Interpretation
Wahrheit ist ein „ethischer Leitbegriff“ im Eph (Sellin). Sie hat ihren Grund in Jesus (4,21) und zeichnet den „neuen Menschen“ grundsätzlich aus (4,24). „Die Wahrheit zu reden“ ergibt sich daraus von selbst; „jeder mit seinem Nächsten“ ist an Sach 8,16
Zorn kann angebracht sein, aber leicht zur Sünde werden. Man kann ein „Kind des Zorns“ sein (2,3
Das Gute mit den eigenen Händen zu erarbeiten eröffnet die Möglichkeit, Bedürftige zu unterstützen. Bei τὸ ἀγαθόν kann an ein gutes Werk gedacht sein oder an ein Guthaben, das man sich erarbeitet und mit dem man Gutes tun kann. Andere zu unterstützen ist jedenfalls das Gegenteil von wegnehmen / stehlen – und darauf liegt der Schwerpunkt. Ob es Diebe unter den Adressaten gegeben hat, ist nicht zu entscheiden.
Wenn Christen reden, sollen es gute Worte sein, die aufbauen und für die, die sie hören, hilfreich sind (Gnade geben). χάρις kommt zwölfmal im Eph vor, ganz überwiegend von der Gnade Gottes in Christus. Sie ist der Grund dafür und schafft die Möglichkeit, dass die Christen nun ihrerseits anderen Gutes tun und sagen. Schlechte – wörtlich: faule – Worte passen dazu nicht. Die Anordnung der Laster in V. 30 deutet an, wie die innere Befindlichkeit (Bitterkeit, Wut, Zorn) nach außen drängt (Geschrei und Lästerung).
Sich so wie in den negativen Beispielen zu verhalten, würde – wie in Anspielung an Jes 63,10
Auch in den beiden folgenden, allgemein formulierten Katalogen (sie haben mehr als die vorangehenden Mahnungen „usuellen“ Charakter) tragen die positiven Mahnungen den wichtigen Akzent, wie die Begründung im abschließenden καθὼς-Satz zeigt. Gott hat den Adressaten in Christus Gnade erwiesen. Diese Erfahrung fordert und fördert ein entsprechendes Verhalten. Bosheit, welcher Art auch immer, hat da keinen Platz mehr.
5. Theologische Perspektivierung
Nicht lügen, nicht zürnen, nicht stehlen, nicht schlecht reden – das sind grundlegende ethische Mahnungen, keineswegs nur im NT. Sind sie hier mehr als zwar nicht immer befolgte, aber doch allgemein anerkannte Verhaltensregeln? Ja, sind sie, in mehrfacher Hinsicht:
- Die Mahnungen dienen dem Zusammenleben und dem Zusammenhalt in der Gemeinschaft, u.z. in der Gemeinschaft der Christen, die zusammengehören (4,25) und zugleich am Leib Christi (4,15f.
; 5,30 ) Glieder sind. In dieser Gemeinschaft sind sie mehr als bloß vernünftige Regeln; das sind sie auch, aber hier erwachsen sie aus erfahrener Gnade und einer grundlegenden Orientierung an Christus. Im unmittelbar anschließenden Vers 5,1f. wird dies mit dem Gedanken der Nachahmung Gottes und Christi zusammengefasst. - Deshalb ist bei den Mahnungen der positive Aspekt stärker ausgeführt und betont. Letzten Endes geht es hier weniger um das, was man lassen, sondern um das, was man tun soll. Wenn man 2,1–3
(… Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gewandelt seid) und 4,17–23 (… legt den früheren Wandel ab) mit heranzieht, wird deutlich, dass die negativen Verhaltensweisen für die Christen gar keine Option mehr darstellen. Der Akzent liegt auf der Orientierung an Christus. - Die Mahnungen in V. 25–29 haben den Nächsten im Blick. Das ist in 4,25 ausdrücklich formuliert, bestimmt aber auch die anderen Aussagen. Bedürftige unterstützen (V. 28), mit guten Worten aufbauen (V. 29), ein gütiger und herzlicher Umgang miteinander (V. 32). Wer Gnade erfahren hat (V. 32 ὁ θεὸς ἐν Χριστῷ ἐχαρίσατο ὑμῖν), kann im Umgang mit dem Nächsten gnädig handeln und reden (V. 29 ἵνα δῷ χάριν τοῖς ἀκούουσιν).
- Die beiden Mahnungen in V. 27 und 30 lenken den Blick auf das Grundsätzliche: Was oder wem gebe ich in meinem Handeln Raum? Und in was für einem Geist handle ich? Eine christliche Ethik lässt sich oftmals weder in Abgrenzung noch in positiver Darlegung bis ins letzte Detail bestimmen. Grundlegend aber ist der Blick auf die erfahrene Zuwendung Gottes in Christus. Sie steckt den Raum und den Orientierungsrahmen für das Handeln ab.
Literatur
- Dibelius, M: Die Formgeschichte des Evangeliums, Tübingen 1966 (5), 239f.
- Sellin, Gerhard: Der Brief an die Epheser (KEK), Göttingen 2008
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Lektüre des Predigttextes irritiert mich im ersten Moment, weil der Zusammenhang zwischen dem Anlass des Gottesdienstes, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (27.1.2025), und der Adressierung der Hörer:innen als „neue Menschen“ (Eph. 4, 22-24
Vor diesem Hintergrund macht mich eine erste Begegnung mit der Exegese der Perikope auf zwei Aspekte aufmerksam, die einen Zugang erschließen: Zum einen nimmt die Exegese den mich irritierenden Aspekt der Spannungen in formaler Hinsicht auf. Sie akzentuiert negative und positive Mahnungen (V. 25–30), auch verweist sie auf einen 5-gliedrigen Laster- sowie einen Tugendkatalog (V. 31f). Zum anderen macht sie deutlich, dass auch eine Öffnung des Adressatenkreises über den Personenkreis der christlichen Gemeinschaft hinaus nicht ausgeschlossen ist: Die Perikope setzt – in Aufnahme des fast parallelen Abschnitts in Kol. 3,8–14
2. Thematische Fokussierung
Die Exegese arbeitet heraus, dass auch dann, wenn die Wahrheit als ein „ethischer Leitbegriff“ angesehen wird, sie doch auch und gerade ihren Grund in Jesus (4,21) hat. Als ethischer Leitbegriff soll sie den „neuen Menschen“ in seinem Verhalten grundsätzlich begleiten (4,24). Die Wahrheit hat sich als eine wichtige Eigenschaft des Christenmenschen zu bewähren. Dazu gehört nicht nur, dass sich der Christenmensch an dieser Eigenschaft orientiert, sondern auch, dass sie sich in Routinen konkretisiert: Der Christenmensch kann nicht anders als die „Wahrheit zu reden“. Das Handeln aus der Wahrheit heraus wird zu einer Art selbstverständlichem Habitus, insofern es nun auch gegenüber dem Nächsten (Sach 8, 16
Der (zunehmenden) Einübung der Wahrheit als Haltung eines Christenmenschen entspricht demgegenüber vor allem ein Tun, das sich denen zuwendet, die dieser Zuwendung bedürftig sind. Andere zu unterstützen, bedeutet das Gegenteil von wegnehmen oder stehlen, und dies kann so gelesen werden, dass das Gute, das mit eigenen Händen erarbeitet wird, darin besteht, Würde und Anerkennung zu restituieren. Dies kann sich auf das direkte Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus beziehen. Zwar scheinen manche Opfer stärker oder längere Zeit als andere in Vergessenheit geraten zu sein. Das Gute tun bedeutet aber nichts Anderes als dafür zu sorgen, dass möglichst alle in den Genuss einer Wiederherstellung ihrer Würde kommen und dass ihr Leiden als solches anerkannt wird. Wenn Christen reden, sollen es gute Worte sein, die aufbauen und für die, die sie hören, hilfreich sind. Die Gnade ist der Grund dafür, dass die Christen nun ihrerseits in der Lage sind, anderen Gutes zu tun und zu sagen. Insofern Gott den Adressaten in Christus Gnade erwiesen hat, fordert und fördert diese Erfahrung ein entsprechendes Verhalten. Schlechte – wörtlich: faule – Worte passen dazu nicht. Das Gute mit eigenen Händen zu erarbeiten, umfasst vor diesem Hintergrund dann zugleich die (Selbst-)Verpflichtung, sich denjenigen zu widmen, die aktuell unter den Folgen des Nationalsozialismus leiden, weil deren Ideologie aus verschiedenen, insbesondere (gesellschafts-) politischen Gründen neuen Zulauf erhält.
3. Theologische Aktualisierung
Der Text verlangt – im Unterschied zu entsprechenden Erwartungen, die sich mit einem kirchlich gefeierten Gedenktag verbinden könnten, ich hatte eingangs darauf hingewiesen – keine Umkehr, keine Buße, keine Schuldanerkenntnis. Er setzt vielmehr die Gnade, in der die Adressierten leben, voraus und spricht ihnen die Möglichkeit zu, einen neuen Habitus auszubilden. Der Wechsel von altem zu neuem Habitus bedarf der Unterstützung. So ist der neue Habitus u.a. angewiesen auf konstante Einübung von Routinen im Umgang mit der (sittlichen) Wahrheit. Insofern sind die grundlegenden ethischen Mahnungen – nicht lügen, nicht zürnen, nicht stehlen, nicht schlecht reden – als Verhaltensregeln zu begreifen , die zwar allgemein anerkannt sind, aber doch nicht immer befolgt werden. Der Text entwickelt den „Anspruch“, dass Christenmenschen sich immer wieder der Einhaltung dieser Regeln vergewissern. Dazu bedarf es allerdings konkreter bzw. auf die Situation bezogener Begründungen: Zum einen entspringen die Mahnungen dem Zusammenleben und dem Zusammenhalt der Gemeinschaft der Christen, die zusammengehören (4,25) und zugleich am Leib Christi (4,15f.
Mit Blick auf die erfahrene Zuwendung Gottes in Christus, die den Raum und den Orientierungsrahmen für das Handeln des neuen Menschen absteckt, zeichnet sich die Entwicklung einer ekklesiologischen Vorstellung ab, die in der paulinischen Tradition der Rechtfertigung ihre Grundlagen hat. Anders formuliert: Der Anspruch setzt den Zuspruch voraus bzw. der Indikativ geht dem Imperativ voran. Indem der Christ sich den Opfern und ihren Nachfahren zuwendet, tut er etwas, was ihm durch die Gnade Gottes in Christus aufgetragen ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Zusage hat insofern für alle Opfer ihre Relevanz, als die Christen ihre ausführenden Organe sind.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Da der Gedenktag nicht auf einen Sonntag fällt, ist die Reflexion der theologischen Rahmung zentral: Der Gottesdienst hat seinen Anlass in der Existenz eines säkularen Gedenktags, der die Erinnerung u.a. an Holocaust und Shoah theologisch reflektiert. Auch wenn die Opfer nicht nur unter den jüdischen Mitbürgerinnen und -bürgern zu finden sind, so ist diese Gruppe doch am allermeisten betroffen. Es gilt der Spannung zwischen äußerem Gedenken und christologischem Anspruch im Gottesdienst inne zu werden. Erst dann wird es möglich, auch denjenigen, die gedenken, also überwiegend den Nachfahren der Täter:innen Trost zu spenden. Daher empfiehlt sich eine Aktualisierung des Textes, die direkt in der Gegenwart ansetzt und sämtliche Personen adressiert, die als Nachfahren von Opfern des Nationalsozialismus gelten können. Dies können neben den Nachfahren von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, sexuell exkludierte, aber auch Menschen mit besonderen Fähigkeiten oder durch Flucht und Vertreibung traumatisierte Personen der zweiten, dritten oder vierten Generation sein. Denkbar ist allerdings auch, dass man auf ein Kunstwerk zurückgreift, wie etwa Chagalls weiße Kreuzigung (1938), in der das Tableau der Opfer vor der Zeit zur Sprache kommt.
Wenn es diesen Text nicht gäbe, so fehlte die Notwendigkeit, sich theologisch über den Umgang mit der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus Gedanken zu machen. D.h. konkret zu fragen, wer die Opfer sind und in welchem Verhältnis die Zusage an den „neuen Menschen“ im Gegenüber zum Gedenken an die Opfer steht.
5. Anregungen
Die Predigt sollte den Versuch unternehmen, sich den Folgen der Spannung, in die der „neue Mensch“ im Gegenüber zu den Gräueln des Nationalsozialismus gestellt ist, aus der Perspektive derjenigen, denen Gottes Gnade in Christus zugesprochen ist, zu stellen. Dies scheint u.a. anderem möglich, insofern man den Anspruch unseres Predigttextes vor dem Hintergrund dessen diskutiert, was man überwinden will: die Lüge, den Zorn, das Fortnehmen. Der Anspruch kann sich in verschiedenen Formen konkretisieren: u.a. im Gegenüber zu Adornos neuem kategorischen Imperativ oder in die Diskussion darüber münden, ob es in unserer Gegenwart Personen gibt, die als „Gerechte unter den Völkern“ bezeichnet werden könnten. Denkbar ist zudem, Erfahrungen älterer Gemeindeglieder von Flucht und Vertreibung zu fokussieren oder das Fortleben entsprechend traumatischer Erfahrungen bei den Nachfahren anzusprechen.
Konkrete Schreibimpulse wären etwa: Wer zählt für mich heute unter die Opfer des Nationalsozialismus? Wie will ich/Wie wollen wir als Christ/en dieser Opfer konkret gedenken? Wie halte ich/Wie halten wir die Spannung zwischen der mir/uns in Christus vermittelten Gnade und dem daraus abgeleiteten Anspruch gegenüber meinem/unseren Nächsten aus?
Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz, in: Gesammelte Schriften, Bd.10/2, Frankfurt/ Main 2003, 674-690, 674: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen, noch zu sollen.“
Autoren
- Prof. Dr. Peter Müller (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Antje Roggenkamp (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500093
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