Jesaja 58,7-12 | Erntedank | 05.10.2025
Einführung in das Jesajabuch
1. Verfasser
Der Kern des Jesajabuches geht auf den gleichnamigen Propheten zurück, der im 8. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem wirkte. Spätestens die Kapitel ab Jes 40
Im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Forschung des 20. Jahrhunderts ist der Kernbestand bei allen drei Teilen teilweise auf wenige Kapitel geschrumpft. Der Großteil wird späteren Ergänzern, Fortschreibern oder Redaktoren zugewiesen. Das hat zwei Folgen:
- Zum einen kann man nur einen kleinen Teil der Schrift „mit Sicherheit“ dem Propheten Jesaja oder Deuterojesaja zuweisen, während der überwiegende Teil des Buches Jesaja von unbekannten Redaktoren etc. verfasst wurde.
- Zum anderen gibt es eine stärkere Orientierung am „Sitz im Buch“, d.h. man kann die Texte meist nicht einem ganz bestimmten Zeitpunkt zuweisen, dafür aber die Stelle, in der der Text vorkommt, aus dem Buch heraus begründen.
Die Texte des Jesajabuches sind keine zufällige Sammlung von Einzelworten, sondern eine – wie auch immer geartete – Komposition oder bewusste Gestaltung. Auch die nicht redaktionsgeschichtliche Forschung erkennt im Jesajabuch bewusste und absichtliche Gestaltung, wobei auch in diesem Fall die Verfasser der Texte unbekannt sind.
2. Adressaten
Der Prophet Jesaja scheint ursprünglich ein Prophet gewesen zu sein, der mit dem Königtum verbunden war. Im Laufe der Geschichte wurden die Propheten, die Königsmacher und Propheten im Dienste des Königs waren, zur Opposition stilisiert, die Kritik am Königtum und am Volk äußerte. Der Adressat von Jes 6–8
Nach klassischer Sicht waren die Worte der Propheten dabei Aussprüche, die von ihnen selbst oder Schülern gesammelt worden waren und dann herausgegeben wurden. Dabei nahm man eine öffentliche Verkündigung an („Sitz im Leben“). Die jüngere Forschung deutet demgegenüber das Buch und die einzelnen Texte als schriftgelehrte Fortschreibung („Sitz im Buch“), die einen überschaubareren Leserkreis hatte.
3. Entstehungsort
Der Kern des ersten Teils des Jesajabuches ist in Jerusalem
Für Deuterojesaja hat man eine Entstehung im babylonischen Exil
Für eine Entstehung in Jerusalem spricht, dass es im Kern Deuterojesajas um die Wiedergewinnung Jhwhs für Jakob-Israel geht. Das Gericht und das Exil nehmen mit Kyros ein Ende, weil Babylon
4. Wichtige Themen
Zion
Literatur:
- Becker, U., 2022, The Book of Isaiah. Its Composition History, in: Lena-Sofie Tiemeyer (Hg.), The Oxford Handbook of Isaiah, Oxford, 37–56.
- Steck, O.H., 1992, Zion als Gelände und Gestalt. Überlegungen zur Wahrnehmung Jerusalems als Stadt und Frau im Alten Testament, in: ders., Gottesknecht und Zion. Gesammelte Aufsätze zu Deuterojesaja, FAT 4, Tübingen, 126–145.
Einführung Tritojesaja
Tritojesaja
Für die Entstehungszeit muss man die nachexilische Zeit annehmen. Die Septuaginta-Übersetzung
Literatur
- Berges, U., 2022, Jesaja 55–66. Übers. und ausgelegt, HThK.AT, Freiburg i. Br..
- Kratz, R.G., 2002, Art. Tritojesaja, in: TRE 34, 124–130.
- Steck, O.H., 1991, Studien zu Tritojesaja, BZAW 203, Berlin/New York.
- Zapff, B., 2006, Jesaja 56–66, NEB.AT 37, Würzburg.
A) Exegese kompakt: Jesaja 58,7-12
Fasten – ist das mehr als nicht essen und nicht trinken?
Übersetzung
7 Und nicht auch:
Mit dem Hungrigen dein Brot brechen,
und die, die kein Obdach haben, ins Haus bringen,
Wenn du einen Nackten siehst, bekleide ihn.
Entziehe dich deinem Landsmann nicht.
8 Dann wird wie die Morgenröte dein Licht hervorbrechen
und deine Heilung wird schnell geschehen.
Und deine Gerechtigkeit wird vor dir herziehen,
die Herrlichkeit Jhwhs wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und Jhwh wird dir antworten,
du wirst um Hilfe rufen und er wird sagen: „Hier bin ich.“
Wenn du die Jochstange aus deiner Mitte entfernst,
das Zeigen des Fingers,
die üble Rede,
10 und den Hungrigen versorgst mit deinem Brot
und sättigst den Gebeugten,
dann wird in der Finsternis dein Licht aufgehen
und deine Dunkelheit wie der Mittag sein.
11 Jhwh wird dich allezeit führen
und er macht in dürrem Land dich satt
und macht deine Knochen stark.
Und du wirst sein wie ein wasserreicher Garten
und wie eine Wasserquelle, deren Wasser nicht trügen.
12 Und die, die von dir abstammen, werden die alten Ruinen aufbauen.
Die Fundamente der Vorväter wirst du aufrichten
und du wirst „Der-die-Lücke-zumauert“ genannt werden,
„Der-die-Wege-zum-Wohnen-wiederherstellt“.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.7: הֲלוֹא greift den Anfang von V.6 elliptisch auf, im Sinne von „Ist dies nicht (auch) ein Fasten, das ich möchte?“ oder „Bedeutet es nicht auch…“
V.7: בְּשָׂרְךָ: wörtl. „dein Fleisch“, hier im Sinne von „Verwandter“, „Landsmann“ (vgl. Gesenius18 S.183)
V.8: וַאֲרֻכָתְךָ: die neue (Haut-, Fleischschicht) wird (über die Wunde) hervorwachsen, -sprießen (תִצְמָה)
V.8: lies statt יַאַסְפֶךָ (qal) mit Jes 52,12
V.10: lies statt נַפְשֶׁךָ (deine Seele) לַחְמֶךָ (dein Brot), vgl. app. crit.
V.11: einige schlagen als Bedeutung für כזב pi. „versiegen“ (statt „trügen“, „lügen“ vor)
V.12: מִמְּךָ: die von dir (abstammen), vgl. Gesenius18 S.693 (zur Stelle)
2. Kontext und literarische Gestaltung
Die Kapitel Jes 56–59 sind Jes 60–62 später vorangestellt worden, so dass Jes 58,7-12
3. Textgenese
Aus Jes 58,1-6
Auffällig sind auch ähnliche Stellen: Einmal soll man mit dem Hungrigen sein Brot brechen (V.7), später dem Hungrigen das gewähren, was er benötigt (V.9). Einmal wird das Licht hervorbrechen wie die Morgenröte (V.8). Ob Echo, Neuinterpretation oder Aktualisierung — hier scheint jemand anderes V.6–9a zu verarbeiten. V.9b–12 ist dabei stärker auf das Folgende, wie z.B. Jes 60
4. Historische Einordnung
Die Texte in Jes 56–59 kann man nur schwer einer bestimmten Zeit zuordnen. Wenn es in Jes 58,7-12
5. Schwerpunkte der Interpretation
In Jes 58,7-12
6. Perspektiven für die Predigt
Wenn man Riten wie das Fasten vollzieht, kann es nicht nur darum gehen, den Ritus, wie er war, ist und sein wird, zu vollziehen, sondern nach dem Wesen des Ritus zu fragen. Warum faste ich? Ist Fasten ein Zweck für mich selbst, also z.B. zur Entgiftung meines Körpers? Was ändert sich für mich und für andere, wenn ich faste? Ist es jetzt besser, in einer Fastenzeit auf bestimmte Lebensmittel oder z.B. auf das Lästern zu verzichten? Oder anders gewendet: Besser als die sture Befolgung von Speisegeboten ist eine (gottgefällige) Ethik.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Eine große Fülle von Bildern und Assoziationen weckt der Text in mir. Freilich, Fasten kenne ich, mehr oder weniger erfolgreich. Aber da leuchtet gleich noch mehr auf, wenn in der Exegese die Perspektive der „grandiosen Zukunft Zions“, wie sie später in Jes 60
2. Thematische Fokussierung
Ich bleibe hängen an der Formulierung, dass der Text „`althergebrachte´ Forderungen [sprengt], indem er sie verschärft.“ Und diese „neuen“, ethisch-moralischen Forderungen haben es ja in sich und könnten aktueller kaum sein:
Auch wenn es keine „offizielle“ Sklaverei mehr gibt, muss man sich nur Bilder von Menschen in Bangladesch oder Vietnam vor Augen halten, die den Großteil unserer Textilien herstellen.
Prekäre Verhältnisse existieren aber nicht nur weit weg, sondern quasi vor der Haustür. Jede neue Statistik, jeder neue Armutsbericht zeugt davon. Wie viel ich davon aber wahrnehmen will, entscheide ich selbst. Ob ich an den Besitz- und Obdachlosen vorbeigehe, ihnen ab und an eine Münze hinlege oder mich gar politisch engagiere.
Das andere moralische Verhalten beginnt aber nicht mit der Erhöhung der Spenden oder bei der Änderung des Kleiderkaufverhaltens. Der Text führt hinein in Haltungen, die sich etwa am „Zeigen des Fingers, der üblen Rede“ (V. 9) konkretisieren lassen. Weg von konkreten, sichtbaren Handlungen hinein in die Frage, wie ich meinem Nächsten oder Fernsten als Mensch gegenübertreten will.
Der letzte Vers im Text verlangsamt mein Denken: Wenn die gegenwärtigen Menschen mit einem Titel angeredet werden, der eigentlich erst zukünftigen Generationen zusteht – denn erst diese werden ja die Lücken zumauern – dann bin ich auf meine Gegenwartsaufgaben zurückgeworfen. Was heißt das alles für mich hier und heute?
3. Theologische Aktualisierung
Was in der Exegese deutlich wurde: Wir haben einen dialogischen Text vor uns. Jhwh-Rede (V. 6f) und Propheten-Rede, letztere differenziert in zwei Anläufe: V. 8–9a und 9b–11. Prozessual schält sich eine Botschaft heraus, bzw. wird der Gottes-Anspruch immer sichtbarer und verstehbarer. Aus der exegetischen Kleinteiligkeit kann die Erkenntnis wachsen, dass sich auch die Gottes-An-Rede nicht beim ersten Hören eindeutig verstehen lässt.
Also: Was Gott von mir will, ist gar nicht so klar. Nur dass er mich in Beschlag nimmt, daran kann kein Zweifel sein. Dass er von mir gar „Werke“ fordert, mag protestantischen Ohren unheimlich und anstößig vorkommen. Allein, es hilft nichts, wenn wir uns ergänzend an Mt 25,31-46
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der Altarraum wird ein besonderer sein an diesem Sonntag, auch wenn vermutlich die Fülle der Erntedankgaben nicht nur im städtischen Kontext in den letzten Jahrzehnten massiv geschrumpft ist. An vielen Orten werden Kindergärten oder Schulklassen den Gottesdienst mitgestalten, auf dem Land vielleicht auch Bäuerinnen und Bauern zu Wort kommen. Wo noch die Tradition eines Erntebittgottesdienstes im Frühsommer lebendig ist, schließt sich nun ein sinnvoller Kreis.
„Und den Hungrigen versorgst du mit deinem Brot und sättigst den Gebeugten“ (V. 10) – vielerorts wird das ganz praktisch damit aktualisiert, indem die „Tafeln“ der Städte die Erntegaben am nächsten Montag erhalten. Tafeln, die kaum noch den Bedarfen nachkommen können, denn Armut ist schon länger kein Fremdwort mehr in Deutschland. Es bietet sich also an, die Betreiber von Tafeln, Diakonische Werke mit Erzeugerinnen und Verbrauchern an einen Tisch zu laden und gemeinsam die „Lücken zuzumauern“, die durch die neoliberale Wirtschaftspolitik gerissen werden. Die Anklagen an die Verursacher des Elends halte ich für wenig hilfreich, ihre Beschämung aber für geboten.
Bei alledem noch einmal: Die Haltung machts. Ganz in der Tradition des Wochenpsalms 104 (EG 743), der den Dank an Erntedank fokussiert und aus dem Dank die Frei-Giebigkeit sprießen lässt.
Womit wir gar mitten in der Bergpredigt des Matthäusevangeliums angekommen sind: „Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt.“ (Mt 6,17
5. Anregungen
Die Exegese hat schon hilfreich enthistorisiert: „Diese ethischen Anweisungen sind letztlich zu jeder Zeit denkbar, in der nicht so gehandelt wird, wie es Gott gefällt.“ Also immer. Es lässt sich ja nicht messen, aber gerechter scheint die Welt in den letzten 20, 40 Jahren nicht geworden zu sein.
Ich kann mir gut vorstellen, dass das Dialogische des Textes seine Fortsetzung in aktuellen Dialogen der unterschiedlichen Menschen (s. 4.) findet. Wie unterschiedlich haben sie das Erntejahr erlebt, die Möglichkeiten satt zu werden? Wie differenziert hört sich das Gotteswort an, ob ich es als Landwirt höre, dem ein heißer Sommer den Mais hat verdorren lassen oder als Kundin, die sich über gestiegene Butterpreise beklagt. Das Prophetenwort wird dahinein zur Klärung beitragen und neue Perspektiven eröffnen können.
Und wer im Jahr 2025 noch eine in diesem Jahr relevante historische Erinnerung einflechten mag, sei an den Bauernkrieg vor 500 Jahren in vielen Teilen Deutschlands erinnert, der in seinen „Zwölf Memminger Artikeln“ eine Steilvorlage für eine Wirtschaftsethik geliefert hat, die an Aktualität nicht viel eingebüßt hat.
Autoren
- Dr. Alexander Weidner (Einführung und Exegese)
- Dr. Thomas Thiel (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500141
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