Deutsche Bibelgesellschaft

Jesaja 58,7-12 | Erntedank | 05.10.2025

Einführung in das Jesajabuch

1. Verfasser

Der Kern des Jesajabuches geht auf den gleichnamigen Propheten zurück, der im 8. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem wirkte. Spätestens die Kapitel ab Jes 40 werden aber einem zweiten Propheten zugerechnet, den man Deuterojesaja nennt. Bernhard Duhm hat in seinem Kommentar von 1892 alle Kapitel ab Jes 56 einem dritten Propheten, also Tritojesaja, zugeschrieben. Die klassische Jesajathese geht also von Protojesaja oder Erstem Jesaja (Jes 1–39), Deuterojesaja oder Zweitem Jesaja (Jes 40–55) und Tritojesaja oder Drittem Jesaja (Jes 56–66) aus.

Im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Forschung des 20. Jahrhunderts ist der Kernbestand bei allen drei Teilen teilweise auf wenige Kapitel geschrumpft. Der Großteil wird späteren Ergänzern, Fortschreibern oder Redaktoren zugewiesen. Das hat zwei Folgen:

  • Zum einen kann man nur einen kleinen Teil der Schrift „mit Sicherheit“ dem Propheten Jesaja oder Deuterojesaja zuweisen, während der überwiegende Teil des Buches Jesaja von unbekannten Redaktoren etc. verfasst wurde.
  • Zum anderen gibt es eine stärkere Orientierung am „Sitz im Buch“, d.h. man kann die Texte meist nicht einem ganz bestimmten Zeitpunkt zuweisen, dafür aber die Stelle, in der der Text vorkommt, aus dem Buch heraus begründen.

Die Texte des Jesajabuches sind keine zufällige Sammlung von Einzelworten, sondern eine – wie auch immer geartete – Komposition oder bewusste Gestaltung. Auch die nicht redaktionsgeschichtliche Forschung erkennt im Jesajabuch bewusste und absichtliche Gestaltung, wobei auch in diesem Fall die Verfasser der Texte unbekannt sind.

2. Adressaten

Der Prophet Jesaja scheint ursprünglich ein Prophet gewesen zu sein, der mit dem Königtum verbunden war. Im Laufe der Geschichte wurden die Propheten, die Königsmacher und Propheten im Dienste des Königs waren, zur Opposition stilisiert, die Kritik am Königtum und am Volk äußerte. Der Adressat von Jes 6–8 ist der König von Juda, hingegen sind andere Texte an Zion-Jerusalem, Jakob-Israel und das Volk gerichtet. Das bedeutet letztlich allerdings nicht, dass die Texte den jeweiligen Adressaten (öffentlich) vorgetragen wurden.

Nach klassischer Sicht waren die Worte der Propheten dabei Aussprüche, die von ihnen selbst oder Schülern gesammelt worden waren und dann herausgegeben wurden. Dabei nahm man eine öffentliche Verkündigung an („Sitz im Leben“). Die jüngere Forschung deutet demgegenüber das Buch und die einzelnen Texte als schriftgelehrte Fortschreibung („Sitz im Buch“), die einen überschaubareren Leserkreis hatte.

3. Entstehungsort

Der Kern des ersten Teils des Jesajabuches ist in Jerusalem entstanden, da der Prophet Jesaja dort gewirkt hat. Es ist davon auszugehen, dass auch die anderen Texte aus Jes 1–39 dort entstanden sind.

Für Deuterojesaja hat man eine Entstehung im babylonischen Exil angenommen, da von Kyros und der Rückkehr des Volkes die Rede ist: Das Volk im Exil wird dort angesprochen, nun wieder in die Heimat zurückzukehren. Die Rückkehrer oder Deuterojesaja höchstpersönlich hätten dann seine Prophetien nach Jerusalem gebracht und dort mit dem ersten Jesajabuch verbunden. Tritojesaja sei dann später (ebenfalls in Jerusalem) angefügt worden.

Für eine Entstehung in Jerusalem spricht, dass es im Kern Deuterojesajas um die Wiedergewinnung Jhwhs für Jakob-Israel geht. Das Gericht und das Exil nehmen mit Kyros ein Ende, weil Babylon, das ehemalige Gerichtswerkzeug Jhwhs, von Kyros erobert und damit besiegt wird. Dieser Untergang bedeutet, dass Jhwh wieder nach Jerusalem zurückkehrt (Jes 40,1–11; 52,7–10) und Jerusalem das Zentrum der Welt wird (Jes 60). Außerdem liegt Babylon nach eigener Sicht wohl nicht am Ende der Welt, wie es Jes 41,9 indirekt behauptet. Eine solche Sichtweise passt nicht zu Babylon als Abfassungsort, da sie sich dort kaum durchgesetzt hätte, weil dort eine Diaspora bestehen blieb und nicht zurückgekehrt ist – anders als die Zion-Texte in Jes 40–66 behaupten (vgl. bes. Jes 52,11f.).

4. Wichtige Themen

Zion durchzieht das Jesajabuch wie kein zweites Thema. Neben z. B. Jes 1,21–26; 2,1–5; 37,33–38; 49,14–52,10; 54,1–17; 65 und 66 sind die drei großen Kapitel Jes 60–62 zu nennen. Die Rettung des Zion vor den Assyrern, selbst wenn es sie historisch gesehen wohl so nicht gegeben hat, ist der Kern des vorexilischen Jesajabuches. Mit Deuterojesaja und den Ereignissen um Kyros und den Fall Babylons werden dieser Erzählung weitere Zion-Texte hinzugefügt, die Jhwhs Rückkehr zum Zion (Jes 52,8) als Beginn einer neuen Zeit feiern.

Literatur:

  • Becker, U., 2022, The Book of Isaiah. Its Composition History, in: Lena-Sofie Tiemeyer (Hg.), The Oxford Handbook of Isaiah, Oxford, 37–56.
  • Steck, O.H., 1992, Zion als Gelände und Gestalt. Überlegungen zur Wahrnehmung Jerusalems als Stadt und Frau im Alten Testament, in: ders., Gottesknecht und Zion. Gesammelte Aufsätze zu Deuterojesaja, FAT 4, Tübingen, 126–145.

Einführung Tritojesaja

Tritojesaja (Jes 56–66) ist eine wissenschaftliche Hypothese von Bernhard Duhm, der diesen Textabschnitt in seinem Kommentar von 1892 einem dritten und von damit von Deuterojesaja unterschiedenen Propheten zuweist. Die literarische Einheit von Tritojesaja war schon zuvor und ist auch noch danach umstritten gewesen, sodass man heutzutage nicht mehr von einem eigenständigen Propheten ausgeht, sondern von Fortschreibung von proto- und deuterojesajanischen Texten. Den Kern von Tritojesaja sieht man dabei in Jes 60–62, worauf Jes 56–59 zulaufen. Jes 63–66 entwickeln wiederum Jes 60–62 fort.

Für die Entstehungszeit muss man die nachexilische Zeit annehmen. Die Septuaginta-Übersetzung des Jesajabuches, die man in das 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr. datiert, wird man als untere Grenze für die Entstehung Tritojesajas annehmen müssen. Somit bleiben das 5. bis 3. Jahrhundert als Entstehungszeitraum zur Verfügung – eine Zeit also, in der Jerusalem nicht selbstständig war, sondern unter Fremdherrschaft der Perser und der Seleukiden bzw. Ptolemäer stand. Es geht in Jes 56–66 um das Heil – wahrscheinlich im Zeitalter des Hellenismus, als griechische und orientalische Kultur sich zu verschmelzen begannen und die religiöse und kulturelle Identität infrage gestellt wurde.

Literatur

  • Berges, U., 2022, Jesaja 55–66. Übers. und ausgelegt, HThK.AT, Freiburg i. Br..
  • Kratz, R.G., 2002, Art. Tritojesaja, in: TRE 34, 124–130.
  • Steck, O.H., 1991, Studien zu Tritojesaja, BZAW 203, Berlin/New York.
  • Zapff, B., 2006, Jesaja 56–66, NEB.AT 37, Würzburg.

A) Exegese kompakt: Jesaja 58,7-12

Fasten – ist das mehr als nicht essen und nicht trinken?

7הֲל֨וֹא פָרֹ֤ס לָֽרָעֵב֙ לַחְמֶ֔ךָ וַעֲנִיִּ֥ים מְרוּדִ֖ים תָּ֣בִיא בָ֑יִת כִּֽי־תִרְאֶ֤ה עָרֹם֙ וְכִסִּית֔וֹ וּמִבְּשָׂרְךָ֖ לֹ֥א תִתְעַלָּֽם׃ 8אָ֣ז יִבָּקַ֤ע כַּשַּׁ֨חַר֙ אוֹרֶ֔ךָ וַאֲרֻכָתְךָ֖ מְהֵרָ֣ה תִצְמָ֑ח וְהָלַ֤ךְ לְפָנֶ֨יךָ֙ צִדְקֶ֔ךָ כְּב֥וֹד יְהוָ֖ה יַאַסְפֶֽךָ׃ 9אָ֤ז תִּקְרָא֙ וַיהוָ֣ה יַעֲנֶ֔ה תְּשַׁוַּ֖ע וְיֹאמַ֣ר הִנֵּ֑נִי אִם־תָּסִ֤יר מִתּֽוֹכְךָ֙ מוֹטָ֔ה שְׁלַ֥ח אֶצְבַּ֖ע וְדַבֶּר־אָֽוֶן׃ 10וְתָפֵ֤ק לָֽרָעֵב֙ נַפְשֶׁ֔ךָ וְנֶ֥פֶשׁ נַעֲנָ֖ה תַּשְׂבִּ֑יעַ וְזָרַ֤ח בַּחֹ֨שֶׁךְ֙ אוֹרֶ֔ךָ וַאֲפֵלָתְךָ֖ כַּֽצָּהֳרָֽיִם׃ 11וְנָחֲךָ֣ יְהוָה֮ תָּמִיד֒ וְהִשְׂבִּ֤יעַ בְּצַחְצָחוֹת֙ נַפְשֶׁ֔ךָ וְעַצְמֹתֶ֖יךָ יַחֲלִ֑יץ וְהָיִ֨יתָ֙ כְּגַ֣ן רָוֶ֔ה וּכְמוֹצָ֣א מַ֔יִם אֲשֶׁ֥ר לֹא־יְכַזְּב֖וּ מֵימָֽיו׃ 12וּבָנ֤וּ מִמְּךָ֙ חָרְב֣וֹת עוֹלָ֔ם מוֹסְדֵ֥י דוֹר־וָד֖וֹר תְּקוֹמֵ֑ם וְקֹרָ֤א לְךָ֙ גֹּדֵ֣ר פֶּ֔רֶץ מְשֹׁבֵ֥ב נְתִיב֖וֹת לָשָֽׁבֶת׃

Jesaia 58,7-12BHSBibelstelle anzeigen

Übersetzung

7 Und nicht auch:

Mit dem Hungrigen dein Brot brechen,

und die, die kein Obdach haben, ins Haus bringen,

Wenn du einen Nackten siehst, bekleide ihn.

Entziehe dich deinem Landsmann nicht.

8 Dann wird wie die Morgenröte dein Licht hervorbrechen

und deine Heilung wird schnell geschehen.

Und deine Gerechtigkeit wird vor dir herziehen,

die Herrlichkeit Jhwhs wird deinen Zug beschließen.

9 Dann wirst du rufen und Jhwh wird dir antworten,

du wirst um Hilfe rufen und er wird sagen: „Hier bin ich.“

Wenn du die Jochstange aus deiner Mitte entfernst,

das Zeigen des Fingers,

die üble Rede,

10 und den Hungrigen versorgst mit deinem Brot

und sättigst den Gebeugten,

dann wird in der Finsternis dein Licht aufgehen

und deine Dunkelheit wie der Mittag sein.

11 Jhwh wird dich allezeit führen

und er macht in dürrem Land dich satt

und macht deine Knochen stark.

Und du wirst sein wie ein wasserreicher Garten

und wie eine Wasserquelle, deren Wasser nicht trügen.

12 Und die, die von dir abstammen, werden die alten Ruinen aufbauen.

Die Fundamente der Vorväter wirst du aufrichten

und du wirst „Der-die-Lücke-zumauert“ genannt werden,

„Der-die-Wege-zum-Wohnen-wiederherstellt“.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V.7: הֲלוֹא greift den Anfang von V.6 elliptisch auf, im Sinne von „Ist dies nicht (auch) ein Fasten, das ich möchte?“ oder „Bedeutet es nicht auch…“

V.7: בְּשָׂרְךָ: wörtl. „dein Fleisch“, hier im Sinne von „Verwandter“, „Landsmann“ (vgl. Gesenius18 S.183)

V.8: וַאֲרֻכָתְךָ: die neue (Haut-, Fleischschicht) wird (über die Wunde) hervorwachsen, -sprießen (תִצְמָה)

V.8: lies statt יַאַסְפֶךָ (qal) mit Jes 52,12 יְאַסְּפֶךָ (pi.), vgl. Gesenius18 S.84 (zur Stelle)

V.10: lies statt נַפְשֶׁךָ (deine Seele) לַחְמֶךָ  (dein Brot), vgl. app. crit.

V.11: einige schlagen als Bedeutung für כזב pi. „versiegen“ (statt „trügen“, „lügen“ vor)

V.12: מִמְּךָ: die von dir (abstammen), vgl. Gesenius18 S.693 (zur Stelle)

2. Kontext und literarische Gestaltung

Die Kapitel Jes 56–59 sind Jes 60–62 später vorangestellt worden, so dass Jes 58,7-12 zu den Vorbereitungen für die grandiose Zukunft Zions (vgl. Jes 60) gehört. Damit in Jes 60 Zion Licht wird, Jhwhs Herrlichkeit aufstrahlen kann und die Nationen und Könige zu(m) Zion ziehen, müssen Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. In Jes 40,1-4 waren es die Hügel und Berge, die eingeebnet wurden, damit Jhwh zurückkehren kann. In Jes 58,7-12 wird dargelegt, wie man richtig fastet. Zuerst wird das Fastenverständnis in einer Ich-Rede dargestellt – also spricht Jhwh selbst (V.6.7), dann erklärt der (Buch-)Prophet Jesaja, welche Folgen das Fasten hat (V.8–12).  Jenes richtige Fasten (V.6f.) umfasst dabei nicht irgendwelche Speisegebote oder Vorschriften, was, wann und wie man essen darf, sondern nennt unterschiedliche ethische Forderungen, die man eigentlich nicht mit Fasten in Zusammenhang bringt: den Versklavten freilassen (V.6; vgl. dazu auch Ex 21,2), mit dem Hungrigen das Brot brechen, Obdachlose ins Haus bringen, Nackte bekleiden (V.7), mit dem Zeigen des Fingers aufhören und die unrechte Rede beenden (V.,9) oder kurz die „Befreiung von Unterdrückten“ (Höffken S.199). Wenn man dies tue, werde das Licht aufstrahlen in der Finsternis (V.8.10) – die Nähe zu Jes 60,1-3 ist deutlich erkennbar. Ein Unterschied mag darin bestehen, dass in Jes 60 Zion angeredet wird, in Jes 58,7-12 hingegen ein kollektives „Du“. Diesem Du wird noch etwas anderes verheißen: Jhwh werde es rundum und allen Widrigkeiten zum Trotz versorgen (V.11). Die hier genannten Wasserquellen erinnern sehr an Ps 1,3.Richtiges Fasten, so muss man diesen Vers lesen, führt nicht nur zu einer gottgefälligen Existenz, sondern letztlich sogar dazu, dass die Nachfahren des Angeredeten das zerstörte Jerusalem und der zerstörte Tempel wieder errichten werden. Am Ende folgen „Umbenennungen“: Der Angeredete wird – merkwürdigerweise – nach den Taten seiner Nachfahren benannt werden, z.B. „Der-die-Lücke-zumauert“ (V.12).

3. Textgenese

Aus Jes 58,1-6 wird deutlich, dass dort Jhwh spricht, so dass in V.7 Jhwh auch noch als Sprecher angenommen werden kann. In V.8 ist allerdings von Jhwh in der 3. Person die Rede und in V.9–12 ist ganz klar, dass nicht Jhwh spricht, sondern eine andere Person: der Prophet.

Auffällig sind auch ähnliche Stellen: Einmal soll man mit dem Hungrigen sein Brot brechen (V.7), später dem Hungrigen das gewähren, was er benötigt (V.9). Einmal wird das Licht hervorbrechen wie die Morgenröte (V.8). Ob Echo, Neuinterpretation oder Aktualisierung — hier scheint jemand anderes V.6–9a zu verarbeiten. V.9b–12 ist dabei stärker auf das Folgende, wie z.B. Jes 60 gerichtet (vgl. Höffken S.201). Demzufolge erläutert V.(6)7–9a, was wahres, echtes Fasten bedeutet, und ist somit eine Fortsetzung der Fastenfrage aus V.1–5. Hingegen zielen V.9b–12 viel stärker auf die Zukunft ab, also darauf, welche Folgen solch ein Fasten hat: eine neue, ganz andere Heilszeit – oder: „die eschatologische Erneuerung Jerusalems“ (Zapff S.372).

4. Historische Einordnung

Die Texte in Jes 56–59 kann man nur schwer einer bestimmten Zeit zuordnen. Wenn es in Jes 58,7-12 um das Fasten geht, mag es dazu Anlass in einer falschen oder als falsch empfunden Fastenpraxis zur Zeit der Abfassung handeln. Aber mehr als das, kann man kaum sagen. Wenn die Redaktionsgeschichte richtig ist, der zufolge Jes 56–59 später Jes 60–62 vorgeschaltet worden sind, dann befinden wir uns in der sogenannten spätnachexilischen Zeit. Die griechische Fassung von Jesaja datiert man in das 2. Jahrhundert v. Chr. In der näheren Zeit davor dürfte Jes 58,7-12 verfasst worden sein. Eine genauere Einordnung scheint unmöglich.

5. Schwerpunkte der Interpretation

In Jes 58,7-12 geht es um das richtige Verhalten. Ausgangspunkt ist das richtige Fasten, worin man in erster Linie verstehen dürfte, wann, was und wie man fastet, bzw. dass man nichts isst und trinkt (vgl. Ex 34,28). Dass davon aber gar nicht die Rede ist, sondern vielmehr das ethische Verhalten in den Blick genommen wird, dem dann auch noch eine eschatologische Bedeutung zukommt – ein solches Fasten ermöglicht überhaupt erst die strahlende Zukunft Zions –, zeigt, dass es nicht geht, nichts zu essen oder zu trinken, sondern um ein gottgefälliges Handeln, einen gottgefälligen Umgang mit den Unterdrückten und Erniedrigten. Wenn man so will, sprengt dieser Text „althergebrachte“ Forderungen, indem er sie verschärft.

6. Perspektiven für die Predigt

Wenn man Riten wie das Fasten vollzieht, kann es nicht nur darum gehen, den Ritus, wie er war, ist und sein wird, zu vollziehen, sondern nach dem Wesen des Ritus zu fragen. Warum faste ich? Ist Fasten ein Zweck für mich selbst, also z.B. zur Entgiftung meines Körpers? Was ändert sich für mich und für andere, wenn ich faste? Ist es jetzt besser, in einer Fastenzeit auf bestimmte Lebensmittel oder z.B. auf das Lästern zu verzichten? Oder anders gewendet: Besser als die sture Befolgung von Speisegeboten ist eine (gottgefällige) Ethik.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Eine große Fülle von Bildern und Assoziationen weckt der Text in mir. Freilich, Fasten kenne ich, mehr oder weniger erfolgreich. Aber da leuchtet gleich noch mehr auf, wenn in der Exegese die Perspektive der „grandiosen Zukunft Zions“, wie sie später in Jes 60 laut wird, in den Blick genommen wird. Mein kleiner Alltag mit den Versuchen, es „recht“ zu machen, wird moralisch „reframt“. Welches Potenzial lässt sich bei Jesaja erkunden, entdecken, bergen, wenn ich die Horizonte öffne: Hin zur Rede vom „Weltgericht“ in Mt 25,31-46, hin zur Verheißung in Ps 1, in dem das Leben an frischen Wasserquellen und gerechtes Handeln sich verbünden. Ich höre die Melodie von: „Brich den Hungrigen dein Brot“ (EG 420), wie sie meine Gedanken begleitet und freue mich darüber nachzudenken, wie sich die Morgenröte meines Lichts (V. 8) zu der Erhellung in Jes 60,1 verhält. Höre „er lässt die Sonn aufgehen ... er gibt den Kühen Weide und unsern Kindern Brot“ (EG 508,4) und weiß doch, dass das nicht überall auf der Welt so ist. Und ich muss mich davor schützen, mich in den gewaltigen Bildern zu verlieren.

2. Thematische Fokussierung

Ich bleibe hängen an der Formulierung, dass der Text „`althergebrachte´ Forderungen [sprengt], indem er sie verschärft.“ Und diese „neuen“, ethisch-moralischen Forderungen haben es ja in sich und könnten aktueller kaum sein:

Auch wenn es keine „offizielle“ Sklaverei mehr gibt, muss man sich nur Bilder von Menschen in Bangladesch oder Vietnam vor Augen halten, die den Großteil unserer Textilien herstellen.

Prekäre Verhältnisse existieren aber nicht nur weit weg, sondern quasi vor der Haustür. Jede neue Statistik, jeder neue Armutsbericht zeugt davon. Wie viel ich davon aber wahrnehmen will, entscheide ich selbst. Ob ich an den Besitz- und Obdachlosen vorbeigehe, ihnen ab und an eine Münze hinlege oder mich gar politisch engagiere.

Das andere moralische Verhalten beginnt aber nicht mit der Erhöhung der Spenden oder bei der Änderung des Kleiderkaufverhaltens. Der Text führt hinein in Haltungen, die sich etwa am „Zeigen des Fingers, der üblen Rede“ (V. 9) konkretisieren lassen. Weg von konkreten, sichtbaren Handlungen hinein in die Frage, wie ich meinem Nächsten oder Fernsten als Mensch gegenübertreten will.

Der letzte Vers im Text verlangsamt mein Denken: Wenn die gegenwärtigen Menschen mit einem Titel angeredet werden, der eigentlich erst zukünftigen Generationen zusteht – denn erst diese werden ja die Lücken zumauern – dann bin ich auf meine Gegenwartsaufgaben zurückgeworfen. Was heißt das alles für mich hier und heute?

3. Theologische Aktualisierung

Was in der Exegese deutlich wurde: Wir haben einen dialogischen Text vor uns. Jhwh-Rede (V. 6f) und Propheten-Rede, letztere differenziert in zwei Anläufe: V. 8–9a und 9b–11. Prozessual schält sich eine Botschaft heraus, bzw. wird der Gottes-Anspruch immer sichtbarer und verstehbarer. Aus der exegetischen Kleinteiligkeit kann die Erkenntnis wachsen, dass sich auch die Gottes-An-Rede nicht beim ersten Hören eindeutig verstehen lässt.

Also: Was Gott von mir will, ist gar nicht so klar. Nur dass er mich in Beschlag nimmt, daran kann kein Zweifel sein. Dass er von mir gar „Werke“ fordert, mag protestantischen Ohren unheimlich und anstößig vorkommen. Allein, es hilft nichts, wenn wir uns ergänzend an Mt 25,31-46 erinnern. So einfach kommen wir mit den vielen lutherischen soli also nicht davon. Entstressend kommt uns nun aber die Horizonterweiterung und der Perspektivenwechsel entgegen, den die Exegese mit dem Ausblick auf „die eschatologische Erneuerung Jerusalems“ ins Spiel gebracht hat. Hier sehe ich sehr starke Möglichkeiten, den Text mitten hinein in aktuelle Diskurse zu sprechen: Wenn wir unser (global relevantes) Konsumieren nicht grundsätzlich durch eine Haltungsänderung erneuern, wird die Welt so wie wir sie kennen, nicht mehr lange existieren. Aber es gibt noch eine Chance, eine Möglichkeit, JETZT und gemeinsam Licht in moderne Sklavereien und Überflussverhältnisse zu bringen, so dass sich die Schöpfung erholen kann.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Der Altarraum wird ein besonderer sein an diesem Sonntag, auch wenn vermutlich die Fülle der Erntedankgaben nicht nur im städtischen Kontext in den letzten Jahrzehnten massiv geschrumpft ist. An vielen Orten werden Kindergärten oder Schulklassen den Gottesdienst mitgestalten, auf dem Land vielleicht auch Bäuerinnen und Bauern zu Wort kommen. Wo noch die Tradition eines Erntebittgottesdienstes im Frühsommer lebendig ist, schließt sich nun ein sinnvoller Kreis.

„Und den Hungrigen versorgst du mit deinem Brot und sättigst den Gebeugten“ (V. 10) – vielerorts wird das ganz praktisch damit aktualisiert, indem die „Tafeln“ der Städte die Erntegaben am nächsten Montag erhalten. Tafeln, die kaum noch den Bedarfen nachkommen können, denn Armut ist schon länger kein Fremdwort mehr in Deutschland. Es bietet sich also an, die Betreiber von Tafeln, Diakonische Werke mit Erzeugerinnen und Verbrauchern an einen Tisch zu laden und gemeinsam die „Lücken zuzumauern“, die durch die neoliberale Wirtschaftspolitik gerissen werden. Die Anklagen an die Verursacher des Elends halte ich für wenig hilfreich, ihre Beschämung aber für geboten.

Bei alledem noch einmal: Die Haltung machts. Ganz in der Tradition des Wochenpsalms 104 (EG 743), der den Dank an Erntedank fokussiert und aus dem Dank die Frei-Giebigkeit sprießen lässt.

Womit wir gar mitten in der Bergpredigt des Matthäusevangeliums angekommen sind: „Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt.“ (Mt 6,17). Wer fastet, bringt Ästhetik ins Mienenspiel, nicht Trübsal und Traurigkeit. Damit spiegelt das Antlitz des Menschen die Haltung in die Welt, dass diese nur dann heil werden kann, wenn sie die Maßstäbe und Maßgaben Gottes wahr- und ernstnimmt.

5. Anregungen

Die Exegese hat schon hilfreich enthistorisiert: „Diese ethischen Anweisungen sind letztlich zu jeder Zeit denkbar, in der nicht so gehandelt wird, wie es Gott gefällt.“ Also immer. Es lässt sich ja nicht messen, aber gerechter scheint die Welt in den letzten 20, 40 Jahren nicht geworden zu sein.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das Dialogische des Textes seine Fortsetzung in aktuellen Dialogen der unterschiedlichen Menschen (s. 4.) findet. Wie unterschiedlich haben sie das Erntejahr erlebt, die Möglichkeiten satt zu werden? Wie differenziert hört sich das Gotteswort an, ob ich es als Landwirt höre, dem ein heißer Sommer den Mais hat verdorren lassen oder als Kundin, die sich über gestiegene Butterpreise beklagt. Das Prophetenwort wird dahinein zur Klärung beitragen und neue Perspektiven eröffnen können.

Und wer im Jahr 2025 noch eine in diesem Jahr relevante historische Erinnerung einflechten mag, sei an den Bauernkrieg vor 500 Jahren in vielen Teilen Deutschlands erinnert, der in seinen „Zwölf Memminger Artikeln“ eine Steilvorlage für eine Wirtschaftsethik geliefert hat, die an Aktualität nicht viel eingebüßt hat.

Autoren

  • Dr. Alexander Weidner (Einführung und Exegese)
  • Dr. Thomas Thiel (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500141

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