Hiob 14,1-6(7-12)13(14)15-17 | Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres – Volkstrauertag | 16.11.2025
Einführung in das Buch Hiob
Das Hiobbuch
Das Hiobbuch selbst ist in mehreren Stufen im Zeitraum von 400–200 v. Chr. entstanden und damit das Ergebnis einer längeren Kompositions- und Redaktionsgeschichte. Es besteht im Kern aus einer in poetischen Versen verfassten Hiobdichtung (3,1–42,6
Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich, die Hiobdichtung als ein eigenständiges Werk in den Blick zu nehmen. Sie behandelt die Frage: Wie kann Gott es zulassen, dass einem gerechten Menschen wie Hiob ein solches Unglück widerfährt? Die Freundesreden bilden den umfangreichsten Teil der Hiobdichtung (3,1–28,28
Am Ende dreht sich das Gespräch zwischen Hiob und seinen Freunden nur noch im Kreis. Hiob bleibt deshalb allein das Wagnis übrig, sich direkt an Gott zu wenden und ihn aufzufordern, Antwort zu geben und ihn von einer Schuld an seinem Unglück freizusprechen. Dies geschieht in der Herausforderungsrede Hiobs (29,1–31,40
Ursprünglich folgte die Antwort Gottes aus dem Wettersturm unmittelbar auf die Herausforderungsrede Hiobs. Dieser literarische Zusammenhang ist in der vorliegenden Buchgestalt durch den Einschub der Elihureden
Die Antwort Gottes, die in zwei Gottesreden ausgeführt ist, bildet den Abschluss der Hiobdichtung (38,1–39,30
Literatur:
- Fischer, Alexander (Hg.), BasisBibel Hiob. Einzelausgabe mit Themenseiten, Stuttgart 2024.
- Oeming, Manfred / Schmid, Konrad, Hiobs Weg. Stationen von Menschen im Leid, Biblisch-Theologische Studien 45, Neukirchen-Vluyn 2001.
- Witte, Markus, Art. Hiob/Hiobbuch, Wissenschaftliches Bibellexikon im Internet, Stuttgart 2007. https://bibelwissenschaft.de/stichwort/11644/
Kommentare:
- Fohrer, Georg, Das Buch Hiob, Kommentar zum Alten Testament XVI, Gütersloh 1963.
- Ebach, Jürgen, Streiten mit Gott. Hiob, Teil 1: Hiob 1–20, Teil 2: Hiob 21–42, Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen-Vluyn 1996.
- Witte, Markus, Das Buch Hiob, Das Alte Testament Deutsch 13, Göttingen 2021.
A) Exegese kompakt: Hiob 14,1-6.(7-12.)13.(14.)15-17
Eine Auszeit nehmen, um neue Lebensperspektiven zu gewinnen.
Übersetzung
1 Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?
Sein Leben ist kurz und voller Unruhe.
2 Wie eine Blume blüht er auf und welkt.
Wie ein Schatten flieht er und bleibt nicht hier.
3 Trotzdem richtest du deine Augen auf ihn
und gehst mit mir ins Gericht.
4 Könnte denn Reines von Unreinem kommen?
Es gibt keinen Menschen, der rein ist!
5 Die Tage seines Lebens sind begrenzt,
die Zahl seiner Monate steht bei dir fest.
Du hast seinem Leben eine Grenze gesetzt,
die kann er nicht überschreiten.
6 Wenn es aber so ist:
Dann schau weg und lass ihn in Ruhe!
So kann er sich noch ein wenig freuen
wie ein Tagelöhner nach seiner Arbeit.
(7 Ja, für einen Baum gibt es Hoffnung.
Wenn er gefällt wird, treibt er wieder aus.
Es fehlt ihm nicht an neuen Trieben.
8 Das gilt selbst für einen alten Baumstumpf,
dessen Wurzelstock in der Erde abgestorben ist.
9 Sobald er ein wenig Wasser spürt, treibt er aus
und blüht wieder auf wie ein junges Bäumchen.
10 Anders ist das bei einem Menschen:
Wenn er stirbt, dann ist es aus mit ihm.
Wenn er ums Leben kommt, wo ist er dann?
11 Wasser aus dem Meer verdunstet,
Flüsse versiegen und trocknen aus.
12 Genauso ist es auch beim Menschen:
Er legt sich hin und steht nicht wieder auf.
Bis der Himmel nicht mehr ist, erwachen sie nicht.
Niemand rüttelt sie aus ihrem Schlaf.)
13 Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte,
dass du mich eine Weile in der Unterwelt versteckst!
Halte mich doch verborgen, bis dein Zorn vorbei ist!
Und wenn es so weit ist, denk wieder an mich!
(14 – Stirbt ein Mensch, wird er dann wieder lebendig? –
Wenn du mich aber versteckst, könnte ich abwarten,
wie einer im Kriegsdienst auf seine Ablösung hofft.)
15 Dann würdest du rufen und ich würde dir antworten.
Du würdest dich sehnen nach deinem Geschöpf.
16 Jetzt würdest du zwar meine Schritte überwachen,
aber meine Fehltritte unbeachtet lassen.
17 Meine Vergehen wären in einem Beutel verschlossen.
So würdest du meine Schuld verbergen.
1. Hinweise zur Textkritik und zur Übersetzung
V. 2: Zur Blume als Sinnbild für die Vergänglichkeit/Brüchigkeit des menschlichen Lebens vgl. Ps 90,5-6
V. 3: MT liest „mit mir“, G S V „mit ihm“. Beide Lesarten sind möglich. Wenn Hiob vom Menschen im Allgemeinen spricht, meint er im Besonderen auch sein eigenes Geschick. M ist die lectio difficilior.
V. 6: „Wenn es aber so ist“ kennzeichnet nachträglich die Aussagen in V. 5 als Bedingung. Das erleichtert das Verständnis der Satzkonstruktion in V. 5-6. „Lass ihn in Ruhe!“ ist wie in Hiob 7,16
V. 11: Der Naturvergleich, der an Jes 11,5
V. 13: Hiob wünscht sich, dass Gott (2. Sg. masc. als Subjekt!) ihm eine Art Verschnaufpause verschafft, eine Auszeit von seinem Leidensdruck unter dem göttlichen Zorn. Die „Unterwelt“ bezeichnet hier den am weitesten von Gott entfernten Ort, vgl. Amos 9,2.
V. 14: Versteil a unterbricht den Zusammenhang und steht unter dem Verdacht, eine verdeutlichende Glosse zu V. 10 zu sein. Versteil b setzt dagegen den Wunsch Hiobs fort.
V. 16-17: Die Übersetzung folgt dem Verständnis der herkömmlichen Bibelübersetzungen. Die Auslegung der Verse ist jedoch umstritten: Entweder setzen sie das Wunschdenken Hiobs fort oder sie setzen dem Wunschdenken die harte Realität resp. die Wirklichkeitserfahrung Hiobs entgegen (vgl. Hesse, 102). Für die Alternative spricht das betonte „jetzt“ am Anfang von V. 16 und das Verständnis von G, das sich ebenfalls auf M zurückführen lässt. Danach ergeben die Verse 16-17 den folgenden Sinn: „Jetzt aber überwachst du meine Schritte, keinen einzigen Fehltritt siehst du mir nach. Meine Vergehen sind verschlossen in einem Beutel. So bewahrst du meine Schuld darin auf.“
V. 17: Grundfunktion eines Beutels ist es, etwas aufzubewahren, damit es nicht verloren geht; vgl. 1Sam 25,29. Nach der ersten Übersetzungsmöglichkeit (Wunsch) wäre der Sinn, dass Gott die Schuld Hiobs in dem Beutel für immer aufbewahren würde („wegschließen würde“). Nach der zweiten Übersetzungsmöglichkeit (Realität) wäre der Sinn, dass Gott jedes Vergehen Hiobs im Beutel aufbewahrt, um Hiob später im Gericht (vgl. V. 3) die ganze Rechnung präsentieren zu können.
2. Kontext und Abgrenzung
Kap. 14 enthält den Schluss einer langen Rede Hiobs (12,1–14,22), die den ersten Redegang der Freundesreden beschließt (4,1–14,22). Die Auseinandersetzung mit den Freunden geht ab 13,20 in ein (Selbst-)Gespräch Hiobs über, das er mit Gott führt. Das ist auch in Kap. 14 der Fall. Es bildet eine thematische Einheit in vier Strophen. Ihre Dramatik lässt sich mit folgenden Stichwörtern beschreiben:
- Vergänglichkeit menschlichen Lebens (V. 1-6)
- Endgültigkeit des Todes (V. 7-12)
- Wunsch einer Auszeit vom göttlichen Zorn (V. 13-17)
- Bittere Realität (V. 18-22).
Bei der Abgrenzung der Perikope wird freigestellt, die zweite Strophe wegzulassen. Diese Option ist sinnvoll. Sie macht den Predigttext kompakter, die dritte Strophe schließt gut an die erste Strophe an. Möchte man am Volkstrauertag den Akzent stärker auf den Tod setzen (V. 10-12), wird man die zweite Strophe hinzunehmen. Die weitere Option, V. 14 auszuklammern, kann sich exegetisch eigentlich nur auf den Versteil a beziehen (s.o.). Mit der Abgrenzung nach hinten ist wohl beabsichtigt, den Predigttext mit der dritten Strophe enden zu lassen, also mit dem im Wunsch Hiobs angedeuteten Hoffnungsschimmer. Das ist nicht ganz unproblematisch. Denn durch die vierte Strophe wird der Wunsch Hiobs als irreal erkennbar. In Hiobs Erfahrung der Wirklichkeit übt Gott nämlich keinerlei Nachsicht mit dem Menschen, sondern zerstört seine Hoffnung mit Gewalt (V. 19-20). Vermutlich ist der Gedanke bereits in V. 16-17 ausgedrückt (s.o.). In der Predigt wird man darum diesen Gedanken („das Realitätsprinzip“) nicht ganz ausblenden können oder müssen.
3. Inhalt der Perikope
Die erste Strophe (V. 1-6) kennzeichnet die Vergänglichkeit des Menschen durch die Kürze und Unruhe seines Lebens. Dabei dürfte in der biblischen Lebenswelt mit Unruhe und Aufregung die rastlose Sorge um das Dasein in den Blick genommen sein. Die Naturbilder in V. 2 zeugen von verblühender Schönheit und vorübergehender Erscheinung menschlichen Lebens. Wie ein flüchtiger Schatten zieht es sich bis zum Abend hin und verschwindet anschließend in der Dunkelheit. Eigentlich dienen solche Vergänglichkeitsklagen im Alten Testament als Appell an den barmherzigen Gott, mit seinen Geschöpfen nachsichtig und schonend umzugehen. Doch Hiob sieht sich mit dem zornigen Gott konfrontiert, der ihn erbarmungslos ins Gericht zieht und für alles von ihm Rechenschaft fordert. Dabei weiß Gott, dass es auf der ganzen Erde keinen Menschen gibt, der frei von Schuld wäre (V. 4 „rein“). Zugleich hat Gott die Lebenszeit des Menschen begrenzt (V. 5). Hiob bleibt also nicht mehr viel Zeit. Deshalb bittet er um eine „göttliche Atempause“ (Markus Witte). Wie ein Tagelöhner, der nach einem anstrengenden Arbeitstag seine Restzeit genießt, soll Gott auch einem geplagten Menschen, wie Hiob einer ist, eine solche Restfreude vergönnen. Der Gedanke wird in der dritten Strophe (V. 13-17) weiter ausgeführt.
In der zweiten Strophe (V. 7-12) geht es um die Endgültigkeit des Todes. Die Naturbilder werden jetzt kontrastiv eingesetzt. Während ein abgestorbener Baum nochmals austreiben kann, ist beim Menschen mit dem Tod alles aus. Der Mensch steht niemals wieder auf! Hiob kennt noch keine Hoffnung auf eine Auferstehung von den Toten
Die dritte Strophe (V. 13-17) formuliert seinen ungewöhnlichen Wunsch, Gott möge ihn vorübergehend in der Unterwelt als dem am weitesten von Gott entfernten Ort verbergen. Er wünscht sich von Gott eine „Auszeit“ von Gott (sic!). In seiner Hinwendung zu ihm wünscht er sich dessen Abwendung. Das klingt geradezu paradox, hat aber seinen theologischen Grund in der Ambivalenz, dass für Hiob der als barmherzig angenommene Gott und der als zornig erfahrene Gott auseinandertreten. In Hiobs Wunsch äußert sich darum der Hoffnungsschimmer, dass die Barmherzigkeit Gottes größer sein könnte als sein Zorn – ein Gedanke, der sein weitaus größeres Hoffnungspotential in der Gnadenformel
Die vierte Strophe (V. 18-22), die nicht mehr zur Perikope gezählt wird, erweist die hypothetische Annahme Hiobs endgültig als „Luftgespinste“ (Friedrich Horst). Gott – so die Wahrnehmung Hiobs – zerstört alles Wunschdenken mit Gewalt. Er drückt den Menschen nieder, bis der Tod eintritt. Danach gibt es für ihn keine Verbindung mehr zu der Welt der Lebenden (V. 21-22).
4. Theologische Themen
Die Themen für eine Predigt stecken in der ersten und dritten Strophe, zum einen die „Vergänglichkeit“ und zum anderen die „Auszeit“, die sich für einen unter Druck geratenen Menschen als heilvoll erweisen kann.
- Die Wahrnehmung verrinnender Lebenszeit verbunden mit Unruhe und Aufregung äußert sich in der Moderne u.a. in der Angst, etwas zu verpassen oder gar versäumt zu haben. Vor allem in Krisenzeiten, in denen der eigene Lebensentwurf ins Wanken gerät, tritt dieser Gedanke schmerzlich ins Bewusstsein. Dabei ist die Wahrnehmung der eigenen Vergänglichkeit nicht per se etwas Negatives. Vielmehr hilft die Einsicht in die Endlichkeit menschlicher Existenz zu einem angemessenen Umgang mit unserer Lebenszeit (Ps 90,12
), die uns als wertvollstes Gut gegeben ist. Im Grunde geht es also um ein gelingendes Leben. Davon ist Hiob jedoch meilenweit entfernt. Er sieht sich (von Gott) ins Unglück gestoßen und seine Lebenszeit freudlos und trostlos verrinnen. In einer solchen Situation wie der Hiobs schwinden die Spielräume einer positiven Lebensgestaltung. Wenn man dann noch bei sich selbst Rechenschaft über mögliche Versäumnisse und eigene Fehler ablegt, kann sich ein enormer Druck aufbauen. Das wäre dann die säkulare Interpretation des Gerichtsgedankens (V. 3). - Der Wunsch Hiobs, eine „Auszeit in der Unterwelt zu nehmen“ (V. 13), erscheint zunächst befremdlich. Wenn man aber die Unterwelt als Sinnbild für einen (gott-)fernen Ort dechiffriert, erweist sich der Begriff „Auszeit“ auch für die Moderne als anschlussfähig. Eine Auszeit kann bedeuten, sich selbst herauszunehmen (oder herausgenommen zu werden) aus den gegenwärtigen Lebensverhältnissen und bestimmenden Beziehungen, weil diese keine Handlungsspielräume mehr zulassen. Für Hiob soll es eine Auszeit von Gott sein, weil er ihn resp. seinen Zorn als Verursacher seiner Misere betrachtet. Die Chance einer solchen Auszeit besteht darin, dass man nicht länger im Gegebenen zu agieren gezwungen ist, sondern aus der Distanz neue Lebensperspektiven entwickeln oder zumindest erwägen kann. Und das tut Hiob. Er möchte sein Gottesverhältnis auf einen neuen Anfang stellen, und zwar für beide Seiten, für Hiob und für Gott! Er möchte es als gegenseitiges Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf fassen, bei dem der Schöpfer auf sein Geschöpf eingeht und das Geschöpf auf seinen Schöpfer hört und ihm antwortet (gegenseitige Achtsamkeit). Auch sprachlich zeigt sich das daran, dass in dieser Strophe auffällig häufig von „Ich“ und „Du“ die Rede ist. Das Gedankenexperiment, das Hiob anstellt, entwickelt damit eine Hoffnung gegen alle Hoffnung. Und diese kann eine Kraft entfalten, die selbst die Wirklichkeit verändert.
- Ein drittes Thema könnte in dem Gottesbild stecken, das sich Hiob in seiner freudlosen und trostlosen Situation geradezu aufdrängt: nämlich ein gnadenloser Gott, der Hiob in allem überwacht und kontrolliert, ihm nichts durchgehen lässt und seine Fehler ausnahmslos bestraft. Ein solcher Gott, der nur noch auf- und abrechnet, lässt seinem Geschöpf keinen Raum mehr zum Atmen. Ein solcher Gott ist nicht zum Aushalten. Man wird jedoch Hiob, wie auch anderen Menschen, zugestehen müssen: Wenn man von Unglück, Krankheit oder Tod betroffen ist, verfinstert sich eben nicht nur die Welt, sondern auch Gott. Die Gottesbeziehung wird asymmetrisch, menschliche Ohnmacht auf der einen Seite, göttliche Allmacht auf der anderen Seite. Eine Auszeit von Gott kann dann auch eine Chance sein, ein festgefahrenes, verhärtetes und das Leben erstickendes Gottesbild anzugehen und zu verändern.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen: Abstoßung und Anziehung
So viele unterschiedlichen Themen, so disparate Emotionen! Leben im Schleudergang widersprechender Wünsche, Gefühle und Gedanken. Das Moment der Auszeit scheint mir das interessanteste Motiv. Was sich Hiob da traut! „Ach, lass mich doch in Ruh.“ Und gleichzeitig, V. 15b: Man kann sich auch in der Sehnsucht nahe sein und im Vermissen.
2. Thematische Fokussierung: Die Chance der Auszeit
Hiob erfährt Gott als Zerrgestalt, die ihm Böses will und sucht doch eine Beziehung auf Augenhöhe. Ein Schritt in die Richtung zu mehr Symmetrie besteht darin, die Beziehung auf Abstand stellen. Wie in Paarbeziehungen, in denen schon alles versucht wurde und sich die Gewichte doch noch nicht so verschoben haben, dass der Konflikt gelöst ist. Was aber kann so eine Auszeit bringen? Der Abstand sorgt wohl vor allem für Ambivalenz. Keine/r kann sich der/des anderen mehr so sicher sein wie zuvor. Und mit dieser Offenheit geraten die gewohnten Verhaltensrepertoires in Fluss. Bewegung kommt in die übliche Rollenverteilung. Die Gewichte geraten ins Oszillieren und unterdessen vielleicht auch in eine neue Balance.
In dem Zwiespalt, in dem sich Hiob befindet, könnte also auch eine Chance liegen! Anstatt immer so weiterzumachen wie bisher und sich in den gewohnten Beziehungsmustern aufzureiben, kommen mit dem Abstand auch neue Gestaltungsspielräume. Eine ganze Bandbreite an Entwicklungen ist wieder möglich. Den Beziehungsabbruch miteingeschlossen, was wiederum riskant ist. Und, weil Gott das Gegenüber ist, auch unfassbar wagemutig! Aber aufregend allemal, da mit Hiobs Gedankenspiel einer Auszeit auch ein Moment aufblitzt, das den Kontrollfreak relativiert, mit dem er es zu tun zu haben glaubt. Dass Gott nämlich so souverän ist, dass er Abstand, Freiräume und mit ihnen das Risiko des Beziehungsabbruches zulassen und aushalten kann. In toxischen Beziehungen ist dies gerade nicht möglich. Die Beziehungsdynamik ist kontaminiert, weil die Partner:innen einander nicht freigeben und loslassen können.
3. Der Text im Klangraum des Sonntags: Gleichzeitigkeit aushalten
Der Klangraum des vorletzten Sonntags im Kirchenjahr – vielerorts mit dem Gedenken an die Gefallenen der Weltkriege verbunden – ist kein harmonischer Diskurs- und Gefühlsraum. Das Gerichtsthema wird mit dem Wochenspruch gesetzt. Der Wochenpsalm führt in die Klage. Für einen kurzen Moment leuchtet das schwache Du eines Gottes auf, der sich am Ende doch noch verfügbar macht und unser Los zum Guten wendet. Beide Themen klingen, so disparat sie sind, auch in den vorgeschlagenen Wochenliedern an. Und gleichzeitig nähern wir uns dem Ende des Kirchenjahrs – gehen in Resonanz mit dem Sterben, auf Tuchfühlung mit unserer Endlichkeit.
Habe ich nicht am Kriegerdenkmal zu stehen, kann ich die Schuldthematik, die mit dem Gerichtsmotiv aufgerufen ist, auf Buß- und Bettag vertagen. Das Nachdenken über Tod und Sterben prägt den kommenden Sonntag. Am kommenden Sonntag, einem aschgrauen Novembertag vermutlich, kann ich mich vielleicht ganz gut auf die Zwiespältigkeit des Lebens einlassen. Und es würde mich trösten, wenn mir die Predigt eine Perspektive eröffnete, wie sich mit Ambivalenz leben lässt, ohne sie auflösen und vereindeutigen zu müssen. Was sich dem ‚sowohl-als-auch‘ abgewinnen kann – gerade auch im Glauben.
4. Theologische Aktualisierung: Sich mit Ambivalenz komfortabel machen
Vielleicht könnte die Hochspannung, unter der dieser Text steht, aufgenommen werden, indem die Predigt gezielt Ambivalenz Raum gibt als etwas, mit dem wir uns aus guten Gründen anfreunden könnten. Der für mich derzeit wohl stärkste Versuch einer theologischen Auseinandersetzung mit Ambivalenz ist Michael Klessmanns Ambivalenz und Glaube. Warum sich in der Gegenwart Glaubensgewissheit in Glaubensambivalenz wandeln muss (2018). Als Beziehungsphänomen, so argumentiert Klessmann, pendelt sich Glauben stets zwischen Vertrauen und Misstrauen aufs Neue ein und bewegt sich infolgedessen fortwährend auf einer Spirale von Zuwendung und Abwendung. Darin ist er unseren zwischenmenschlichen Beziehungen vergleichbar, deren Schwankungen Auslöser jener Krisen sind, die nicht zuletzt auch eine langjährige Paarbeziehung durchmacht. Wie sollte es in der Beziehung zu Gott anders sein?
Eine Auslegungs- und Predigtpraxis, die darüber hinwegginge, würde sich nicht nur unglaubwürdig machen. Sie ginge auch an einem lebendigen, schattierten Glauben vorbei. Ambivalenz, so Klessmann, ist kein Makel des Glaubens, den es zu überwinden gilt. Im Gegenteil: Sie ist es, die uns überhaupt erst zum Glauben reizt – Gott suchen und vermissen lässt, und ja, wie bei Hiob, ihn zuweilen auch auf Distanz halten.
Wo wir uns auch glaubend mit Ambivalenz komfortabel machen, hören wir auf, Gott zu ‚haben‘ und beginnen, mit Gott in jenen lebendigen Austausch zu treten, in dem sich eine gute, weil belastbare Beziehung allererst bewährt. Und womöglich kultivieren wir unterdessen auch die Fähigkeit, Gleichzeitigkeit auszuhalten und zu gestalten, indem wir uns souverän durchwursteln zwischen den Flieh- und Triebkräften unserer Beziehung, anstatt uns in einseitigen Fixierungen zu verlieren und aufzureiben.
5. Anregungen: Glaubensambivalenz inszenieren
Vielleicht ist der Gottesdienst am kommenden Sonntag so eine Gelegenheit, Glaubensambivalenz als eine Quelle von Resilienz zu entdecken. In meiner Predigt würde ich deshalb die Bühne freigeben für widerstreitende Gefühle: Mal sprechen Wut und Zorn. Und mal die Sehnsucht und das Vermissen. Dabei setzte ich mich auf unterschiedliche Stühle, die im Altarraum aufgestellt sind und lasse beide Gefühle in ihrem eigenen Recht zu Wort kommen. Vielleicht mischt sich, irgendwo zwischen den Stühlen dann die Stimme die Zuversicht ein: Wo hat mich dieses Hin- und Her, das Durchwursteln im Dazwischen kreativ werden lassen und um Erfahrungen reicher gemacht?
Denkbar wäre auch, dass Predigt interaktiv wird, indem wir im Rahmen einer Aufstellung explorieren, wie es mit uns und Gott derzeit steht. Sind wir gerade nahe beieinander? Oder ist uns eher zum Davonlaufen? Wenn es um Ambivalenz in Beziehungen geht, steht mir immer die Doppelhelix des Stuttgarter Killesberg vor Augen: Auf zwei gegenläufig ineinander verschlungenen Treppen schreiten wir voran – auf der einen Seite ich, auf der anderen mein Gegenüber. Kontinuierlich bewegen wir uns miteinander nach oben und sind einander in unterschiedlichen Graden von Nähe und Distanz mal zu- und mal abgewandt (vgl. Link). Vielleicht lässt sich eine solche Doppelhelix mit Seilen im Kirchenraum auslegen und abschreiten? Und möglicherweise finden sich auch Personen, die zu erzählen bereit sind, was sie zu ihrer Position veranlasst. Schließlich ist es diese spannungsvolle Bewegung im Hin und Her von Nähe und Distanz, die unser Leben reich macht und unseren Beziehungen Tiefenschärfe verleiht.
Literatur
- http://www.killesbergturm.de/index.php?article_id=18
- Klessmann, M., 2022, Gelebte Religion zwischen Ambivalenz und Eindeutigkeit. Zur Bedeutung von Ambiguität und Ambivalenz im Glauben, in: Charbonnier, R. u.a. (Hg.): Eindeutigkeit und Ambivalenzen. Theologie und Digitalisierungsdiskurs, Leipzig, 109–130.
Autoren
- Dr. Alexander Fischer (Einführung und Exegese)
- Dr. Katharina Krause (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500149
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