Deutsche Bibelgesellschaft

2. Korinther 13,11-13 | Trinitatis | 15.06.2025

Einführung in den 2. Korintherbrief

Der 2 Kor ist Teil einer umfangreichen Korrespondenz des Paulus mit der von ihm gegründeten Gemeinde in Korinth. Vorangegangen sind ein heute verloren Brief (erwähnt in 1 Kor 5,9) und der 1 Kor.

1. Verfasser

Paulus ist der einzige ntl. Autor, über den wir genauere Kenntnisse haben. Geboren (vermutlich zwischen 1 und 10 n.Chr.) in Tarsus, ist die Zeit vor seiner Berufung (32/33 v.Chr.) nur in Umrissen erkennbar; über die Zeit bis zum Beginn der selbständigen Mission in Europa (Philippi: 50 n.Chr.) gibt es schon wesentlich mehr Nachrichten, und über die letzten rund 12 Jahre seines Wirkens, d.h. bis zur Hinrichtung in Rom 62 n.Chr., liegen die meisten Informationen vor.

2. Adressaten

Die im Jahre 51/52 n.Chr. gegründete "ekklesia tou theou" ("Gemeinde Gottes") war in sich keine homogene Einheit, wie bereits aus 1 Kor 1-3 hervorgeht. Sie war Teil einer sich dynamisch entwickelnden Hafen- und Handelsstadt, und auch selbst eine lebhafte Gemeinde, die sich offenbar rasch entwickelte und in sich recht komplex war. In der Zeit nach der Abreise des Paulus aus Korinth hat es intensive Kontakte mit anderen Gemeinden gegeben, und Missionare aus anderen Gemeinden sind mit Empfehlungsbriefen von diesen nach Korinth gekommen (2 Kor 3,1-3). Sie haben offenbar ein anderes Apostelbild vertreten. Paulus nennt sie ironisch „Überapostel“ (11,5). Trotz ihrer Selbstbezeichnung als „Hebräer, Israeliten, Same Abrahams und Diener Christi“ (11,22f) vertraten sie keine judaistischen Forderungen, etwa die der Beschneidung (anders also als in Galatien). Die neuere Forschung ist insgesamt vorsichtig geworden, diese Gegner möglichst genau bestimmen zu wollen. Die Gemeinde in Korinth war eindeutig das Sorgenkind des Paulus, aber gerade mit ihr hatte er auch die umfangreichste Korrespondenz.

3. Entstehungsort

Ob es ‚den‘ einen Entstehungsort gab, hängt davon ab, ob man den vorliegenden 2 Kor als Brief ansieht, der einheitlich abgefasst und abgeschickt worden ist, oder ob man ihn als eine spätere Kompilation mehrerer ursprünglich eigenständiger Briefe beurteilt. In der Literatur wird unter der Voraussetzung der Einheitlichkeit als Zeit der Spätherbst 55 und als Ort Makedonien, (d.h. eine der dortigen christlichen Gemeinden) genannt. Dies beruht auf den Angaben in 2,12f; 7,5-7. Rechnet man mit mehreren Briefen, sind Ort und Zeit der Abfassung für die einzelnen Briefe getrennt zu klären.

4. Wichtige Themen

Die Frage der Briefkompilation:

Ein in der Exegese des 2 Kor bis heute umstrittene Frage ist, ob  es sich bei diesem Text um ein einheitlichen Brief handelt, ob er also in der vorliegenden Form abgefasst und als ganzer abgeschickt worden ist, oder ob es sich um eine Zusammenstellung mehrerer ursprünglich einzeln verfasster Briefe handelt. Grund für die Debatte sind massive Schwierigkeiten, die gegen die Einheitlichkeit sprechen:

1. In 2 Kor 7,5-16 herrscht (nach einer überwundenen Krise) volles Vertrauen zwischen Paulus und der Gemeinde, dagegen tobt in 10,1-13,10 der offene Kampf (vgl. 13,1-10). Daher wird dieser Teil oft als eigenständiger Brief („Tränenbrief“ [s. 2,4]) oder „Kampfbrief“) angesehen (so E.-M. Becker, D.-A. Koch, F. Lang, M.M. Mitchell).

2. Auch innerhalb von 1,1-9,15 gibt es erhebliche Spannungen:

  1. Die in 2,12f begonnene Erzählung von der Reise des Paulus, um Titus zu treffen, wird abrupt unterbrochen und erst in 7,5 fortgesetzt. Dafür gibt es in den übrigen Briefen des Paulus keine Parallele.
  2. In 6,12f; 7,2-4 (also direkt vor dem Neueinsatz 7,5) findet sich zudem ein Briefschluss, der sich von dem in 7,16 deutlich unterscheidet: Hier, in 6,12f; 7,2-4, wirbt Paulus um das Vertrauen der Gemeinde, das nach 7,15f doch vollständig wiederhergestellt ist.
  3. In Kap 8 und 9 wird zweimal die geplante Kollekte für die Gemeinde in Korinth behandelt. Beide Kapitel sind untereinander unverbunden und haben auch keine Verbindung zu den übrigen Teilen des Briefes.
  4. Schließlich ist 6,14-7,1 ein Fremdkörper, der mit seiner scharfen Abgrenzung nach außen wichtigen Aussagen des 1 Kor widerspricht und häufig für unpaulinisch gehalten wird (so F. Lang, D.-A. Koch, M.M. Mitchell).

Nimmt man ernst, dass hier ganz unterschiedliche Situationen im Verhältnis zwischen dem Apostel und seiner Gemeinde sichtbar werden, ist eine einheitliche Interpretation kaum möglich, auch wenn dies immer wieder versucht wird (so Th. Schmeller). Eine mögliche Rekonstruktion der Briefabfolge (und der Krise zwischen Apostel und Gemeinde) rechnet mit 5 Briefen (so M.M. Mitchell; D.-A. Koch):

  • Brief A: „1. Kollektenbrief“ (2 Kor 8; Mai 54): Paulus versucht die Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem (vgl. 1 Kor 16,1-4), die in Korinth zwischenzeitlich ins Stocken geraten ist, wieder in Gang zu bringen. Kurz danach hat Paulus neue Nachrichten aus Korinth, die besagen, dass nicht nur die Kollekte, sondern auch sein Apostelamt insgesamt in Frage gestellt wird. Die Reaktion ist:
  • Brief B: „Apologie“ (2 Kor 2,14-6,13; 7,2-4; Juni 54): Paulus verteidigt sein Verständnis des Apostelamtes in klarem, aber ruhigem Ton. Im August 54 reist Paulus spontan von Ephesus nach Korinth, um direkt die Probleme zu klären („Zwischenbesuch“). Der Besuch endet in einer offenen Konfrontation. Paulus reist ab. Es droht der offene Bruch. Die Reaktion ist:
  • Brief C: sog. „Tränenbrief“ bzw. „Kampfbrief“ (2 Kor 10,1-13,10; August 54); Paulus verfasst eine harte Attacke, um die Gemeinde zur Umkehr zu bewegen, und schickt Titus mit diesem Brief nach Korinth.

Die Briefe A/B/C sind von Ephesus aus verfasst. Danach reist Paulus zunächst nach Alexandria Troas, hat dort keine Nachricht von Titus, reist diesem im Winter 54/55 nach Makedonien entgegen (2,12f; 7,5-7); dort trifft er Titus, der von der erfolgreichen Versöhnung berichtet. Die Reaktion ist:

  • Brief D: „Versöhnungsbrief“ (2 Kor 1,1-2,13; 7,5-16; Frühjahr 55): Paulus klärt letzte offene Fragen und bestätigt seinerseits die Versöhnung.
  • Brief E: „2. Kollektenbrief“ (2 Kor 9; April/Mai 55): Die wiederaufgenommene Kollekte soll möglichst bald beendet werden.

Verfasst sind die beiden letzten Briefe in einer Gemeinde in Makedonien (also Philippi, Thessaloniki oder Beroia). Anders als der 1 Kor sind die im 2 Kor zusammengefassten Briefe nicht einzeln abgeschrieben und an andere Gemeinden weitergegeben worden, was angesichts der heftigen Angriffe in 10,1-13,10 auch nicht verwunderlich ist. Die Zusammenstellung der Briefe und deren Veröffentlichung als einheitlicher Text erfolgte erst später, im Zusammenhang mit der Sammlung der Paulsubriefe Ende des 1. Jh. n.Chr. Jetzt war die Krise zwischen Paulus und der Gemeinde in Korinth längst Vergangenheit, andererseits war man daran interessiert, möglichst viel von den zeitübergreifenden Einsichten und Aussagen des Apostels für die Gegenwart und die Zukunft zu bewahren. Dagegen tritt das Interesse an der ursprünglichen Abfassungssituation zurück, was sich auch daran zeigt, dass die Briefe nicht in chronologischer Abfolge angeordnet sind wobei die massive Polemik des "Kampfbriefs" erst am Ende erscheint (10,1-13,10). In diesem Zusammenhang wurde auch das unpaulinische Stück 6,14-7,1 eingefügt, das mit seiner Forderung nach scharfer Abgrenzung nach außen ein Gegengewicht gegen deutlich anders ausgerichtete Aussagen des 1Kor (so 1 Kor 5,10; 7,12-14) bilden soll.

5. Inhaltliche Schwerpunkte

Zentrales Thema von „Apologie“ und „Kampfbrief“ ist das Apostelamt, und zwar insbesondere die Schwachheit und das Leiden des Apostels. Dies passt nicht zu dem offensichtlich vielfach erwünschten Bild eines religiösen Heros, der in seiner Person die Überlegenheit der eigenen Botschaft anschaulich werden lässt. Paulus nimmt diese Kritik auf, ohne sich ihr anzupassen. Im Gegenteil: Wenn er der Apostel des Gekreuzigten ist (vgl. 1 Kor 2,2), dann sind Schwachheit und Leiden kein Zufall. Natürlich hebt Paulus die Größe seines „Dienstes“ hervor, der eine διακονία τοῦ πεύματος, ein „Dienst des Geistes“ ist (3,8), aber: „Wir haben diesen Schatz in tönernen Gefäßen“ (4,6). Insofern ist es kein Zufall, dass es in beiden Briefen B und C, den umfangreichsten Briefen innerhalb der Briefkompilation, sogar jeweils zwei Leidenskataloge gibt (Brief B „Apologie“: 4,8f; 6,4-10 / Brief C „Kampfbrief“: 11,24-29; 12,10). Die Aussagen über das Apostelamt kulminieren in der geradezu klassischen Definition dieses Amtes, das auf dem Versöhnungshandeln Gottes beruht und in dem seinerseits das Apostelamt als „Dienst der Versöhnung“ (5,16-6,2) seinen Ursprung hat. Daneben gibt es in 3,12-18 hermeneutisch höchst relevante Ausführungen über das Verständnis der Schrift angesichts des Christusgeschehens, und in 5,1-10 nimmt Paulus eine in 1 Kor 15 aufgeworfene Frage wieder auf: die Frage nach der Leiblichkeit im Zusammenhang mit der Totenauferstehung und die Frage nach der endzeitlichen Christusgemeinschaft der Glaubenden.

Literatur:

  • Eve-Marie Becker, Schreiben und Verstehen. Paulinische Briefhermeneutik im Zweiten Korintherbrief, NET 4, Tübingen 2002.
  • Dietrich-Alex Koch, Geschichte des Urchristentums. Ein Lehrbuch, Göttingen 2. Auflage 2014, 214‒315. 333‒337.
  • Margret M. Mitchell, Art. Korintherbriefe, RGG 4. Auflage, Band 4, 2001, 1688–1694.

Kommentare

  • Friedrich Lang, Die Briefe an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1986.
  • Thomas Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther. Teilband I. 2 Kor 1,1–7,4, EKK 7/1, Neukirchen-Vluyn/Ostfildern 2010.
  • Margaret E. Thrall, The Second Epistle to the Corinthians, Volume I. Introduction and Commentary on II Corinthians I–VII / Volume II. Commentary on Corinthians VIII–XII, ICC, Edinburgh 1994 und 2000.

A) Exegese kompakt: 2. Korinther 13,11-13

Exegetische Vorbemerkung

Der jetzige im NT vorliegende Text des 2Kor besteht aus sehr heterogenen Teilen. Man vergleiche nur 7,5‒16 mit 11,1‒13,10. Ein plausibles Erklärungsmodell besteht in der Annahme, dass hier mehrere einzelne Briefe des Paulus vorliegen, die der Apostel zwar alle selbst an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat, die jedoch ganz verschiedene Situationen (einerseits Konflikt, andererseits Versöhnung) voraussetzen. Gut eine ganze Generation später, also 30-50 Jahre, sind die Briefe des Paulus gesammelt und vervielfältigt worden. Tradiert wurden sie in der Vielzahl der entstehenden christlichen Gemeinden, deren Angehörige den Apostel natürlich nicht mehr persönlich kannten, aber seine theologischen Einsichten und seine Konfliktlösungen für die eigene Orientierung dringend brauchten. Dabei ging es nicht nur um die pure Bewahrung der Theologie des Paulus. Neben den vorhandenen Briefe wurden auch neuere, zumeist von Schülern des Apostel verfasste Briefe in die Briefsammlung aufgenommen, in denen neue Probleme durchaus auf der theologischen Linie des Paulus reflektieren wurden. In Frage kommen Kol, Eph, 2Thess. In diesem Zusammenhang sind auch die im Anschluss an den 1Kor ebenfalls an Korinth gerichteten Briefe zusammengefasst worden (jetzt: „2.Korintherbrief“) – und haben einen zusätzlichen Abschluss erhalten, der sehr gut zeigt, dass der Paulusschüler (dessen Namen wir natürlich nicht kennen), der hier tätig ist, die theologische Leistung des Paulus gut verstanden und zugleich auch auf seine eigene Zeit bezogen hat.

Der Beistand für die Gemeinde

11Λοιπόν, ἀδελφοί, χαίρετε, καταρτίζεσθε, παρακαλεῖσθε, τὸ αὐτὸ φρονεῖτε, εἰρηνεύετε, καὶ ὁ θεὸς τῆς ἀγάπης καὶ εἰρήνης ἔσται μεθ’ ὑμῶν. 12Ἀσπάσασθε ἀλλήλους ἐν ἁγίῳ φιλήματι. Ἀσπάζονται ὑμᾶς οἱ ἅγιοι πάντες.

13Ἡ χάρις τοῦ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ ἡ ἀγάπη τοῦ θεοῦ καὶ ἡ κοινωνία τοῦ ἁγίου πνεύματος μετὰ πάντων ὑμῶν.

2. Korinther 13,11-13NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

(11) Im übrigen, Brüder, freuet euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch ermahnen; seid auf das Gleiche bedacht, haltet Frieden; und der Gott der Liebe und des Friedens wird mit euch sein.

(12) Grüßt einander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen.

(13) Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes (sei) mit euch allen.

Auslegung

Die vorangestellte Ermahnung (V. 11) knüpft vorsichtig an die Vorwürfe des Paulus an die Gemeinde in Korinth an (vgl. 10,1-13,10), führt aber rasch weiter. Die Mahnungen zu Eintracht und Frieden sind so allgemein, dass sie auch Jahrhunderte später immer noch passen. Wichtigster Punkt ist zunächst das stabile Innenverhältnis der angeredeten Gemeinde. Anschließend wird eine bewusst ‚ökumenische‘ Perspektive entwickelt: Die Adressaten werden von ‚allen Heiligen‘ gegrüßt – andererseits fehlen konkrete Namen aus einer bestimmten Gemeinde. Das wird sofort verständlich, wenn hier nicht Paulus selbst, sondern ein Kompilator formuliert, dem wir die Überlieferung der einzeln im 2Kor zusammengefügten Briefe verdanken. Dieser Kompilator bzw. Redaktor hat dabei die Empfänger seiner eigenen Zeit im Blick, die stetig zunehmende Zahl urchristlicher Gemeinden Ende des 1. Jahrhunderts, für die die Briefe des Paulus gesammelt und neu herausgegeben werden.

Da das Urchristentum in dieser Zeit offenbar recht schnell wächst (Griechenland, Kleinasien und auch Rom sind als Schwerpunkte erkennbar), steht es auch zugleich vor neuen Problemen: Die innere Stabilität der jeweiligen Gemeinde ist eine dauernde Herausforderung. Auf sie zielt die Mahnung „Haltet Frieden“. Die Wichtigkeit dieser Mahnung zeigt sich daran, dass gerade diesem Verhalten die Zusage der heilvollen Gegenwart Gottes gilt, der ganz bewusst als „Gott des Friedens und der Liebe“ bezeichnet wird. Der innere Zusammenhalt, der gerade auf der Gegenwart Gottes beruht, kommt auch in der Symbolhandlung des ‚Heiligen Kusses‘ zum Ausdruck (V. 12a).

Die Bemerkung „Es grüßen euch alle (!) Heiligen“ zeigt etwas Doppeltes: Die jeweilige Gemeinde existiert nicht isoliert für sich, sondern in Gemeinschaft mit anderen christusgläubigen Gruppe (Gesamtgemeinden, Hausgemeinden usw.); umgekehrt ergibt sich daraus, auch wenn dies hier nicht ausdrücklich thematisiert wird, dass die Gemeinschaft mit den anderen Gemeinden natürlich wechselseitig ist.

Höhepunkt und Abschluss des Textes ist die Schlussformulierung in V. 13. Er findet ja auch heute noch vielfach als Schlusssegen am Ende einer Predigt Verwendung (d.h. als ‚Kanzelsegen‘) – und zwar völlig zu Recht.

Das ist nicht nur als volltönende liturgische Formel zu verstehen. Das Neben- und Miteinander von Christus, Gott und Heiligem Geist soll den umfassenden göttlichen Beistand für die Gemeinden zum Ausdruck bringen. So wie es für die Korinther nur einen Gott und einen Herrn gibt (1Kor 8,1-6), und sie gleichzeitig natürlich auf Distanz zu den stummen Götzen gehen (1Kor 12,2), so kann die Gemeinde gewiss sein, dass der göttliche Beistand und der göttliche Segen und die göttliche Bewahrung sie begleiten, ohne dass man die zusätzliche Mitwirkung anderer, fremder Gottheiten noch erbitten muss. In der triadischen Formulierung wird umfassende und vollständig der Segen von Vater, Sohn und Geist formuliert und zugesagt. Implizit wird damit die Grenzziehung zu den ‚anderen Göttern‘ (Ex 20,3) zum Ausdruck.

Der Kompilator bleibt damit auf den Bahnen des Apostels Paulus, geht aber einen deutlichen Schritt weiter. Am Ende des 1Kor ist dieser Schritt noch nicht vollzogen. Dort erfolgt der abschließende Segenswunsch „Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit euch“ (1Kor 16,23) ohne jede Erweiterung. Bemerkenswert ist natürlich auch der Briefbeginn. Hier nennt Paulus, sicher nicht zufällig, „Gott, den Vater“ und den „Herrn Jesus Christus“ (1Kor 1,3), aber eine triadische oder gar trinitarische Formulierung ist das nicht. Am nächsten kommt 1Kor 12,4-6, wo als Ursprung der Gnadengaben (charismata) die Abfolge „Geist“ / „Kyrios“ / „Gott“ vorliegt, aber doch sofort ab 1Kor 12,7 wieder auf die Urheberschaft des „Geistes“ allein Bezug genommen wird.

Später ist die ‚Trinität‘ im engeren Sinne zum Thema geworden. Kirchenväter und Konzilien haben sich intensiv darum bemüht, das Innenverhältnis der drei trinitarischen ‚Personen‘ zu klären, und zwar mit Hilfe der damaligen philosophischen Begriffe. Das ist als Versuch zu werten, die theologischen Aussagen des Neuen Testaments (nicht nur die des Paulus, sondern z.B. auch die des JohEv) im Rahmen des antiken Denkens zu erfassen. Das sind jedoch kommende Probleme. Im Vergleich dazu liegt hier nicht so sehr eine Reflexion über (!) die Trinität vor, sondern hier wird deren Bedeutung für die Bewahrung der Gemeinde, d.h. der umfassende göttliche Beistand in den Mittelpunkt gerückt.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die Exegese macht plausibel, dass die Verse an paulinische Gedanken anknüpfen, aber nicht vom Apostel selbst stammen. Ich frage mich, welchen Unterschied es für die Predigtaufgabe macht, es mit allgemeineren, zeitübergreifend wirkenden Passagen zu tun zu haben. Auch der Zusammenhang zwischen der Frage nach gemeindlicher Stabilität und einer „ökumenischen Perspektive“ weckt mein Interesse. Nicht zuletzt fordert mich im Blick auf meine Predigtvorbereitung für den Trinitatissonntag der Unterschied zwischen dem triadischen Segensgruß in V.13 und der Trinitätslehre heraus, den die Exegese hinsichtlich Sprachform und Gehalt erarbeitet. Den emphatischen Hinweis auf die Verwendung des Schlusssegens aus V.13 als Kanzelsegen empfinde ich als Ermutigung für meine Predigtaufgabe.

2. Thematische Fokussierung

In der Exegese wird eine Spur gelegt, nach der der triadische Segensgruß eine Grenzziehung gegenüber anderen Gottheiten beinhaltet. Doch ich möchte für dieses Mal der Bedeutung seines Zuspruchs für den Zusammenhalt in der Gemeinde und die Gemeinschaft von Gemeinden (und Kirchen) nachgehen. Da er gerade für Gemeinden mit einer gefährdeten inneren Stabilität wichtig ist, spricht er mich angesichts gegenwärtiger gemeindlicher Verunsicherungen an.

3. Theologische Aktualisierung

Weniger ein rasches Wachstum von Gemeinden wie zum Ende des 1. Jahrhunderts als ein Abnehmen von Mitgliederzahlen und gesellschaftlicher Anerkennung verlangt zur Zeit bei uns nach innerem Zusammenhalt und ökumenischer Weite. Hinzu kommt die Belastung durch gesellschaftliche Krisen, die sich auch in der Kirche auswirken. Die Mahnungen zu Eintracht und Frieden sprechen in diese Situation.

Ein bemerkenswertes Beispiel für den Versuch der Ermutigung und Stärkung des Zusammenhalts der Kirche ist m.E. eine in ein Gebet mündende Rede von Karen Georgia A. Thompson, Kirchenpräsidentin der United Church of Christ. Nach den Präsidentschaftswahlen in den USA 2024 macht Thompson auf die Spaltung in Nation und Kirche aufmerksam. Trotz der Erfahrung einer von Misstrauen, Wut und Hass geprägten Wahlkampfrhetorik gelingt ihr ein unpolemischer, versöhnlicher Ton. Dabei positioniert sie sich unmissverständlich an der Seite von Minderheiten, die zu Zielen verbaler Angriffe wurden.

Auch bei uns gibt es zunehmend gesellschaftlich polarisierende Formen der Auseinandersetzung. Die stärkende Kraft ökumenischer Verbundenheit, ist nicht hoch genug zu schätzen. Das zeigt sich insbesondere in der gottesdienstlichen und diakonischen Gemeinschaft mit Gemeinden, die wie in der Ukraine unter Krieg leiden.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Der Trinitatissonntag wird als ein „Ideenfest“ verstanden, das ein Thema in den Mittelpunkt rückt (Bieritz; Perikopenbuch). Immanuel Kant behauptete: „aus der Dreieinigkeitslehre, nach dem Buchstaben genommen, lässt sich schlechterdings nichts fürs Praktische machen, wenn man sie gleich zu verstehen glaubte…“. Damit scheint sich für die Predigt eine gewisse Verlegenheit zu ergeben: Worüber soll ich predigen, wenn sich das vorgesehene Thema weder als lebensorientierend erweist noch als eigentlich verständlich?

Karl-Heinrich Bieritz vermutet gewiss zurecht, dass unsere Perikope am Trinitatissonntag „wohl wegen des ‚trinitarischen‘ Grußes“ gelesen wird. Die später entwickelte Trinitätslehre steht jedoch noch nicht im Hintergrund unseres Textes, wie in Teil A gezeigt wurde. Es ist dieser umfassende dreigliedrige Segenszuspruch, der fehlte, wenn es diesen Text nicht gäbe. Er kann darauf aufmerksam machen, dass auch eine (spätere) Lehre von der Trinität in gottesdienstlichen Sprachformen wurzelt, welche die Teilnehmerschaft in der Anbetung oder durch den Segen einbeziehen. Ihre praktische Bedeutung erhält sie nicht als begriffliche Beschreibung der Trinität, sondern als eine Art Anleitung dafür, Gottes umfassenden Beistand in der Erfahrung des Glaubens zur Sprache zu bringen (vgl. Dalferth). Für die Predigtvorbereitung ist mir die Zusage des triadischen Segensgrußes wichtig.

5. Anregungen

Die Schlussformulierung unseres Textes (V.13) begegnet häufig im Kanzelsegen, sie bildet oft auch den liturgischen Gruß nach dem Votum gleich zu Beginn des Gottesdienstes. Der triadische Segensgruß vergegenwärtigt der Gemeinde an beiden liturgischen Orten grundlegend die gnädige Zuwendung Jesu Christi. Er erinnert daran, dass es der Gott der Liebe ist, der der Gemeinde zur Seite steht. Schließlich wird durch ihn die im Geist begründete Gemeinschaft zugesprochen.

In meiner Predigt möchte ich erkunden, wo es im Vertrauen auf diesen Zuspruch gelingt, Spaltungen zu überwinden und einander beizustehen. Die Zusage der Gegenwart des „Gottes des Friedens und der Liebe“ ist mit den Mahnungen zu einträchtigem und friedlichem Verhalten verbunden. Die Aufforderung, auf das Gleiche bedacht zu sein, muss nicht eine Einheitlichkeit der Meinungen oder Handlungen vorschreiben, sondern kann dazu ermuntern, friedlich und liebend (möglicherweise unterschiedliche) Standpunkte zu vertreten und entsprechend zu handeln.

Schließlich kann der Segenszuspruch auch von dem Wunsch entlasten, gemeindlichen Zusammenhalt durch intensivierte „Gesten des Friedens und der Gemeinschaft“ erst herstellen zu wollen, und die Suche nach grenzsensiblen integrativen Symbolhandlungen anregen, die dem vergewisserten göttlichen Beistand folgen

Literatur

  • Karl-Heinrich Bieritz, Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart. Beck‘sche Reihe 447, München 1991, 143; 144.
  • Ingolf U. Dalferth, God first. Die reformatorische Revolution der christlichen Denkungsart, Leipzig 2018, 184; 294-296.
  • Immanuel Kant, Der Streit der Fakultäten. Mit Einleitung, Bibliographie und Anmerkungen von Piero Giordanetti hrsg. v. Horst D. Brandt / Piero Giordanetti, Philosophische Bibliothek 522, Hamburg 2005, 41.
  • Perikopenbuch nach der Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder mit Einführungstexten zu den Sonn- und Feiertagen, hrsg. v. der Liturgischen Konferenz für die Evangelische Kirche in Deutschland, Leipzig 2018, 324.
  • Karen Georgia A. Thompson, Reflections on U.S. Presidential Elections: https://www.ucc.org/gmp-offers post-election-message-to-live-love-boldly

Autoren

  • Prof. Dr. Dietrich-Alex Koch (Einführung und Exegese)
  • Dr. Bernd Kuschnerus (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500122

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