2. Korinther 13,11-13 | Trinitatis | 15.06.2025
Einführung in den 2. Korintherbrief
Der 2 Kor
1. Verfasser
Paulus ist der einzige ntl. Autor, über den wir genauere Kenntnisse haben. Geboren (vermutlich zwischen 1 und 10 n.Chr.) in Tarsus, ist die Zeit vor seiner Berufung (32/33 v.Chr.) nur in Umrissen erkennbar; über die Zeit bis zum Beginn der selbständigen Mission in Europa (Philippi: 50 n.Chr.) gibt es schon wesentlich mehr Nachrichten, und über die letzten rund 12 Jahre seines Wirkens, d.h. bis zur Hinrichtung in Rom
2. Adressaten
Die im Jahre 51/52 n.Chr. gegründete "ekklesia tou theou" ("Gemeinde Gottes") war in sich keine homogene Einheit, wie bereits aus 1 Kor 1-3
3. Entstehungsort
Ob es ‚den‘ einen Entstehungsort gab, hängt davon ab, ob man den vorliegenden 2 Kor als Brief ansieht, der einheitlich abgefasst und abgeschickt worden ist, oder ob man ihn als eine spätere Kompilation mehrerer ursprünglich eigenständiger Briefe beurteilt. In der Literatur wird unter der Voraussetzung der Einheitlichkeit als Zeit der Spätherbst 55 und als Ort Makedonien, (d.h. eine der dortigen christlichen Gemeinden) genannt. Dies beruht auf den Angaben in 2,12f
4. Wichtige Themen
Die Frage der Briefkompilation:
Ein in der Exegese des 2 Kor bis heute umstrittene Frage ist, ob es sich bei diesem Text um ein einheitlichen Brief handelt, ob er also in der vorliegenden Form abgefasst und als ganzer abgeschickt worden ist, oder ob es sich um eine Zusammenstellung mehrerer ursprünglich einzeln verfasster Briefe handelt. Grund für die Debatte sind massive Schwierigkeiten, die gegen die Einheitlichkeit sprechen:
1. In 2 Kor 7,5-16
2. Auch innerhalb von 1,1-9,15
- Die in 2,12f
begonnene Erzählung von der Reise des Paulus, um Titus zu treffen, wird abrupt unterbrochen und erst in 7,5 fortgesetzt. Dafür gibt es in den übrigen Briefen des Paulus keine Parallele. - In 6,12f
; 7,2-4 (also direkt vor dem Neueinsatz 7,5) findet sich zudem ein Briefschluss, der sich von dem in 7,16 deutlich unterscheidet: Hier, in 6,12f; 7,2-4, wirbt Paulus um das Vertrauen der Gemeinde, das nach 7,15f doch vollständig wiederhergestellt ist. - In Kap 8
und 9 wird zweimal die geplante Kollekte für die Gemeinde in Korinth behandelt. Beide Kapitel sind untereinander unverbunden und haben auch keine Verbindung zu den übrigen Teilen des Briefes. - Schließlich ist 6,14-7,1
ein Fremdkörper, der mit seiner scharfen Abgrenzung nach außen wichtigen Aussagen des 1 Kor widerspricht und häufig für unpaulinisch gehalten wird (so F. Lang, D.-A. Koch, M.M. Mitchell).
Nimmt man ernst, dass hier ganz unterschiedliche Situationen im Verhältnis zwischen dem Apostel und seiner Gemeinde sichtbar werden, ist eine einheitliche Interpretation kaum möglich, auch wenn dies immer wieder versucht wird (so Th. Schmeller). Eine mögliche Rekonstruktion der Briefabfolge (und der Krise zwischen Apostel und Gemeinde) rechnet mit 5 Briefen (so M.M. Mitchell; D.-A. Koch):
- Brief A: „1. Kollektenbrief“ (2 Kor 8
; Mai 54): Paulus versucht die Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem (vgl. 1 Kor 16,1-4 ), die in Korinth zwischenzeitlich ins Stocken geraten ist, wieder in Gang zu bringen. Kurz danach hat Paulus neue Nachrichten aus Korinth, die besagen, dass nicht nur die Kollekte, sondern auch sein Apostelamt insgesamt in Frage gestellt wird. Die Reaktion ist: - Brief B: „Apologie“ (2 Kor 2,14-6,13
; 7,2-4 ; Juni 54): Paulus verteidigt sein Verständnis des Apostelamtes in klarem, aber ruhigem Ton. Im August 54 reist Paulus spontan von Ephesus nach Korinth, um direkt die Probleme zu klären („Zwischenbesuch“). Der Besuch endet in einer offenen Konfrontation. Paulus reist ab. Es droht der offene Bruch. Die Reaktion ist: - Brief C: sog. „Tränenbrief“ bzw. „Kampfbrief“ (2 Kor 10,1-13,10
; August 54); Paulus verfasst eine harte Attacke, um die Gemeinde zur Umkehr zu bewegen, und schickt Titus mit diesem Brief nach Korinth.
Die Briefe A/B/C sind von Ephesus aus verfasst. Danach reist Paulus zunächst nach Alexandria Troas, hat dort keine Nachricht von Titus, reist diesem im Winter 54/55 nach Makedonien entgegen (2,12f
- Brief D: „Versöhnungsbrief“ (2 Kor 1,1-2,13
; 7,5-16 ; Frühjahr 55): Paulus klärt letzte offene Fragen und bestätigt seinerseits die Versöhnung. - Brief E: „2. Kollektenbrief“ (2 Kor 9
; April/Mai 55): Die wiederaufgenommene Kollekte soll möglichst bald beendet werden.
Verfasst sind die beiden letzten Briefe in einer Gemeinde in Makedonien (also Philippi, Thessaloniki
5. Inhaltliche Schwerpunkte
Zentrales Thema von „Apologie“ und „Kampfbrief“ ist das Apostelamt, und zwar insbesondere die Schwachheit und das Leiden des Apostels. Dies passt nicht zu dem offensichtlich vielfach erwünschten Bild eines religiösen Heros, der in seiner Person die Überlegenheit der eigenen Botschaft anschaulich werden lässt. Paulus nimmt diese Kritik auf, ohne sich ihr anzupassen. Im Gegenteil: Wenn er der Apostel des Gekreuzigten ist (vgl. 1 Kor 2,2
Literatur:
- Eve-Marie Becker, Schreiben und Verstehen. Paulinische Briefhermeneutik im Zweiten Korintherbrief, NET 4, Tübingen 2002.
- Dietrich-Alex Koch, Geschichte des Urchristentums. Ein Lehrbuch, Göttingen 2. Auflage 2014, 214‒315. 333‒337.
- Margret M. Mitchell, Art. Korintherbriefe, RGG 4. Auflage, Band 4, 2001, 1688–1694.
Kommentare
- Friedrich Lang, Die Briefe an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1986.
- Thomas Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther. Teilband I. 2 Kor 1,1–7,4, EKK 7/1, Neukirchen-Vluyn/Ostfildern 2010.
- Margaret E. Thrall, The Second Epistle to the Corinthians, Volume I. Introduction and Commentary on II Corinthians I–VII / Volume II. Commentary on Corinthians VIII–XII, ICC, Edinburgh 1994 und 2000.
A) Exegese kompakt: 2. Korinther 13,11-13
Exegetische Vorbemerkung
Der jetzige im NT vorliegende Text des 2Kor
Der Beistand für die Gemeinde
Übersetzung
(11) Im übrigen, Brüder, freuet euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch ermahnen; seid auf das Gleiche bedacht, haltet Frieden; und der Gott der Liebe und des Friedens wird mit euch sein.
(12) Grüßt einander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen.
(13) Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes (sei) mit euch allen.
Auslegung
Die vorangestellte Ermahnung (V. 11) knüpft vorsichtig an die Vorwürfe des Paulus an die Gemeinde in Korinth
Da das Urchristentum in dieser Zeit offenbar recht schnell wächst (Griechenland, Kleinasien und auch Rom
Die Bemerkung „Es grüßen euch alle (!) Heiligen“ zeigt etwas Doppeltes: Die jeweilige Gemeinde existiert nicht isoliert für sich, sondern in Gemeinschaft mit anderen christusgläubigen Gruppe (Gesamtgemeinden, Hausgemeinden usw.); umgekehrt ergibt sich daraus, auch wenn dies hier nicht ausdrücklich thematisiert wird, dass die Gemeinschaft mit den anderen Gemeinden natürlich wechselseitig ist.
Höhepunkt und Abschluss des Textes ist die Schlussformulierung in V. 13. Er findet ja auch heute noch vielfach als Schlusssegen am Ende einer Predigt Verwendung (d.h. als ‚Kanzelsegen‘) – und zwar völlig zu Recht.
Das ist nicht nur als volltönende liturgische Formel zu verstehen. Das Neben- und Miteinander von Christus
Der Kompilator bleibt damit auf den Bahnen des Apostels Paulus, geht aber einen deutlichen Schritt weiter. Am Ende des 1Kor ist dieser Schritt noch nicht vollzogen. Dort erfolgt der abschließende Segenswunsch „Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit euch“ (1Kor 16,23
Später ist die ‚Trinität‘ im engeren Sinne zum Thema geworden. Kirchenväter und Konzilien haben sich intensiv darum bemüht, das Innenverhältnis der drei trinitarischen ‚Personen‘ zu klären, und zwar mit Hilfe der damaligen philosophischen Begriffe. Das ist als Versuch zu werten, die theologischen Aussagen des Neuen Testaments (nicht nur die des Paulus, sondern z.B. auch die des JohEv) im Rahmen des antiken Denkens zu erfassen. Das sind jedoch kommende Probleme. Im Vergleich dazu liegt hier nicht so sehr eine Reflexion über (!) die Trinität vor, sondern hier wird deren Bedeutung für die Bewahrung der Gemeinde, d.h. der umfassende göttliche Beistand in den Mittelpunkt gerückt.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Exegese macht plausibel, dass die Verse an paulinische Gedanken anknüpfen, aber nicht vom Apostel selbst stammen. Ich frage mich, welchen Unterschied es für die Predigtaufgabe macht, es mit allgemeineren, zeitübergreifend wirkenden Passagen zu tun zu haben. Auch der Zusammenhang zwischen der Frage nach gemeindlicher Stabilität und einer „ökumenischen Perspektive“ weckt mein Interesse. Nicht zuletzt fordert mich im Blick auf meine Predigtvorbereitung für den Trinitatissonntag der Unterschied zwischen dem triadischen Segensgruß in V.13 und der Trinitätslehre heraus, den die Exegese hinsichtlich Sprachform und Gehalt erarbeitet. Den emphatischen Hinweis auf die Verwendung des Schlusssegens aus V.13 als Kanzelsegen empfinde ich als Ermutigung für meine Predigtaufgabe.
2. Thematische Fokussierung
In der Exegese wird eine Spur gelegt, nach der der triadische Segensgruß eine Grenzziehung gegenüber anderen Gottheiten beinhaltet. Doch ich möchte für dieses Mal der Bedeutung seines Zuspruchs für den Zusammenhalt in der Gemeinde und die Gemeinschaft von Gemeinden (und Kirchen) nachgehen. Da er gerade für Gemeinden mit einer gefährdeten inneren Stabilität wichtig ist, spricht er mich angesichts gegenwärtiger gemeindlicher Verunsicherungen an.
3. Theologische Aktualisierung
Weniger ein rasches Wachstum von Gemeinden wie zum Ende des 1. Jahrhunderts als ein Abnehmen von Mitgliederzahlen und gesellschaftlicher Anerkennung verlangt zur Zeit bei uns nach innerem Zusammenhalt und ökumenischer Weite. Hinzu kommt die Belastung durch gesellschaftliche Krisen, die sich auch in der Kirche auswirken. Die Mahnungen zu Eintracht und Frieden sprechen in diese Situation.
Ein bemerkenswertes Beispiel für den Versuch der Ermutigung und Stärkung des Zusammenhalts der Kirche ist m.E. eine in ein Gebet mündende Rede von Karen Georgia A. Thompson, Kirchenpräsidentin der United Church of Christ. Nach den Präsidentschaftswahlen in den USA 2024 macht Thompson auf die Spaltung in Nation und Kirche aufmerksam. Trotz der Erfahrung einer von Misstrauen, Wut und Hass geprägten Wahlkampfrhetorik gelingt ihr ein unpolemischer, versöhnlicher Ton. Dabei positioniert sie sich unmissverständlich an der Seite von Minderheiten, die zu Zielen verbaler Angriffe wurden.
Auch bei uns gibt es zunehmend gesellschaftlich polarisierende Formen der Auseinandersetzung. Die stärkende Kraft ökumenischer Verbundenheit, ist nicht hoch genug zu schätzen. Das zeigt sich insbesondere in der gottesdienstlichen und diakonischen Gemeinschaft mit Gemeinden, die wie in der Ukraine unter Krieg leiden.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der Trinitatissonntag wird als ein „Ideenfest“ verstanden, das ein Thema in den Mittelpunkt rückt (Bieritz; Perikopenbuch). Immanuel Kant behauptete: „aus der Dreieinigkeitslehre, nach dem Buchstaben genommen, lässt sich schlechterdings nichts fürs Praktische machen, wenn man sie gleich zu verstehen glaubte…“. Damit scheint sich für die Predigt eine gewisse Verlegenheit zu ergeben: Worüber soll ich predigen, wenn sich das vorgesehene Thema weder als lebensorientierend erweist noch als eigentlich verständlich?
Karl-Heinrich Bieritz vermutet gewiss zurecht, dass unsere Perikope am Trinitatissonntag „wohl wegen des ‚trinitarischen‘ Grußes“ gelesen wird. Die später entwickelte Trinitätslehre steht jedoch noch nicht im Hintergrund unseres Textes, wie in Teil A gezeigt wurde. Es ist dieser umfassende dreigliedrige Segenszuspruch, der fehlte, wenn es diesen Text nicht gäbe. Er kann darauf aufmerksam machen, dass auch eine (spätere) Lehre von der Trinität in gottesdienstlichen Sprachformen wurzelt, welche die Teilnehmerschaft in der Anbetung oder durch den Segen einbeziehen. Ihre praktische Bedeutung erhält sie nicht als begriffliche Beschreibung der Trinität, sondern als eine Art Anleitung dafür, Gottes umfassenden Beistand in der Erfahrung des Glaubens zur Sprache zu bringen (vgl. Dalferth). Für die Predigtvorbereitung ist mir die Zusage des triadischen Segensgrußes wichtig.
5. Anregungen
Die Schlussformulierung unseres Textes (V.13) begegnet häufig im Kanzelsegen, sie bildet oft auch den liturgischen Gruß nach dem Votum gleich zu Beginn des Gottesdienstes. Der triadische Segensgruß vergegenwärtigt der Gemeinde an beiden liturgischen Orten grundlegend die gnädige Zuwendung Jesu Christi. Er erinnert daran, dass es der Gott der Liebe ist, der der Gemeinde zur Seite steht. Schließlich wird durch ihn die im Geist begründete Gemeinschaft zugesprochen.
In meiner Predigt möchte ich erkunden, wo es im Vertrauen auf diesen Zuspruch gelingt, Spaltungen zu überwinden und einander beizustehen. Die Zusage der Gegenwart des „Gottes des Friedens und der Liebe“ ist mit den Mahnungen zu einträchtigem und friedlichem Verhalten verbunden. Die Aufforderung, auf das Gleiche bedacht zu sein, muss nicht eine Einheitlichkeit der Meinungen oder Handlungen vorschreiben, sondern kann dazu ermuntern, friedlich und liebend (möglicherweise unterschiedliche) Standpunkte zu vertreten und entsprechend zu handeln.
Schließlich kann der Segenszuspruch auch von dem Wunsch entlasten, gemeindlichen Zusammenhalt durch intensivierte „Gesten des Friedens und der Gemeinschaft“ erst herstellen zu wollen, und die Suche nach grenzsensiblen integrativen Symbolhandlungen anregen, die dem vergewisserten göttlichen Beistand folgen
Literatur
- Karl-Heinrich Bieritz, Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart. Beck‘sche Reihe 447, München 1991, 143; 144.
- Ingolf U. Dalferth, God first. Die reformatorische Revolution der christlichen Denkungsart, Leipzig 2018, 184; 294-296.
- Immanuel Kant, Der Streit der Fakultäten. Mit Einleitung, Bibliographie und Anmerkungen von Piero Giordanetti hrsg. v. Horst D. Brandt / Piero Giordanetti, Philosophische Bibliothek 522, Hamburg 2005, 41.
- Perikopenbuch nach der Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder mit Einführungstexten zu den Sonn- und Feiertagen, hrsg. v. der Liturgischen Konferenz für die Evangelische Kirche in Deutschland, Leipzig 2018, 324.
- Karen Georgia A. Thompson, Reflections on U.S. Presidential Elections: https://www.ucc.org/gmp-offers post-election-message-to-live-love-boldly
Autoren
- Prof. Dr. Dietrich-Alex Koch (Einführung und Exegese)
- Dr. Bernd Kuschnerus (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500122
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