Lukas 19,41-48 | 10. Sonntag nach Trinitatis – Israelsonntag: Gedenktag der Zerstörung Jerusalems | 24.08.2025
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 19,41-48
Übersetzung
41 Und als er nahekam und die Stadt sah, weinte er über sie 42 und sagte: „Wenn doch auch du an diesem Tag erkennen würdest, was zum Frieden [dient]. Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen. 43 Denn es werden Tage über dich kommen, da werden deine Feinde um dich Wälle aufwerfen und dich umzingeln und von allen Seiten bedrängen. 44 Und sie werden dich zu Boden strecken samt deinen Kindern in dir, und sie werden in dir keinen Stein auf dem anderen lassen, weil du den Zeitpunkt nicht erkannt hast, an dem dich Gott besucht hat.“
45 Und er ging in den Tempel hinein und fing an, die Verkäufer hinauszuwerfen 46 mit den Worten: „Geschrieben ist: ‚Und mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein – ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht.'“ 47 Und er lehrte jeden Tag im Tempel: Aber die Hohepriester und die Schriftgelehrten samt den Ersten des Volkes versuchten ihn zu vernichten, 48 fanden jedoch keine Handhabe, denn das ganze Volk hing an seinen Lippen.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Das zum Substantiv episkopê „Besuch“ in V. 44 gehörende Verb wird in Lk 1,68
2. Gattung und Kontext
Wo in der Markusvorlage die prophetische Zeichenhandlung der Verfluchung des unfruchtbaren Feigenbaumes steht, berichtet Lukas stattdessen von Jesu Weinen über Jerusalem. Auffällig ist, dass Jesus in scharfem Kontrast zum Vorangehenden nun Jerusalem alleine zu betreten scheint – weder die Jünger noch das Reittier werden erwähnt (die nächste Erwähnung der Jünger erfolgt in Lk 20,46
3. Schwerpunkt der Interpretation
Jesu Weinen über Jerusalem stellt zwischen seinem Geschick und dem kommenden Untergang der Stadt einen direkten Zusammenhang her: Weil die als Person angesprochene Stadt ihre heilsame Heimsuchung durch Gott in Jesus (vgl. Lk 1,68
4. Theologische Perspektivierung
Beide Perikopen kommen bei aller Unterschiedlichkeit darin überein, dass es um das spannungsvolle Verhältnis zwischen Jesus und dem Gottesvolk geht. Zum einen ist dieses dadurch schwer belastet, dass „Jerusalem“ nicht den Besuch Gottes in Jesus erkannt hat, sondern zuletzt den Gottesboten abgelehnt und mit den Oberen seinen Tod gefordert hat (Lk 23,13-25
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Seltsamer Zuschnitt einer Predigtperikope! So mein ursprünglicher Gedanke.
Doch die Exegese eröffnet mir einen Aspekt, der die beiden Abschnitte (V.41–44 und V.45–48), die in keinem anderen Evangelium zusammenhängen, thematisch aufeinander Bezug nehmen lässt.
Die Übersetzung von V. 44b „…weil du (Jerusalem) den Zeitpunkt nicht erkannt hast, an dem dich Gott besucht hat“ markiert die Heimsuchung Gottes eindeutig als ein durch die Person Jesus geschehenes Ereignis. Jerusalem hat nicht erkannt, dass Gott in Jesus bereits gekommen ist. Es ist blind für die Gottessohnschaft Jesu. Das ist wahrhaft zum Weinen! Es sind Tränen der Enttäuschung. Und gleichzeitig Tränen der Verbundenheit mit diesem, seinem Volk!
Jerusalem hat Jesu Lehre also dringend nötig, denn hierin wird die Heimsuchung Gottes greifbar. Dafür räumt Jesus den Tempel auf, macht ihn zum Ort der Predigt und des Gebets. Denn darin erkennt man ihn am besten.
2. Thematische Fokussierung
Nach der langen und wechselhaften Geschichte zwischen Judentum und Christentum stellt sich heute nicht mehr nur die Frage nach dem Heilsschicksal Israels. Hierauf erlaubt der Text ohnehin keine Antwort, denn trotz Unheilsankündigung bleibt Jesus diesem Volk zugehörig, ist ihm gegenüber nicht anklagend, sondern mitleidend.
Vielmehr stellt sich auch uns Christen heute die Frage, ob wir die Heimsuchungen Gottes bemerken oder nicht. Auch für uns bleibt die Lehre Jesu zentral. In seiner Botschaft wird seine Gegenwart greifbar, allerdings nur dann, wenn sie nicht durch anderes, „Räuberhölenartiges“ untergegangen ist.
3. Theologische Aktualisierung
„Wenn doch auch du an diesem Tag erkennen würdest, was zum Frieden dient“ (V. 42) – diesem Satz kann ich mich somit nicht entziehen. Frieden als Raum zum Leben für jede und jeden, umfangen vom Glauben an den einen Gott des Himmels und der Erde. Dieser Friede fängt bei mir an, bedeutet für mich ein Annehmen meiner Identität, meinem So-Gewordensein. Dieses Annehmen funktioniert, da auch mein Leben sinnvoll erdacht, aufgehoben und getragen ist von Gott.
Dieser Friede ist einer, der zum Frieden anstiftet. Und er kommt aus Jesu Wort und beispielhaftem Leben. Seiner Botschaft, die ich immer wieder hören muss. Denn ich will den Zeitpunkt nicht verpassen, an dem Gott mich besucht!
4. Bezug zum Kirchenjahr
„Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!“ ist der Wochenspruch des Israelsonntags, der zwei verschiedene Proprien anbietet: „Kirche und Israel“ mit dem Schwerpunkt der bleibenden Verbindung zwischen Judentum und Christentum (Predigttext Mk 12,28-34
Im Wandel der Namen für diesen Sonntag (von Judensonntag zu Israelsonntag) und der Wahl der Bibeltexte spiegelt sich das Umdenken wider: Heute wird der bleibenden Erwählung Israels als Gottes Volk gedacht – vor dem Hintergrund der christlichen Schuldgeschichte und der Trauer über das Unrecht, das den Juden angetan wurde.
Die durch die Exegese von Lk 19,41-48
Den Fokus darauf zu legen, dass auch die Christen den Zeitpunkt nicht verpassen mögen, an dem Gott sie besucht, halte ich für legitim und zielführend. Dieser Schritt verhindert zudem ein Anprangern des Judentums in dieser Frage.
Im Lied EG 369 (Wer nur den lieben Gott lässt walten) finde ich den Glauben an Gott, der trotz aller Anfechtungen bündnistreu ist, in schönster Weise ausgedrückt.
5. Anregungen
Stell dir vor, sie haben den Zeitpunkt nicht erkannt, an dem Gott sie besucht hat. Damals in Jerusalem. Sie waren blind. Traurig, nicht wahr? Zum Weinen!
Stell dir vor, sie haben Gott nicht erkannt, als er direkt vor ihnen stand. Damals in Emmaus. Sie waren blind. Eigentlich zum Weinen. Aber Jesus sagt: Musste es nicht so kommen?
Stell dir vor, du hast den Zeitpunkt nicht erkannt, an dem Gott dich besucht hat. Warst blind. Nicht damals und nicht weit weg. Sondern heute und hier. Stell es dir vor! Zum Weinen, nicht wahr?
Aber Gott spricht: Ich kann Blinde heilen.
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Angelika Ohlemacher (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500134
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