Jesaja 2,1-5 | 8. Sonntag nach Trinitatis | 10.08.2025
Einführung in das Buch Jesaja
1. Endgestalt des Buches
Das Jesajabuch
Das gesamte Buch wird laut Jes 1,1
2. Kompositions- und Redaktionsgeschichte
Der Kern des Jesajabuches geht auf den gleichnamigen Propheten zurück, der im 8. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem wirkte. Spätestens die Kapitel ab Jes 40
Im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Forschung des 20. Jahrhunderts ist der Kernbestand bei allen drei Teilen teilweise auf wenige Kapitel geschrumpft. Der Großteil wird späteren Ergänzern, Fortschreibern oder Redaktoren zugewiesen. Das hat zwei Folgen:
- Zum einen kann man nur einen kleinen Teil der Schrift „mit Sicherheit“ dem Propheten Jesaja oder Deuterojesaja zuweisen, während der überwiegende Teil des Buches Jesaja von unbekannten Redaktoren etc. verfasst wurde.
- Zum anderen gibt es eine stärkere Orientierung am „Sitz im Buch“, d.h. man kann die Texte meist nicht einem ganz bestimmten Zeitpunkt zuweisen, dafür aber die Stelle, in der der Text vorkommt, aus dem Buch heraus begründen.
Allerdings gibt es bis heute die Ansicht, ein Großteil der Texte ginge auf den historischen Propheten Jesaja zurück und man könne die unterschiedlichen, teils auch widersprüchlichen Texte auf Verkündigungsphasen des Propheten zurückführen. Aber auch hierbei gilt, dass diese Forschungsrichtung im Jesajabuch eine bewusste und absichtliche Gestaltung des Buches erkennt.
3. Historischer Kontext
Das Jesajabuch beinhaltet in den Kapiteln 1–39 unter anderem die Worte des historischen Jesajas, der zur Zeit des sogenannten syrisch-ephraimitischen Krieges (734–732 v. Chr.) zu wirken begann. Die Wirkungszeit des historischen Propheten lässt man mindestens bis 701 v. Chr. laufen, als Jerusalem
Allerdings dürfte der Großteil der Texte nicht auf den historischen Propheten Jesaja zurückgehen, sondern sich späteren exilischen und nachexilischen Fortschreibern verdanken, die ihre eigenen Ansichten und die ihrer Zeit über die Zukunft des Königtums und der Gottesherrschaft
Der hintere Teil des Jesajabuches (ab Jes 40) wird der exilischen, mittlerweile sogar der nachexilischen Zeit zugerechnet. Die Rückkehr Jhwhs zum Zion (Jes 40,1–11
4. Wichtige Themen
Zion
5. Besonderheiten
Im Jesajabuch begegnen mit Jes 7
Die sogenannten Gottesknechtslieder, die Bernhard Duhm „entdeckt“ hat, sind im Neuen Testament aufgenommen worden Jes 42,1–7
Literatur:
- H. Barth, Die Jesaja-Worte in der Josiazeit. Israel und Assur als Thema einer produktiven Neuinterpretation der Jesajaüberlieferung, Neukirchen-Vluyn 1977 (WMANT 48)
- Becker, U., 2006, Der Messias in Jes 7–11. Zur „Theopolitik“ prophetischer Heilserwartung, in: Susanne Gillmayr-Bucher u.a. (Hgg.), Ein Herz so weit wie der Sand am Ufer des Meeres. Festschrift für Georg Hentschel, EThSt 90, Würzburg, 235-254.
- Becker, U., 2022, The Book of Isaiah. Its Composition History, in: Lena-Sofie Tiemeyer (Hg.), The Oxford Handbook of Isaiah, Oxford, 37–56.
- Kaiser, O., 19815, Der Prophet Jesaja. Kapitel 1–12 (ATD 17), Göttingen.
A) Exegese kompakt: Jesaja 2,1-5
Wie wird alles gut?
Übersetzung
1 Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem:
2 Am Ende der Tage wird der Berg des Hauses JHWHs fest sein,
der höchste Gipfel der Berge, und er wird höher sein als die Hügel,
und es werden zu ihm alle Völker strömen.
3 Und viele Nationen werden kommen und sagen:
„Auf, wir wollen zum Berg JHWHs hinaufziehen,
zum Haus des Gottes Jakobs,
damit er uns in seinen Wegen unterweise
und wir auf seinen Pfaden wandeln.
Denn von Zion wird Weisung ausgehen
und das Wort JHWHs von Jerusalem.“
4 Er wird Recht sprechen unter den Völkern
und wird vielen Völkern zum Recht verhelfen
und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden
und ihre Speere zu Winzermessern.
Kein Volk wird gegen ein anderes das Schwert erheben
und sie werden die Kriegskunst nicht mehr lernen.
5 Lasst uns gehen, Haus Jakobs,
und wandeln im Licht JHWHs.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V.2: נָכוֹן: fest, sicher, zuverlässig
V.2: וְנִשָּׂא מִגְּבָעוֺת: „ist erhaben über die Hügel“ oder (als Komparativ): „höher als die Hügel“
2. Kontext und literarische Gestaltung
Das Eingangskapitel in Jes 1
In diesem Abschnitt wird Zion/Jerusalems Verwandlung hin zum Zentrum der Welt geschildert. Die Völker kommen aber zum Zion, weil sie einsichtig sind und erkannt haben, dass JHWHs Wege und Pfade die richtigen sind (V.3). Dort wird JHWH über und für die Völker auch Recht sprechen, weshalb alle Welt dorthin pilgern wird. Als Folge hört auch tatsächlich der Krieg auf (V.4). Die abschließende (Selbst-)Aufforderung ergeht an das Haus Jakob, also an das Gottesvolk. Im Licht JHWHs zu wandeln kann man als Aufforderung verstehen, ein Vorbild für die Völker zu sein – neutestamentlich gesprochen: ein Licht der Welt / für die Welt zu sein. Ab Jes 2,6
3. Textgenese
Der einleitende Vers (Jes 2,1
Es herrscht Uneinigkeit darüber, ob Jes 2,2-4
4. Historische Einordnung
Jes 2,1–5 ist in Protojesaja das Gegenstück zu Jes 60
Jes 60 stammt aus nachexilischer Zeit. Wenn in Jes 2,4
5. Schwerpunkte der Interpretation
Es gibt zwei Themen in diesem Text, die eng miteinander zusammenhängen: Zum einen kommen die Völker zum Zion und unterstellen sich freiwillig dem Richtspruch JHWHs. In gewisser Weise kommen sie damit in den Genuss der Gottesherrschaft. Zum anderen erübrigt sich jedwede gewaltvolle Auseinandersetzung. JHWH erscheint wie ein internationaler Gerichtshof, der neutral Recht zwischen den Völkern spricht, so dass man keiner Waffen mehr bedarf.
6. Perspektiven für die Predigt
Das Motto der Friedensbewegung, aber auch die Bronzeplastik vor dem Gebäude Vereinten Nationen in New York gehen auf das eindrückliche Bild aus Micha-Jesaja zurück: Schwerter zu Pflugscharen.
Es fällt nicht schwer, heutzutage an die Vorstellungen anzuknüpfen, die sich Jes 2,1-5
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die Exegese erschließt mir mindestens zwei Einsichten, die für eine Predigt wichtig sein könnten: Bei der ersten Lektüre der Perikope kam mir das endzeitliche Bild von Menschenmengen, die aus allen Himmelsrichtungen zu einem Berg ziehen, der zum Ort des Rechtsprechens wird. Die Exegese verweist darauf, warum die Völker dies tun – nämlich aus Einsicht, also aus freien Stücken: Nicht Drohung, Alternativlosigkeit oder Zwang treibt sie, wie den Häftling, der vorgeführt wird. Aus Einsicht suchen sie selbst den Ort der Rechtsprechung auf: „Auf, wir wollen zum Berg JHWHs hinaufziehen“ (V 3). Dabei treibt sie eine Sehnsucht, eine Suche nach dem Weg des Rechts.
Zweitens verweist die Exegese darauf, dass der Ort des Rechtsprechens weder ein unveränderter, menschlich festgesetzter noch ein geschichts- und problemloser Ort ist, sondern vielmehr ein verwandeltes Jerusalem/Zion. Noch im ersten Kapitel des Jesajabuches – darauf verweist die Exegese – hagelt es Kritik an diesem Ort. Erst durch eine Verwandlung wird er zum Ort der Weisung und Rechtsprechung, den die Völker freiwillig aufsuchen. Dass sich der Text auch als Aufforderung zur Verwandlung lesen lässt, lehrt mich die Exegese.
2. Thematische Fokussierung
Die Exegese verbindet die Perikope mit der Leitfrage „Wie wird alles gut?“ und mit Themen rund um Recht und Frieden. Das verknüpft den Bibeltext mit gegenwärtigen Fragen: An unterschiedlichen Orten tobten in den letzten Jahrzehnten Kriege, Bürgerkriege und Kriegsgefahren. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist das Thema Krieg auch in Deutschland wieder näher gerückt: In der älteren Generation wecken Medienberichte Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg oder an die Kriegsgefahren des sogenannten kalten Krieges. Mindestens durch Preissteigerungen und Inflation betreffen Kriegsfolgen auch Menschen hierzulande lebensweltlich. In der Politik sind Fragen der Sicherheit und des Militärs auch in Deutschland (wieder) ins Zentrum gerückt. In diesem Kontext liegt vor dem Hintergrund der in der Exegese formulierten Leitfrage das Thema nahe: Wie wird Frieden?
In den Fokus rückt so, worauf die Exegese verweist: Frieden folgt aus Recht.
3. Theologische Aktualisierung
Der Predigttext erzählt von einem Zusammenhang, der heute im persönlichen Leben wie in (außen-)politischen Kontexten von großer Aktualität ist, den Zusammenhang nämlich von Gerechtigkeit und Frieden bei Gott. Frieden folgt im Text aus Gerechtigkeit; erst verhilft Gott den Völkern zum Recht, dann schmieden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen um und halten Frieden. Die wunderbare Friedensverheißung des Textes – etwa, dass keiner das Kriegshandwerk mehr lernen wird (V 4) – geht nicht an Unrechtsverhältnissen vorbei, sondern zurechtbringend durch diese hindurch. Der Friede Gottes ist kein Gewaltfriede, kein erzwungenes Stillhalten um jeden Preis, keine Unterdrückung der stillen Wut und lauten Verzweiflung der Entrechteten – dieser Friede beginnt damit, dass Menschen zu ihrem Recht gebracht werden.
Jede aktualisierende Auslegung dessen, muss dann den Unterschied von Gott und Mensch beachten. Es ist Gott, der hier unterweist und richtet – nicht die „Mansplainer“, Besserwisserinnen oder populistischen Empörlinge dieser Welt. Der menschliche Teil dieser Verheißung ist, sich von Gott unterweisen zu lassen, auf Gottes Pfaden und in Gottes Licht zu wandeln.
Was es konkret und diesen Unterschied wahrend heißen kann, von dem allein Gott möglichen Gerechtigkeitsfrieden her zu denken und zu handeln, hat die Friedensdenkschrift der EKD von 2007 unter dem Titel „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ auf immer noch aktuelle Weise skizziert. Darin wird auch der Predigttext erwähnt (unter 2.5.1).
Der volle Text findet sich hier: https://www.ekd.de/friedensdenkschrift.htm
4. Bezug zum Kirchenjahr
Durch die Texte und Lieder des achten Sonntags nach Trinitatis zieht sich das Thema Recht/ Gerechtigkeit, das oft verbunden wird mit einer Lichtmetaphorik. Der Wochenspruch fordert dazu auf, als „Kinder des Lichts“ zu handeln, und verbindet dies mit der Frucht der Gerechtigkeit; das Wochenlied bittet um den Aufgang der „Sonne der Gerechtigkeit“ (EG 262/263). Und das Evangelium aus der Bergpredigt enthält die Zusage „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5,14
Damit legt die Auswahl der Texte übrigens auch Assoziationen zu den Bergen in den Texten nahe: Der Predigttext verheißt eine Völkerfahrt zu einem Berg, in der Bergpredigt gibt Jesus von einem Berg Weisungen und Orientierungen. Will man diese Assoziationen für eine Predigt fruchtbar machen, müsste man freilich darauf achten nicht in ein Verheißungs-Erfüllungs-Schema zu zurückzufallen, in dem der Text aus dem hebräischen Teil der Bibel nur verheißt, während im griechischen Teil Erfüllung in Szene gesetzt wird. Spannend scheint vor allem die sich durch die Texte des Sonntags ziehende Verbindung von Gerechtigkeit und Lichtmetaphorik. Gerechtigkeit scheint in dieser Bildwelt etwas Erhellendes, Klärendes zu haben; im Licht wird besser sichtbar, was Gerechtigkeit bedeutet, wie gerechtes Zusammenleben aussehen könnte – und wo Unrecht geschieht. Während andere Texte des Sonntags einen Zuspruch formulieren, aus dem ein Anspruch folgt – „Ihr seid das Licht der Welt. […] So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten.“ (Mt 5,14.16
5. Anregungen
Die predigende Person könnte die Rolle dessen einnehmen, die/der versucht, in diese Selbstaufforderung einzustimmen, und sich in diesem Einstimmungsversuch auf die gemeinsame Suche mit der Gemeinde begibt: Wo ist uns Gottes Gerechtigkeit begegnet? Wo suchen wir nach Recht und Gerechtigkeit? Wo lernen wir, was recht ist? Wo brauchen wir selbst Zurechtbringung? Und: Was heißt es konkret, im Licht JHWHs zu wandeln?
Zu diesen Suchbewegungen sehe ich in Auseinandersetzung mit dem Predigttext unter anderem folgende Impulse: Ansatzpunkt könnte die Sehnsucht sein, die die „Völker“ im Predigttext aus freien Stücken zum Berg ziehen lässt. Welche Sehnsüchte und Hoffnungen treiben Menschen heute an, nach dem Recht Gottes zu fragen?
Ansatzpunkt könnte in der Bilderwelt des Lichts auch die Frage sein, was uns davon abhält zu leuchten, im Licht zu wandeln. Auf dieser Linie könnte die Predigt dazu ermutigen, im Licht zu wandeln und Gerechtigkeit zu suchen.
Autoren
- Dr. Alexander Weidner (Einführung und Exegese)
- Prof. Dr. Florian Höhne (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500131
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