Matthäus 9,35-10,1(2-4)5-10 | 5. Sonntag nach Trinitatis | 20.07.2025
Einführung in das Matthäusevangelium
Das MtEv
1. Verfasser
Das MtEv ist, wie alle neutestamentlichen Evangelien, anonym verfasst. Die Zuschreibung an Matthäus ist handschriftlich seit dem Ende des 2./Beginn des 3. Jh.s bezeugt; die älteste patristische Bezeugung stammt aus dem weitgehend verlorenen Werk des kleinasiatischen Bischofs Papias von Hierapolis. Nach ihm „hat Matthäus die Logien (Jesu) also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es übersetzte sie aber jeder, so gut er konnte“ (Eusebius, h.e. III 39,16; Irenäus spricht von seinem „Evangelium in schriftlicher Form“, s. Adv. haer. III 1,1). Die Zuschreibung eines Evangeliums an den Apostel Matthäus bezieht sich in den ältesten Quellen jedoch nur auf das behauptete hebräische/aramäische Original. Für die vorhandene griechische Fassung wurde schon von Hieronymus festgehalten, dass der Übersetzer unbekannt ist (Vir.ill. III 1). Ohne auf die Übersetzungsfrage einzugehen, wurde das MtEv bis lange ins 19. Jh. hinein und mit nicht wenigen Vertretern bis heute als Werk des Apostels u. ehemaligen ‘Zöllners’ Matthäus angesehen. In der deutschsprachigen Forschung wird dagegen mehrheitlich ein unbekannter judenchristlicher Verfasser angenommen, der zwischen 80 und 100 das Evangelium auf der Grundlage älterer Quellen (Mk, Q, Sondergut) geschrieben hat. Die internationale u. nichtprotestantische Forschung ist in dieser Frage allerdings deutlich pluraler als die deutschsprachige Einleitungswissenschaft und Kommentarliteratur. Eine wichtige Rolle spielt in beiden exegetischen Traditionen die singuläre Referenz in der Jüngerliste Mt 10,3
2. Adressaten
Das Evangelium selbst enthält keine direkten Hinweise auf Adressaten, Abfassungszeit oder -ort. Alle diesbezüglichen Aussagen sind aus dem vorliegenden Text abgeleitet und angesichts deren Spärlichkeit entsprechend hypothetisch. Die patristischen Autoren berichten, dass Matthäus das Evangelium für die „Hebräer“ (d.h. die jüdischen Jesusgläubigen in Israel) schrieb, bevor er „zu den anderen Völkern“ gehen wollte (Eusebius, h.e. III 24 6). Die Annahme, dass das Evangelium ursprünglich an überwiegend judenchristliche Gemeinden gerichtet war und in deren Kontext entstanden ist, wird auch heute mehrheitlich vertreten. Nur wenige machten und machen sich für einen heidenchristlichen Ursprungskontext stark. Allerdings gibt es auch hier eine starke, insbesondere englischsprachige Forschungstradition, die solche Partikularadressierungen ablehnt und stattdessen von einer von Anfang an universalen Adressatenschaft ausgeht („The Gospel For All Christians“). In der deutschsprachigen Evangelienforschung dominiert dagegen ein Partikular- und Konfliktmodell, nach dem die einzelnen Evangelien an bestimmte Gemeindegruppen adressiert sind und sich dabei gleichzeitig von den Empfängergruppen der anderen Evangelien mehr oder weniger polemisch absondern. Der Zuweisung des MtEv an ein judenchristliches Milieu impliziert darum oft die Abgrenzung gegenüber anderen frühchristlichen Milieus (repräsentiert u.a. durch Paulus oder das MkEv, das Mt angeblich verdrängen oder ersetzen wollte). Damit wird das MtEv in erster Linie zu einem Zeugnis für die angenommene Konfliktgeschichte innerhalb des frühen Christentums zwischen 70 und 100, und die in ihm vermittelten Jesustraditionen gelten als so ausgewählt bzw. reformuliert, dass sie der Selbstvergewisserung dieser besonderen Gruppe dienten (die manche mit den Apg 15,5
3. Entstehungsort
Aufgrund der judenchristlichen Charakteristika wird häufig eine Entstehung in Antiochien vermutet, was dadurch gestützt wird, dass Bischof Ignatius von Antiochien das MtEv schon im 1. Drittel des 2. Jh.s zu kennen scheint. Aber auch andere Orte in Israel bzw. Syrien werden diskutiert. Mt 4,24f.
4. Wichtige Themen
Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die Christologie (Jesus als Sohn Davids neben der Menschensohn-Christologie), Soteriologie (Vergebung der Sünden als Zielvorgabe von Jesu Wirken [1,21
5. Besonderheiten
Das MtEv enthält eine Vielzahl klar abgrenzbarer Einheiten, die in sich deutlich strukturiert sind, insbesondere durch Dreiergruppen (vgl. 1,17
Literatur:
- Aktueller Kommentar: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015 (theologisch gehaltvolle Auslegung, aber kaum Hinweise auf Literatur; diese findet sich reichlich verarbeitet in dem Band: Matthias Konradt, Studien zum Matthäusevangelium, WUNT 358, Tübingen 2016).
- Grundlegend: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1-4, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985 (5., völlig neubearbeite Aufl. 2002), 1990, 1997, 2002 (umfassendster Kommentar in deutscher Sprache mit ausführlichen Hinweisen zur Auslegungs- und Wirkungsgeschichte).
- Zur Diskussion um die Tora: R. Deines, Jesus and the Torah according to the Gospel of Matthew, in: The Gospel of Matthew in its Historical and Theological Context. Papers from the International Conference in Moscow, September 24 to 28, 2018, hg. v. M. Seleznev, W. R. G. Loader u. K.-W. Niebuhr, WUNT 459, Tübingen 2021, 295–327 (in diesem Band auch weitere Aufsätze zu dem Thema, so dass die verschiedenen Positionen gut erkennbar sind).
- Angelsächsische Literatur und Auslegungsgeschichte: Ian Boxall, Matthew Through the Centuries, Wiley Blackwell Bible Commentaries, Hoboken: Wiley Blackwell, 2019.
A) Exegese kompakt: Matthäus 9,35–10,1(2–4)5–10, 5
Übersetzung
35 Und Jesus durchzog alle Städte und die Dörfer, lehrend in ihren Synagogen und verkündigend das Evangelium des Reiches und heilend jede Krankheit und jede Schwachheit. 36 Die Volksmengen sehend befiel ihn Erbarmen ihretwegen, denn sie waren bedrängt und zu Boden geworfen wie Schafe, die keinen Hirten haben (Num 27,17
10,1 Und nachdem er seine zwölf Jünger zu sich gerufen hatte, gab er ihnen Vollmacht bezüglich der unreinen Geister, sodass sie diese austreiben und jede Krankheit und jede Schwachheit heilen konnten. 2 Die Namen der 12 Ausgesandten (Apostel) sind diese: Zuerst Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, sein Bruder, dazu Jakobus, der [Sohn] des Zebedäus und Johannes, sein Bruder, 3 Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der [Sohn] des Alphäus und Thaddäus, 4 Simon der Kananaios und Judas der Iskariotes, der ihn auch auslieferte.
5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, nachdem er sie unterwiesen hatte, indem er sagte: „Auf einen Weg zu den Völkern kommt nicht hin und in eine Stadt der Samaritaner kommt nicht hinein! 6 Geht vielmehr zu den Schafen, den verlorenen, vom Haus Israel! 7 Hingehend aber verkündigt sagend, dass das Reich der Himmel nahegekommen ist. 8 Kranke heilt, Tote weckt auf, Aussätzige reinigt, Dämonen treibt aus. Umsonst empfingt ihr, umsonst gebt! 9 Erwerbt nicht Gold oder Silber oder Bronze für eure Gürtel! 10 Weder einen Rucksack für unterwegs, noch zwei Untergewänder, noch Sandalen, noch einen Stock – denn wert ist der Arbeiter seiner Nahrung.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 35 Der Imperativ περιῆγεν von περιάγω „umher-“ bzw. „durchziehen“ hat durativen Charakter und zeigt an, dass hier ein längeres Geschehen zusammengefasst wird.
V. 36 gehört zu den wenigen Versen, in denen der Evangelist von Gefühlen Jesu berichtet. Dazu gebraucht er hier erstmals das Verb σπλαγχνίζομαι (ἐσπλαγχνίσθη ist Aorist Passiv), abgeleitet von τὰ σπλάγχνα, „die Innereien“, „die Gedärme“ (in Apg 1,18
ἦσαν ἐσκυλμένοι καὶ ἐρριμμένοι: ἐσκυλμένοι u. ἐρριμμένοι sind zwei Partizipien im Perfekt Passiv, verbunden einer finiten Form von εἰμί (hier: Imperfekt 3. Pers. Plural: ἦσαν). Diese auf semitischen Sprachgebrauch hinweisende Konstruktion (als „umschreibende“ oder „periphrastische Konjugation“ bezeichnet, vgl. GGNT § 203) ersetzt die finite Form des Verbs im Partizip und hat häufig durativen Charakter. Die hier vorliegende Kombination aus Partizip Perfekt und Imperfekt des Hilfsverbs ersetzt das Plusquamperfekt, das hier einen in der Vergangenheit erreichten Zustand beschreibt (GGNT § 201a).
σκύλλω fehlt in der LXX, im NT außer hier nur aktiv gebraucht in Mk 5,35
V. 37 τότε leitet wie oft bei Matthäus einen Neueinsatz ein, der als Konsequenz oder Folge des Voranstehenden zu verstehen ist: als Folge davon, daraufhin. In seiner Anrede an die Jünger spricht Jesus nicht von seinem inneren Bild der verlassenen Herde, sondern wechselt zum Bild eines erntebereiten, weiten Feldes. Der Ansporn für die Jünger ist also nicht ein negativer (eine verlassene Herde), sondern ein positiver! Es gibt viel zu ernten!
θερισμός „Ernte“ steht aber nicht nur für die Freude der Ernte (Ex 23,16
V. 38 ἐκβάλλω ist das Verb, das regelmäßig bei der Austreibung von Dämonen gebraucht wird (Mt 8,16
„Herr der Ernte“ ist eine sonst nicht gebräuchliche Umschreibung Gottes.
V.10,1 Von „zwölf Jüngern“ ist hier erstmals die Rede; in den voranstehenden Kapiteln wird jedoch nur die Berufung von fünf Männern berichtet (4,18–22: Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes; 9,9: Matthäus).
V. 2 Die berufenen Nachfolger von Jesus heißen bei Matthäus durchgehend μαθηταί, einzig hier taucht einmal die Alternativbezeichnung ἀπόστολοι auf (vgl. Mk 6,30
V. 9 κτάομαι „kaufen“, „erwerben“, kommt nur an dieser Stelle im MtEv vor; von den insgesamt sieben Belegen im NT sind fünf im lukanischen Doppelwerk, dazu kommt eine Stelle bei Paulus (1Thess 4,4). Gemeint ist, dass die ausgesandten Jünger mit ihrer Verkündigung und Heilungstätigkeit kein Geld für ihren „Gürtel“ (Geldbeutel) einnehmen dürfen. Dass Matthäus Triaden liebt, zeigt sich auch hier: während Mk nur Bronze(geld) nennt (Mk 6,8
V. 10 πήρα ist der um die Schulter geschlungene Proviantsack oder Vorratsbeutel, χιτών das auf dem bloßen Leib getragene leinene Untergewand; der Stock dient der Verteidigung gegen Räuber, aber auch zur Abwehr von Tieren; während Mose mittels seines Stabes Wunder vollbringen konnte (Ex 4,2
2. Literarische Gestaltung und Kontext
Als geschlossene Einheit ist 9,35–38 matthäisches Sondergut, auch wenn nahezu alle Versteile bei Mk (6,6b.34) und Lk (8,1; 10,2) vorkommen. Auffällig ist, dass Mt hier Mk-Stoff, der keine Lk-Parallele hat, und Lk-Stoff, der keine Mk-Parallele hat, miteinander kombiniert, d.h. es sind jeweils Doppel- (Mt/Mk; Mt/Lk), aber keine Dreifachtraditionen. Da Mt 9,35
Das alttestamentliche Zitat, mit dem dieses Urteil gefällt wird, gehört zur Bitte des Mose (auf dessen Autorität sich die Pharisäer berufen, s. Mt 23,2
Die Einheit 9,35–38 dient wie ein Scharnier nicht nur als Abschluss der Erzählung ab 4,23, sondern zugleich als Einleitung für die zweite der insgesamt fünf großen Reden Jesu im MtEv, die allgemein als „Aussendungsrede“ bezeichnet wird (10,5–42). Der Zusammenhang wird durch die Wiederaufnahme der Schlusssequenz von 9,35 in 10,1 deutlich gemacht: Bisher hatte allein Jesus „jede Krankheit und jede Schwachheit“ im Volk geheilt, nun verleiht er den ausgewählten Zwölf dieselbe Vollmacht, dazu die Fähigkeit, die Dämonen auszutreiben (in 10,8 noch einmal präzisiert). Das Ziel dieser Aussendung der Zwölf sind zunächst ausschließlich „die verlorenen Schafe des Hauses Israel“ (V.6).
3. Historische Einordnung
Die Darstellung von Jesus als Wanderprediger, der von Ort zu Ort zog, die Berufung eines engeren Jüngerkreises, sowie der Kern der Aussendungsrede, insbesondere V. 5f., gelten weithin als authentisch. Hauptgrund dafür ist, dass der Zwölferkreis nach Ostern rasch an Bedeutung verlor, so dass es keinen Anlass gab, einen solchen im Nachhinein zu erfinden. Auch die auf Israel begrenzte Verkündigungstätigkeit der Jesusnachfolger, wie sie diese Verse voraussetzen, fiel nach Ostern weg. Im MtEv ist es der Missionsbefehl am Ende (28,18–20), der den Weg zu allen Völkern weist.
Nach dem exemplarischen Beginn der Rettung Israels durch das Wirken Jesu in Galiläa, dient die Aussendung der Zwölf (deren Zahl auf die zwölf Stämme Israels als dem idealen Volksganzen verweist) der Einladung ganz Israels, die mit 11,28–30 an ihr Ende kommt.
4. Schwerpunkte der Interpretation
Das nahegerückte Himmelreich ist eine Botschaft, die zu verkündigen ist. Jesus selbst ist als Lehrer und Verkündiger unterwegs in den Synagogen der Städte und Dörfer (vgl. 4,23 u. 9,35 διδάσκων ... καὶ κηρύσσων, dem das θεραπεύων zugeordnet ist). Nachdem er seine Jünger in ihre Aufgaben eingewiesen hat, setzt er auch selbst diese Tätigkeit fort (vgl. 11,1, wo mit διδάσκειν καὶ κηρύσσειν ἐν ταῖς πόλεσιν αὐτῶν dieses Verbpaar erneut begegnet). Die „enge Verklammerung von Christologie und Ekklesiologie in der mt Jesusgeschichte“ (Konradt, 157) zeigt sich in der Einbeziehung und Beauftragung der Jünger in die Proklamation und Lehre des Evangeliums, die parallel zu Jesu eigenem Wirken beginnt, aber dann über Ostern hinaus bis ans Ende der Zeiten gehen soll (Mt 24,14
Zugleich unterscheidet Mt deutlich zwischen den Jüngern, die berufen sind, und der Menge des Volks, die eingeladen sind. Berufung im engeren Sinne bedeutet die Bereitschaft zum Verzicht und zur Verfolgung „wegen mir“ (Mt 5,11
5. Theologische Perspektivierung: Von der Exegese zur Predigt
Der Text ist von kühner Radikalität: auf der einen Seite Jesu „gut-wrenching“ (dafür gibt es leider kein deutsches Äquivalent) Erbarmen mit den Angehörigen seines Volkes, die er als vernachlässigte Herde ohne rechte Hirten ansieht. Seine Eingeweide brennen für dieses Volk, gleichzeitig trifft sein Urteil dessen Führungselite, wie es bei den Propheten Israels der Fall war. Hier bahnt sich der Konflikt an, der mit 12,14.24 einen ersten Höhepunkt erreicht (und damit eine Wende in der Darstellung des MtEv bewirkt) und auch am Kreuz noch nicht endet (vgl. 27,63f.: das letzte Urteil über Jesus von Seiten der jüdischen Autoritäten ist, dass er ein πλάνος, ein Verführer sei, und sein ganzes Wirken eine πλάνη, eine Verführung; s. auch 28,11–14). Unerhört radikal ist dann aber auch, was Jesus den Zwölfen zumutet, die er zu Teilhabern seines eigenen Hirtenamtes macht: ohne jegliche finanzielle oder materielle Absicherung, ohne Proviant, Schuhe oder Unterwäsche zum Wechseln werden sie in die Städte und Dörfer Israels gesandt, um dort die Zeichen des Himmelreiches zu vollbringen (in 11,2 werden diese Taten als „die Werke des Messias“ bezeichnet), damit das Volk erfährt, dass Gottes Reich im Kommen und der verheißene messianische Hirte am Wirken ist.
Die Herausforderung dieses Textes ist eine Doppelte: Es geht erstens darum, ihn so zu predigen, dass der Konflikt zwischen Jesus und den Hirten Israels, die er so scharf kritisiert, nicht antijüdisch gewendet wird. Zugleich kann der Konflikt nicht einfach ausgeblendet oder abgeschwächt werden, denn für Matthäus beginnt mit der implizierten Hirtenschelte die Bruchlinie zwischen Jesus und den geistigen Führern Israels, die letztlich zu seinem Tod führt. Die zweite Herausforderung ist, dass er überwiegend von Pfarrpersonen gepredigt werden wird, die über eine Besoldungsordnung, finanzielle Privilegien, Gesundheits- und Altersversorgung verfügen und sogar ihre Dienstkleidung von der Steuer absetzen können. Sie bilden damit ein auffälliges Gegenbild zu dem, was Jesus den Zwölfen in diesem Text zumutet (und die Zumutungen gehen in diesem Kapitel ja noch weiter). Es geht also darum, die zeichenhafte (und zeitlich begrenzte) Radikalität, die Jesus von denen verlangt, die in seinem Namen reden und handeln, historisch einzuordnen, ohne dabei die Herausforderung an den Umgang mit Besitz und Absicherungen wegzuexegesieren, den dieser Text an alle richtet, die heute im Namen von Jesus reden und handeln. Nimmt man das ganze Kapitel 10 in den Blick, dann treten die Heilungen im Folgenden stark zurück und die Verkündigung tritt in den Vordergrund. Diese Verkündigung löst Schmähungen und Verfolgungen aus, sie ist aber dennoch nötig, um vor dem Gericht zu retten. Wer sich angesichts der teilweise dramatischen Zahlen hinsichtlich der Kirchenmitgliedschaft in Deutschland in Unruhe versetzen lässt – und dies nicht primär um des kirchlichen Bestandes und der Kirchensteuer willen, sondern um des drohenden Gerichtes willen – wird den dringenden Appell Jesu an seine Jünger, für Arbeiter in der Ernte zu beten, zum eigenen Gebetsanliegen machen. Dabei dürfen die Zumutungen an die gegenwärtigen und zukünftigen Verkündiger allerdings nicht ausgeblendet werden. Angesichts des nachlassenden Interesses an Theologiestudium und Pfarrberuf und zahlreicher unbesetzter Pfarrstellen ist dieser Text an Aktualität kaum zu überbieten.
Literatur
- Garbe, Gernot, Der Hirte Israels. Eine Untersuchung zur Israeltheologie des Matthäusevangeliums, WMANT 106, Neukirchen-Vluyn 2005.
- Konradt, Matthias: Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015.
- Theißen, Gerd / Merz, Annette: Wer war Jesus? Der erinnerte Jesus in historischer Sicht, UTB 6108, Göttingen 2023, 207–210 (über den Zwölferkreis).
- Verheyden, Joseph: Gründung einer Gemeinschaft, in: Jesus Handbuch, hg. v. J. Schröter u. C. Jacobi, Tübingen 2017, 273–292 (über den „Ruf in die Nachfolge“ u. „Die Bildung des Zwölferkreise“").
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Von den vielen in der Exegese herausgearbeiteten Aspekten des Predigttextes Mt 9,35– 10,10 interessieren mich vor allem zwei. Einmal der im Verlauf des Textes erfolgende Perspektivwechsel. Denn zunächst wird geschildert, wie Jesus der erbarmungswürdige Zustand seines Volkes an die Nieren geht. Dieser Zustand macht ihn traurig. Er leidet mit. Doch als sich Jesus kurz darauf an seine Jünger wendet, um sie mit seiner Mission zu betrauen, lenkt er ihre Aufmerksamkeit nicht auf das Leiden der Menschen, sondern auf die sich eröffnenden Möglichkeiten, auf die Fülle, die Aussicht auf „Erfolg“. „Schaut doch, wie groß die Ernte ist,“ sagt Jesus und ich denke: Davon hätte ich gern mehr in unserer Kirche, in unserer Gesellschaft und oft auch in meinem Leben. Mehr Ermutigung und Inspiration anstelle des Aufweisens von Schwierigkeiten.
Das zweite, was mich an der Geschichte beeindruckt und in eine ähnliche Richtung weist, ist das Vertrauen, das Jesus in seine Jünger setzt. Er traut ihnen zu, seine Mission fortzuführen: Das Evangelium unter die Menschen zu bringen, in Wort und Tat, als Martyria und Diakonia sozusagen. Aber sein Vertrauen geht noch darüber hinaus. Er glaubt daran, dass seine Jünger dabei sogar in der Lage sind, die jesuanische Lebensweise zu übernehmen. Er traut ihnen zu, ohne Ausstattung und Proviant loszuziehen, auf Vergütung und gängige Schutzvorkehrungen (Stab) zu verzichten, stattdessen auf Gastfreundschaft zu setzen. Darauf, dass Menschen ihnen aus freien Stücken genug zurückgeben, so dass es für das tägliche Auskommen reicht. Und ich frage mich: Könnte diese Zuversicht Jesu nicht auch in unserer aktuellen kirchlichen Situation als eine Art Wegweiser dienen? In einer Situation also, in der wir so massiv mit der Frage befasst sind, was es angesichts schwindender finanzieller Ressourcen bedeutet, Kirche zu sein?
2. Thematische Aktualisierung
Was fangen wir mit diesem Text an? Oder anders gefragt: Wer ist heute gemeint und herausgefordert, wenn Jesus die von ihm Ausgesandten nicht nur mit Vollmacht ausstattet, sondern auch mit sehr konkreten Anweisungen, was vom jesuanischen Ethos her zu tun und vor allem zu lassen ist?
Der Exeget nimmt als gegenwärtige Adressaten von Jesu Auftrag vor allem Pfarrerinnen und Pfarrer in den Blick. Diese Auffassung passt zu seiner exegetischen These, dass Jesus seine Jünger losschickt, damit sie Hirten (lat. „Pastores“) für das Gottesvolk sind. Meine eigenen Überlegungen gehen in eine andere Richtung. Denn zum einen neige ich eher der in der Bibelwissenschaft ebenfalls vertretenen (vgl. Art. Hirt (NT)
Wen sendet Jesus heute aus, um das Evangelium in Wort und Tat „unters Volk“ zu bringen? Ich halte es im Zusammenhang mit dem systematisch-theologisch gedachten „Priestertum aller Getauften“ durchaus für möglich, dass sich hier die gesamte Gemeinde angesprochen fühlt. Für andere zu beten, Freunde und Bekannte zum Gottesdienst mitzunehmen und sich aus christlicher Nächstenliebe heraus sozial zu engagieren, sind vielleicht unspektakuläre, aber trotzdem wichtige Formen, um an der „Sendung Jesu“ Anteil zu haben. Doch sogar, wenn man den Kreis enger fassen möchte und nur die Personen in den Blick nimmt, die von der Gemeinde beauftragt worden sind, das allgemeine Priestertum im Sinne eines geordneten Amtes zu verwirklichen, sind neben Pfarrerinnen und Pfarrern auch Kirchenmusikerinnen, Gemeindepädagogen, Diakone und Kindergärtnerinnen auf dem Plan. Und bitte nicht die vielen Ehrenamtlichen vergessen, die sich kirchlich beauftragt im Verkündigungsdienst (Prädikanten) oder im diakonischen Bereich (man denke z. B. an die „Grünen Damen“) engagieren.
3. Der Predigttext und der fünfte Sonntag nach Trinitatis
Das Proprium des fünften Sonntags nach Trinitatis (der dieses Jahr übrigens auf den 20. Juli und damit auf den 81. Jahrestag des Hitlerattentats fällt) vereint Texte und Geschichten, deren Zusammenstellung offenbar der Idee folgt, an diesem Sonntag dem Thema „Berufung“ nachzugehen. Die konkreten Texte blättern das Thema facettenreich auf. So erzählt das Evangelium etwa von einer Berufung mit Vorlauf (Lk 5,1-11
Und der Predigttext als Teil des Textensembles? Während es in den bisher erwähnten Geschichten um die Berufung einzelner ging, nimmt der Predigttext die Einsetzung und Aussendung eines Kollektivs in den Blick und macht zudem klar, welch radikale Existenzweise mit der Teilhabe an Jesu Mission verbunden ist – ein Ethos, das auf Sicherheit und Vorsorge verzichtet und sich stattdessen ins Offene, Unbekannte vorwagt. An dieser Stelle gibt es zum einen Berührungen zwischen dem Predigttext und der alttestamentlichen Lesung (1. Mose 12,1-4
4. Schreibanregungen
Wie wäre es, wenn man die von der Perikopenordnung eingeklammerte Liste mit den Namen der Ausgesandten (Mt 10
Autoren
- Prof. Dr. Roland Deines (Einführung und Exegese)
- Dr. Kathrin Mette (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500128
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