Lukas 6,36-42 | 4. Sonntag nach Trinitatis | 13.07.2025
Einführung in das Lukasevangelium
1. Verfasser
Das dritte Evangelium ist das einzige, dessen Verfasser in der ersten Person Singular auf sich als Autor verweist (Lk 1,3
2. Adressaten
Die Anrede an Theophilus
3. Datierung
Die Datierung schwankt – von einer Frühdatierung um 60 n.Chr. bis weit ins 2. Jahrhundert hinein. Die deutliche Mehrheit der Auslegerinnen und Ausleger nimmt als frühesten Zeitpunkt die Zerstörung Jerusalems
4. Entstehungsort
Ungenaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse Palästinas und abnehmendes Interesse an jüdischen Bräuchen machen eine Herkunft aus dem im jüdischen Stammland unwahrscheinlich; aufgrund diverser Angaben in der Apostelgeschichte werden vor allem Antiochia, Cäsarea, Rom
5. Theologisches Zentrum: Gott
In der längsten Zusammenfassung der Jesusvita außerhalb der Evangelien Apg 10,37-43
6. Besonderheit: Die Hermeneutik der Doppelkodierung
Lukas entstammte der gebildeten Schicht der hellenistischen Welt. Entsprechend sein Bemühen, die christliche Botschaft als ein Angebot für Gebildete darzubieten, das sich in konzentrierter Form in der bereits erwähnten Areopagrede
Literatur:
- Eve-Marie Becker: Wie Lukas über den ‚Gott der Lebenden‘ spricht und für den sachkundigen Leser Geschichte schreibt. Lk 20,27-40 par. Mk 12,18-27 im Vergleich; in: J.Dochhorn, R.Hirsch Luipold, I.Tanaseanu Döbler: Über Gott. FS Reinhard Feldmeier, Tübingen 2022, 207-222.
- Matthias Becker: Lukas und Dion von Prusa. Das lukanische Doppelwerk im Kontext paganer Bildungsdiskurse, SCCB 3, Paderborn 2020.
- F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1-3, Neukirchen-Vluyn/Zürich 20193
- Reinhard Feldmeier: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 2026
- Joseph Fitzmyer: The Gospel According to Luke I-IX: Introduction, Translation, and Notes (The Anchor Bible, Vol. 28).
- Adolf von Harnack: Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 19244.
- Wolfgang Kraus: Lukas: Urchristlicher Schriftsteller zwischen Judentum und Hellenismus, in: Christoph Barnbrock / Werner Klän (Hgg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten, FS V.Stolle, ThFW 12, Münster 2005.
- Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, KEK 3, Göttingen 2022.
- Joshua Paul Smith: Luke Was Not A Christian: Reading the Third Gospel and Acts within Judaism; BIS 218, Leiden 2023.
- Karl Matthias Schmidt: Akteur im Hintergrund. Anmerkungen zur Anwesenheit der Erzählfigur „Gott“ in der lukanischen Kindheitserzählung, in: Eisen, U. E. / Müller, I. (Hg.), Gott als Figur. Narratologische Analysen biblischer Texte und ihrer Adaptionen, HBS 82, Freiburg 2016, 295-320.
- Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas, ThHK 3, Leipzig 1988.
- M. Wolter: Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen 2008.
A) Exegese kompakt: Lukas 6,36-42
Übersetzung
36. Werdet barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
37. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verurteilt nicht – und ihr werdet nicht verurteilt. Vergebt – und euch wird vergeben werden. 38. Gebt – und euch wird gegeben werden. Ein Maß, an dem nichts fehlt, wird man in euren Schoß geben: gedrückt, gerüttelt, überfließend! Denn mit welchem Maß ihr zumesst, wird euch wieder zugemessen.
39. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann etwa ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht beide in die Grube hineinfallen? 40. Der Jünger steht nicht über dem Meister; aber jeder, der vollständig ausgebildet ist, wird wie sein Meister sein.
41. Was schaust du aber auf den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem Auge aber nimmst du nicht wahr? 42. Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, gestatte, dass ich den Splitter herausziehe, der in deinem Auge ist, selbst aber siehst du nicht den Balken in deinem Auge? Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann siehst du gut genug, um den Splitter aus deines Bruders Auge zu ziehen!
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
Ausgangspunkt des Textes ist die Aufforderung, Gottes Erbarmen zu entsprechen. Das Adjektiv oiktirmōn, ein griechisches Äquivalent des hebräischen raḥămîm (vgl. Sir 2,11
2. Gattung und Kontext
Der Text ist Teil der Feldrede, mit der Jesus am Beginn seines Auftretens sein Ethos diskursiv vom Gedanken der Gottentsprechung her entfaltet (während er es später narrativ in seinen Beispielerzählungen und Gleichnissen vermittelt). Der Rahmen der Rede, die Seligpreisungen und Weherufe am Anfang und die Gerichtsgleichnisse am Ende, macht deutlich, dass das geforderte Verhalten über Heil und Unheil entscheidet.
Der Hauptteil besteht aus zwei Blöcken: Im ersten geht es um das Gott entsprechende Verhalten gegenüber der feindlichen Mitwelt, weshalb die Forderung der Feindesliebe diesen Block rahmt (V. 27.35), im zweiten Block, der hier ausgelegt wird, um das das Verhalten zu den Geschwistern, nun gerahmt von der Forderung des Verzichts auf das Richten (V. 37.42). Es handelt sich also gleichsam um die Übertragung der Feindesliebe auf den Innenbereich. Das Herzstück, das als Scharnier beide Blöcke verbindet, ist die doppelte Aufforderung der Entsprechung zu Gottes Güte und Barmherzigkeit.
3. Schwerpunkt der Interpretation
Die imitatio Dei ist so in der Feldrede der Dreh- und Angelpunkt der jesuanischen Ethik. Die das menschliche Verhalten bestimmende Prinzip der Reziprozität „wie du mir, so ich dir“ wird durch den Bezug auf Gott durchbrochen: „Wie Gott mir, so ich dir“. Das wird zunächst durch einen doppelten Parallelismus in vier Imperativen erläutert. Der erste verlangt, auf Richten und Verurteilen zu verzichten, das im Endeffekt oft genug auf eine soziale Hinrichtung hinausläuft (weshalb die Forderung in Mt 5,21f.
Das Bildwort vom Blinden und Blindenführer sowie das Wort vom Jünger und vom Meister hat Lukas hier eingefügt, weil das besonders für ein Leitungsamt gilt. Durch ihre Stellung in ihrem jetzigen Zusammenhang unterstreichen die Worte, dass jeder, der lehrt und eine Gemeinde führt, auf Jesus als Urbild des Lehrens und Lebens verwiesen ist. Der Zusammenhang mit der geforderten Güte und Barmherzigkeit sowie dem Verbot des Richtens und Verurteilens legt nahe, dabei besonders an die von Jesus gelebte und gelehrte Barmherzigkeit und Güte als Qualifikation für gemeindliche Führungsaufgaben zu denken.
Dadurch sind auch die folgenden Stücke, in denen es nun explizit um das Verhältnis zu den Geschwistern geht, mit dem Thema der Führung und der rechten Lehre verbunden. Denn das zupackende Bild vom Splitter und Balken ergänzt das Verbot des Richtens dahingehend, dass Jesus dessen Richtung umdreht: Der Urteilende wird zum Beurteilten, der zur Selbstprüfung verpflichtet ist, weil ihm andernfalls die Verurteilung droht. Damit wird jedem Versuch Einhalt geboten, sich mithilfe von Jesu Ethik moralisierend über andere zu erheben.
4. Theologische Perspektivierung
Die doppelte Charakterisierung Gottes durch Milde und Barmherzigkeit, welche die Nachfolger in ihrem Verhalten spiegeln sollen, um zu dessen Kindern zu werden, hat Lukas exakt in der Mitte seiner Rede positioniert. Die komplementären Gottesnamen des ‚Höchsten‘ und des ‚Vaters‘ verwendet er dabei mit Bedacht: Wer seine Feinde liebt, entspricht der überlegenen Güte des Schöpfers (vgl. Mt 5,45
Literatur
- Paul Ricœur: Liebe und Gerechtigkeit / Amour et Justice, Mit einer deutschen Parallelübersetzung von Matthias Raden, Tübingen 1990.
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
In die durchaus heterogene Zusammenstellung von Bildern und Textgattungen spielt die Exegese den roten Faden ein: die theologische Perspektivierung. Die Rede von der imitatio Dei (Lev 19,2
Mich spricht auch das Bild der elterlichen Zuwendung im besten Sinne an: unbedingte, manchmal kaum auszuhaltende Liebe, die immer das Gute im Kind zu stärken versucht, die jeden Tag neu anfängt. Ich weiß natürlich: Unendlich viele alltägliche Momente im öffentlichen Raum bezeugen bereits, dass unter uns Menschen diese elterliche Barmherzigkeit auch oft schmerzhaft fern ist. Viele Menschen können Gott nicht als Vater (oder Mutter) bezeichnen, weil es für sie kein Bild der Geborgenheit und Güte ist. Doch in der Geburtsmitteilung über ein Neugeborenes, das manchmal an Selbstaufopferung grenzende Dasein von Eltern in meinem Umfeld und in Momenten mit meinen eigenen Kindern scheint für mich etwas von der Barmherzigkeit in überfließender Fülle auf. Während mir diese Erfahrungen Gottes Zugewandtsein erschließen können, stolpere ich bei der Übertragung in die Ebene der Zwischenmenschlichkeit. Wie ist das da mit der Machtasymmetrie? Trägt diese Barmherzigkeit nicht auch die Herablassung des Eltern-Ichs in sich, die unter Erwachsenen unangemessen ist?
2. Thematische Fokussierung
In verschiedenen Aufforderungen und Bildern vermittelt die Perikope eine Haltung: die Bereitschaft, sich selbst als entwicklungsbedürftig zu betrachten, eigenen Anteil an Konflikten zu sehen und an eigenen Schwächen zu arbeiten. Wenn man bereit ist, nicht nur bei den anderen, sondern auch bei sich selbst Fehler zu sehen, verbieten sich Unbarmherzigkeit, endgültige und harte Urteile über andere und deren Festlegung auf das je eigene Bild. Die Exegese zeigt, dass dies bei Lukas mehr ist als eine ethische Binsenweisheit. Sie ist gegründet in einem entsprechenden Verständnis des Menschen, das in Beziehung und nicht in Perfektion oder Leistung gründet, und im Glauben an einen barmherzigen Gott, der uns nicht festlegt und verurteilt, sondern den Raum zur Weiterentwicklung schenkt. In der Haltung der Barmherzigkeit und Bereitschaft zur Selbstkritik, so Lukas, liegt die Verheißung der Fülle und der Gotteskindschaft.
3. Theologische Aktualisierung
Die Bildworte eröffnen eine Aktualisierung in eine Vielzahl von Situationen je nach Altersstufe und Lebenswelt der Zuhörenden. Unter Jugendlichen, Arbeitskolleg:innen, Eltern, in Freundeskreisen und unter älteren Menschen – immer geraten wir als Menschen in Situationen, in denen wir kritisch auf die anderen schauen und uns selbst ins Recht setzen. Besonders stark denke ich an verkantete politische Diskussionen oder an Kommentarspalten in den sozialen Medien. Emotionalisierte Debatten oder die Suggestion einer polarisierten Gesellschaft führen dazu, den oder die andere ganz schnell in eine Schublade zu stecken, nicht mehr richtig zuzuhören und zu verurteilen. Meinungsänderungen setzen jedoch Beziehung voraus, das wirkliche Interesse an den Gründen des Gegenübers, den persönlichen Erfahrungen, die hinter einer Position stehen (und das ist etwas anderes als die übernommenen Meinungen aus medialen Darstellungen). Wirklicher Dialog setzt voraus, dass ich bereit bin, auch meine blinden Flecken anzuschauen, nicht jede Formulierung auf die Goldwaage zu legen und Zugeständnisse zu machen. Gemeinden und diakonische Einrichtungen haben in den letzten Monaten und Jahren Gesprächsformate neu etabliert, wo aus diesem Zuhören neues Verständnis wachsen kann. Vielleicht finden sich hier Erfahrungen von Splittern und Balken, von denen eine Predigt erzählen kann.
Die christliche Aufforderung zur Barmherzigkeit hat jedoch auch eine unheilvolle Geschichte. Immer wieder wird die Anweisung, nicht zu verurteilen, auch dafür missbraucht, gewaltvolle Aussagen zu tolerieren. Das wäre aus meiner Sicht im Blick zu behalten: wer etwa Hinweise auf gewaltvolle Sprache, diskriminierendes Verhalten und die Verletzung von Grenzen mit dem Rekurs darauf abprallen lässt, dass wir doch nicht richten dürften, gibt die Menschen preis, die davon betroffen sind. Kirchliche Räume sind nicht für alle sichere Räume und das ist mit einem oberflächlichen Verständnis von Barmherzigkeit, das diese nicht mit der Gerechtigkeit Gottes zusammendenkt, eng verbunden. Bei Lukas gehört beides zusammen, etwa im Magnifikat, in den Seligpreisungen und Weherufen am Beginn der Feldrede oder im Flehen der Opfer von Ungerechtigkeit um Vergeltung und Gottes Richten (Lk 18,7
Theologisch ist dieser Aspekt nach der ForuM-Studie verstärkt in die Diskussion gekommen. So wurden und werden Betroffene sexualisierter Gewalt „mit Wünschen nach Vergebung der sexualisierten Gewalt konfrontiert, bevor eine angemessene Auseinandersetzung mit der Schuld umgesetzt wurde; Schuld als nicht prinzipiell auflösbarer Zustand kann offenbar im evangelischen Selbstverständnis nicht ausgehalten werden.“ (Abschlussbericht ForuM, 804). Der Druck zur Vergebung diente hier stärker dem Bedürfnis, harmonische Gemeinschaft wiederherzustellen als den Bedürfnissen der Betroffenen. V. 37 nimmt in diesem Kontext einen unheimlichen, drohenden Tonfall an.
Wenn die Perikope als „Übertragung der Feindesliebe auf den Innenbereich“ zu verstehen ist, dann gilt es, deren subversive Kraft nicht zu verlieren. Es geht nicht um falsch verstandene Toleranz des Unrechts, das Menschen angetan wird, sondern um ein Verhalten, das durch unerwartete Reaktionen Veränderung ermöglicht und ungerechte Machtverhältnisse unterläuft.
Über unsere gegenseitige Beurteilung wird mit dem Predigttext der Horizont einer anderen Urteilsinstanz gezogen. Wir leben aus Gottes Großzügigkeit und Fülle – gedrückt, gerüttelt, überfließend. Grund genug, anderen nicht engstirnig und hartherzig zu begegnen.
4. Bezug zum Kirchenjahr
Der Sehnsucht nach dem Gott der Zuwendung und elterlichen Barmherzigkeit gibt der Wochenpsalm (Ps 42
Die Widerständigkeit, die in der Feldrede dem Predigttext voraus liegt (Lk 6,27-35
5. Anregungen
Es lohnt sich, erfolgreiche Beispiele für die unerwartete Vergebung und die selbstkritische Suche nach Veränderung zu finden. Beziehungsgeschichten, Dialogschätze, Verständigungsmomente. Weniger über das zu sprechen, was wir nicht tun sollen, sondern über die Fülle, die sich mit der von Lukas skizzierten Haltung einstellt und Gottes Gnade durchscheinen lässt.
Im Licht des Drucks zur Vergebung an Betroffene von Gewalt gilt es, Bekenntnisse und Gebete sehr sensibel und achtsam zu formulieren bzw. auszuwählen.
Literatur
- Haslbeck. Barbara / Stahl, Andreas / Kerstner, Erika: Müssen Missbrauchsopfer vergeben?, https://www.gottes-suche.de/glaube-nach-gewalterfahrung/biblische-texte-opfersensibel-auslegen/
- Midi, Verständigungsorte, https://www.mi-di.de/verstaendigungsorte
- Mau, Steffen / Lux, Thomas / Westheuser, Linus: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin 2023.
Autoren
- Prof. Dr. Reinhard Feldmeier (Einführung und Exegese)
- Dr. Kerstin Menzel (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500127
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