Deutsche Bibelgesellschaft

1. Timotheus 1,12-17 | 3. Sonntag nach Trinitatis | 06.07.2025

Einführung in den ersten Timotheusbrief

1. Zugehörigkeit des ersten Timotheusbriefes zu den „Pastoralbriefen“ und Fragen zu seiner Verfasserschaft

Der 1. Timotheusbrief (1 Tim) gehört zu den seit dem 18. Jahrhundert als „Pastoralbriefe“ („Hirtenbriefe“) bezeichneten Schriften des Neuen Testaments (1Tim, 2 Tim, Tit). Sie führen in ihren Briefpräskripten Παῦλος (Paulus) als Absender an (vgl. 1 Tim 1,1; 2 Tim 1,1; Tit 1,1). Im 18. Jahrhundert galten diese Briefe daher fraglos als Paulusbriefe. Ende des 18. Jahrhunderts kam jedoch innerhalb der deutschsprachigen Forschung die Frage auf, ob sie tatsächlich als authentische Paulusbriefe einzuschätzen seien. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Auffassung, dass nicht Paulus selbst der Verfasser dieser Briefe sei, sondern eine nicht näher bekannte Person aus der Paulusschule, die sich fiktiv seines Namens bediente.

Die kritische Rückfrage nach der Verfasserschaft der Pastoralbriefe hatte sich vor allem an sprachlichen Beobachtungen von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher zum ersten Timotheusbrief entzündet. Die Abweichungen gegenüber der Ausdrucksweise der übrigen Paulusbriefe, zu denen Schleiermacher alle weiteren zwölf im Corpus Paulinum versammelten Briefe zählte, bewogen ihn dazu, 1 Tim für unpaulinisch zu halten. Dieser Brief sei eine Fälschung, schlecht kompiliert aus Stücken von 2 Tim und Tit (1807). Die an Schleiermacher sich anschließende Debatte führte zu der Frage, ob alle drei Briefe von ein- und demselben nicht-paulinischen Verfasser stammten und somit auch 2 Tim und Tit unpaulinisch seien (so Johann Gottfried Eichhorn 1812; Ferdinand Christian Baur 1835). Durch Heinrich Julius Holtzmann wurde diese These zumindest in der deutschsprachigen evangelischen Forschung fest etabliert (1880/1892). Die Briefe wurden seither fast durchweg als „frühkatholisch“ bewertet: Sie zeigten eine beginnende „amtskirchliche“ Institutionalisierung der christlichen Gemeinde mit hierarchischen Strukturen. Im Vergleich mit den echten Paulusbriefen wurden sie als wenig eigenständig und minderwertig („epigonal“) eingestuft. Die neuere Forschung ist hingegen bestrebt, das sprachschöpferische Potential, das differenzierte Gemeindeverständnis und den theologischen Eigenwert der Pastoralbriefe herauszuarbeiten.

2. Zur Datierung, Lokalisierung und Adressierung des ersten Timotheusbriefes

Mit der Verfasserfrage eng verknüpft ist die Frage nach der Datierung von 1 Tim. Unter der Annahme, dass Paulus diesen Brief selbst geschrieben hat, fällt die Datierung in die Mitte bzw. zweite Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts (50/60 n. Chr.). Wird 1 Tim als nicht paulinisch („pseudepigraph“), zugleich aber als Teil eines aus 1 Tim, 2 Tim und Tit bestehenden Corpus Pastorale verstanden, tendiert die Mehrheitsmeinung zu einer Entstehung um 100 n. Chr. Als pseudepigrapher Brief, der nicht Teil eines solchen Corpus Pastorale sei, wird er teilweise zeitlich noch später angesetzt (Mitte des 2. Jahrhunderts). Somit könnte 1 Tim jenen Schriften des Neuen Testaments Konkurrenz machen, die bisher als potentiell jüngste Schriften galten (zweiter Petrusbrief: um 110 n. Chr.; Spätdatierung der Johannesapokalypse auf die Zeit des römischen Kaisers Hadrian: um 130 n. Chr.).

Wird der Brief als authentischer Paulusbrief bewertet, so wird auch die Adressatenangabe als echt eingestuft (1 Tim 1,2: Τιμοθέῳ γνησίῳ τέκνῳ ἐν πίστει / An Timotheus, mein rechtmäßiges Kind im Glauben). Bei Timotheus handelt es sich dieser Auffassung zufolge um einen der beiden engsten Mitarbeiter des Paulus, der sowohl in den Paulusbriefen als auch in der Apostelgeschichte erwähnt wird (vgl. Röm 16,21; 1 Kor 4,17; 16,10f.; 2 Kor 1,1; Phil 1,1; 2,20-22; 1 Thess 1,1; 3,2f; Philm 1; Apg 16,1-3; 20,4). Wird der Brief als pseudepigraph eingeschätzt, gewinnt neben dem Verfasser meist auch der Adressat fiktive Züge: So wenig wie es sich bei dem Briefautor um den historischen Paulus handle, so wenig sei der Briefadressat der historische Timotheus („doppelte Pseudepigraphie“). Sein Name stehe vielmehr stellvertretend für Personen, die in der frühen christlichen Kirche ein Amt bzw. eine leitende Funktion innehaben und durch den Brief instruiert werden sollen. Eine andere Forschungsmeinung nimmt an, hinter der adressierten Person stünde eine Gemeinde von Christinnen und Christen, die pagan (heidnisch) sozialisiert worden seien. Ausgehend von der Aussage in 1 Tim 1,3, der Briefautor habe Timotheus beauftragt, in Ephesus zu bleiben, um dort die rechte Lehre zu verkündigen, wird diskutiert, ob Ephesus die reale historische Metropole oder wiederum eine fiktive Stellvertretergröße sei, die paradigmatisch für die Situation einer (kleinasiatischen?) Gemeinde und deren Probleme im zweiten nachchristlichen Jahrhundert stehe. Zu diesen Problemen könnten die Auseinandersetzungen mit „Irrlehrern“ oder „Gegnern“ gehören, die immer wieder in 1 Tim als „Falschlehrer“ begegnen. Erwogen wird, dass es sich bei diesen um gnostische oder prägnostische Strömungen handelt, möglicherweise auch um judaisierende Kräfte oder um innergemeindliche Gruppen, in denen von der „gesunden Lehre“ abweichende Sichtweisen vertreten werden.

3. Zur Brieflichkeit des ersten Timotheusbriefes

Ausgehend von der Infragestellung eines realen Briefabsenders und eines realen Briefadressaten stellt sich die Frage nach der Brieflichkeit des ersten Timotheusbriefes: Ist er überhaupt ein Brief oder eher ein Traktat bzw. eine „Regel“? Eindeutig ist zu erkennen, dass sich das Schreiben eine briefliche Form gibt, wie sie von den Paulusbriefen her bekannt ist. 1 Tim gliedert sich in einen Briefeingang mit Präskript (1,1f.) und brieflicher Einführung (sog. ‚Briefproömium‘: 1,3–20), eine Briefmitte („Briefcorpus“) (2,1–6,2) und einen Briefschluss (6,3–21) mit Schlussparänese (6,3–21a) und Schlussgruß/Gnadenwunsch (6,21b).1 Tim lässt sich als ein fingierter Brief beschreiben, der Züge eines Ermahnungs-, Erziehungs- und Lehrbriefes trägt. Der (fiktive) Adressat Timotheus soll durch das briefliche Medium und dessen paränetisch-pädagogischen Charakter zu einer vorbildlich tugendhaften Leitfigur und einem ebensolchen Lehrer erzogen werden. 1 Tim leistet somit einen Beitrag zur Identitätskonstruktion frühchristlicher Lehr- und Leitungsfiguren. Zugleich lässt er sich als ein Brief „höherer Wirksamkeit“ beschreiben, der, durch Timotheus vermittelt, auch Dritte zu ethischer Lebensführung erzieht. Insofern Timotheus durch die paränetische Kommunikationsstruktur des Briefes nicht nur als Empfänger, sondern auch als Vermittler von Weisungen kenntlich gemacht wird, gewinnt 1 Tim den Charakter einer zweistufigen brieflichen Instruktion. Er weist damit ein gattungstypisches Element hellenistisch-römischer Mandatsschreiben von Herrschern und hohen Beamten an untergeordnete, ihrerseits weisungsbefugte Amtsträger auf.

4. Wichtige Themen und theologische Schwerpunkte

Die ethisch-moralische Integrität von Leitungsfiguren in der Gemeinde, das Verhältnis der Geschlechter zueinander und das komplexe Bild Gottes können als wichtige Themen des ersten Timotheusbriefes hervorgehoben werden. So ist der Brief z. B. in 3,1–13 darum bemüht, darzulegen, worin idealiter das ethische Profil der Lebensführung, der inneren Geisteshaltung, des sozialen Verhaltens eines Bischofs und eines Diakons bestehen. Dabei wird erkennbar, dass auch Frauen als Diakoninnen vorausgesetzt werden (vgl. 3,11). Was weitere Rollen von Frauen betrifft, so heißt es in 1 Tim 2,11f. (vermutlich im Blick auf den Gottesdienst): „Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung. Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann herrsche, sondern sie sei still.“ Eine Lehr- und Leitungsfunktion von Frauen in der Gemeinde wird somit ausgeschlossen. Aber es wird erkennbar, dass „Witwen“ (das sind Frauen, die nicht mehr verheiratet sind oder nie verheiratet waren) gute Werke tun (vgl. 5,10) und wohl in ein bezahltes „Witwenamt“ aufgenommen werden können (vgl. 5,3–16). Allerdings wird davon in einer Weise gesprochen, dass der Eindruck entsteht, die Funktionsträgerinnen sollten möglichst wenig in Erscheinung treten. Das Thema „Amtsträgerinnen“ erweist sich somit zwar als ein Spezifikum des 1 Tim, allerdings in einer deutlich restriktiven Ausprägung. Frauen sind jedoch nach Auffassung des 1 Tim grundsätzlich Adressatinnen von Gottes Rettungshandeln: Sie werden „durch das Kindergebären hindurch“ gerettet (vgl. 2,15; die instrumentale Lesart „mittels des Kindergebärens“ ist nicht zwingend). Gott selbst sind sie darin verwandt, dass sie Leben schaffen. Indem sie Kinder zur Welt bringen, führen sie ein gottgemäßes, dem Heil entsprechendes Leben.

Im ersten Timotheusbrief fällt die besondere Dichte an Gottesbezeichnungen auf, die zu einem komplexen Gottesbild und einer anspruchsvollen Theologie führt. Gott ist etwa der „eine Gott“ (2,5), der „einzige Gott“ (1,17), der „selige Gott“ (1,11), der „unvergängliche Gott“ (1,17), der „unsichtbare Gott“ (1,17), der „lebendige Gott“ (3,15; 4,10), der Schöpfer, der alles Leben erschaffen hat (6,13; vgl. 4,4), der „Vater“ (1,2), der „König der Zeitalter“ (1,17), der „König der Könige“ und der „Herr der Herren“ (6,15) sowie der „Retter aller Menschen, besonders derer, die glauben“ (1,1; 2,3f.; 4,10). Die Bezeichnung Gottes als Retter ist dabei eng verknüpft mit der Rede von Gott als Schöpfer und hat programmatische Funktion für die argumentative Auseinandersetzung des Briefes mit den Falschlehrern: Vor diesen wird gerade der Schöpfer- und Rettergott die Gemeinde bewahren, die ihrerseits ihre Identität aus der Bezugnahme auf das Schöpfer- und Retter-Sein Gottes gewinnt.

Literatur:

  • Meyers KEK: Bernhard Weiß, Die Pastoralbriefe, Göttingen 71902.
  • Jens Herzer, Die Pastoralbriefe und das Vermächtnis des Paulus. Studien zu den Briefen an Timotheus und Titus, hg. v. Jan Quenstedt, WUNT 476, Tübingen 2022.
  • Jens Herzer, Die Briefe des Paulus an Timotheus und Titus, ThHK 13, Leipzig 2024.
  • Christina Hoegen-Rohls, Art. Pastoralbrief, in: Eve-Marie Becker, Ulrike Egelhaaf-Gaiser, Alfons Fürst (Hg.), Handbuch Brief – Antike, Berlin 2025, 582-590.
  • Stefan Krauter, Genderrollen in den Pastoralbriefen. Ein Experiment mit verschiedenen Lesestrategien, ThLZ 146 (2021), 374-387.
  • Annemarie Priesemuth, „Der ein unzugängliches Licht bewohnt“. Die Rede von Gott in 1 Tim, Diss. masch., Kiel 2023.
  • Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Über den sogenannten ersten Brief des Paulos an den Timotheos. Ein kritisches Sendschreiben an J. C. Gaß (1807), in: ders., Schriften aus der Hallenser Zeit 1804–1807, hg. v. H. Patsch (Friedrich Schleiermacher, Kritische Gesamtausgabe I. Abt. Band 5), Berlin 1995, 153‒242.
  • Angela Standhartinger, Von wegen „schweigen“: Frauen in den Pastoralbriefen, https://www.katholisch.de/ artikel/45939-von-wegen-schweigen-frauen-in-den-pastoralbriefen, aufgerufen am 20.02.2024.
  • Hans-Ulrich Weidemann, Die Pastoralbriefe, ThR 81 (2016), 353–403.
  • Christiane Zimmermann, Gott, unser Retter – Christus, unsere Hoffnung: Soteriologische Aspekte des 1. Timotheusbriefes, in: dies., David du Toit, Christine Gerber (Hg.), Soteria. Salvation in Early Christianity and Antiquity, Leiden 2019, 406–426.

A) Exegese kompakt: 1. Timotheus 1,12-17

12Χάριν ἔχω τῷ ἐνδυναμώσαντί με Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν, ὅτι πιστόν με ἡγήσατο θέμενος εἰς διακονίαν 13τὸ πρότερον ὄντα βλάσφημον καὶ διώκτην καὶ ὑβριστήν, ἀλλ’ ἠλεήθην, ὅτι ἀγνοῶν ἐποίησα ἐν ἀπιστίᾳ· 14ὑπερεπλεόνασεν δὲ ἡ χάρις τοῦ κυρίου ἡμῶν μετὰ πίστεως καὶ ἀγάπης τῆς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. 15πιστὸς ὁ λόγος καὶ πάσης ἀποδοχῆς ἄξιος, ὅτι Χριστὸς Ἰησοῦς ἦλθεν εἰς τὸν κόσμον ἁμαρτωλοὺς σῶσαι, ὧν πρῶτός εἰμι ἐγώ. 16ἀλλὰ διὰ τοῦτο ἠλεήθην, ἵνα ἐν ἐμοὶ πρώτῳ ἐνδείξηται Χριστὸς Ἰησοῦς τὴν ἅπασαν μακροθυμίαν πρὸς ὑποτύπωσιν τῶν μελλόντων πιστεύειν ἐπ’ αὐτῷ εἰς ζωὴν αἰώνιον. 17Τῷ δὲ βασιλεῖ τῶν αἰώνων, ἀφθάρτῳ ἀοράτῳ μόνῳ θεῷ, τιμὴ καὶ δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων, ἀμήν.

1. Timotheus 1,12-17NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

12a Dankbar bin ich dem mich ermächtigt habenden Christus Jesus, unserem Herrn,          

12b (dafür), dass er mich für vertrauenswürdig hielt und bestellt hat zum Dienst,

13a der ich zuerst ein Gotteslästerer und ein Verfolger und ein Gewalttäter war;

13b aber ich wurde begnadigt,    

13c weil ich unwissend handelte im Unglauben.           

14 Es strömte aber die Gnade unseres Herrn an Vertrauen und an in Christus Jesus vorhandener Liebe über.

15a Glaubhaft ist das Wort und aller Zustimmung wert:

15b Christus Jesus kam in die Welt, um Sündhafte zu retten,

15c derer ich der erste bin.

16a Aber um dessentwillen wurde ich begnadigt,

16b damit an mir als erstem Christus Jesus aufzeige seine ganze Langmut

zum Exempel derer, die [künftig] an ihn glauben wollen bis zum ewigen Leben.

17a Dem König der Zeitalter (oder: der Welt) aber, (dem) unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott: Ehre und Herrlichkeit bis in die Ewigkeiten der Ewigkeiten!

17b Amen.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 13a βλάσφημος, διώκτης, ὑβριστής: Verwendung und Reihung dieser Ausdrücke, mit denen sich der fiktive Paulus im Rückblick auf seine vor-christliche Zeit selbst schmälert, sind auffallend. Weder der authentische Paulus noch der fiktive Paulus der Pastoralbriefe bezeichnet sich in seinen Briefen je so. Das Nomen διώκτης kommt im gesamten Neuen Testament nur hier vor und im vor-neutestamentlichen Griechisch findet sich kein Beleg dafür. Hat es der Autor des ersten Timotheusbriefes vielleicht sprachschöpferisch selbst gebildet? Bietet die Reihung inhaltlich eine Steigerung, so dass ὑβριστής den Höhepunkt der Verfehlungen markiert? Dies spräche dafür, das Nomen nicht einfach mit ‚Frevler‘ (Luther 2017) zu übersetzen (was semantisch dem ersten Ausdruck ‚Gotteslästerer‘ ähnelt), sondern stärker mit ‚Gewalttäter‘ wiederzugeben (beide Übersetzungsmöglichkeiten bei Bauer-Aland, Wörterbuch zum Neuen Testament). Der erste Timothesubrief brächte hier auf den Begriff, wovon Paulus im Galaterbrief berichtet (Gal 1,13) und die Apostelgeschichte anschaulich erzählt (Apg 8,1.3; 9.1.21; 22,4.19; 26,10); vgl. exemplarisch Apg 8,3 „Saulus aber suchte die Gemeinde zu zerstören, ging von Haus zu Haus, schleppte Männer und Frauen fort und ließ sie ins Gefängnis werfen.“

V. 13b (vgl. V. 16a): Das finite Verb ἠλεήθην, das dem o.g. Wortfeld ‚Gnade erweisen / erfahren‘ zuzurechnen ist, ist 1. Ps. Sg. Aorist Passiv von ἐλεέω (Akt. ‚Mitleid haben‘, Pass. ‚Erbarmen finden‘). Das dazugehörige Nomen ist ἔλεος (‚Mitleid‘, ‚Erbarmen‘, ‚Barmherzigkeit‘). Bei der Übersetzung sollte unbedingt das Passiv hörbar werden, das als passivum divinum (‚göttliches Passiv‘) einzuschätzen ist und Gott bzw. Christus als Handelnden hervortreten lässt. Die Übersetzung ‚ich fand Erbarmen‘ kann das nicht adäquat leisten. Aber auch Luther 2017 („mir ist Barmherzigkeit widerfahren“) erscheint mir zu schwach.

V. 16b: Wie ist die Wendung πρὸς ὑποτύπωσιν zu verstehen? Die Präposition πρὸς mit Akkusativ benennt die sich ergebende Folge, den Zweck, die Bestimmung. Das Nomen ὑποτύπωσις (Vorbild, Urbild) kommt im Neuen Testament nur hier und in 2 Tim 1,13 vor. Es ist verwandt mit dem im Neuen Testament häufiger vorkommenden Nomen τύπος (der sichtbare Eindruck von Schlag oder Druck: die Spur, das Mal; aber auch: Typus, Vorbild, Muster). Wird Paulus hier zum ‚Vorbild‘ bestimmt, insofern an ihm als erstem Christi gnädiges, langmütiges Handeln gegenüber sündhaften Menschen sich zeigte? Diese Übersetzung gäbe der Aussage nach meiner Einschätzung einen zu moralisch getönten Klang. Aber auch ‚Urbild‘ (etwa im Sinne von ‚Inbegriff‘) könnte den Aspekt des an Paulus vorbildlich Hervorragenden zu stark machen, zielt doch die Aussage auf das grundlegend Neue, das an Christi Handeln sichtbar wird: seine ganze Langmut. An Paulus als ‚Exempel‘ hat sie sich erwiesen. Ich lese ὑποτύπωσις daher im Sinne von ὑπόδειγμα (Beispiel, Muster, Modell); vgl. z.B. Joh 13,15; Jak 5,10.

V. 16b: Die Wendung πιστεύειν ἐπ’ αὐτῷ εἰς ζωὴν αἰώνιον ist schwierig zu verstehen. Vertrauen sich Menschen Christus an, um (= mit dem Ziel) das ewige Leben zu erlangen? Oder soll gesagt werden, dass das Vertrauen auf Christus bzw. der Glaube an Christus bis in Ewigkeit andauern wird? Der Folgevers 17 thematisiert jedenfalls auf intensive Weise das Thema der Ewigkeit, das hier schon vorbereitet wird.

V. 17a: Bei der nominalen Genitivverbindung βασιλεὺς τῶν αἰώνων handelt es sich um eine klassische Gottesbezeichnung der jüdischen Gebetssprache (Priesemuth, 139). Wie ist sie angemessen zu übersetzen? Das Nomen αἰών, das in V. 17a in der Genitivverbindung οἱ αἰῶνες τῶν αἰώνων erneut erscheint, kann bedeuten: Zeit (und zwar: Vergangenheit, zukünftige Zeit, unbegrenzte Ewigkeit); aber auch: Zeitabschnitt, Zeitalter, Weltalter; oder: Welt. Luther 2017 übersetzt: „Gott, dem ewigen König …“. Sollte Gott als König ‚ewig‘ genannt werden, wäre es im Griechischen eindeutiger gewesen, das Adjektiv αἰώνιος zu verwenden (Priesemuth, 141). Die Genetivverbindung scheint nicht primär eine Eigenschaft Gottes bezeichnen zu wollen, wie sie im selben Vers durch drei weitere Adjektive ausgedrückt wird (unvergänglich, unsichtbar, einzig). Sie hebt vielmehr das hervor, worüber der König herrscht: über alle Zeit, über die ganze Welt. Als solchermaßen einzigartiger Herrscher soll er gelobt werden bis in alle Zeiten der Zeiten, Ewigkeiten der Ewigkeiten, Welten der Welten. Die hymnisch überschäumende Formulierung entspricht der unvorstellbaren Unendlichkeit, die das Herrschaftsgebiet Gottes umfasst und kommt in ihrer performativen Kraft besonders dann zur Geltung, wenn man den Nominalstil von V. 17a ernstnimmt und (anders als Luther 2017: „Gott sei Ehre und Preis …“) kein finites Verb ergänzt, sondern wörtlich als Ausruf übersetzt: „Dem König der Zeitalter: Ehre und Herrlichkeit bis in alle Ewigkeit(en)!“

2. Literarischer Charakter und brieflicher Kontext von 1 Tim 1,12-17

In ihrer literarischen Gestalt zeichnet sich die Predigtperikope durch einen Spannungsbogen aus, der vom Dank gegenüber Jesus Christus (V. 12) zum Lobpreis Gottes führt (V. 17a). Dieser Lobpreis („Doxologie“) wird feierlich mit der Akklamation „Amen“ abgeschlossen (V. 17b). Nicht nur das Lob selbst, sondern auch der Abschnitt 1 Tim 1,12-17 insgesamt gewinnt dadurch den Charakter eines Gebets. Dieses enthält zwar keine direkte Du-Anrede, ruft jedoch Jesus Christus und Gott als Bezugsgrößen des Briefautors und des Briefes als solchem auf. Die literarisch-liturgische Funktion der Doxologie und insbesondere der Amen-Akklamation kann darin bestehen, jene, die den Brief lesen oder hören, in das Gotteslob miteinstimmen zu lassen. Durchzogen ist der gebetsartige Abschnitt von dem jubelnden Refrain: „Ich wurde begnadigt!“ (V.13b.16a). Er plausibilisiert den Dank gegenüber Christus und bereitet das Gotteslob vor. Symmetrisch umgibt er den fast genau in der Mitte des Abschnitts stehenden Glaubenssatz, der gültig bezeugt, dass Christus zur Rettung der Sünder in die Welt gekommen ist.

Die Predigtperikope ist in einen Kontext eingebettet, der sich als Mikro-, Meso- und Makrokontext ausdifferenzieren lässt. Den Mikrokontext bildet der Briefeingang mit Präskript (1 Tim 1,1f.) und Proömium (1 Tim 1,3-20). Als Mesokontext ist der Sinnzusammenhang 1 Tim 1,12-4,9 abgrenzbar, strukturiert durch die zweifach wiederkehrende Wendung „zuverlässig ist der Glaubenssatz und aller Zustimmung wert“ (1 Tim 1,15; 4,9f). Als Makrokontext lässt sich der Sinnzusammenhang, den der Brief als ganzer herstellt, bestimmen, sowie der briefübergreifende Kontext der Paulusanamnesen, die sich in den Protopaulinen finden (vgl. 1 Kor 9,1; 15,8-10; Gal 1,11-24; Phil 3,5-8).

Mikro- und Makrokontext geben den Blick frei auf die ungewöhnlich zahlreichen Gottesbezeichnungen, die 1 Tim verwendet (vgl. Priesemuth, 41–440). Im Briefeingang sind dies: ‚unser Retter‘ (1 Tim 1,1), ‚Vater‘ (1 Tim 1,2), ‚der glückselige Gott‘ (1 Tim 1,11). Wird Gott als ‚Vater‘ nahezu in sämtlichen Briefeingängen des Neuen Testaments erwähnt (mit Ausnahme des ersten Petrusbriefes, des dritten Johannesbriefes und des Jakobusbriefes), so bezeichnen nur der erste Timotheusbrief und der Titusbrief in ihren Briefeingängen Gott als Retter. Von Anfang an soll somit den Briefadressaten Timotheus und Titus – und allen, die mit oder nach ihnen die Briefe lesen oder hören – kommuniziert werden: In diesen Schreiben geht es um eure Rettung durch Gott!

3. Theologische Akzentuierung

Die theologisch anspruchsvolle Predigtperikope bietet auf engem Raum zentrale Aspekte der Theologie, Christologie, Soteriologie und Eschatologie. Verzahnt sind diese Aspekte in dem Rückblick des ‚Paulus‘ auf seine Lebenswende, der sich in die Selbstanamnesen der authentischen Paulusbriefe einreiht (s.o.) und sich in dem jubelnden Refrain bündelt: „Ich wurde begnadigt!“ (V.13b.16a). Von der die Perikope abschließenden Doxologie aus erschließt sich dieser Jubelruf genauer: ‚Paulus‘ versteht sich begnadigt von keinem geringeren als dem König der Zeitalter, dem König der Welt! Die hymnisch-prachtvolle Schluss-Kaskade von alliterativ miteinander verbundenen αἰών-Wörtern ruft das zeitlich wie räumlich als unendlich zu denkende Herrschaftsgebiet Gottes als König auf. Implizit ist damit gesagt, dass dieser König der Zeitalter und Welten immer wieder ein neues Zeitalter anbrechen lassen wird (vgl. Priesemuth, 141). Denn er ist Herr über die Zeit, weshalb der erste Timotheusbrief auch von Gottes „eigenen Zeiten“ sprechen kann (1 Tim 6,14f.; vgl. Herzer 2024, 480): Gott setzt den Zeitpunkt seines Rettungshandelns fest, er setzt die rechte Zeit an, zu der Christus, durch den Gott Rettung bereits bewirkt hat, erneut zur endgültigen Rettung erscheinen wird.

Wenn ‚Paulus’ dankbar zurückblickt auf seine Berufung durch Jesus Christus (V. 12), die ihm trotz seines vor-christlichen Lebens als Gotteslästerer, Verfolger und Gewalttäter zuteilwurde (V. 13a), so vertieft die Predigtperikope einen Aspekt, der bereits im Briefpräskript anklingt, wenn dort von Jesus Christus als „unsere Hoffnung“ die Rede ist (1 Tim 1,1). Zugleich wird durch die Predigtperikope ersichtlich, dass Gott im Briefeingang nicht etwa aufgrund weltabgewandter Transzendenz „glückselig“ genannt wird, sondern weil er sich aus seiner Transzendenz heraus rettend den Menschen durch Jesus Christus zuwendet. Gottes rettendes Handeln wird in der Predigtperikope als begnadigendes Handeln gegenüber dem vor-christlichen Verbrecher ‚Paulus‘ konkretisiert, an dem Christus mit seiner Gnade, Liebe und Langmut entscheidend beteiligt ist. ‚Paulus‘ versteht sich als der erste der Sünder, an dem das von Gott als Retter und Christus als Rettungsmittler verantwortete Rettungshandeln offenbar wird. Er begreift sich als Exempel für künftig Glaubende und macht dabei deutlich, dass der Glaube keine geringere Reichweite hat als die, bis zum ewigen Leben zu führen. Unendlichkeit des göttlichen Herrschaftsraumes und Unendlichkeit des Lebens der Glaubenden kommen so in eins. Vermittelt werden beide Sphären durch das ewige Gotteslob: In Korrelation zu 1 Tim 4,7 macht die Predigtperikope deutlich, dass Gott für das von ihm gewollte und initiierte Rettungsgeschehen in alle Ewigkeiten zu preisen ist. Dadurch, dass Ehre und Herrlichkeit Gottes immer aufs Neue bekannt und bezeugt werden, wird die Haltung der Gottesfurcht eingeübt, in der Gottes Rettungshandeln von Seiten des Menschen angenommen und lebensverändernd verinnerlicht wird. Die Predigtperikope lehrt geradezu die Fachsprache des Gotteslobs: Das Lob des Retter-Gottes und seines Rettungsmittlers Jesus Christus verdichtet sich in einem einzigen Wort, dem aus der jüdischen Gebetssprache entnommenen „Amen“.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die gewaltige Lebenswende des Gewalttätigen.

Die Lebenswende des Paulus – vom Verfolger der Christusgläubigen zum Apostel – ist uns gemeinhin vertraut. Wir wissen aus den Selbstzeugnissen der echten Briefe darum, kennen die narrative Aufarbeitung dieser Umkehr in der Apostelgeschichte. Der radikale Bruch mit dem früheren Leben wird für die Beschreibung der paulinischen Theologie zum integrativen Bestandteil. Es ist darum verständlich, dass jeder, der unter dem Namen des Paulus schreibt und damit zeigen möchte, dass er sich mit dem historischen Paulus auseinandergesetzt hat, nicht ohne biographische Anmerkungen auskommt, wenn er Paulus’ Theologie treibt und fortschreibt. Auffällig ist aber – das macht mir die Exegese deutlich –, wie stark dieser fiktive Paulus in diesen Versen mit sich ins Gericht geht. Die Übersetzung „Gewalttäter“ für ὑβριστής lässt mich aufhorchen, während ich das „ich war ein Frevler/Gotteslästerer…“ überlesen könnte. Paulus hat sich in der Vergangenheit erbarmungslos und grausam gezeigt. Um diesen Teil seiner Geschichte wieder einmal bewusst zu hören und nicht als bloße Hintergrundinformation abzutun, nehme ich den Übersetzungsvorschlag ernst.

Geschenkte Lebenswende.

Christen mag die Rede von der Passivität im Blick auf das Glaubensgeschehen grundsätzlich vertraut sein, doch zeigt die Exegese eindrücklich, dass das neue Leben des Paulus völlig losgelöst von jeglichem Selbsttun ist: Paulus kann sich lediglich zu dem verhalten, was ihm widerfahren ist. Danach folgt der Dienst, dann der Dank, dann das Lob.       

2. Thematische Fokussierung

1) Paulus als Exempel sehen können und verstehen lernen.

Der ‚Paulus‘ dieser Perikope hat eine Botschaft, die dem theologischen Zielvorhaben des gesamten 1 Tim entspricht (s. Einleitung): Gott wird als Retter angerufen und die Gemeinde zum großen Lobpreis aufgerufen, der jeglichen Dienst im Wirkraum des ewigen Rettergottes tragen soll. Dies verknüpft der Briefschreiber mit der eigenen Biographie, doch in einer Weise, die Paulus eben nicht zum „Vorbild“ werden lässt. Er ist, wie die Exegese zeigt, vielmehr ein Exempel eines Angenommenen, eines Geliebten, eines Geretteten – eines von Gott Gefundenen. Nur ein Beispiel also – doch genau solche braucht es. Wenn man dies auf sich wirken lässt, können unterschiedliche Szenen imaginiert werden. Gewiss kann an autobiographische Zeugnisse wie das von Augustin oder Luther gedacht werden, die ihr „Damals“ ihrem „Heute“ gegenübergestellt und die Rettung durch die Gnade Gottes in einer Weise beschrieben haben, dass wir noch heute ihre Erzählungen als eindrückliche Exempel von Glaubensbiografien betrachten – selbst wenn wir nie so etwas erlebt haben.

2) Es steht fest: Gott ist da, in allen denkbaren und undenkbaren Ewigkeiten.

Man lernt im Theologiestudium, wie der Wirkungsbereich Gottes im Zuge theologischer Reflexionsprozesse immer weiter ausgedehnt wurde. Gott ist immer mehr „zugetraut“ worden, und zwar aufgrund der Reflexion der Begegnungen, aufgrund so vieler menschlicher Exempel, die allein, in der Gemeinschaft oder als Teil eines ganzen Volkes Gottes liebendes Rettungshandeln erfahren haben. Gott ist keine lokale Wettergottheit mehr – er umfasst die Welt; Gott handelt nicht nur vereinzelt in der Geschichte – er durchwebt sie als Ganze; Gott ist da im Leben – aber auch im ‚Reich des Todes‘, was nicht von Beginn an Bestandteil des Glaubens an ihn war. Im Horizont neutestamentlicher Theologien wird Gott schließlich als Mensch geglaubt, womit er dennoch nichts an Macht verliert. Im Gegenteil, so plausibilisiert die Exegetin, legt die timotheische Theologie im hymnischen Ton dar, dass Gott über jede immanente und transzendente Zeit herrscht. ER hat die Macht, die alles übersteigende Macht zu sein und in Christus ganz persönlich zu begegnen – und zu retten.

3. Theologische Aktualisierung

Ein anderes Beispiel.

Der Blick auf die Rückschau des ‚Paulus‘ lässt sich womöglich über einen anderen Rückblick aktualisieren. Wie wäre es mit folgender Szene? Wir sehen eine Frau, die nach 40 Jahren Arbeit den Ruhestand antritt und auf der Abschiedsfeier in ihrer Firma zurückblickt. Sie dankt – zwischen Luftballons und einem mit Blumen geschmückten Kuchenbuffet – denen, die ihr damals zugetraut haben, die Aufgaben zu erfüllen, die sie sich selbst nie zugetraut hätte. Sie dankt ihrer Familie, die „immer hinter ihr stand“. Da ist Stolz auf das herauszuhören, was sie geschafft hat, aber auch Demut: „Hätte ich Euch alle nicht gehabt – ich stände heute nicht hier!“ Ja, sie dankt, aber – und so sollte es ja auf einer Abschiedsfeier zu ihren Ehren auch sein! – zuvorderst wird ihr gedankt. Sie wird mit Geschenken und mit – im Zweifelsfall zu langen – Dankesreden überhäuft. Sie wird als Vorbild gelobt, das die neue Generation ermutigen kann. Ihr wird gedankt, denn es geht um sie – und genau an diesem Punkt endet unser Vergleich mit dem ‚Paulus‘ aus 1 Tim...    

Paulus als Beispiel.

Paulus blickt zwar zurück, doch weiß er, dass seine Lebenswende nicht ein Beispiel für eine beeindruckende Biografie ist oder ein Stück Lebensgeschichte, das nun endet und entsprechend gewürdigt werden soll, sondern ein Beispiel für das, was Gott ist und kann und was Gott will – und was damit letztlich alle betrifft. Der Dank gilt IHM allein. Ohne Gottes von Christus gewährte Gnade hätte Paulus es nicht nur ‚nicht schaffen‘ können – kein Mensch könnte ‚hier stehen‘, ohne IHN, den großen Schöpfergott. Kein Mensch könnte im Horizont der Gnade leben, ohne IHN, den mächtigen Rettergott. Es handelt sich nicht nur um einen neuen Zeitabschnitt, den Paulus nun begeht – es ist Gott, der ihn gehen lässt, da ER „immer wieder ein neues Zeitalter anbrechen lassen wird“ (s.o.). Immer wieder geschieht das für den einzelnen Glaubenden – und immer für alle. Danken können wir daher auch diesem ‚Paulus‘, der uns wissen lässt, dass jede/r von uns solch ein Exempel für Gottes Liebe, seine Gnade und damit Hoffnung für alle Zeiten und Ewigkeiten ist. Lobpreisen können wir aber nur IHN, da wir unser Leben in seinen Ewigkeiten aufgehoben glauben, über die er allesamt in Liebe herrscht.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Paulus, der ein Gewalttäter war, ist nicht der einzige „gefundene Verlorene“. Dafür steht dieser Sonntag. Der Wochenspruch sagt es: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ (Lk 19,10) Setze ich ein Ausrufungszeichen, ist es nicht nur der Satz, den Jesus zum Zöllner Zachäus sagt, sondern ein dankbarer Ausruf oder der Beginn eines Lobgesangs. Der verlorene Sohn der Lesung (in Lk 15) hat erfahren, wie bedingungslose Liebe sich anfühlen kann, und der Glaubende weiß, dass Gott diese Liebe ist, die sich nie verliert.

5. Anregungen

„Die Predigtperikope lehrt geradezu die Fachsprache des Gotteslobs“ (s.o.) – dann heißt es doch nun: Lernt und wendet an! Wie klingt Gotteslob in unseren Worten? Der sprachgewaltige Schreiber von 1 Tim lädt ein zu überschäumendem Lob und dazu, kreativ zu werden – doch: kein Druck! Ganz gleich, welche Worte wir aus 1 Tim übernehmen oder welche Worte wir neu formulieren: Wir bitten und loben und haben zugleich die Hoffnung, dass mit diesem einen Wort der jüdischen Gebetstradition – auch dieses Mal – alles gebündelt wird, letztlich alles gesagt ist: Amen.

Autoren

  • Prof. Dr. Christina Hoegen-Rohls (Einführung und Exegese)
  • Dr. Sabine Joy Ihben-Bahl (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500126

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