Deutsche Bibelgesellschaft

Jesaja 55,1-5 | 2. Sonntag nach Trinitatis | 29.06.2025

Einführung in das Buch Jesaja

1. Endgestalt des Buches

Das Jesajabuch ist mit seinen 66 Kapiteln das längste Prophetenbuch der Bibel. Die masoretische und griechische Fassung weisen im Wesentlichen Übereinstimmungen, nur in bestimmten Fällen Abweichungen voneinander auf. Die berühmte Jesajarolle aus Qumran (1Q Jesa) zeigt dabei eine Nähe zur Septuagintafassung. Umstellungen oder längere fehlende oder „überschüssige“ Textpassagen gibt es in der Septuaginta-Fassung nicht.

Das gesamte Buch wird laut Jes 1,1 dem Propheten Jesaja, Sohn des Amoz (wohl nicht zu verwechseln mit dem Propheten Amos), zugeschrieben. Selbst die Texte ab Jes 40 und Jes 56, die man gemeinhin Deutero- bzw. Tritojesaja zuweist, stehen den Redaktoren der Bibel zufolge in der Autorität oder in der „Nachfolge“ des Propheten Jesaja.

2. Kompositions- und Redaktionsgeschichte

Der Kern des Jesajabuches geht auf den gleichnamigen Propheten zurück, der im 8. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem wirkte. Spätestens die Kapitel ab Jes 40 werden aber einem zweiten Propheten zugerechnet, den man Deuterojesaja nennt. Bernhard Duhm hat in seinem Kommentar von 1892 alle Kapitel ab Jes 56 einem dritten Propheten, also Tritojesaja, zugeschrieben. Die klassische Jesaja-These geht also von Protojesaja oder Erstem Jesaja (Jes 1–39), Deuterojesaja oder Zweitem Jesaja (Jes 40–55) und Tritojesaja oder Drittem Jesaja (Jes 56–66) aus.

Im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Forschung des 20. Jahrhunderts ist der Kernbestand bei allen drei Teilen teilweise auf wenige Kapitel geschrumpft. Der Großteil wird späteren Ergänzern, Fortschreibern oder Redaktoren zugewiesen. Das hat zwei Folgen: Zum einen kann man nur einen kleinen Teil der Schrift „mit Sicherheit“ dem Propheten Jesaja oder Deuterojesaja zuweisen, während der überwiegende Teil des Buches Jesaja von unbekannten Redaktoren etc. verfasst wurde. Zum anderen gibt es eine stärkere Orientierung am „Sitz im Buch“, d.h. man kann die Texte meist nicht einem ganz bestimmten Zeitpunkt zuweisen, dafür aber die Stelle, in der der Text vorkommt, aus dem Buch heraus begründen. Die Texte des Jesajabuches sind keine zufällige Sammlung von Einzelworten, sondern eine – wie auch immer geartete – Komposition oder bewusste Gestaltung. Auf diese Weise kann man die theologischen Debatten, die Aktualisierungen und Anpassung der alten Prophetenworte an die jeweils neue Zeit nachvollziehen.

Allerdings gibt es bis heute die Ansicht, ein Großteil der Texte von Jes 1–29 ginge auf den historischen Propheten Jesaja zurück und man könne die unterschiedlichen, teils auch widersprüchlichen Texte auf Verkündigungsphasen des Propheten zurückführen. Bei Deuterojesaja hat man Ähnliches versucht. Aber auch hierbei gilt, dass diese Forschungsrichtung in den Teilabschnitten und im Jesajabuch als Ganzes eine bewusste und absichtliche Gestaltung des Buches erkennt.

3. Historische Kontexte

Deuterojesaja ist unabhängig von Protojesaja entstanden und später damit verbunden worden. Über die Einzelheiten und den Zeitpunkt ist man sich uneins. Deuterojesaja galt klassisch als exilischer Prophet, da er von der Erweckung des Kyros spricht. Es gibt aber auch die Auffassung, dass der Kern frühnachexilisch ist und größere Abschnitte auch nach dem Wiederaufbau des Zweiten Tempels (515 v. Chr.) verfasst worden sind. Mit dem Ende des Exils und dem Wiederaufbau des Tempels lassen sich die Freudentexte, von denen Jes 40–55.60–62 voll sind, gut erklären.

Ein Teil der Texte aus Tritojesaja (wie auch einzelne Zusätze im übrigen Jesajabuch) stammt sogar aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Das Jesajabuch hat einen vorexilischen Kern. Der Großteil der Texte entstammt jedoch der exilischen, vor allen Dingen aber der nachexilischen Zeit. Das Jesajabuch diskutiert die Frage, wie es mit dem Zion und der (Gottes-)Herrschaft weitergeht.

4. Wichtige Themen

Zion durchzieht das Jesajabuch wie kein zweites Thema. Neben z. B. Jes 1,21–26; 2,1–5; 37,33–38; 49,14–52,10; 54,1–17; 65 und 66 sind die drei großen Kapitel Jes 60–62 zu nennen. Die Rettung des Zions vor den Assyrern, selbst wenn es sie historisch gesehen wohl so nicht gegeben hat, ist der Kern des vorexilischen Jesajabuches. Mit Deuterojesaja und den Ereignissen um den Messias Kyros (vgl. Jes 45,1) und den Fall Babylons werden dieser Erzählung weitere Zion-Texte hinzugefügt, die Jhwhs Rückkehr zum Zion (Jes 52,8) als Beginn einer neuen Zeit feiern. Nach der Rückkehr Jhwhs zum Zion – man mag dabei an die Wiedererrichtung des Tempels denken – wird die Diaspora als das Volk im Exil aufgefordert zurückzukehren. Und am Ende kommen dann auch die fremden Völker (Jes 60).

5. Besonderheiten

Texte von Leid und Schmerz über die Vergangenheit und Gegenwart der Verfasser finden sich in den anderen Prophetenbüchern fast überall. Dass aber diesen Texten hoffnungsvolle Texte gegenüberstehen und in Deuterojesaja deutlich überwiegen, zeigt eine gewisse Sonderstellung des Jesaja-Buches an. Es ähnelt dabei den Psalmen, wenn hier auf einen Klagepsalm (z.B. Ps 22) ein Psalm größter Zuversicht folgt (Ps 23).

Literatur:

  • Hermisson, H.-J., 2017, Deuterojesaja. Jesaja 49,14–55,13, BK XI/3, Göttingen.
  • Höffken, P., 1998, Das Buch Jesaja. Kapitel 40–66, NSK.AT 18/2, Stuttgart.

A) Exegese kompakt: Jesaja 55,1-5

1ה֤וֹי כָּל־צָמֵא֙ לְכ֣וּ לַמַּ֔יִם וַאֲשֶׁ֥ר אֵֽין־ל֖וֹ כָּ֑סֶף לְכ֤וּ שִׁבְרוּ֙ וֶֽאֱכֹ֔לוּ וּלְכ֣וּ שִׁבְר֗וּ בְּלוֹא־כֶ֛סֶף וּבְל֥וֹא מְחִ֖יר יַ֥יִן וְחָלָֽב׃ 2לָ֤מָּה תִשְׁקְלוּ־כֶ֨סֶף֙ בְּֽלוֹא־לֶ֔חֶם וִיגִיעֲכֶ֖ם בְּל֣וֹא לְשָׂבְעָ֑ה שִׁמְע֨וּ שָׁמ֤וֹעַ אֵלַי֙ וְאִכְלוּ־ט֔וֹב וְתִתְעַנַּ֥ג בַּדֶּ֖שֶׁן נַפְשְׁכֶֽם׃ 3הַטּ֤וּ אָזְנְכֶם֙ וּלְכ֣וּ אֵלַ֔י שִׁמְע֖וּ וּתְחִ֣י נַפְשְׁכֶ֑ם וְאֶכְרְתָ֤ה לָכֶם֙ בְּרִ֣ית עוֹלָ֔ם חַֽסְדֵ֥י דָוִ֖ד הַנֶּאֱמָנִֽים׃ 4הֵ֛ן עֵ֥ד לְאוּמִּ֖ים נְתַתִּ֑יו נָגִ֥יד וּמְצַוֵּ֖ה לְאֻמִּֽים׃ 5הֵ֣ן גּ֤וֹי לֹֽא־תֵדַע֙ תִּקְרָ֔א וְג֥וֹי לֹֽא־יְדָע֖וּךָ אֵלֶ֣יךָ יָר֑וּצוּ לְמַ֨עַן֙ יְהוָ֣ה אֱלֹהֶ֔יךָ וְלִקְד֥וֹשׁ יִשְׂרָאֵ֖ל כִּ֥י פֵאֲרָֽךְ׃ ס

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Übersetzung

V.1 Auf! All ihr Durstigen, geht zum Wasser! Und wer kein Geld hat, geht (auch)!

Kauft Getreide und esst!

Geht und esst!

Ohne Geld und ohne Preis sind Wein und Milch

V.2 Warum wiegt ihr Silber für etwas, das kein Brot ist,

und euren Besitz für etwas, was nicht sättigt?

Hört doch auf mich und esst Gutes,

so dass sich eure Seele am Fett labe.

V.3 Neigt euer Ohr mir zu und kommt herbei!

Hört (auf mich), und eure Seele wird leben!

Und ich werde mit euch einen ewigen Bund schließen,

die Treueerweise zu David haben Bestand.

V.4 Siehe, zum Zeugen für die Völker habe ich ihn gesetzt,

zum Fürst und Gebieter über die Völker.

V.5 Siehe, ein fremdes Volk,

das du nicht kennst, wirst du rufen,

und ein fremdes Volk, das dich nicht kennt,

wird zu dir fliehen,

um JHWH, deines Gottes, willen,

und um des Heiligen Israels willen,

denn er hat dich verherrlicht.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V.1: הוֺי hier als aufmunternder Ausruf (vgl. Gesenius18 z. St., S. 271: „ha!, auf!“)

V.1: Das wiederholte וּלְכוּ שִׁבְרוּ ist wahrscheinlich eine (alte) Doppelschreibung, die in der Jesajarolle 1QJesa und in der Septuaginta fehlt.

V.1: בּלוֹא: ohne

V.2f.: נֶפֶשׁ lässt sich auch als Personalpronomen übersetzen (V.2: „so dass ihr euch am Fett labt“; V.3: „und ihr werdet leben“).

V.5:  כִִּי פֵאֲרָךְ: „Denn er hat dich erlöst“ – das Suffix ist feminin, so dass man hier Zion/Jerusalem als Adressatin annehmen kann, oder aber man erklärt das Suffix als maskuline Sonderform.

2. Kontext und Literarische Gestaltung

Seit Bernhard Duhm gilt Jes 55 als Schlusskapitel Deuterojesajas. Besonders ab V.6 wollte man viele Bezüge zum Anfang sehen, so dass Jes 40,1–11 und Jes 55 die Rahmenstücke um Deuterojesaja bildeten. Im vorangehenden Kapitel 54 ist Zion/Jerusalem angesprochen worden, in Jes 55,1 wird aber eine Gruppe angeredet: zuerst die Durstigen, dann die Armen. An diese wird die Frage gestellt, warum sie das falsche Lebensnotwendige kaufen würden. Auf ihn, auf JHWH solle man hören, so gibt sich der Sprecher zu erkennen, dann werde man nicht nur leben (V.3), sondern auch teilhaben an einem ewigen Bund mit JHWH. Es folgt im selben Vers noch ein Bezug auf die Gnade JHWHs, an der David und seine Nachfahren teilhaben dürfen (vgl. 2 Sam 7,15f.) und eine Erläuterung zur Stellung Davids gegenüber den Völkern (V.4). Zum Abschluss dieses Teilabschnittes wird eine Person angeredet (2. Sg. m.), hinter der man das Gottesvolk erkennen kann: Zum Angeredeten werde ein fremdes Volk fliehen, d.h. Zuflucht suchen, was am Ende des Verses bekräftigt wird (V.5). Es sei erwähnt, dass der vokalisierte Text hier eine feminine Form bietet, wohingegen man eigentlich aus dem Vorherigen ein Maskulinum erwartet. Der Vers kehrt in Jes 60,9b wieder, wo er eindeutig an Zion/Jerusalem gerichtet ist. Wenn daraus in Jes 55,5b zitiert wird, lässt sich das Suffix erklären. Ursprünglich war der hebräische Text unvokalisiert, so dass sich diese Frage eigentlich nicht stellte.

Besonders Jes 55,10–13 begründen die Aussage aus V.3: Wer ihm, dem Sprecher, also Gott, zuhöre, werde leben. Denn sein Wort erfülle sich (V.10f.): Deshalb werden die Angesprochenen ausziehen und einen wunderbaren Rückweg haben (V.12f.).

3. Textgenese

Die literarische Stellung von Jes 55,1–5 ist umstritten. Klassisch sah man darin einen Teil des hinteren Rahmens, der Deuterojesaja abschloss: Jes 55 wäre damit einmal das Ende Deuterojesajas gewesen. Mittlerweile mehren sich die Stimmen, die dieses Kapitel als Übergangskapitel verstehen, das eben kein Ende Deuterojesajas gewesen sei. Sofern man nicht das gesamte Kapitel als aus einer Hand stammend ansieht, hat man es oft genug in zwei Teile geteilt: V.1–5 auf der einen Seite und V.6–13 auf der anderen. Den zweiten Teil hat man dabei als hintere Klammer zu Jes 40,1–11 verstanden. Der Schluss von V.1 „Ohne Geld und ohne Preis sind Wein und Milch“ kann Zusatz sein, da er die Imperative davor und danach unterbricht.

Es ist auch klar, dass V.4 und V.5 von V.3b abhängig sind. Dort ist von den Treueerweisen gegenüber David die Rede. Und über die Rolle und Bedeutung Davids wird in V.4 nachgedacht. Allerdings geht es in V.3b in erster Linie nicht um David als Person, sondern um die Zusage Gottes, dass seine einst gesprochenen Worte auch zukünftig Bestand haben. Der inhaltliche Kern liegt jedenfalls in V.3a: Man soll auf den Sprecher (also Gott) hören. Dass man lebe, wenn man auf ihn höre, könnte umgekehrt die Gedanken über das Essen in V.1f. angeregt haben. Das Kernstück von Jes 55,1–5 wäre demzufolge V.3, vielleicht sogar auch nur V.3a, der dann mit Jes 55,10–13 wunderbar fortgesetzt werden könnte: Man solle auf Gott hören (V.3), da sich sein Wort erfülle (V.11), wie Regen und Schnee vom Himmel herabkommen (V.10).

4. Historische Einordnung

Wenn die Rückkehr JHWHs zum Zion (Jes 52,7–10) zu den älteren Texten Deuterojesajas gehört und das Imperativgedicht (Jes 51,9–52,2*) diese Rückkehr vorbereitet, dann ist das, was in V.4 geschildert wird, in zeitlichem Abstand entstanden. Denn dass des Sprechers Recht ein Licht für die Nationen sei, liegt auf einer Ebene mit Jes 60. Wenn man JHWH als Sprecher annimmt, so scheint es, als habe jegliche weltliche Herrschaft den Anspruch verwirkt, sich um das Recht und Gerechtigkeit kümmern zu können – weil sie eben ungerecht war. Diese grundsätzliche Zurückhaltung gegenüber Herrschaft kann sich zur Zeit der Perser entwickelt haben. Spätestens aber mit der Diadochenzeit, als Palästina mal von den Ptolemäern, mal von den Seleukiden beherrscht wurde, scheint man von weltlicher Herrschaft nicht mehr viel erwartet zu haben, so dass man allein auf JHWH hoffen konnte.

5. Schwerpunkte der Interpretation

Zwei Schwerpunkte lassen sich feststellen. Zuerst findet sich eine allgemeingültige Aussage, die sich nicht auf irgendeine Zeit beziehen lässt, sondern immer gilt: Die Durstigen sollen zum Wasser gehen, und die, die kein Geld haben, sollen Getreide kaufen. Die erste Aussage legt sich nahe, die zweite ist ein Widerspruch. Wer kein Geld hat, kann nicht kaufen! Dann kaufen die Menschen anscheinend Dinge für ihr Geld, die nicht lebensnotwendig sind und auch nicht satt machen (V.2). Erst das Wort Gottes macht satt. Mit anderen Worten: Man braucht zwar sein täglich Brot, aber eben auch noch mehr. Und dieses „Mehr“ muss auch satt machen: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht“ (Mt 4,4, vgl. Dtn 8,3).

Die zweite Hälfte des Textes (V.3b–5) nimmt die Zukunft in den Blick. Da wird von einem ewigen Bund gesprochen, von den weiter bestehenden Gnadenerweisen gegenüber David, der selbst zu einem Herrscher wird. David wird dabei sogar zum Fürsten und Gebieter über die Völker, so dass hier nicht von der historischen Person David die Rede ist, sondern wohl von einem kommenden David (vgl. Jes 9 und Jes 11).

6. Perspektiven für die Predigt

Was macht satt? Was macht nicht satt? Wonach hungern die Menschen? Umgekehrt: Macht Gottes Wort satt? Wie macht es satt? Wie kann ein Wort stärken?

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Ich teile die Meinung der Exegese, dass der inhaltliche Kern (je nach Übersetzung von Nefesch) in 2b s.u. und 3 a liegt und lege den Fokus meines Denkens daher deutlich auf V1–3.

Irritiert bin ich, dass fast alle gängigen Übersetzungen die נַפְשְׁכֶֽם / Nefesch in V.2b und V.3a unterschlagen und daraus eine direkte Anrede des Lesers machen. Daher bin ich der Exegese sehr dankbar, dass er in seiner Übersetzung den Begriff Seele direkt nennt. Auch wenn man sich über die Übersetzung dieses Begriffs Gedanken machen muss.
Für mein Verständnis von Jes 55,1–3(4+5) ist die begriffstreue Übersetzung wichtig. Denn so wird ein Bogen im Text erkennbar, der V.1–2 mit V.3 sinnvoll verbindet. Der Text beginnt in V.1 mit der Einladung an alle, die (Über)Lebensbedürfnisse Wasser und Nahrung zu stillen, ohne dafür eine Gegenleistung bringen zu müssen. V.2a verstärkt den Wert dieser gegenleistungslosen Einladung. Warum etwas ausgeben für Zeug, das nicht taugt?
V.2b hängt nun an der Übersetzung von Nefesch. Ist es in V.2b das Genussorgan des Menschen, dann bleibt der Text bei den körperlichen Gefilden und dem Nahrungsbild. Die Weitung in V.3 kommt abrupt.

Übersetzt man Seele aber als Lebendigkeit oder Lebensenergie hat sich bereits der Bogen zu V.3 gespannt, in dem das Wort Gottes eben Lebendigkeit und Leben verspricht. Verse 1+2a werden damit zum Gruß aus der Küche des Heils, denn das eigentliche Überlebensnotwendige, das auf den Tisch kommt, ist Gottes heilbringendes Wort. Immerhin lebt der Mensch ja nicht vom Brot allein, sondern auch von diesem Wort (Mt 4,4). Die Verse 4+5 schließen dann, wie von der Exegese ausgeführt, an.

2. Thematische Fokussierung

Die in der Exegese weit verbreitete Vorstellung, in V.1+2 die Angebote eines Marktschreiers zu sehen, der seine Ware gegen seine Konkurrenz anpreist, leuchtet mir ein. Zugleich aber wirft dieses turbulente, konkurrenzreiche und laute Bild für mich die Frage auf: Wie schafft man es – konkreter: wie schaffe ich es als Christ und Prediger, dass die (über)lebenswichtige Botschaft von Gottes Heil heute Gehör findet. Denn die Konkurrenz auf dem Markt der Lebensdeutungen und Heilsversprechen ist gigantisch. Und so gut unsere christliche Botschaft im Kern ist, sie ist nicht einfach zu verpacken, nicht leichtläufig zu erklären, nicht sofort eingängig. Dennoch ist sie im Gegensatz zu so vielem auf diesem Markt wertvoll und wertig.
Auf dem Markt der Konsumgüter geht seit einigen Jahren der Trend zu “Craft“-Produkten. Übersetzen lässt sich das am ehesten mit Kunsthandwerk. Craftprodukte bergen ein vielseitiges Versprechen: Sie sind handgemacht, individuell, authentisch, mit großer Erfahrung angefertigt, liebe- und kunstvoll. In Zeiten der Singularität (Reckwitz 2017) ein großer Trend. Kann ich mit diesem Vergleich im Hinterkopf den Versuch wagen, Gottes Wort auf dem Markt der Lebensdeutungen und Heilsversprechen zu bewerben? Kostet das Craft-Heil Gottes, trusted since dem Bund mit David!

Interessant finde ich auch die Idee, den Text mit Verweis auf die Machtlosigkeit der weltlichen Macht ggf. in die Diadochenzeit zu datieren. Ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen: Wie stabil und wirkmächtig wird denn die weltliche Macht bei uns noch eingeschätzt? Aber kann man heute wirklich daran denken, weltliche notwendige Macht durch göttliche Macht zu ersetzen? Ich stelle mir den Allmächtigen vor bei einer Lesung der EU-Import-Verordnung über minimale Länge und Dicke einer Banane. So ist nicht Gottes Herrschaft! Das Himmelreich muss frei sein von Bürokratie, Konferenzen und Emails! So müssen wir die alttestamentliche Idee, dass weltliche Macht durch Gottes Macht ersetzt wird, heute ganz anders denken.

3. Theologische Aktualisierung

Mich leitet in meinem Denken die Frage, wie ich das Hören auf Gottes Wort auf dem Markt der Lebensdeutungen und Heilsversprechen gut anpreisen kann. Damit ich mir Gehör verschaffe, brauche ich eine Sprachform (Bild, Allegorie, Gleichnis,…) für dieses eher abstrakte Geschehen, die bei Menschen hängenbleibt. Im Predigttext finde ich ein Bild, dass Einblick in die Tiefe des Hörgeschehens gibt – das aber dringend Erklärung und/oder ein Update braucht.

Wundervoll und lebensnah finde ich nämlich die Formulierung in V.2b, dass die Seele sich am Fett laben soll. Die gängigen Übersetzungen weichen dem Bild leider aus und wählen alternativ-übertragene Übersetzungen. Luther wie die BasisBibel übersetzen sicherheitshalber kalorienbewusst mit Köstliches, erlesene Speisen sind es in der Guten Nachricht, das Beste in der Einheitsübersetzung. Die Zürcher – nahe am Originaltext und ernährungsphysiologisch alarmierend, aber poetisch - übersetzt mit „damit ihr eure Freude habt am Fett.”

Es lohnt sich aber, dem Bild des sich am Fett Labens nachzugehen. Denn es hat in sich eine Tiefe, die meiner Meinung nach in allen anderen Übersetzungen verloren geht. Heutzutage wird Fett in Zeiten des Überflusses und der Übergewichtigkeit ambivalent bewertet. Aber in der nomadischen Gesellschaft damals war und in der Küche des Orients ist auch heute der fette Schaf- oder Ziegenschwanz eine besondere Delikatesse für Ehrengäste (1Sam 9,24), der fast magische Eigenschaften (Potenzsteigerung, langes Leben, Hilfe gegen Ischiasschmerzen, u.a.) zugesprochen werden. In der Bibel wurde das Fett Gott geopfert, mit Fett wurden Priester gesalbt, fettiges Essen ist Stärke (Neh 8,10) und Ehrerbietung…

Bleibe ich am Bild, wird auf besondere Weise klar: Der Seele wird also im Hören von Gottes Wort Ehre, Gastrecht und Überfluss/Segen erwiesen. Was heißt das konkret? Meine Lebendigkeit erlangt im Hören des Gotteswortes Ehre. Sie wird herausgehoben, genügt den Ansprüchen des Höchsten und setzt Maßstäbe für Wertigkeit. Das Gastrecht verspricht unverbrüchlichen Schutz, Ernährung, Pflege bis zu Heilung und reiche Gaben, die das Leben meiner Lebendigkeit schüren. Und Reichtum / Segen wird gegen alle Gefahren des Alltags über meiner Lebendigkeit ausgeschüttet. All dies widerfährt meiner Seele beim Hören von Gottes Wort. Dieses Bild vom „sich am Fett laben“ lohnt sich zu erklären. Aber es braucht so viel Erklärung und Kontext, dass es wahrscheinlich ein Update braucht. Und da schließt sich die Frage an: Gibt es passende Bilder in der deutschen Sprache, die die Tiefe dessen, was der Seele durch das Hören von Gottes Wort widerfährt, abbilden? Wellness für die Seele ist ein weit verbreiteter Werbeslogan der Schönheitsindustrie. Aber er ist noch zu wenig. Seelennahrung – die vom guten Buch bis zu Wasabimandeln reicht – ebenso. Das Erquicken meiner Seele kommt vielleicht näher heran? Ich glaube, solche Bilder würden sich direkt im Herz der Hörer niederlassen. In der glaubhaften Suche der Predigtperson nach solchen Bildern (sic! Plural) entfaltet sich für mich der Kern des Predigttextes.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Tischgemeinschaft und die Einladung zu Tische sind Leitthema des 2. Sonntag nach Trinitatis. –Lesung (Lukas 14, 15–24) und Wochenlied (Kommt her, ihr seid geladen) nehmen das Thema auf.

Es gibt die Deutung, dass Jes 55,15 die Einladung der personifizierten Weisheit zu Tisch darstellt (Begrich 1963). Ich persönlich verzichte aber auf das Tischbild, da es mir exegetisch (viele Imperative statt Einladung) nicht ganz einleuchtet. Das, was das Hören auf Gottes Wort mit mir und allen anderen (Völkern) anstellt, lässt sich aber gut in Einklang mit den liturgischen Texten bringen. Gerade das Wochenlied „Kommt her, ihr seid geladen“ kann man in guten Dialog mit den Themen des Predigttextes bringen.
Und ganz praktisch gedacht – je nach Wetter Ende Juni und Gottesdienstzeit würde mir allein schon die die Einladung zu erfrischenden Gratisgetränken ganz praktisch gefallen. Servieren wir heute doch mal ein kostenloses Kaltgetränk zur Predigt nach dem Motto: Brauung zur Erbauung. 

5. Anregungen

Das Hören auf Gottes Wort ist kostenlos, aber nie umsonst. Bereits in der Kindheit meiner Urgroßeltern wurde der Unterschied zwischen den beiden Begriffen wohl so erklärt: „Ich bin kostenlos in die Schule gegangen, du umsonst…“ Dann würde ich persönlich bleiben und meine Suche nach der Frage predigen: Was passiert mit mir beim Hören auf Gottes Wort? Welche konkreten Bilder habe ich dafür, die das „sich am Fett Laben“ aktualisieren? Eine Suche auf der Kanzel nach passenden Bildern dafürwäre schon eine halbe Predigt, die ich gerne hören würde.

Autoren

  • Dr. Alexander Weidner (Einführung und Exegese)
  • Christoph Maser (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500125

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