Lutherbibel 2017 (LU17)
2

Klage über die Verwüstung Judas und Jerusalems

21Ach, wie hat der Herr die Tochter Zion mit seinem Zorn überschüttet! Er hat die Herrlichkeit Israels vom Himmel auf die Erde geworfen; er hat nicht gedacht an seinen

2,1
Ps 132,7-8
Fußschemel am Tage seines Zorns. 2Der Herr hat alle Wohnungen Jakobs ohne Erbarmen vertilgt, er hat die Burgen der Tochter Juda abgebrochen in seinem Grimm, er hat zu Boden gestreckt und entweiht ihr Königreich und ihre Fürsten. 3Er hat alle Macht Israels in seinem grimmigen Zorn zerbrochen, er hat seine rechte Hand zurückgezogen, als der Feind kam, und hat in Jakob gewütet wie ein flammendes Feuer, das alles ringsum verzehrt. 4Er hat seinen Bogen gespannt wie ein Feind; seine rechte Hand hat er geführt wie ein Widersacher und hat alles getötet, was lieblich anzusehen war; im Zelt der Tochter Zion hat er seinen Grimm wie Feuer ausgeschüttet. 5Der Herr ist wie ein Feind geworden, er hat Israel vertilgt. Er hat zerstört alle Paläste und hat die Burgen vernichtet; er hat der Tochter Juda viel Jammer und Leid gebracht.

6Er hat sein eigenes Zelt zerwühlt wie einen Garten und seine Wohnung vernichtet. Der HERR hat in Zion

2,6
Hos 2,13
Feiertag und Sabbat vergessen lassen, und in seinem grimmigen Zorn
2,6
Kap
ließ er König und Priester schänden. 7Der Herr hat seinen Altar verworfen und sein Heiligtum entweiht. Er hat die Mauern ihrer Paläste in des Feindes Hände gegeben, dass sie im Hause des HERRN Geschrei erhoben haben wie an einem Feiertag.

8Der HERR gedachte zu vernichten die Mauer der Tochter Zion; er hat die

2,8
2. Kön 21,13
Messschnur über die Mauern gezogen und seine Hand nicht abgewendet, bis er sie vertilgte. Er ließ Mauer und Wall trauern und miteinander fallen. 9Ihre Tore sind tief in die Erde gesunken; er hat ihre Riegel zerbrochen und zunichtegemacht. Ihr König und ihre Fürsten sind unter den Völkern, wo sie das Gesetz nicht üben können, und ihre Propheten haben keine Gesichte vom HERRN. 10Die Ältesten der Tochter Zion sitzen auf der Erde und sind still, sie werfen Staub auf ihre Häupter und haben den Sack angezogen. Die Jungfrauen von Jerusalem senken ihre Köpfe zur Erde.

11Ich habe mir fast die Augen ausgeweint, mein Leib tut mir weh, mein Herz ist auf die Erde ausgeschüttet über dem Jammer der Tochter meines Volks, weil die Säuglinge und Unmündigen auf den Gassen in der Stadt verschmachten. 12Zu ihren Müttern sprechen sie: Wo ist Brot und Wein?, da sie auf den Gassen in der Stadt verschmachten wie die tödlich Verwundeten und in den Armen ihrer Mütter den Geist aufgeben.

13Ach, du Tochter Jerusalem, wem soll ich dich vergleichen und wie soll ich dir zureden? Du Jungfrau, Tochter Zion, wem soll ich dich vergleichen, damit ich dich tröste? Denn dein Schaden ist groß wie das Meer. Wer kann dich heilen? 14Deine Propheten haben dir trügerische und törichte Gesichte verkündet und dir deine Schuld nicht offenbart, wodurch sie dein Geschick abgewandt hätten, sondern sie haben dich Worte hören lassen, die Trug waren und dich verführten.

2,14
Jer 14,14-16
23,16-22
15Alle, die vorübergehen, klatschen in die Hände, pfeifen und schütteln den Kopf über die Tochter Jerusalem:
2,15
Ps 48,3
Hes 16,14
Ist das die Stadt, von der man sagte, sie sei die allerschönste, an der sich alles Land freut? 16Alle deine Feinde reißen ihr Maul auf über dich, pfeifen und knirschen mit den Zähnen und sprechen: »Ha! Wir haben sie vertilgt! Das ist der Tag, den wir begehrt haben; wir haben’s erlangt, wir haben’s erlebt.« 17Der HERR hat getan, was er vorhatte; er hat sein Wort erfüllt, das er längst zuvor geboten hat. Er hat ohne Erbarmen zerstört, er hat den Feind über dich frohlocken lassen und hat die Macht deiner Widersacher erhöht.

18Ihr Herz schrie zum Herrn: »Ach, du Mauer der Tochter Zion!« Lass Tag und Nacht Tränen herabfließen wie einen Bach; höre nicht auf, und dein Augapfel lasse nicht ab! 19Steh des Nachts auf und schreie zu Beginn jeder Nachtwache, schütte dein Herz aus vor dem Herrn wie Wasser. Hebe deine Hände zu ihm auf um des Lebens deiner jungen Kinder willen, die vor Hunger verschmachten an allen Straßenecken!

20HERR, schaue und sieh doch, wen du so verderbt hast! Sollen denn die Frauen

2,20
5. Mose 28,53-57
Jer 19,9
ihres Leibes Frucht essen, die Kindlein, die man auf Händen trägt? Sollen denn Propheten und Priester in dem Heiligtum des Herrn erschlagen werden? 21Es lagen in den Gassen auf der Erde Knaben und Alte; meine Jungfrauen und Jünglinge sind durchs Schwert gefallen. Du hast getötet am Tage deines Zorns, du hast ohne Erbarmen geschlachtet. 22Du hast von allen Seiten her meine Feinde gerufen wie zu einem Feiertag, sodass niemand am Tage des Zorns des HERRN entronnen und übrig geblieben ist. Die ich auf den Händen getragen und großgezogen habe, die hat der Feind umgebracht.

3

Klage und Trost eines Leidenden

31Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute seines Grimmes. 2Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht. 3Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag. 4Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen. 5Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben. 6Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind. 7Er hat mich ummauert, dass ich nicht herauskann, und mich in harte Fesseln gelegt. 8Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet.

3,8
Ps 22,3
69,4
9Er hat meinen Weg vermauert mit Quadern und meinen Pfad zum Irrweg gemacht. 10Er hat auf mich gelauert wie ein Bär, wie ein Löwe im Verborgenen. 11Er lässt mich den Weg verfehlen, er hat mich zerfleischt und zunichtegemacht. 12Er hat seinen Bogen gespannt und mich dem Pfeil zum Ziel gegeben. 13Er hat mir seine Pfeile in die Nieren geschossen. 14Ich bin ein Hohn für mein ganzes Volk und täglich
3,14
Hiob 30,9
ihr Spottlied. 15Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt. 16Er hat mich auf Kiesel beißen lassen, er drückte mich nieder in die Asche. 17Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen.

18Ich sprach: Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den HERRN sind dahin. 19Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin!

20Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir’s. 21Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch: 22Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,

3,22
Neh 9,31
23sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. 24Der HERR
3,24
Ps 16,5
73,26
ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. 25Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. 26Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und
3,26
Röm 8,25
auf die Hilfe des HERRN hoffen. 27Es ist ein köstlich Ding für einen Mann, dass er das Joch in seiner Jugend trage. 28Er sitze einsam und schweige, wenn Gott es ihm auferlegt, 29und stecke seinen Mund in den Staub; vielleicht ist noch Hoffnung. 30Er
3,30
Mt 5,39
biete die Backe dar dem, der ihn schlägt, und lasse sich viel Schmach antun. 31
3,31
Jes 54,8
Denn der Herr verstößt nicht ewig; 32sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. 33Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen.

34Wenn man alle Gefangenen auf Erden unter die Füße tritt 35und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugt 36und eines Menschen Sache verdreht, – sollte das der Herr nicht sehen? 37Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl

3,37
Jes 45,7
Am 3,6
38und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten? 39Was murren denn die Leute im Leben, ein jeder über die Folgen seiner Sünde? 40Lasst uns erforschen und prüfen unsern Wandel und uns zum HERRN bekehren! 41Lasst uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel! 42Wir,
3,42
Ps 106,6
wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen, darum hast du nicht vergeben. 43Du hast dich in Zorn gehüllt und uns verfolgt und ohne Erbarmen getötet. 44Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, dass kein Gebet hindurchkonnte. 45Du hast uns zu Kehricht und Unrat gemacht unter den Völkern. 46Alle unsere Feinde reißen ihr Maul auf über uns. 47Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst.

48Wasserbäche rinnen aus meinen Augen über den Jammer der Tochter meines Volks. 49Meine Augen fließen und können’s nicht lassen, und es ist kein Aufhören da, 50bis der HERR vom Himmel herabschaut und darein sieht.

3,50
Ps 102,20-21
51Mein Auge macht mir Schmerzen wegen all der Töchter meiner Stadt.

52Meine Feinde haben mich ohne Grund gejagt wie einen Vogel. 53Sie haben mein Leben in der Grube zunichtegemacht und Steine auf mich geworfen. 54Wasser hat mein Haupt überschwemmt; da sprach ich: Nun bin ich verloren. 55Ich rief aber deinen Namen an, HERR, unten aus der Grube, 56und du erhörtest meine Stimme: »Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien!« 57Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht! 58Du führst, Herr, meine Sache und erlöst mein Leben. 59Du siehst, HERR, wie mir Unrecht geschieht; hilf mir zu meinem Recht! 60Du siehst, wie sie Rache üben wollen, und kennst alle ihre Gedanken gegen mich. 61HERR, du hörst ihr Schmähen und alle ihre Anschläge gegen mich, 62die Reden meiner Widersacher und ihr Geschwätz über mich den ganzen Tag. 63Sieh doch: Ob sie sitzen oder aufstehen, singen sie über mich

3,63
Spottlieder. 64Vergilt ihnen, HERR, wie sie verdient haben!
3,64
Kap
65Lass ihnen das Herz verstockt werden, lass sie deinen Fluch fühlen! 66Verfolge sie mit Grimm und vertilge sie unter dem Himmel des HERRN.

4

Zions Elend und Schmach

41Ach, wie ist das Gold so ganz dunkel und das feine Gold so hässlich geworden, und wie liegen heilige Steine an allen Straßenecken zerstreut! 2Die edlen Kinder Zions, dem Golde gleich geachtet, ach, wie sind sie nun den irdenen Töpfen gleich, die ein Töpfer macht! 3Auch Schakale reichen ihren Jungen die Brüste und säugen sie; aber die Tochter meines Volks ist unbarmherzig

4,3
Hiob 39,14-16
wie ein Strauß in der Wüste. 4Dem Säugling klebt seine Zunge an seinem Gaumen vor Durst; die kleinen Kinder verlangen nach Brot und niemand ist da, der’s ihnen bricht. 5Die früher leckere Speisen aßen, verschmachten jetzt auf den Gassen; die früher auf Purpur getragen wurden, die müssen jetzt im Schmutz liegen. 6Die Missetat der Tochter meines Volks ist größer als die
4,6
1. Mose 18,20
Sünde Sodoms,
4,6
1. Mose 19,24-25
das plötzlich unterging und keine Hand kam zu Hilfe.

7Ihre Fürsten waren reiner als der Schnee und weißer als Milch; ihr Leib war rötlicher als Korallen, ihr Aussehen war wie Saphir. 8Nun aber ist ihre Gestalt so dunkel vor Schwärze, dass man sie auf den Gassen nicht erkennt; ihre Haut hängt an den Knochen, und sie sind so dürr wie ein Holzscheit. 9Den durchs Schwert Erschlagenen ging es besser als denen, die vor Hunger starben, die verschmachteten und umkamen aus Mangel an Früchten des Ackers. 10Es haben die barmherzigsten Frauen

4,10
Kap
ihre Kinder selbst kochen müssen, damit sie zu essen hatten in dem Jammer der Tochter meines Volks. 11Der HERR hat seinen Grimm austoben lassen, er hat seinen grimmigen Zorn ausgeschüttet; er hat in Zion ein Feuer angesteckt, das auch ihre Grundfesten verzehrt hat.

12Es hätten’s die Könige auf Erden nicht geglaubt noch alle Leute in der Welt, dass der Widersacher und Feind zum Tor Jerusalems einziehen könnte. 13Es ist aber geschehen wegen der Sünden ihrer Propheten und wegen der Missetaten ihrer Priester, die dort der Gerechten Blut vergossen haben. 14Sie irrten hin und her auf den Gassen wie die Blinden und waren mit Blut besudelt, dass man ihre Kleider nicht anrühren konnte; 15man rief ihnen zu:

4,15
3. Mose 13,45
»Weicht, ihr Unreinen! Weicht, weicht, rührt nichts an!« Wenn sie flohen und umherirrten, so sagte man auch unter den Völkern: »Sie sollen nicht länger bei uns bleiben.« 16Des HERRN Zorn hat sie zerstreut; er will sie nicht mehr ansehen. Die
4,16
Kap
Priester ehrte man nicht, und
4,16
Kap
an den Alten übte man keine Barmherzigkeit.

17Noch immer blickten unsre Augen aus nach nichtiger Hilfe; auf unserer Warte warteten wir auf ein Volk, das uns doch nicht helfen konnte. 18Man jagte uns, dass wir auf unsern Gassen nicht gehen konnten. Da kam unser Ende; unsere Tage sind aus, unser Ende ist gekommen. 19Unsre Verfolger waren schneller als die Adler unter dem Himmel. Auf den Bergen haben sie uns verfolgt und in der Wüste auf uns gelauert. 20Der Gesalbte des HERRN, der unser Lebensodem war, ist gefangen worden in ihren Gruben; wir aber dachten: »In seinem Schatten wollen wir leben unter den Völkern.«

21Ja, freue dich nur und sei fröhlich, du Tochter Edom, die du wohnst im Lande Uz! Denn

4,21
Kap
der Kelch wird auch zu dir kommen, dass du trunken wirst und dich entblößt. 22
4,22
Jes 40,2
Deine Schuld ist abgetan, du Tochter Zion; der Herr wird dich nicht mehr wegführen lassen.
4,22
Jes 34,8-10
Hes 35,14-15
Aber deine Schuld, du Tochter Edom, wird er heimsuchen und deine Sünden aufdecken.

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