Das zweite Gespräch mit den Freunden
Hiob besteht auf seiner Unschuld
Da antwortete Hiob und sagte:
Ihr habt wohl die Klugheit des ganzen Volks gepachtet!
Mit euch stirbt noch die Weisheit aus.
Verstand besitze auch ich, so viel wie ihr.
Ich bin nicht weniger gescheit als ihr.
Was ihr sagt, das weiß doch jeder.
Ich werde verlacht von den eigenen Freunden,
weil ich zu Gott rufe und hoffe, dass er mir hilft.
Dass der Gerechte verlacht wird, kennt man ja schon.
Die in Sicherheit leben, haben gut reden:
Sie sagen: »Ein Unglück nimmt man mit Verachtung hin!«
Doch wer strauchelt, bekommt auch noch einen Tritt.
Die Gewalttäter aber lässt man in Ruhe leben.
Sie reizen Gott, doch es geschieht ihnen nichts.
Es ist so, als hätten sie Gott im Griff.
Frag doch das Vieh, es wird dich belehren,
und die Vögel des Himmels, die sagen es dir!
Oder rede mit der Erde, sie wird dich belehren,
die Fische im Meer erzählen es dir.
Wer weiß denn nicht von ihnen allen,
dass die Hand des Herrn die Welt gemacht hat?
Alles, was lebt, ruht in seiner Hand.
Er gibt Lebensatem den sterblichen Menschen.
Soll denn nicht das Ohr die Worte prüfen,
so wie man Essen mit dem Gaumen schmeckt?
Ja, in den Sprüchen der Alten steckt Weisheit,
langes Leben zeugt von reicher Erfahrung.
Bei Gott findet man Weisheit und Kraft.
Rat und Einsicht kommen von ihm.
Wenn er zerstört, baut es keiner mehr auf.
Wenn er einsperrt, kommt niemand mehr frei.
Wenn er Wasser aufstaut, trocknet der Boden aus.
Wenn er es fließen lässt, verwüstet es das Land.
Gott verhilft zu Stärke und Erfolg.
Es liegt aber auch in seiner Macht,
ob jemand in die Irre geht oder in die Irre führt.
Er lässt Ratsherren unvernünftig handeln
und macht Richter zu Narren.
Er löst Fesseln, die Könige befohlen haben,
und bindet ihnen selbst einen Strick um die Hüften.
Er lässt Priester barfuß gehen
und bringt Herrscherfamilien zu Fall.
Er entzieht geübten Rednern das Wort
und raubt den Ältesten den Verstand.
Spott gießt er aus über die Vornehmen,
Kriegshelden nimmt er die Rüstung weg.
Er deckt auf, was in tiefer Finsternis liegt.
Er zieht ans Licht, was im Dunkeln verborgen ist.
Völker macht er groß und vernichtet sie.
Er gibt ihnen Raum und lässt sie verschwinden.
Den Herrschern des Landes raubt er den Mut
und lässt sie ohne Weg durch die Wüste irren.
Sie tappen im Dunkeln ganz ohne Licht,
wie Betrunkene taumeln sie umher.