Deutsche Bibelgesellschaft
Sven Bigl

Wer liest die Bibel noch – und warum?

Die Bibel – ein Buch, das viele besitzen, aber nur wenige lesen? Drei aktuelle Studien gehen der Frage nach, wie Menschen in Deutschland mit dem »Buch der Bücher« umgehen, und offenbaren überraschende Trends. Der neue »Bericht zur Lage der Bibel« fasst die Ergebnisse zusammen.

»Dein Wort ist mein Glück und bringt Freude in mein Herz« – so steht es in Jeremia 15,16 (BasisBibel). Doch wie viele Menschen in Deutschland erleben die Bibel heute tatsächlich als Quelle der Freude oder Orientierung? Der aktuelle, dritte »Bericht zur Lage der Bibel« der Deutschen Bibelgesellschaft mit dem Schwerpunkt »Bibelbegegnung« gibt Aufschluss darüber. Er zeigt: Die Bibel ist nach wie vor präsent, aber die Art und Weise, wie Menschen ihr begegnen, verändert sich grundlegend.

Die Datenlage ist so gut wie selten zuvor: Gleich drei Studien haben sich in jüngster Zeit intensiv mit der Frage des Bibelgebrauchs in Deutschland auseinandergesetzt. Dazu gehören eine Untersuchung zur Verbreitung und Nutzung der Bibel von der theologischen Fakultät der Universität Leipzig, aktuelle Daten der EKD (KMU 6) sowie Ergebnisse aus einer weltweiten Erhebung der Britischen Bibelgesellschaft (Patmos-Studie).

Wer liest die Bibel noch regelmäßig?

Die Zahlen wirken auf den ersten Blick ernüchternd: Nur etwa 1,6 Prozent der Gesamtbevölkerung lesen täglich in der Bibel, weitere 3,2 Prozent mindestens einmal pro Woche (KMU 6). Dabei handelt es sich ausnahmslos um Angehörige einer christlichen Kirche. Damit wird auf den zweiten Blick aber auch deutlich, dass immerhin 4 bis 5 Prozent der Bevölkerung regelmäßig zur Bibel greifen – ein Wert, der seit Jahrzehnten erstaunlich stabil bleibt. Doch was bedeutet das konkret? Bei einer Bevölkerung von 84 Millionen Menschen sind das fast 4 Millionen Menschen, die die Bibel wöchentlich oder täglich lesen.

Zieht man ältere Studien zum Vergleich heran, zeigt sich: Schon in den 1960er- und 1980er-Jahren lasen nur etwa 5 Prozent der Bevölkerung häufig in der Bibel. Trotz eines deutlich höheren Anteils an Konfessionslosen heute ist der Prozentsatz also nicht deutlich gesunken. »Man hätte einen stärkeren Rückgang befürchten können«, fasst Dr. Christoph Rösel, Generalsekretär der Deutschen Bibelgesellschaft, die Entwicklung im Bericht zusammen. Für die Zukunft seien diese Häufigkeit und Intensität aber keinesfalls garantiert.

Die Bibel als Geschenk

Wie kommt die Bibel überhaupt in die Hände der Menschen? Dazu geben die Daten eine eindeutige Antwort: meistens als Geschenk. 77 Prozent der Kirchenmitglieder, die eine Bibel besitzen, haben sie geschenkt bekommen – oft im Rahmen von Taufen, Konfirmationen oder Hochzeiten. Selbst bei Konfessionslosen sind es noch 55 Prozent, die ihre Bibel geschenkt bekommen haben. Nur 36 Prozent der Kirchenmitglieder haben sich jemals selbst eine Bibel gekauft.

Darin zeigt sich, welche tragende Rolle kirchliche Feste und Anlässe für die Verbreitung der Bibel spielen. Kirchen und Gemeinden haben nach wie vor die Möglichkeit, Menschen mit der Bibel in Kontakt zu bringen. Doch damit geschenkte Bibeln nicht unberührt im Bücherregal verstauben, braucht es auch Angebote, die Lust machen, sie zu öffnen. Als konkrete Beispiele präsentiert der Bericht zwei Bibelausstellungen als besondere Orte der Bibelbegegnung: die Werkstatt Bibel in Dortmund und das »Jesusboot« des Bibelzentrums Schleswig.

Offenheit bei jungen Menschen

Wie wichtig solche Angebote sind, unterstreicht eine andere, überraschende Beobachtung der Studien: Gerade junge Menschen zeigen sich besonders aufgeschlossen für die Bibel. Fast 60 Prozent der 18- bis 24-Jährigen sind daran interessiert, mehr über die Bibel zu erfahren (Patmos-Studie). Bei den 25- bis 34-Jährigen sind es immerhin noch über 50 Prozent. Mit zunehmendem Alter sinkt das Interesse deutlich.

Entscheidend ist außerdem das Alter zwischen vier und 14 Jahren (siehe Grafik). Hier findet in den allermeisten Fällen der Erstkontakt mit biblischen Inhalten statt – etwa in Religions- und Konfirmationsunterricht, Sakramentenkatechese und Gottesdienst. Daneben hebt der Bericht aber auch die Bibelbegegnung im familiären Umfeld hervor. Denn neben den Institutionen haben auch Eltern und Großeltern oder die Selbstbeschäftigung mit einer Kinderbibel eine große Bedeutung für den Kontakt zur Bibel. Daher ist es sinnvoll, wenn bereits ab der Taufe oder Kindersegnung eine altersentsprechende Bibel in der Familie vorhanden sei.

Der Bibel heute begegnen

Der aktuelle Bericht zur Bibelbegegnung zeigt: Die Bibel ist kein Buch von gestern. Die Gründe, warum Menschen heute in ihr lesen, sind vielfältig: Manche sehen in ihr ein Glaubens- und Lebensbuch, für andere ist sie die Grundlage der Kultur, der christlichen Theologie oder ein Buch zur persönlichen Orientierungshilfe. Die Bibel wird gelesen, gehört, verschenkt und ist fester Teil schulischer und kirchlicher Bildung. Die Studien belegen überdies ein stabiles Interesse, besonders bei jungen Menschen. Doch um biblische Inhalte weiterzugeben, braucht es kreative Wege der Begegnung und damit die Chance, die Bibel zu entdecken – sei es als Buch oder App, als Geschenk, in einem Gespräch oder einem erlebnispädagogischen Angebot.

Den vollständigen »Bericht zur Lage der Bibel – Schwerpunkt: Bibelbegegnung« können Sie hier kostenlos herunterladen: die-bibel.de/bericht-zur-lage-der-bibel

Autor Sven Bigl leitet bei der Deutschen Bibelgesellschaft die Abteilung für Kommunikation.

Die wichtigsten Studien im Überblick

Leipziger Studie | „Dimensionen biblischer Relevanz“ – Empirische Befragung zur Verbreitung und Nutzung der Bibel in Deutschland (2023)
Patmos-Studie | Weltweite Erhebung der Britischen Bibelgesellschaft (British and Foreign Bible Society), für Deutschland gesondert ausgewertet (2022/23)
KMU | 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD – repräsentative Daten zu Bibelnutzung und Kirchenbindung (2023)

Deutsche Bibelgesellschaftv.4.42.5
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