»Vielfalt ist etwas Bereicherndes«


»Vielfalt ist etwas Bereicherndes«
Wie kann die Bibel für blinde Menschen zugänglich gemacht werden? Und was bedeutet Inklusion in der Kirche? Ein Gespräch mit Barbara Brusius vom Dachverband der ev. Blinden- und ev. Sehbehindertenseelsorge (DeBeSS).
Interviewpartnerin Barbara Brusius ist theologische Referentin des Dachverbands der ev. Blinden- und ev. Sehbehindertenseelsorge (DeBeSS).
Was macht der DeBeSS?
Als Dachverband unterstützen wir die Blinden- und Sehbehindertenseelsorge in den Landeskirchen. Wir beraten sehbehinderte und blinde Menschen sowie ihre Angehörigen und vermitteln sie weiter an die Kirchengemeinden vor Ort. Wir kümmern uns um barrierefreie Zugänge zur Bibel, zu den Losungen, zum Gesangbuch, zu christlicher Literatur. Und wir wollen die Kirchen sensibilisieren für die Anliegen sehbehinderter und blinder Menschen. Was kann man tun, damit sie auch am Gemeindeleben teilhaben können? Dazu bieten wir Fachtagungen und Fortbildungen an.
Wie machen Sie die Bibel für blinde Menschen zugänglich?
Wir bieten Bibeln in Brailleschrift und spezielle Hörbibeln an – mit dem Einverständnis der Deutschen Bibelgesellschaft, die die Bibeltexte herausgibt. Wenn jemand eine Bibel in Brailleschrift kaufen möchte, wird diese direkt für ihn gedruckt. Wir haben die Lutherbibel 2017 in Brailleschrift übertragen lassen und auch das Neue Testament und die Psalmen der BasisBibel sind inzwischen in Blindenschrift erhältlich. Die Hörbibel von Rufus Beck haben wir so nachbearbeitet, dass sie von blinden Menschen genutzt werden kann. So wird zum Beispiel jedes Kapitel angesagt und man kann direkt bis zum Vers navigieren.
Wie viel kostet eine Braille-Bibel?
Die Übertragung von Schwarzschrift, also unserer gängigen Schrift, in Brailleschrift ist sehr aufwändig und teuer. Die Lutherbibel hat allein 38 Bände, ein Band ist vier Zentimeter dick. Das ist ein ganzes Regal voll! Eigentlich müsste eine solche Ausgabe 1300 Euro kosten. Aber wer kann sich das leisten? Eine Bibel sollte auch für einen blinden Menschen erschwinglich sein. Deshalb subventionieren wir die Lutherbibel mit Geldern der EKD. Ein blinder Mensch kann sie für 250 Euro bei uns erwerben. Unser günstigstes Produkt ist die bearbeitete Hörbibel, sie kostet 30 Euro. Das zahlt auch ein sehender Mensch für seine Bibel.
Können blinde Menschen die Bibel auch online lesen?
Ja, viele blinde Menschen nutzen Vorleseprogramme. Und dank eines Hilfsgeräts, einer sogenannten Braillezeile, können sie auch Texte im Internet lesen. Sie gibt den Text auf dem Bildschirm in Brailleschrift mit kleinen Stiften aus und der blinde Nutzer kann sie dann ertasten. Deshalb ist es wichtig, dass es Bibeln nicht nur gedruckt, sondern auch in anderen Formaten gibt, zum Beispiel als E-Book, in einer App oder im Internet. Und dass Webseiten und Apps barrierefrei sind, damit blinde Menschen diese nutzen können. Dazu brauchen sie zum Beispiel Bildbeschreibungen oder Beschriftungen von Buttons. Ab Mitte 2025 gibt es sogar eine gesetzliche Pflicht dazu.
Können alle blinden Menschen bei uns die Brailleschrift lesen?
Nein. Oft erlernen nur diejenigen die Brailleschrift, die früh oder im Berufsleben erblindet sind. Die meisten Menschen, die eine starke Sehbehinderung entwickeln, sind älter als 60 Jahre. Die Augenerkrankungen im Alter nehmen zu (siehe Infokasten). Manche führen zur Erblindung. Im Alter lernt man Braille nicht mehr so leicht. Dazu kommt, dass unsere Finger und Fingerkuppen oft nicht mehr so beweglich und sensibel sind, wenn wir älter werden. Und doch gibt es immer wieder Ausnahmen. Eine unserer Kundinnen hat mit 66 noch die Brailleschrift lesen gelernt. Weil sie es unbedingt wollte.
Wie weit sind wir bei der Inklusion blinder Menschen?
Ich beobachte, dass das Thema »Inklusion« in Deutschland gerade kein großes Thema mehr ist. Wir haben so viele andere Probleme. Es hat sich schon einiges getan, aber das sind nur kleine Versatzstücke, die sehr stark eingefordert werden müssen. Hier und dort gibt es einen taktilen Leitstreifen, eine Ampel mit Signal. Aber überall und auch bei digitalen Produkten ist noch viel Luft nach oben.
Was bedeutet Inklusion in der Kirche für Sie?
Auch in den Kirchen ist das momentan leider nicht so ein Thema. Aber Inklusion hat doch eine biblische Grundlage. Es geht um die Gottesebenbildlichkeit des Menschen und das heißt: Jeder Mensch hat dieselbe Würde und dieselben Rechte – egal ob er laufen, hören und sehen kann oder nicht. Inklusion ist deshalb keine barmherzige Geste nach dem Motto: Der blinde Mensch darf auch dabei sein. Es geht darum, gemeinsam kirchliches Leben zu gestalten und jedem die Möglichkeit zu geben, seine Fähigkeiten einzubringen.
Wie kann das konkret aussehen?
Warum soll ein blinder Mensch nicht im Chor singen oder im Gottesdienst die Schriftlesung machen oder im Kirchengemeinderat sitzen können? Jesus hat Menschen mit Behinderungen geheilt, indem er sie in die Gesellschaft zurückgeführt hat. Sie gehören einfach dazu! Vielfalt ist natürlich auch manchmal anstrengend. Es kostet Zeit und Mühe, die verschiedenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu bedienen. Aber eine gelebte Vielfalt ist doch etwas wunderbar Bereicherndes!
Aus: Bibelreport 1-2025
Infos zu Bibelausgaben für blinde und sehbehinderte Menschen finden Sie auch auf unserer Webseite.
Blinde Menschen in Deutschland
Blinde Menschen werden in Deutschland nicht gezählt. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) geht davon aus, dass über eine Million Menschen in Deutschland blind oder sehbehindert sind. Man nimmt an, dass besonders die Anzahl der sehbehinderten Menschen seit Jahren dramatisch ansteigt. Der Grund ist vermutlich die steigende Lebenserwartung und die »alternde Gesellschaft«. Die häufigsten Ursachen für Blindheit und Sehbehinderung in Deutschland sind Augenerkrankungen, allen voran die altersabhängige Makuladegeneration, der grüne Star (Glaukom) und die diabetische Retinopathie.