Libanon in der Bibel


Libanon in der Bibel: Zedern und Städte
Der Libanon spielt in der Bibel eine große Rolle. Seine berühmten Zedern stehen als Symbol für Stärke, Majestät und Pracht und wurden beim Tempel- und Palastbau verwendet. Auch die Küstenstädte Tyros und Sidon sind biblische Orte, die Jesus besuchte und von denen aus sich das frühe Christentum ausbreitete.
Mancher Reisende erfährt erst vor Ort, dass das »Buch der Bücher« seinen Namen einer Stadt im Libanon verdankt: Die phönizischen Händler von Byblos importierten – im Tausch für Holz – Papyrus aus Ägypten und lieferten es in den gesamten Mittelmeerraum. Und da Blätter und Bücher meist aus Papyrus waren, nannte man diese »biblion« bzw. »biblia«. Später wurde dann »das Buch« schlechthin so genannt. Auch das Alphabet, mit dessen Hilfe die Bibel geschrieben wurde, haben die Phönizier entwickelt, die einst an den Küsten des Libanon lebten. In einer ihrer Städte fand sich erstmals eine Liste von Zeichen, die jeweils nur einem Laut (und nicht einer Silbe oder einem Wort) entsprechen und mit denen man demzufolge jedes Wort schreiben kann.
Der Libanon im Alten Testament
Die Phönizier unterstützten Israel auch in weiterer Hinsicht: Aus den Bergen des Libanon importierte König Salomo das Bauholz für den Tempel, und selbst Bauleute und den »Baumeister« Hiram schickte der gleichnamige König von Tyros nach Jerusalem (1. Könige 5,15ff). Im bäuerlich geprägten Israel selbst gab es solche Fachleute (noch) nicht. Tyros selbst ist heute noch eindrucksvoll: Als Landzunge schiebt sich die Stadt ins Meer; im Altertum war sie eine Insel, die praktisch uneinnehmbar direkt vor der Küste lag. Sogar die Bibel ist davon beeindruckt und beschreibt die Handelsstadt als prachtvolles Schiff (Hesekiel 27). Für die Bewohner von Tyros selbst war die Stadt ein Abbild des Urhügels, von dem aus Gott die Welt geschaffen hat. Sogar das Buch Hesekiel benutzt im Zusammenhang mit der Stadt die gleichen Worte wie die Paradieserzählung (Hesekiel 28,11-19).
Mindestens so berühmt wie die Stadt Tyros waren schon im Altertum die Zedern des Libanon. Der Duft ihres Holzes wird oft gerühmt – auch deshalb gab es in Salomos Palast ein »Libanon-Waldhaus« (1. Könige 7,2-5). An einer Stelle der Bibel heißt es über diesen ganz besonderen Baum sogar: »Ich hatte ihn so schön gemacht mit seinen vielen Ästen, dass ihn alle Bäume von Eden im Garten Gottes beneideten« (Hesekiel 31,9). Majestätisch breiten die gewaltigen Bäume ihre Zweige aus. Heute gibt es nur noch wenige Zedernhaine in den Bergen des Libanon – zu lange haben die verschiedensten Völker Raubbau betrieben an dem alten Baumbestand.
Höchster Gott der Phönizier war Baal, »der Herr«, der als Macht des Lebens, des Regens und des Donners verehrt wurde. Im 9. Jahrhundert vor Christus heiratete der israelische König Ahab Isebel, die Tochter des Königs von Tyros. Spätestens mit dieser Heirat wurde der Kult des Baal auch nach Israel »importiert«. Die Bibel erzählt immer wieder vom Kampf der Götter und Religionen gegeneinander –am bekanntesten ist die Episode von Elia und den Baalspriestern (1. Könige 18). Vielen Israeliten im Land Israel erschien die Fruchtbarkeitsreligion einleuchtender als das Bekenntnis zu einem Gott, der das Volk durch die Wüste geführt hatte. Deshalb gehört es zu den eindrucksvollen Entwicklungen in alttestamentlicher Zeit, dass sich der »Wüstengott« gegen die Verehrung der Naturmächte durchgesetzt hat.
Die eindrucksvollsten Kultanlagen des Baal finden sich in der Bekaa-Ebene östlich des Libanongebirges, in Baalbek. In römischer Zeit entstand hier die größte Tempelanlage der Antike. Einige der 20 Meter hohen Säulen des Jupitertempels stehen bis heute aufrecht, und die Fundamente, die beinahe eine Welt tragen könnten (Mark Twain), versetzen noch immer jeden Besucher in Erstaunen. In der Spätzeit, als man auch in der Sonne ein Bild für den Herrn des Lebens sah, nannte man den Ort Heliopolis, »Sonnenstadt«. Von hier brachte man das Fest des »unbesiegbaren Sonnengottes«, das am 25. Dezember gefeiert wurde, nach Rom.
Der Libanon im Neuen Testament
Der Libanon ist auch für das Neue Testament ein wichtiges Land: Dem Markusevangelium zufolge hat Jesus selbst sich mehrfach in das Gebiet von Tyros und Sidon zurückgezogen und dort gelehrt. Mit diesem Gebiet ist zudem eine der bemerkenswertesten Szenen der Bibel verbunden (Markus 7,24-30): Eine heidnische Frau, eine »Syrophönizierin«, bittet um Hilfe für ihr Kind. Jesus lehnt ab mit dem Hinweis auf die Kinder (Israels), die vor den (heidnischen) Hunden satt werden sollen. Die Frau lässt sich nicht abweisen, weist auf die Krumen hin, die beim Essen für die Hunde vom Tisch fallen. Und der erstaunte Jesus lässt sich eines Besseren belehren, sieht den Glauben der Heidin und sagt ihr die Heilung der Tochter zu. Es ist die einzige Geschichte, wo Jesus »lernt« – und zwar von einer Frau, einer Heidin! Ob die Geschichte auch Modell für den heutigen Umgang mit fremden Religionen sein kann? Wie notwendig es ist, Modelle des Zusammenlebens und Respekts voreinander zu lernen, zeigen Geschichte und Gegenwart des Libanon sehr eindringlich.
Autor Dr. Georg Röwekamp war bis 2016 Geschäftsführer und Theologischer Leiter von Biblische Reisen in Stuttgart.
Aus: Bibelreport 1-2026
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