Kindern die Bibel erzählen


Auf den ersten Blick scheinen Kinder in der Bibel nur am Rande vorzukommen. Erst bei genauem Hinsehen entdeckt man, dass ihnen in der Bibel eine wichtige Rolle zukommt.
In der Antike waren Kinder von Bedeutung: Sie stellten die Zukunft sicher, insbesondere die Altersversorgung der Eltern, unter anderem, weil sie schon früh als Arbeitskräfte herangezogen werden konnten. Zugleich galten Kinder als unfertige Menschen: Die Kindheit wurde als Durchgangsstadium auf dem Weg zum Erwachsensein betrachtet.
Die Bibel berichtet nicht allzu viel über Kinder und Kindheit. Fest steht jedoch, dass Kinder in der Bibel stets als Gabe Gottes und Segen erfahren werden (Psalm 128). Außerdem berichtet die Heilige Schrift über Geburt und Kindheit zahlreicher biblischer Personen. Erinnert sei hier an Isaak (1. Mose 18 und 21), Mose (2. Mose 2), Simson (Ri 13), Samuel (1. Sam 1–3), David (1. Sam 16–17), Johannes den Täufer (Lk 1) und natürlich an Jesus (Lk 1–2, Mt 1–2).
Die grundsätzlich positive Sicht der Kinder wird auch in der bildhaften Sprache der Bibel deutlich: Sie beschreibt das Verhältnis Gottes zu seinem erwählten Volk als das eines Vaters beziehungsweise einer Mutter (Jes 66,13) zu ihrem Kind. Auch im Neuen Testament werden diejenigen, die Jesus nachfolgen, als »Kinder Gottes« beschrieben (Röm 8,14-15).
Kinder als Erwählte
Immer wieder sind es gerade Kinder, die in besonderer Weise von Gott erwählt und angenommen sind. Erwähnt sei beispielsweise die Salbung Davids durch Samuel; gerade David als jüngster Bruder wird zur Überraschung aller von Gott als König vorherbestimmt. Denken wir auch an den Bericht von der Speisung der vielen Menschen durch Jesus im Johannesevangelium: Ein kleiner Junge hat alles bereit, was nötig ist: fünf Gerstenbrote und zwei Fische (Joh 6,9). Geradezu provokant mutet es an, dass Jesus ein Kind ruft, es in die Mitte stellt und zum Vorbild für seine Nachfolge macht (Mt 18,1-5). Ja, Kinder sind es, die nach dem Bericht des Matthäusevangeliums von Jesus mit Handauflegung und Gebet gleichsam gesegnet und gesendet, berufen und bevollmächtigt werden (Mt 19, 13-15). Ein Kind wird zum Maßstab für den Zugang zu Gottes Reich!
Erzählen hält die Religion lebendig
Kinder werden nicht nur in den Bund Gottes mit hineingenommen, sie sind auch Träger der Tradition des Glaubens (5. Mose 6,6f.). Zentral ist für die Bibel daher das frühe Vertrautwerden von Kindern mit der Religion. Durch Erzählen, durch Fragen und Antworten bleibt das Erbe lebendig. Beispielsweise lesen wir in Psalm 78,3f: »Wir haben davon gehört, es ist uns bekannt. Schon unsere Eltern haben es weitererzählt. Wir halten es nicht geheim vor unseren Kindern.
Wir erzählen davon der nächsten Generation: vom Ruhm des HERRN und seiner Macht, von seinen Wundern, die er getan hat.« (BasisBibel)
Vom Knaben Jesus wissen wir, dass er bereits als Zwölfjähriger im Tempel den Gelehrten zuhören und mit ihnen diskutieren konnte. An anderer Stelle wird Timotheus ausdrücklich gelobt; seine Mutter und Großmutter hatten ihm offenkundig schon früh die heiligen Schriften nahegebracht (2. Tim 3,15). In diesem Sinne ist es bis heute ein bleibender Auftrag, bereits Kindern die Bibel und ihre Botschaft zu vermitteln.
Autorin Jutta Henner ist Direktorin der Österreichischen Bibelgesellschaft.
Interview mit Christian Laengner, ehrenamtlicher Bibelerzähler.
Beim Zoo-Projekt der Hannoverschen Bibelgesellschaft erzählt er Vorschulkindern biblische Geschichten.
Wie wird man ehrenamtlicher Bibelerzähler?
Als Jugendlicher habe ich den Kindergottesdienst mitgestaltet. Nach einer zweijährigen Ausbildung zum Erzähler bin ich jetzt seit 10 Jahren unterwegs mit Märchen und Geschichten aus aller Welt – für Erwachsene und Kinder an unterschiedlichsten Orten. Die Bibel ist dabei eine der Quellen, die mich inspirieren.
Warum finden Sie es wichtig, Kindern biblische Geschichten zu erzählen?
Im Gottesdienst wird der gelesene biblische Text sehr oft erst durch die Predigt verständlich. Beim freien mündlichen Erzählen wird eine (biblische) Geschichte unmittelbar lebendig und zugänglich. Diesen einfacheren, direkteren Zugang würde ich gerne auch Erwachsenen öfter anbieten.
Worauf muss man dabei achten?
Die Bilder der Geschichte, die Szenen, die Figuren sollen beim Erzählen für die Zuhörenden sichtbar, erlebbar werden. Das setzt voraus, dass der Erzählende tief in die Geschichte eingedrungen ist und die Elemente der Geschichte mit ihrer Bedeutung klar vor Augen hat.
Was bedeutet Ihnen persönlich die Bibel?
Es ist immer wieder wundervoll zu entdecken, wie aktuell diese so alten Geschichten sind.