Deutsche Bibelgesellschaft
Eva Mündlein

Einfache Bibel?

Ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche heute die Bibel kennenlernen, ist der schulische Religionsunterricht. In einer Realschule in der Nähe von Stuttgart kommen dabei zwei Bibeln der Deutschen Bibelgesellschaft zum Einsatz: die Einfach Bibel und die BasisBibel.

Im Religionsunterricht in der 7. Klasse einer Realschule im Großraum Stuttgart. Die Schülerinnen und Schüler werden heute im Unterricht mit zwei Bibeln arbeiten, die die Deutsche Bibelgesellschaft für junge Menschen entwickelt hat: der »BasisBibel« und der »Einfach Bibel«. Ich bin zu Besuch, denn mich interessiert vor allem: Wie gehen 12- und 13-Jährige mit der Bibel um? Können ihnen diese beiden Bibelausgaben helfen, einen Zugang zu den biblischen Texten zu finden?

Der konfessionelle Religionsunterricht ist in Baden-Württemberg freiwillig, als Alternative kann man das Fach Ethik wählen. Frank Ziehfreund unterrichtet die zusammengewürfelte Klasse in evangelischer Religion. Heute ist der Prophet Amos dran. Der Lehrer wirft ein Bild an die Tafel: der schwarz-weiße Stich zeigt einen Mann in einem wallenden Gewand, der sich auf einen Stab stützt. Er fragt die Schülerinnen und Schüler, was sie auf dem Bild sehen. Die Fragen, die sich daraus entwickeln, schreibt er dazu: »Wer ist das?«, »Wohin will er?«, »Woher kommt er?«, »Warum sieht er so traurig aus?« Mithilfe eines Arbeitsblatts mit Bibelstellen und den beiden Bibeln sollen die Jugendlichen die Antworten herausfinden.

Die meisten blättern zuerst in der Einfach Bibel. Das ist kein Wunder, denn sie hat Bilder und weniger Text. Aber: Es ist gar nicht so einfach, die Geschichte von Amos zu finden. Denn in der Einfach Bibel gibt es keine Verse und Kapitel. Deshalb müssen die Jungen und Mädchen erst einmal in der BasisBibel die Bibelstellen nachschlagen und dann in der Einfach Bibel die Geschichte des Propheten Amos suchen. Immer wieder gehen Hände nach oben, begleitet von fragenden Blicken, doch der Lehrer sagt nur: »Die Antwort auf alle Fragen ist: Ihr habt zwei Bibeln!« Schließlich hat es sich herumgesprochen, dass die Geschichte von Amos tatsächlich in beiden Bibeln zu finden ist.

In der 5-Minuten-Pause verteilt ein Schüler großzügig kroatische Süßigkeiten. »Aber wascht euch die Hände, bevor ihr nachher die Bibeln anfasst!«, bittet Ziehfreund. Ich muss an die chinesischen Christen denken, die sich jedes Mal die Hände waschen, bevor sie eine Bibel berühren. Aus Ehrfurcht, aber auch, weil die Bibel in China lange ein so seltenes und wertvolles Buch war. Wie anders ist doch die Situation hier in Deutschland: Bibeln gibt es überall, im Internet, in Buchläden, in Bibliotheken, in der Schule. Fast alle Jugendlichen in der Klasse haben ein Exemplar zu Hause. Aber nur einer meldet sich bei der Frage, wer denn oft in der Bibel liest. Weniger als eine Handvoll lesen manchmal darin. Der Rest: nie. Das Problem in Deutschland ist nicht, dass es zu wenige Bibeln gibt. Sondern dass sie oft nur im Regal stehen, anstatt aufgeschlagen und gelesen zu werden.

Trotzdem kennen die Schülerinnen und Schüler recht viele biblische Geschichten – und nicht nur die bekanntesten wie die von der Arche Noah oder von der Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Sie nennen auch Mose, den Propheten Jesaja, Adam und Eva, Kain und Abel. Eine Schülerin interessiert sich besonders für die Offenbarung. »Wie ist das mit dem Warten, bis Jesus wiederkommt?«, fragt sie. »In der Bibel steht, dass der Mond dann blutrot wird.« Vielleicht sind die Bilder der Apokalypse etwas, das junge Menschen heute besonders anspricht. Wenn sie in den Nachrichten von Kriegen, Terror und Umweltkatastrophen hören, dann ist der Bogen zum letzten Buch der Bibel für sie nicht allzu weit.

Als die Arbeitsaufgabe erledigt ist, sollen die Mädchen und Jungen sagen, mit welcher Bibel sie lieber arbeiten. Der Tenor ist eindeutig: In der BasisBibel findet man die Bibelstellen schneller, aber die Einfach Bibel ist verständlicher und besser lesbar, außerdem hat sie Bilder – ein großer Pluspunkt. »Warum gibt es keine Kombination von beiden?«, fragt ein Mädchen mit langem blondem Pferdeschwanz. »Weil du dann soooo ein Buch hättest«, erklärt Ziehfreund und breitet die Arme auseinander. Es gefällt den Jugendlichen auch, dass die Einfach Bibel dickeres Papier hat und damit robuster ist.

Am Ende der Stunde gibt es eine Fragerunde zur Bibel. Die Beteiligung ist rege. Warum haben nicht alle Bibeln Bilder? Steht in allen Bibeln dasselbe drin? Warum verstehe ich die Bibel zu Hause besser als die in der Schule? Wann wurde die Bibel zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt? Ich erkläre, dass die Bibel ursprünglich auf Hebräisch und Griechisch geschrieben wurde und dass es viele verschiedene Übersetzungen gibt. Der Lehrer wirft eine Seite des hebräischen Alten Testaments an die Tafel. Das Erstaunen ist groß: Ob ich mal einen Vers vorlesen könne? Wir einigen uns auf den ersten Vers der Schöpfungsgeschichte. Ich lese auf Hebräisch, eine Schülerin liest den Vers aus der Einfach Bibel vor, eine andere aus der BasisBibel. Der Lehrer findet noch eine Einheitsübersetzung. Überall klingt der Vers anders, und doch geht es immer um dasselbe.

So ist das mit dem Wort Gottes – es klingt hindurch durch unsere Menschenworte, mit denen wir versuchen, die Bibel in unsere Sprachen zu übersetzen. Jugendliche brauchen eine andere Sprache, einen anderen Zugang zur Bibel als Menschen, die schon lange mit der Bibel vertraut sind. Doch wenn sie eine Bibel bekommen, die für sie verständlich und einladend ist, dann können ihre Texte auch zu ihnen sprechen. So wie heute zu den Schülerinnen und Schülern in Klasse 7.

Autorin Eva Mündlein ist ev. Theologin und Redakteurin des Bibelreports.

Deutsche Bibelgesellschaftv.4.42.5
Folgen Sie uns auf: