Deutsche Bibelgesellschaft

»Eine unheimlich starke Botschaft«

»Eine unheimlich starke Botschaft«

Interviewpartner Pfarrer Stefan Warnecke ist Gefängnisseelsorger in der Jugendanstalt Hameln, dem größten Jugendgefängnis in Deutschland.

Die Bibel kann für Menschen, die im Gefängnis sind, eine wichtige Hilfe sein. Wie er mit Häftlingen arbeitet und welche Rolle die Bibel dabei spielt, erzählt uns Gefängnisseelsorger Stefan Warnecke in einem Interview.

Wie kommen Sie mit den Häftlingen in Kontakt?
Meine Hauptangebote hier im Gefängnis sind Gespräche, Gruppen und Gottesdienste. Wenn Jugendliche ein Gespräch mit mir möchten, stellen sie einen Antrag. Dann suche ich sie auf und nehme sie mit in unsere Räume. Daneben biete ich auch Gruppen an, zum Beispiel einen Glaubenskurs oder die Gruppe »Blickwechsel«. Dafür kommen Schülerinnen und Schüler einer Berufsschule in die Anstalt, treffen sich mit einer festen Gruppe von Häftlingen und tauschen sich zu speziellen Themen aus. Und dann gibt es noch die Gottesdienste, für die man keinen Antrag stellen muss. Dort kann man sonntagmorgens einfach hingehen.

Wie ist die Situation der Häftlinge?
Die jungen Menschen hier haben ihr Leben gegen die Wand gefahren. Ihr Lebenskonzept lautete oft »Der Stärkere setzt sich durch«, »Ich kann jeden übers Ohr hauen«, »Das ganze Leben ist eine einzige Party«. Und jetzt merken sie: So kann es nicht weitergehen, mein Leben ist gescheitert. Sie versuchen, sich neu zu orientieren und Halt zu finden. Es tut sehr weh, von zu Hause getrennt zu sein, von den Freunden, die ganzen Einschränkungen. In dem Moment stellt man die großen Fragen: Was trägt? Was gibt mir Sinn im Leben? Wofür lohnt es sich zu leben? Bei uns sind Jugendliche von 14 bis 24 Jahren inhaftiert. Das ist das Alter, in dem man sich seelisch und geistig konstituiert.

Dürfen die Häftlinge eine eigene Bibel besitzen?
Ja, bei uns darf jeder eine eigene Bibel in seiner Zelle haben, selbst wenn er sich nach Fehlverhalten in einen Haftraum mit wenig Ausstattung begeben muss. Es gibt dort keinen Fernseher, keine Ablenkung, keine Aussicht, nichts. Aber es gibt auf Nachfrage immer eine Bibel. Die Insassen sagen mir dann: Ich lese gerade in der Bibel. Überhaupt wird sehr viel nach der Bibel gefragt hier. Das erstaunt mich immer wieder.

Was finden die Jugendlichen in der Bibel?
Sie finden ihre Situation widergespiegelt, zum Beispiel in den Psalmen: Diese ganzen Hilferufe an Gott, wo jemand seine Not klagt mit Sätzen wie »Sie erfinden falsche Anschuldigungen« oder »Drohend zeigten sie mir ihre Zähne«. Für die Häftlinge sind diese Sätze erschreckend real, denn sie erleben das oft ganz genau so: Mitgefangene, die ihnen üble Geschichten anhängen, sie unterdrücken oder sogar verprügeln wollen. Manche haben Angst, ihren Haftraum zu verlassen. In dieser Situation gewinnen die Psalmen auf einmal eine unglaubliche Lebensrelevanz. Ich bin als Pfarrer schon an verschiedenen Orten eingesetzt gewesen. Aber ich habe noch nie erlebt, dass Psalmen so real ins Leben hineinsprechen wie hier im Gefängnis.

Welche Bibeltexte sind im Gefängnis noch wichtig?
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn! Fast alle Jugendlichen kommen aus zerrütteten Familien. Manche sind in Wohngruppen aufgewachsen, in verschiedenen Pflegefamilien oder bei drogenabhängigen Eltern. Und dann so etwas zu hören: Es gibt einen Gott, zu dem man laufen kann und der einen in die Arme nimmt. Noch bevor man den Mund aufgemacht und um Vergebung gebeten hat. Das ist eine unheimlich starke Botschaft. Fehlende Vaterfiguren sind oft ein wichtiges Thema. Gott ist jemand, der Heimat gibt, der verwurzelt und der vorbehaltslos für mich da ist – das ist das, was die meisten Jugendlichen hier nie erlebt haben.

Wie gehen Sie mit dem Thema »Schuld« um?
Neulich kam ein Jugendlicher zu mir und sagte: »Ich kann nicht mehr schlafen, ich sehe immer die Gesichter meiner Opfer vor mir.« In einer solchen Situation helfe ich oft mit einem Ritual. Ich bitte den Jugendlichen dann, seine Tat noch einmal ganz detailliert zu erzählen und dazu den »Schuldstein« in die Hand zu nehmen. Ich habe dafür schwarze, geschliffene Handschmeichler. Danach treten wir vor den Altar und ich spreche ein Gebet oder spiele auf der Gitarre oder wir sprechen das Vaterunser. Dann gehen wir raus und werfen den Stein in den Ententeich. Das ist eine Form von Beichtritual. Im Gefängnis funktionieren solche Rituale sehr gut.

Erleben Sie oft, dass Häftlinge zum Glauben kommen?
Es ist nicht mein Auftrag, im Gefängnis zu missionieren. Aber vor einem Jahr kamen einige Häftlinge auf mich zu und sagten: Ich möchte gerne Christ werden. Ich habe mit ihnen ein halbes Jahr lang einen Glaubenskurs gemacht. Wir haben dort auch in der Bibel gelesen und darüber gesprochen. Am Schluss wollten sich fast alle taufen oder konfirmieren lassen. Wir hatten jetzt an Ostern acht Taufen und vier Konfirmationen! Es war großartig und hat in der Anstalt für viel Erstaunen gesorgt. Das gab es so noch nie!

Vielen Dank für das Gespräch!

Gefängnisse in Deutschland: Zahlen und Fakten
Gefängnisse in Deutschland: 172
Gefangene: 44 232
Davon Frauen: 2590
Davon im Jugendstrafvollzug: 2698
Davon unter 18 Jahren: 318
Quelle: Statistisches Bundesamt, März 2023

Aus: Bibelreport 3-2024

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