Bibeln im Sekundentakt


Bibeln im Sekundentakt
Bibeln für China und die ganze Welt: In der Millionenstadt Nanjing im Osten Chinas befindet sich die größte Bibeldruckerei der Welt. Wie kam es dazu?
In der Produktionshalle hängt eine Anzeigetafel mit einer großen Zahl: 280.009.626. Im Sekundentakt geht sie nach oben. Doch gezählt werden nicht Sekunden, sondern: Bibeln. Denn hier, in der Amity-Druckerei in Nanjing im Osten Chinas, werden ununterbrochen Bibeln gedruckt. Seit das erste Exemplar im Jahr 1988 vom Band lief, haben über 280 Millionen Bibeln das Haus verlassen. Ein Drittel davon blieb in China, der andere Teil wurde in alle Welt verschifft. Shanghai, der größte Hafen der Welt, liegt nur 300 Kilometer entfernt. Und Nanjing ist über den Jangtse-Fluss direkt mit ihm verbunden.
Hochbetrieb in der Werkshalle
Die Amity-Druckerei ist weltweit führend in der Herstellung von Bibeln. Nirgendwo werden so viele Bibeln gedruckt wie hier. Wer das Werksgebäude betritt, begreift die Dimensionen: Auf einer Fläche von acht Fußballfeldern stehen 400 Mitarbeitende rund um die Uhr an modernsten Maschinen. Sie sind eifrig dabei, Papier zuzuschneiden, zu falzen, zu kleben, zu binden, zu überprüfen und nicht brauchbare Seiten auszusortieren. In einem Lager befinden sich die riesigen Papierrollen, auf denen die Bibeln gedruckt werden. Wenn zwei Menschen diese Rollen umfassen, können sie sich gerade an den Fingerspitzen berühren. Das besondere Bibeldünndruckpapier wird zum Teil durch Spenderinnen und Spender, auch aus Deutschland, finanziert. So können Bibeln in China zu einem erschwinglichen Preis verkauft oder sogar kostenlos weitergegeben werden. Denn viele Christen leben auf dem Land und haben nur wenig Geld.
Gemeinsam gegen den Bibelmangel
Die Nachfrage nach Bibeln ist in China groß. Seit den 1980er-Jahren wächst das Christentum hier mehr als jede andere Religion. Schätzungen zufolge gibt es 40 bis 100 Millionen chinesische Christen, und jährlich kommen bis zu einer Million Menschen neu dazu. Die Druckerei in Nanjing hat alle Hände und Druckmaschinen voll zu tun, um ihnen Bibeln bereitzustellen.
Während der Kulturrevolution in den 1960er- und 70er-Jahren waren in China das Christentum und auch die Bibel verboten. Erst Anfang der 1980er-Jahre wurde die Religionsausübung wieder erlaubt. Doch es gab viel zu wenige Bibeln. Deshalb wandten sich die chinesischen Kirchen an den Weltverband der Bibelgesellschaften und baten um Hilfe. 1988 wurde daraufhin die Amity-Druckerei als ein gemeinsames Unternehmen des Weltverbandes und der Amity-Stiftung gegründet. Die christliche Hilfsorganisation ermöglicht zum Beispiel armen und bedürftigen Menschen in ländlichen Gebieten einen Zugang zur Gesundheitsversorgung. Für den Aufbau der Druckerei erhielt der Weltverband Spenden aus der ganzen Welt.
Digitalisierung, Umweltschutz und Inklusion
Luke Liu arbeitet seit 39 Jahren in der Druckerei, vor zwölf Jahren wurde er zum Generaldirektor ernannt. Er fühlt sich dem Unternehmen sehr verbunden und spürt immer noch dieselbe Motivation wie am Anfang: »Es berührt mich sehr, die Gefühle der Menschen zu sehen, wenn sie eine Bibel bekommen.« Obwohl die fortschreitende Digitalisierung eine Herausforderung für den Bibeldruck darstelle, sei er zuversichtlich. Denn die Nachfrage nach gedruckten Bibeln steige weiter. »Vor allem in ländlichen Gebieten werden gedruckte Exemplare noch viel benutzt.«
Neben der Digitalisierung beschäftigen die Druckerei auch der Umweltschutz und Maßnahmen zur Inklusion. So wird nun beispielsweise Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft verwendet und mit Sojatinte gedruckt, einer umweltfreundlichen Alternative zu herkömmlicher Druckertinte. Darüber hinaus reinigt eine Anlage die Abgase; Abfallpapier wird recycelt und wiederverwendet. Auf dem Dach des Druckereigebäudes liefern Solarpannels umweltfreundliche Energie. Hinzu kommt, dass in der Druckerei 40 gehörlose Menschen arbeiten.
Bibeln in über 280 Sprachen
Nicht nur chinesische Christen profitieren von der Druckerei in Nanjing. Hier werden Bibeln in über 280 Sprachen gedruckt. Die wichtigsten Partner im Ausland sind die Bibelgesellschaften. Auch die Deutsche Bibelgesellschaft lässt hier immer wieder Bücher drucken. »Die Amity-Druckerei ist für uns eine echte Alternative«, sagt Anne-Sophie Leutenberger, die bei der Deutschen Bibelgesellschaft für die Herstellung der Bücher verantwortlich ist. »Besonders in Zeiten, in denen steigende Kosten hierzulande eine rentable Produktion in vielen Fällen unmöglich machen.«
Auch nach Afrika werden immer wieder Bibeln geliefert. Obwohl dort einige Länder christlich geprägt sind, gibt es auf dem ganzen Kontinent keine einzige Bibeldruckerei. Das soll sich bald ändern: Amity hat einen Ableger in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, aufgebaut. Schon bald können hier, direkt in Afrika, kostengünstige Bibeln produziert werden. Sie müssen dann nicht mehr um die halbe Welt reisen.
Autorin Eva Mündlein ist Theologin und Redakteurin des Bibelreports.
Aus: Bibelreport 3/2025
Christen in China
Die Volksrepublik China hat 1,4 Milliarden Einwohner und ist damit nach Indien das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung. Obwohl die rasante Entwicklung in den letzten Jahrzehnten zu erheblichen Verbesserungen der Lebensbedingungen geführt hat, ist es nach wie vor schwierig, die Armut ganz zu beseitigen. Viele Christen in ländlichen Gebieten leben immer noch unterhalb der Armutsgrenze.
Neben dem Buddhismus, dem Taoismus und dem Islam ist das Christentum eine der fünf Religionen, die von der chinesischen Verfassung anerkannt sind, wobei Protestantismus und Katholizismus als zwei Religionen gelten. Der Chinesische Christenrat und das Nationale Komitee der patriotischen Drei-Selbst-Bewegung der Protestantische Kirche in China sind die offiziell registrierten Vertreter des Protestantismus. Beide arbeiten Hand in Hand, um den Patriotismus und die Chinesische Kirche zu fördern.