Deutsche Bibelgesellschaft
Dr. Christoph Rösel

Bibel persönlich: Mehr als nur Broterwerb

Bibel persönlich: Mehr als nur Broterwerb

Der wohl bekannteste biblische Vers zum Thema Arbeit steht in 1. Mose 3,19: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.« Versteht die Bibel Arbeit also als etwas Negatives, gar als Strafe für den Ungehorsam Adams und Evas? Oder ist dieser Vers anders auszulegen?

Die Aussage aus 1. Mose 3,19 trifft einen Nerv. Denn auch ohne körperliche Anstrengung bringt uns die tägliche Arbeit oft ins Schwitzen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Für viele Menschen ist es eine ständige Herausforderung, den Lebensunterhalt zu sichern, das nötige »Brot« zu verdienen. Der Vers beschreibt also sehr treffend, dass Arbeit mit Mühe und Einsatz verbunden ist – insbesondere im Berufsleben, also am sogenannten »Arbeits-Platz«.

Doch hier beginnt bereits ein erstes Missverständnis: Wenn heute von »Arbeit« die Rede ist, ist fast immer die Erwerbsarbeit gemeint – also bezahlte Arbeit in einem Beruf. Andere Formen von Arbeit wie ehrenamtliches Engagement, Familienarbeit, Hausarbeit oder Pflege werden oft nicht mitgedacht. In der Bibel gibt es diese enge Definition jedoch noch nicht. Die biblischen Texte stammen aus Gesellschaftsformen mit anderen Arbeitsmodellen als den heutigen. Besonders die Aussagen zur Arbeit aus den ersten Kapiteln der Bibel können deshalb auf die vielen unterschiedlichen Tätigkeiten heutiger Menschen bezogen werden, egal ob bezahlt oder unbezahlt.

Ein zweites Missverständnis ergibt sich aus dem Zusammenhang von 1. Mose 3,19. Der Vers ist Teil des göttlichen Strafwortes an Adam nach dem Sündenfall. Manche interpretieren daraus, dass Arbeit eine Strafe sei – eine Folge des Ungehorsams. Doch das greift zu kurz. Denn bereits in 1. Mose 2 – also noch vor dem Sündenfall – gibt Gott dem Menschen eine Aufgabe: Er soll den Gar-ten Eden »bebauen und bewahren« (1. Mose 2,15). Demnach ist das Paradies ein Ort gelingender und sinnvoller Tätigkeiten. Es ist gerade kein Schlaraffenland mit passiver Rundumversorgung. Arbeit gehört von Anfang an zum Menschsein – nicht als Strafe, sondern als schöpferische Mitwirkung.

Mit dem Sündenfall verändert sich jedoch das Verhältnis zwischen Arbeit und Ertrag. Neben dem Getreide wachsen nun auch Dornen und Disteln, und es ist keineswegs sicher, dass sich Anstrengung auszahlt. Der »Schweiß des Angesichts« steht deshalb auch für die Mühen, die vergeblich bleiben, für Misserfolge und Enttäuschungen.

Trotzdem bleibt die Grundaussage der Bibel bestehen: Der Mensch ist ein tätiges Wesen. Kein rastloser Arbeiter, aber jemand, der seine Möglichkeiten kennt, seine Grenzen achtet und entsprechend das eigene Leben und die Gesellschaft mitgestaltet. Und der dabei weiß: Letztlich liegt das Ergebnis nicht in unserer Hand. Es ist Gottes Segen, der Gelingen schenkt. Dies bringt Psalm 127,1–2 auf den Punkt: »Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.«

Autor Dr. Christoph Rösel ist Generalsekretär der Deutschen Bibelgesellschaft
Aus: Bibelreport 3/2025

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