Psalm 24,1-10 | 1. Advent | 03.12.2023
Einführung in die Psalmen
Für umfangreichere Informationen besuchen Sie den Artikel Psalmen (AT)
1. Der Psalter – das Psalmenbuch
Mit „Psalter“ bezeichnet man in der Regel die Sammlung von 150 Psalmen (in der griechischen Tradition 151 Psalmen), aufgeteilt auf fünf Bücher, wie sie im hebräischen Alten Testament zusammengestellt sind. Die atl. Exegese hat sich, vor dem Hintergrund variierender Psalmensammlungen in Qumran
2. Die Psalmen
Während die Bezeichnungen Psalm und Psalter auf eine musikalische Tradition und den Vortrag von Psalmen verweisen, wird mit den Bezeichnungen tehillīm „Preisungen“ (tehillāh als Lobpreis Gottes; „…und mein Mund wird deinen Lobpreis verkündigen“, Ps 51,17b
Mit Aufkommen der Gattungsforschung Ende des 19. und Anfang des 20. Jh.s wurden Einzelpsalmen auf bestimmte wiederkehrende Muster bezüglich ihrer Form und ihrer institutionellen Einordnung, d.h. ihres sog. Sitzes im Leben, hin befragt. Die Klagelieder des Einzelnen (s. Ps 13
Das Lob Gottes äußert sich in den Hymnen, die zum Lob auffordern und es anschließend entfalten (Ps 98,1: „Singt JHWH ein neues Lied, denn er hat Wunder getan, seine Rechte hat ihm geholfen, sein heiliger Arm“). Teilweise wird das hymnische Loblied vom Danklied (Ps 30
Zahlreiche Psalmen sind aufgrund ihres Inhalts einzelnen Gruppen zugeordnet, so die Zionspsalmen (u.a. 46
3. Datierung
Die Datierung einzelner Psalmen ist ausgesprochen schwierig, da in den Texten an sich altes Traditionsgut wieder aufgenommen und in neue Zusammenhänge gestellt worden ist. In der Regel bemüht man sich, unter Berücksichtigung von Querbezügen zu anderen Überlieferungen des Alten Testaments sowie mittels traditions- und theologiegeschichtlicher Einordnungen um eine Zuordnung der einzelnen Psalmen zu größeren Epochen, d.h. der Königszeit, der exilisch-nachexilischen und der hellenistischen Zeit.
Der Psalter als abgeschlossene Sammlung wird ins 2.Jh.v.Chr. zu datieren sein.
4. Theologie
Die Psalmen befassen sich mit Grundfragen des Lebens, die im Gebet vor Gott gebracht werden. Lebensfreude
Die Gerechtigkeit Gottes wird gepriesen oder eingefordert, wo sie, der eigenen Lebenserfahrung gemäß, nicht zu greifen scheint. Neben der – immer wieder auch konfliktbehafteten – Verhältnisbestimmung von Gott, Individuum und dessen sozialem Umfeld gehört auch die Reflexion über Gott, Mensch und Welt in das Gebet. Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst (Ps 8,5
Als herausfordernd werden die sog. Rachepsalmen empfunden (u.a. Ps 94,1–2
5. Rezeption
Die Rezeptionsgeschichte der Psalmen und des Psalters hat in den letzten Jahren immer mehr an Raum gewonnen. Unterschiedliche Auslegungstraditionen, so in jüdischer und christlicher Exegese werden ebenso in den Blick genommen, wie Psalmen und Psalter in darstellender Kunst oder Musik.
Zur Anregung: Gillingham, S., 2008–2022, Psalms through the Centuries, Blackwell Publishing, Vol 1–3.
Literatur:
- Janowski, B., 22006, Konfliktgespräche mit Gott. Eine Anthropologie der Psalmen, Neukirchen-Vluyn.
- Körting, C., 2015, The Psalms - Their Cultic Setting, Forms and Traditions, in: Hebrew Bible / Old Testament Volume III Part 2 The Twentieth Century – From Modernism to Post-Modernism, Göttingen, 531–558.
- Zenger, E., 2011, Psalmen Auslegungen Band II; 4. Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen, Freiburg i. Br., 679–854.
A) Exegese kompakt: Psalm 24,1-10
Übersetzung
Psalm 24
1a Von David ein Psalm
1b Jhwh gehört die Erde und ihre Fülle;
1c der Erdkreis und die, die auf ihm wohnen.
2a Denn er selbst hat sie über den Wassern gegründet
2b und über Strömen gefestigt.
3a Wer steigt hinauf auf den Berg Jhwhs
3b und wer steht an seinem heiligen Ort?
4a Der unschuldige (saubere) Hände hat und ein reines Herz.
4b der nicht zur Falschheit seine Seele erhebt
4c und nicht falsch schwört.
5a Er soll Segen tragen von Jhwh
5b und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.
6a Dies ist das Geschlecht derer, die nach ihm fragen
(d.h.) die nach deinem Angesicht suchen –
(nämlich) Jakob.
7a Erhebt, Tore, eure Häupter,
7b erhebt euch, ihr ewigen Pforten,
7c dass eintritt der König der Herrlichkeit.
8a Wer ist denn der König der Herrlichkeit?
8b Jhwh, der Starke und der Held,
8c Jhwh, der Held des Kampfes.
9a Erhebt, Tore, eure Häupter
9b und erhebt euch ewige Pforten,
9c dass eintritt der König der Herrlichkeit.
10a Wer ist denn der König der Herrlichkeit?
10b Jhwh Zebaoth,
10c er ist der König der Herrlichkeit.
1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung
V. 3: Die beiden Verben der 3.m.sg. Impf. Qal können als Indikativ „wer steigt hinauf,“ „wer steht“ übersetzt werden. In vielen Übersetzungen wird jedoch das Modalverb „dürfen“ eingesetzt. Grammatisch ist das möglich, aber nicht nötig. In englischen Übersetzungen wird häufiger mit „who shall“ gearbeitet, d.h. „wer soll/wer wird kommen“ (s. literar. Gestalt).
V. 4b: im masoretischen Text נפשׁי „meine Seele.“ Das Suffix der 1.P.sg. wäre mit einem unbekannten Sprecher oder aber mit Jhwh selbst zu identifizieren. Dazu bietet Ps 24
V. 6: Der Vers bietet einige Schwierigkeiten. Das Partizip דרשׁ „fragen/suchen“ steht im Singular, das folgende Partizip von בקשׁ jedoch im Plural. Hier wird mit Qere die Pluralform דרשׁ angenommen. Das Suffix der 3.m.sg an ebendieser Form „die nach ihm fragen“ kann sich nur zurückbeziehen auf den „Gott seines Heils“ (V. 5b). Danach scheint sich die Perspektive zu ändern. Mit dem Suffix der 2.m.sg. „dein Angesicht“ wird entweder Gott direkt angesprochen oder aber Jakob. Will man bei der Variante des MT bleiben, bietet sich die Lösung an, hier den Perspektivwechsel mitzugehen und wahrzunehmen, dass an dieser Stelle eine direkte Gottesanrede erfolgt. Der nachklappende Name „Jakob“ ist jedoch als Bezeichnung für das Geschlecht Jakobs, d.h. Israel, zu verstehen: (s.a. Ps 14,7
2. Beobachtungen zur literarischen Gestaltung
Der Psalm weist eine klare dreiteilige Struktur auf, die sowohl durch formale als auch inhaltliche Aspekte gekennzeichnet ist. Nach der Überschrift folgt in den V. 1b–2
Ziel des Textes ist der Lobpreis Gottes. Das Spezifische von Ps 24
Schließlich ist, mit Blick auf die semantischen Felder der Verbformen anzumerken, dass sie Bewegungen im Raum markieren und zwar in zweierlei Richtung, auf ein Zentrum zu und nach oben (עלה „aufsteigen“, קום „stehen/aufstehen/erheben“; V. 7
3. Kontexte und historische Einordnung
Ps 24
Die jüngere Psalmenforschung legt Ps 24
Die hymnische Aussage, dass Jhwh die Erde gehört, findet sich in leichter Variation auch in Jes 6,1–5
4. Schwerpunkte der Interpretation
Ps 24
Diese Vorstellungen verbindet der Text mit denen von JHWH als einem siegreichen Krieger. Sein Sieg ist ein Sieg über das Chaos, d.h. über die die Schöpfung und somit den Lebensraum bedrohenden feindlichen Mächte. Doch um Kriegsgeschehen geht es nun nicht mehr, sondern um die strahlende und überwältigende Präsenz, mit der Gott erscheint. Das wird unterstrichen in der Ansprache der personifiziert auftretenden Tore und Türen des Heiligtums. Sie sind direkt aufgefordert, Platz zu machen, d.h. auf das Kommen Gottes zu reagieren. Keine Menschenhand könnte sie derart bewegen. Sie müssen selbst weichen und zwar nach oben und nicht, wie es zu erwarten wäre, zur Seite. Der bildhaften Sprache des Psalms gemäß sollen die Tore und Türen sogar ihre Häupter erheben. D.h., dass die, die nach unten geschaut haben, aufblicken und das Haupt erheben sollen, denn der König der Herrlichkeit kommt.
Der Psalm gibt folglich eine sehr spezifische Antwort auf die Frage: Wer ist dieser Gott? Sie wird zweifach wiederholt und stellt so neben das Bild des Helden und Starken (V. 8
5. Theologische Perspektivierung
Die Königsherrschaft Gottes
Literatur:
- Müller, R., 2008, Jahwe als Wettergott, BZAW 387, Berlin/New York, 147–167
- Seremak, J., 2004, Psalm 24 als Text zwischen den Texten, ÖBS 26, Frankfurt et al.
- Spieckermann, H., 2023, Psalmen Bd. 1: Psalm 1–49, ATD 14, Göttingen
B) Praktisch-theologische Resonanzen
1. Persönliche Resonanzen
Die exegetischen Beobachtungen sind eine große Hilfe, den bekannten, prägenden Psalm für die Predigt neu zu entdecken.
Als erstes wirkt der aufgezeigte Spannungsbogen der Ps 22–24
Insbesondere überrascht die Übersetzung von V. 3
Zudem erleichtert die Auslegung das Wissen, dass es nicht mehr der Kriegführende ist, der hier strahlend erscheint, sondern der bereits siegreiche Held über die Mächte, die den von Gott geschaffenen Lebensraum bedrohten. Perspektive der Predigt wird mithin auch sein, die Königsherrschaft Gottes zu preisen und zusammen mit der christlichen Erwartung der Ankunft des starken Helden in Windeln zum Klingen kommen.
2. Theologische Aktualisierung
Das Bild des Kriegshelden stellt angesichts des aktuellen Kriegstreibens in der Welt auch eine Schwierigkeit dar. Zugleich bewegen sich alle geprägten Texte und Lieder im Advent in der notwendigen Ambivalenz: Der machtvolle, alles umstürzende Herrscher wird herbeigesehnt und erwartet – und zugleich seine Sanftheit, Mildheit und die andersartige Erhabenheit seiner Macht bestaunt. Ps 24
3. Bezug zum Kirchenjahr
Nach wie vor ist der 1. Advent untrennbar mit dem Ps 24
4. Anregungen
Im Gottesdienst sollte das Vertraute nicht gelassen, sondern bewusst aufgenommen und ihm das Fremde und Irritierende und darin die frohe Botschaft des Advents neu zugesellt werden. Eine gute Möglichkeit, den Text neu zu Gehör zu bringen, die zugleich wichtige inhaltliche Konsequenzen hat, ist, die Übersetzung der Exegetin zu verwenden, da alle gebräuchlichen deutschen Bibeln V. 3
Vom Ewigkeitssonntag herkommend – hier können Verse aus Ps 22
Die starke Dynamik der Bewegung auf ein Zentrum zu und nach oben hin kann die Predigt inhaltlich und sprachlich bestens bestimmen.
Da ist Gott, dem alles gehört, der alles erfüllt, Jhwh, der bereits als siegreicher Held heimkommt und auszieht, erhebend und erhaben; Segen und Gerechtigkeit, Kampf und Sieg des Starken kommen in seinem Namen zusammen.
Unbeweglich scheinende Bauten und Sperren zwischen Gott und Mensch bewegen sich auf Zuruf in die Luft, damit der König als Held und siegreicher Krieger freie Bahn hat.
Da sind Menschen aus dem Volk Gottes, die sich angesichts des Erlebens von Unrecht, Gewalt, Rat- und Hilflosigkeit aufmachen und nach Gerechtigkeit fragen, die sich sehnend nach dem Ort ausstrecken, an dem Gott die Seinen mit Heil und Segen erfüllt.
An dieser Stelle kann die Predigt in ihrer mitnehmenden Bewegung innehalten und nicht vorschnell den unbequemen Moment der Selbstprüfung übergehen: Bin ich das auch? Gehöre ich zu denen, die sich auf den Weg machen, weil sie von Gott, dem Schöpfer und Erhalter des Himmels und der Erde, Hilfe erwarten? Mit Blick auf die Hörenden und die Predigenden selbst darf der Frage nicht ausgewichen werden, ob uns denn die Sehnsucht umtreibt, auf den Berg Gottes zu steigen. Was ist die Motivation für unsere Haltung und dem daraus resultierenden ethischen Handeln? Zugleich zeigt der Psalm aber auch, dass die menschliche Suchbewegung nur eine Seite der Medaille ist.
Auf dem suchenden und tastenden Weg geschieht die Veränderung. Dahinein nimmt Ps 24
Bereits die Gemeinde Israel hat nicht Halt gemacht durch den kaum zu erfüllenden Anspruch der unschuldigen Hände, reinen Herzen und lauteren Seele, weil der starke Held selbst entgegenkommt. Hier entfaltet sich das befreiende und frohmachende Potential der anderen Übersetzung von V. 3
Wir erwarten den, der das Chaos geordnet hat! Wir machen uns auf dorthin, wo der Sieg gefeiert wird – und werden uns an der Krippe treffen, so lautet die christliche Botschaft des Advents mit dem Psalm Davids.
Autoren
- Prof. Dr. Corinna Körting (Einführung und Exegese)
- Daniela Fricke (Praktisch-theologische Resonanzen)
Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500001
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