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3. Mose 19,1-3.13-18.33-34 | 13. Sonntag nach Trinitatis | 25.08.2024

Einführung in das 3. Buch Mose

1. Endgestalt des Buches

Feste sind große Gemeinschaftserlebnisse. Viele Familien, Verwandte, Freunde und Bekannte kommen zusammen, um in der Gemeinschaft Gott zu loben und zu danken, gemeinsam ein großes Opfermahl zu verzehren und sich in Gebet und Segen des Beistands Gottes im Frühjahrsfest zu Pesach, im Erntefest an Schavuot (Pfingsten) und beim Laubhüttenfest im Herbst zu vergewissern. Das Buch Leviticus enthält priesterliche Lehren für die Religions- und Fest-Gemeinde Israels. Die Endgestalt des Buches geht auf die priesterliche Unterteilung der Tora in fünf Buchrollen im 4./3. Jh. v. Chr. zurück, welche es auf die Offenbarungsreden Jhwhs an Mose im Zelt der Begegnung unterhalb des Gottesberges im Sinai zurückführen (Lev 1,1; 26,46) und auf die mündlichen Offenbarungen auf dem Berge (Lev 27,34). In der LXX und der christlichen Überlieferung wird dieser Teil der Tora besonders mit den Lehren der Priester-Tora in Verbindung gebracht und darum nach dem Ahnvater des Priesterstammes Levi „Leviticus“ genannt.

2. Entstehung und Themenschwerpunkte

Seine Entstehung lässt sich in mehrere Phasen und damit verbundene wechselnde Themenschwerpunkte unterteilen. 2.1. Die ältesten Erzählungen im dritten Teil der Tora gehen zurück auf die Legende der Begründung der Kultusgemeinschaft mit JHWH aus der Priesterschrift: Gott verspricht, künftig als der Gott Israels in der Mitte des Volkes für immer gegenwärtig zu sein. Aaron bringt das erste Opfer dar und Gott nimmt es an (Lev 8-9*). Gemeinsam mit den Erzählungen der Deuteronomisten vom Bundesschluss am Gottesberg (Ex 19–24; 32; 34) und in Moab (Dtn 1–30*; 34) bildete diese Erzählung den Grundstock der frühen Narrative des Zweiten Tempels. 2.2. Erst langsam entwickelte sich nach dem Babylonischen Exil im 5. Jh.v.Chr. in Jerusalem und seinem Umkreis die politische und religiöse Gesellschaft Judas. Die kleine Provinz Jehud (Juda) stand unter der Herrschaft der Perser, deren Imperium von Indien bis nach Griechenland und vom Kaukasus bisx in den Süden Ägyptens reichte, und sie gelangte nur langsam zu einer neuen Blüte. Nachdem in der Nachbarprovinz im alten israelitischen Samaria um 452 v. Chr. ein zweiter Tempel entstanden war, dem die Jerusalemer Priester vorwarfen, gegen Gottes Gebote zu verstoßen und auch fremde religiöse Praktiken zuzulassen, war man in Jerusalem zunehmend darauf bedacht, dass hier die Regeln der Heiligung Israels besonders ernst genommen werden sollten. Es kam zu einer Erweiterung des priesterschriftlichen Narrativs. In Lev 10 wird erzählt, die beiden ältesten Söhne Aarons hätten das heilige Feuer JHWHs durch fremdes Feuer verunreinigt und seien infolgedessen verbrannt. In Lev 16 folgt darauf die Erzählung von der Einrichtung eines jährlichen Reinigungs- und Sühnerituals an der Lade JHWHs am Tag der Versöhnung, Jom Kippur. 2.3. Hieran schließt sich die als „Heiligkeitsgesetz“ bezeichnete Sammlung an, welche die Gebote des Deuteronomiums, nach welchen Israel seinen Kultus allein für JHWH allein an einem Kultort vollziehen soll, noch einmal vertieft und radikalisiert wird. Israel Knohl führt es sie auf eine Gruppe Jerusalemer Schriftgelehrter zurück, die er „Holiness-School“ nennt. Das Volk, das im Umkreis des Heiligtums lebt, soll hiernach selbst ein heiliges Volk sein und die Regeln der Heiligkeit in besonderer Weise befolgen (Lev 19,2). Außerhalb des Heiligtums sollen überhaupt keine Tiere mehr geschlachtet und verzehrt werden (Lev 17). Israel ist das von aller Sklaverei durch Gott befreite Volk, darum soll es sich in seiner Lebensweise deutlich erkennbar von anderen Völkern unterscheiden (Lev 18,1–5). Dazu gehört auch, dass es in seinen Beziehungen alle Formen sexueller Übergriffigkeit und Gewalt meidet (Lev 18,6–30). In Lev 19 werden die Grundsätze eines Heiligen Lebens anhand des Dekalogs neu ausgelegt. Heiliges Leben fängt in der Solidarität der Familie an (Lev 19,3a). Das Einhalten der heiligen Tage dient nicht allein der Gemeinschaft und dem Gottesdienst, sondern auch der Fürsorge für die sozial Benachteiligten und Armen (Lev 19,3b.4–10); die Regeln des Rechts werden zu ethischen Grundsätzen solidarischen Lebens weiterentwickelt (v. 12–18). Lev 20 schärft ein, dass zahlreiche Vergehen gegen Mensch und Natur lebensbedrohlich sind und warnt darum im Sinne einer Generalprävention durch die Todessanktion vor der Übertretung der Gesetze. Die Regeln der Gottesdienstgemeinschaft und ihrer kultischen Feste (Lev 21–24) haben auch Folgen für die politische und soziale Gemeinschaft: Alles Land gehört Gott und alle Menschen sind Gäste, Fremde und Schutzbürger Gottes auf Erden (Lev 25,23–24). Darum muss regelmäßig nach 7x7 Jahren eine neue, am Sabbat orientierte Gerechtigkeitsordnung hergestellt werden, in der alle Menschen der Gesellschaft die gleichen ihnen zustehenden Lebensgrundlagen erhalten. Im fünfzigsten Jahr erschallt das Jobel-Horn, und es wird ein Jobeljahr („Jubeljahr“) ausgerufen. Alle Schulden sind erlassen, und alle erhalten wieder neu ein Stück Land, das ihnen zusteht (Lev 25). Der Sabbat, der Tag, an dem die Schöpfung ruht und ihren ökologischen und ökonomischen Rhythmus findet, ist der Maßstab für Segen und Fluch. Wird er vernachlässigt, so muss das Land seine Sabbate nachholen und die Schöpfung die Gelegenheit haben sich zu erneuern (Lev 25,34–35). 2.4. Diese an Mose am „Zelt der Begegnung“ ergangenen Gebote werden in einer späteren Phase, in der die Tora vollendet wird, noch ergänzt durch priesterliche Torot (Anweisungen) für die Opferdarbringung (Lev 1–7) und vor allem durch die bis heute für das Judentum zentralen Gebote der Achtung vor dem Leben. Weil das Blut als Träger des Lebens gilt, darf auch beim Verzehr von Tieren kein Blut verzehrt werden (Lev 11). Männer und Frauen sollen im sexuellen Umgang miteinander achtsam sein und Verletzungen, Blutberührungen und Verunreinigungen meiden (Lev 12; 15). Auch im Falle infektiöser Erkrankungen soll Rücksicht walten, und es müssen darum ggf. Regeln der Quarantäne und besonderer medizinischer und ritueller Reinigung eingehalten werden (Lev 13–14).

3. Historische Kontexte

Die historischen Kontexte dieser Fortschreibungsgeschichte werden vor allem durch die Entwicklung der Jerusalemer und der judäischen Rechts- und Kultusgemeinde im Umkreis des Zweiten Tempels nach Esra im 4. Jh. v. Chr. geprägt, in der die führende Priesterschaft zunehmend an Einfluss gewinnt. Die Religion und das Gottesverhältnis Israels ist somit nicht allein geprägt durch die Traditionen eines aus dem Recht ausdifferenzierten Ethos der Gesetze und Propheten, sondern auch aus dem durch die kultische Festgemeinschaft und das Gottesdiensterleben geprägten Ethos der Heiligung und der Bewahrung der Schöpfung, aus dem heraus wichtige Motivationen für das Alltagsleben gewonnen werden.

4. Wichtige Themen

Die Themen der Schrift werden durch die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem gottesdienstlichen, kultischen Leben und der Heiligung des Alltagslebens bestimmt (s. zu 2.).

5. Besonderheiten

Eine Besonderheit besteht im Gedanken einer untrennbaren Einheit von einem durch den Gedanken der Heiligung und der Reinheit der Lebensführung bestimmten Alltag mit den Prinzipien einer ökologischen und sozialen Sabbatordnung, die allen Menschen die ihnen zustehenden notwendigen Lebensgrundlagen und Rechte zuerkennt. Die Erde ist eine Leihgabe Gottes und allen Menschen, den verwandten und den fremden Nächsten, gebührt das gleiche Recht der Nächstenliebe.

Literatur:

  • Thomas Hieke, Levitikus (Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament, 2 Bände), Freiburg i.B. – Basel – Wien (Herder) 2014.
  • Rainer Kessler, Der Weg zum Leben. Ethik des Alten Testaments, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 22017.
  • Israel Knohl, The Sanctuary of Silence: The Priestly Torah and the Holiness School, Minneapolis MN (Fortress Press) 1994.
  • Christophe Nihan, From Priestly Torah to Pentateuch. A Study in the Composition of the Book of Leviticus (Forschungen zum Alten Testament II/25), Tübingen (Mohr Siebeck) 2007.
  • Dany Nocquet, Israël a aimé ses ennemis. Bienveillance et reconnaissance dans l’Ancien Testament, Genf (Labor et Fides) 2023.

A) Exegese kompakt: 3. Mose 19,1–3.13–18.33–34

Lev 19 bildet eine Auslegung von Sätzen des Dekalogs, die geleitet sind von der Frage: Wie müsste ein heiliges Leben mit Gott aussehen? Woran kann man eigentlich erkennen, ob Menschen, welche an den Gottesdiensten im Tempel teilnehmen, auch in ihrem Alltag nach den Regeln und Geboten Gottes leben? Was macht ein Leben mit Gott aus?

1וַיְדַבֵּ֥ר יְהוָ֖ה אֶל־מֹשֶׁ֥ה לֵּאמֹֽר׃ 2דַּבֵּ֞ר אֶל־כָּל־עֲדַ֧ת בְּנֵי־יִשְׂרָאֵ֛ל וְאָמַרְתָּ֥ אֲלֵהֶ֖ם קְדֹשִׁ֣ים תִּהְי֑וּ כִּ֣י קָד֔וֹשׁ אֲנִ֖י יְהוָ֥ה אֱלֹהֵיכֶֽם׃ 3אִ֣ישׁ אִמּ֤וֹ וְאָבִיו֙ תִּירָ֔אוּ וְאֶת־שַׁבְּתֹתַ֖י תִּשְׁמֹ֑רוּ אֲנִ֖י יְהוָ֥ה אֱלֹהֵיכֶֽם׃

Leviticus 19:1-3BHSBibelstelle anzeigen

13לֹֽא־תַעֲשֹׁ֥ק אֶת־רֵֽעֲךָ֖ וְלֹ֣א תִגְזֹ֑ל לֹֽא־תָלִ֞ין פְּעֻלַּ֥ת שָׂכִ֛יר אִתְּךָ֖ עַד־בֹּֽקֶר׃ 14לֹא־תְקַלֵּ֣ל חֵרֵ֔שׁ וְלִפְנֵ֣י עִוֵּ֔ר לֹ֥א תִתֵּ֖ן מִכְשֹׁ֑ל וְיָרֵ֥אתָ מֵּאֱלֹהֶ֖יךָ אֲנִ֥י יְהוָֽה׃ 15לֹא־תַעֲשׂ֥וּ עָ֨וֶל֙ בַּמִּשְׁפָּ֔ט לֹא־תִשָּׂ֣א פְנֵי־דָ֔ל וְלֹ֥א תֶהְדַּ֖ר פְּנֵ֣י גָד֑וֹל בְּצֶ֖דֶק תִּשְׁפֹּ֥ט עֲמִיתֶֽךָ׃ 16לֹא־תֵלֵ֤ךְ רָכִיל֙ בְּעַמֶּ֔יךָ לֹ֥א תַעֲמֹ֖ד עַל־דַּ֣ם רֵעֶ֑ךָ אֲנִ֖י יְהוָֽה׃ 17לֹֽא־תִשְׂנָ֥א אֶת־אָחִ֖יךָ בִּלְבָבֶ֑ךָ הוֹכֵ֤חַ תּוֹכִ֨יחַ֙ אֶת־עֲמִיתֶ֔ךָ וְלֹא־תִשָּׂ֥א עָלָ֖יו חֵֽטְא׃ 18לֹֽא־תִקֹּ֤ם וְלֹֽא־תִטֹּר֙ אֶת־בְּנֵ֣י עַמֶּ֔ךָ וְאָֽהַבְתָּ֥ לְרֵעֲךָ֖ כָּמ֑וֹךָ אֲנִ֖י יְהוָֽה׃

Leviticus 19:13-18BHSBibelstelle anzeigen

33וְכִֽי־יָג֧וּר אִתְּךָ֛ גֵּ֖ר בְּאַרְצְכֶ֑ם לֹ֥א תוֹנ֖וּ אֹתֽוֹ׃ 34כְּאֶזְרָ֣ח מִכֶּם֩ יִהְיֶ֨ה לָכֶ֜ם הַגֵּ֣ר ׀ הַגָּ֣ר אִתְּכֶ֗ם וְאָהַבְתָּ֥ לוֹ֙ כָּמ֔וֹךָ כִּֽי־גֵרִ֥ים הֱיִיתֶ֖ם בְּאֶ֣רֶץ מִצְרָ֑יִם אֲנִ֖י יְהוָ֥ה אֱלֹהֵיכֶֽם׃

Leviticus 19:33-34BHSBibelstelle anzeigen

Übersetzung

Die Übersetzung bietet anstelle einer wortwörtlichen Wiedergabe z.T. eine Umschreibung der in diesem Text verwendeten Begriffe, um ihren Sinn für moderne Rezipienten zu erschließen.

1 Und es redete der Herr zu Mose und sagte: 2 Rede zu der ganzen Kultusgemeinde der Israeliten und sage ihnen: IHR sollt heilig sein, denn ich selbst, der Herr, euer Gott, bin heilig. 3 Jeder von euch soll seiner Mutter und seinem Vater mit Respekt begegnen, und meine Sabbate sollt ihr beachten: Ich bin der Herr, euer Gott!

13 Du sollst deinen Nächsten nicht unterdrücken und du sollst nicht ausbeuterisch handeln. Du sollst den Arbeitslohn eines Tagelöhners nicht bei dir behalten bis zum nächsten Morgen. 14 Du sollst nicht Schmähreden führen gegenüber einem gehörlosen Menschen, und du sollst nicht ein Hindernis errichten vor einem Blinden, sondern du sollst Ehrfurcht haben vor deinem Gott: Ich bin der Herr! 15 Ihr sollt nicht Unredlichkeiten begehen im Gerichtsverfahren. Du sollst nicht bevorzugen den Menschen mit einem geringen sozialen Status und auch nicht den Menschen mit einem höheren sozialen Status absichtlich benachteiligen. Nach dem Grundsatz der Gerechtigkeit sollst du Recht sprechen für die Gemeinschaft deines Volkes. 16 Du sollst nicht umhergehen als einer, der nach eigenem Gutdünken üble Nachrede verbreitet, unter deinem Volk. Du sollst auch nicht vor Gericht gehen, um das Blut deines Nächsten zu vergießen. Ich bin der Herr.  17 Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen! Du sollst entschieden für das, was richtig und recht ist, eintreten in der Gemeinschaft deines Volkes, damit du nicht Schuld auf dich lädst seinetwegen. 18 Du sollst dich nicht rächen, und du sollst nicht aus Groll handeln über deine Mitmenschen, sondern du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.

33 Und wenn ein Fremdling (ein Migrant) in eurem Land als Schutzbürger wohnt, dann sollt ihr ihn nicht diskriminieren: 34 Wie ein Einheimischer so soll für euch auch der Fremdling gelten, der bei euch als Schutzbürger ist, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid selbst einmal Fremdlinge gewesen im Land Ägypten. Ich bin der Herr, euer Gott!

1. Kontext

Der Text ist Teil des sog. „Heiligkeitsgesetzes“. Es ist ein priesterliches Regelwerk für Menschen, die zur Zeit des Zweiten Tempels nahe im Umkreis des Jerusalemer Heiligtums leben. Dieses enthält im ersten Teil Grundprinzipien einer achtsamen Lebensführung (Lev 17: Verbot von Blutgenuss als Zeichen der Ehrfurcht vor dem Leben; Lev 18: Verbot von Übergriffigkeit und Gewalt; Lev 19: Eine Auslegung der Zehn Gebote; Lev 20: Verbot und Strafen für schwere Vergehen) und im zweiten Teil Anweisungen für die Gemeinschaft der Israeliten im Gottesdienst (Lev 21: Anweisungen für Priester; Lev 22: Anweisungen für den Umgang mit Opfergaben; Lev 23: ein Festkalender; Lev 24: Regeln für die Menora, den heiligen Leuchter, und die heiligen Brote; Verbot der Gotteslästerung) und schließlich Regeln für das soziale Leben nach den Prinzipien des Sabbat (Lev 25) und eine Ermahnung, die Segen für das heilige Leben und Fluch für das unheilige Leben ankündet (Lev 26).