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Ein Buch zu gestalten bedeutet, die richtige Form für den Inhalt zu finden. So abstrakt schreibt sich das leicht hin, was aber sind Kriterien für »Richtigkeit«?

Zunächst ist es richtig, die Erwartungen des Lesers zu erfüllen. Er möchte nicht, dass sich die Buchgestaltung selbst thematisiert und damit vom Text ablenkt, sondern er erwartet ein müheloses Funktionieren des Buches. Dazu gehören auf der Hand liegende Dinge wie ausreichende Schriftgrößen, kontrastreicher Druck und gutes Aufschlagverhalten; man kann derlei als physische Kriterien bezeichnen. Ebenso wichtig sind aber die Wahl des richtigen Buchtyps und dazu passender Schriften; solche Kriterien sind eher historischer Natur.

Wenn man einen Leser an einen Tisch führt, auf dem einige Bücher aufgeschlagen liegen, und ihn fragt, bei welchen es sich um Belletristik handelt und bei welchen um Sachbücher, wird er mit großer Sicherheit auf die entsprechenden Werke deuten, ohne auch nur eine Zeile lesen zu müssen – vorausgesetzt, es handelt sich um einen einigermaßen geübten Leser, und vorausgesetzt, die Bücher sind von Fachleuten gestaltet worden. Fachbücher haben tendenziell etwas größere Formate als Romane und sie muten ihren Lesern mehr Text auf der Seite zu. Für solche Buchtyp-Ausformungen lassen sich oft gute Gründe finden, manchmal ist das schwieriger, aber es ist fast immer richtig, durch Erfüllung der Erwartungen für intuitive Orientierung zu sorgen.
Ein besonders leicht erkennbarer Buch­typus ist: »Bibel«. Bei der Gestaltung von Bibeln muss sehr viel Text in einem Band untergebracht werden. Das geht nur mit kleiner Schrift und geringem Zeilenabstand. Dadurch wiederum wird eine Anordnung in zwei Spalten notwendig, denn bei zu breiten Zeilen hat das Auge Mühe, die Folgezeile zu finden.
Damit die Bibel handlich ist, sind die Seitenränder um die beiden Kolumnen herum, die »Stege«, eher schmal; damit Bibelstellen leicht zu finden sind, werden auf jeder Seite Hinweise zum Buch und Kapitel gegeben, meist auf dem oberen Steg; die Seitenzahlen sind bei Bibeln weniger wichtig und stehen auf der Doppelseite oft innen, also im Bund. Die Kapitel sind durch kräftige Zahlen am jeweiligen Absatzanfang markiert, hinzu treten Zwischenüberschriften und Verweisstellen in Form von Fußnoten.
Wenn man den Text einer Bibel-Doppelseite vollständig durch graue Balken ersetzen würde (wie man dies gelegentlich auf älteren Gemälden sieht), würde jeder des Lesens kundige Betrachter auf die Frage, um was für ein Buch es sich da handele, die richtige Antwort wissen.

So stand auch für uns bei der Aufgabe, die Lutherbibel zum Reformationsjahr 2017 neu zu gestalten, Vieles von Anfang an fest: möglichst gute Lesbarkeit auf kleinem Raum, demzufolge zweispaltiger Satz und schmale Stege, also das Annehmen der überlieferten Form, des Buchtyps »Bibel«.
Im Einzelnen waren aber viele Entscheidungen zu treffen. Buchgestaltung vollzieht sich von innen nach außen, vom Kleinen zum Großen. Zuerst galt es, die am besten geeignete Schrift zu finden. Zur Freude des Typografen sind in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten sehr viele Schriften neu entstanden, darunter viele sehr schöne und »gut ausgebaute«, also Schriften mit vielen Sonderzeichen, Hochziffern, unterschiedlichen Abstufungen von Kräftigkeit. Hier hat sich die Digitalisierung ausnahmsweise segensreich ausgewirkt.
Die Schrift der neuen Bibel muss natürlich besonders gut lesbar sein. Am besten lesbar sind unstrittig »Antiqua-Schriften«, also solche mit kleinen Endstrichen (»Serifen«) und mit Strichstärkenunterschieden (im Gegensatz zu »Groteskschriften« wie derjenigen, aus der dieser Text gesetzt ist). Warum das so ist, ist nicht befriedigend erforscht, vielleicht nicht einmal befriedigend erforschbar, aber der Konsens, dass es so ist, genügt.
Die Schrift muss auf engem Raum funktionieren. Damit sich der notwendigerweise geringe Zeilenabstand nicht ungünstig auf die Lesbarkeit auswirkt, muss sie eine gute Zeilenbildung haben, das heißt, sie muss eher horizontal als vertikal ausgerichtet sein.

Die revidierte Fassung der Lutherbibel von 1984, die Grundlage der textlichen und typografischen Neugestaltung, ist in der Times New Roman gesetzt. Diese Wahl ist auch nach über 30 Jahren noch sehr gut nachvollziehbar: Die Times ist als Zeitungsschrift entworfen worden und somit gut geeignet, viel Text auf kleinem Raum unterzubringen, sie hat keinerlei modische Merkmale, sondern ist sehr neutral. Inzwischen ist sie womöglich allzu neutral – sie ist durch Vorinstallation auf fast allen Rechnern die Standard-­Antiqua schlechthin geworden, wodurch sie etwas abgenutzt wirkt. Das war in den 80er Jahren natürlich nicht abzusehen gewesen.
Aber abgesehen von ihrer Übernutzheit weist sie auch einige für unsere Zwecke nachteiligen Formmerkmale auf. So hat sie ein eher vertikales Bild: Die Großbuchstaben haben kräftige senkrechte Striche, die Buchstaben stehen recht eng beieinander, vertragen aber durch ihren deutlichen Kontrast zwischen dünneren und dickeren Strichen keine deutliche Abstandsvergrößerung, also keine Erhöhung der »Laufweite«. Dadurch wirken die Wortabstände durchgängig eher groß, das Satzbild wird fleckig, Beziehungen zwischen übereinanderstehenden Wörtern werden teilweise stärker als zwischen nebeneinanderstehenden.

Es galt also, eine Schrift zu finden, die nicht modisch, aber auch nicht gesichtslos sein durfte – bei aller Vertrautheit und bei aller Anpassung an vorhandene Buchtypen muss jede Neugestaltung, die einen gewissen Anspruch verfolgt, auch die Zeit ihrer Entstehung widerspiegeln. Nach vielen Versuchen mit verschiedenen Schriften fiel die Wahl auf die DTL Documenta von Frank E. Blokland.

Die Documenta wurde 1993 entworfen, ist also keine ganz neue Schrift, wurde aber im Gegensatz zur Times, die eine Adaption einer Bleisatzschrift ist, schon für den digitalen Satz entworfen. Bei aller Neutralität hat sie Wärme und wirkt einladend.
Der Kontrast zwischen dickeren und dünneren Strichen ist eher gering, ihre nicht zu enge Laufweite und die im Vergleich zu den Kleinbuchstaben niedrigen Großbuchstaben sorgen für eine vorzügliche Zeilenbildung auch unter den heiklen, aber unausweich­lichen Umständen eines schmalen Blocksatzes.
Dass Blocksatz verwendet wird – bei dem alle Zeilen gleich breit sind, was durch unterschiedlich breite Wortabstände erreicht wird –, war von Anfang an unzweifelhaft. Er ist besser lesbar als Flattersatz (warum auch immer, womöglich durch Gewohnheit, aber die ist in der Buchgestaltung immer ein gutes Argument), erzeugt ein geschlossenes, ruhiges Seitenbild und ist seit Jahrhunderten die Satzart schlechthin für längere Texte.

Eine Entscheidung, die das neue Satzbild auf den ersten Blick heutiger wirken lässt, ist das Hinzunehmen einer zweiten Schrift. Diese Entscheidung fiel aber nicht nur aus ästhetischen Aktualitätsgründen, sondern zur Verdeutlichung des Unterschiedes zwischen eigentlichem Bibeltext und Hinzufügungen – Zwischenüberschriften, Inhaltsübersichten, Verweisstellen, Parallelstellen, Kapitel- und Versziffern sind in einer Groteskschrift gesetzt, der DTL Caspari von Gerard Daniëls (aus der auch diese Broschüre gesetzt ist). Wenn etwas zunächst ungewöhnlich wirkt, sich aber bei näherem Hinsehen und Nachdenken als sinnvoll erweist und die Orientierung verbessern hilft, ist das für den Buchgestalter besonders befriedigend.
Die Caspari passt sehr gut zur Documenta, sie ist im selben Jahr entwickelt worden und für dieselbe niederländische Firma, die »Dutch Type Library«, was beides noch keine per se stichhaltigen Gründe sind. Aber diese Groteskschrift entspricht in ihrer Dynamik und ihren Größenverteilungen der Groß- und Kleinbuchstaben in idealer Weise der verwendeten Antiqua. Auch die Caspari stellt einen eigenständigen, herausragenden Entwurf dar, auch ihr eignen gleichermaßen Frische und Vertrautheit.

Ein weiteres Detail fällt sofort ins Auge: Die Kapitelzahlen sind nicht, wie üblich, als eine Art großer eingebauter Initialen über zwei Zeilen gesetzt, sondern sie stehen in der Textgröße und sind fett. Trotz ihrer Verkleinerung funktionieren sie als Findemarkierungen genau so gut wie die großen Zahlen, insofern verstoßen sie nicht gegen das Typisierungsgebot. Die großen Zahlen wirken oft ein wenig plump und machen sich gar zu wichtig, ihre Verkleinerung ist ein guter Beitrag zur Modernisierung des Gesamtbildes – besonders willkommen sind sie bei der neuen Anordnung der Psalmen.

Die Psalmen neuerdings einspaltig zu setzen, war eine Entscheidung der Deutschen Bibelgesellschaft und des Lenkungsausschusses der EKD. Aus der Sicht der Leser – und somit der Gestalter – eine vortreffliche Entscheidung: So sind die weitaus meisten Verszeilen dieser herrlichen Texte ungebrochen, eine ganz neue Lese-Erfahrung wird möglich. Die erwähnten kleinen Kapitelzahlen – hier: Psalmen-Nummern – führen zum Wegfall von störenden doppelten Einzügen am Beginn vieler Psalmen.

Die Namen der Bücher und die Zwischenüberschriften stehen jetzt linksbündig und nicht mehr auf Mitte. Das hat zum einen ästhetische Gründe – die Linksbündigkeit dieser Textteile akzentuiert den gestalterischen Modernisierungsanspruch. Zwar sind linksbündige Überschriften schon seit über 100 Jahren häufig, in der traditionsbewussten Welt der Buchgestaltung kann man dennoch sagen: erst seit 100 Jahren. Es gibt aber auch funktionale Gründe: Auf Mitte gestellte Überschriften füllen die Zeile mal fast ganz, mal sind sie kurz und somit weit eingezogen. Das führt zu einer gewissen unwillkommenen Unruhe der linken Satzkante und einer Undeutlichkeit beim Übergang von der Zwischenüberschrift zum folgenden Text.
Buchnamen und Zwischenüberschriften sind neuerdings in halbfetten Großbuchstaben (»Versalien«) gesetzt, was ihnen Stabilität gibt und sie noch mehr vom eigentlichen Bibeltext absetzt.
Die Verweisstellen am Fuß der Seiten sind nicht mehr über beide Spalten hinweggesetzt, was zu überbreiten Zeilen in sehr kleiner Schriftgröße geführt hat, sondern sie stehen nun jeweils am Fuße der rechten Kolumne – im Flattersatz, was das Seitenbild auflockert, die Fußnoten noch deutlicher vom Text mit seinem geschlossenen Blocksatzbild abhebt und inhaltsbezogene Trennungen erleichtert.

Nach der Festlegung der Satzdetails war der nächste Schritt die Proportionierung der Weißräume: des schmalen Trennraumes zwischen den Satzspalten und der die Doppelkolumne umgebenden Weißräume, der Stege. Die Anforderungen bestmöglicher Lesbarkeit bei größtmöglicher Textmenge pro Seite musste zu knappen Stegen führen, die – der Tradition folgend – so gewählt wurden, dass durch eher kleine Kopfstege bei aller Fülle eine gewisse Leichtigkeit erzielt wurde, wie das auch in der Vorgängerversion der Fall war. Auch die Hinweise zu Buch und Kapitel auf dem Seitenkopf, die »lebenden Kolumnentitel« (»lebend« weil dem jeweiligen Teil des Buches angepasst), stehen nicht mehr auf Mitte, sondern außen. Wieder sind die Gründe sowohl ästhetischer Natur – dieselben wie bei der Linksbündigkeit der Überschriften – als auch funktionaler: Beim Suchen nach einem Buch und seinen Kapiteln muss das Buch nicht mehr so weit aufgeblättert werden.

Auch der Haupttitel, die Seite 3 des Buches, ist jetzt, den aus der Arbeit an der typografischen Textgestalt enwickelten Prinzipien folgend, linksbündig angeordnet.
Oft muss das Äußere des Buches parallel zum Inhalt gestaltet werden, oder gar vorher. Idealerweise kann die Außengestaltung sich auf das Innere beziehen. Ein solcher Fall lag hier vor.
Zunächst sollte eine neue Lutherrose gezeichnet und eine Wort-Bild-Marke gefunden werden. Die neue Rose folgt älteren Darstellungen, ist daher kreisförmiger und zeigt die Blätter und das Herz deutlicher als bei der Version, die für die Ausgabe von 1984 entwickelt worden war. Die klareren Felder der neuen Variante – Herz, Rosenblätter, umgebender Kreis – machen farbige Fassungen leichter möglich und erlauben eine gute Integration in die Zeile.

Die Positionierung der Zeile »Lutherübersetzung« auf der Mitte der Rose – unter ihr stehend –, ist unmittelbar einleuchtend und ergibt ein gutes Gesamtbild. Auf dem Buchrücken haben wir die Rose in der senkrechten Textzeile so gedreht, dass sie, auf derselben Höhe stehend wie auf dem Einbanddeckel, beim aufrechtstehenden Buch gerade ist. Mit diesen einfachen Elementen ließ sich eine vielfältige Familie von Ausstattungs­varianten gestalten: von der Bibel für zu Hause über Gemeinde- und Schulbibeln bis hin zu besonderen Ausgaben wie Altarbibeln, Festbibeln, Geschenk- und Jubiläumsbibeln.


Die Gestaltung von komplexen Werken ist immer Gemeinschaftsarbeit. Die Gestalter möchten für die sehr freundschaftliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit und für viele Verbesserungen herzlich danken: Volker Mehnert (Herstellungsleiter der Deutschen Bibelgesellschaft), Dr. Hannelore Jahr (Leiterin des Bereichs Lektorat/ Bibelübersetzung), Annette Graeber (Lektoratsassistentin) sowie der Geschäftsleitung, Dr. habil. Christoph Rösel (Generalsekretär) und Reiner Hellwig (verlegerischer/ kaufmännischer Leiter).

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