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Luthergetreu oder zeitgemäß?

Die Revisionen der Lutherbibel

Von Ernst Lippold

Wer heute in eine christliche Buchhandlung geht und eine Bibel kaufen möchte, der wird mit Sicherheit gefragt: „Ja, welche Bibel möchten Sie denn?“ In den Regalen stehen mindestens sechs durchaus verschiedene deutsche Bibeln. „Ja, eine Lutherbibel natürlich, die soll ja lange halten!“ Darauf der Buchhändler: „Im Oktober 2016 kommt eine ganz neue – wollen sie die dann nicht lieber haben?“ Und wenn der Käufer in die jetzt angebotene Lutherbibel schaut, liest er: „Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984. Herausgegeben von der Evangelischen Kirche in Deutschland“. Wenn er dann zu Hause, neugierig geworden, Omas Konfirmationsbibel hervorkramt, dann ist es die Textfassung von 1912. Und in dem kleinen Neuen Testament, das er noch findet, steht: „Revidierter Text 1956“. Was ist da los? Warum muss an dieser Bibel immer wieder neu gearbeitet werden? Kann denn, was Luther im 16. Jahrhundert übersetzt und geschrieben hat, nicht einfach so bleiben?

Gründe für die Revisionen der Lutherbibel

Für die immer wieder nötig gewordenen Nachbearbeitungen gibt es gute Gründe. Erstens: Die deutsche Sprache hat sich in den 500 Jahren seit Luther sehr gewandelt. Wenn wir heute das Gleiche aussagen wollen wie Luther damals, müssen wir manchmal andere Worte wählen. Und die große Mehrzahl der Wörter anders schreiben. Zweitens: Luther folgte bei seiner Bibelübersetzung dem Grundsatz, die besten Quellen zugrunde zu legen, die damals zu haben waren. Doch seit der Zeit Luthers haben wir neue und teils bessere Quellentexte kennengelernt. Drittens: Schon zu Lebzeiten Luthers waren mehrere Varianten des von ihm übersetzten Bibeltextes im Umlauf. Durch die Jahrhunderte entwickelten sich immer mehr solcher Varianten, die sich in ihrem Wortlaut unterschieden. Um zu einer einheitlichen Gestalt der Lutherbibel zu gelangen, bedurfte es schließlich der Revision.  

Luthers eigene Revisionen

Zusammen mit Fachleuten überarbeitete Luther bis zu seinem Tod seine übersetzten Texte immer wieder sehr gründlich. Dabei wurde darauf geachtet, ein gutes, verständliches, kraftvolles Deutsch zu erreichen, notfalls sogar auf Kosten der griechischen, hebräischen oder lateinischen Vorlage. Die Verbesserungen im Bibeldeutsch trugen auch bei zu einem rhythmischen Fluss der Erzählung, der den Text eingängiger macht. Nicht umsonst können viele Bibelleser einen so prominenten Text wie die Weihnachtsgeschichte auch heute noch fast auswendig! Die letzte zu Luthers Lebzeiten erschienene Gesamtbibel ist auf das Jahr 1545 datiert. Für die folgenden Jahrhunderte blieb dies der maßgebliche Text für die lutherische Kirche, für Liturgie, Predigt, Kirchenlied und Unterricht. Luthers Bibel hat wie keine andere Übersetzung die deutsche Sprache geprägt und bereichert. Wenn irgendwo später in der Literatur und Dichtung Bibelzitate gebraucht wurden, dann war es so gut wie immer Luthers Übersetzung, die da erklang.

Nach Luthers Tod - Bis zur kirchenamtlichen Revision

Nach Luther Tod entwickelte sich im deutschen Raum eine gewisse Vielfalt von mehr oder weniger dialektgefärbten Lutherbibeldrucken. Dass darin ein Problem lag, erkannten zuerst die Bibelgesellschaften. Denn welchen Wortlaut sollte die Lutherbibel nun haben, wenn sie überall nützlich sein und gerne gelesen werden sollte? Im Jahr 1863 ließ sich die Deutsche Evangelische Kirchenkonferenz dazu bewegen, eine Kommission einzusetzen, die einen einheitlichen Text der Lutherbibel wiedergewinnen sollte. Natürlich sollte die Lutherbibel letzter Hand (1545) der Maßstab sein. Doch die deutsche Sprache hatte sich seit Luther weiter entwickelt. Deshalb waren hier und da auch sprachliche Änderungen geboten. Nach 37 Jahren Vorarbeit konnte1892 endlich der neu beschlossene Bibeltext erscheinen. Und obwohl es eigentlich um die Einheitlichkeit der Lutherbibel ging, war es doch stets die Frage: Wie luthergetreu, wie zeitgemäß soll, darf, muss der Text sein?

Von 1912 bis 1970: Zwischen dem Urtext und Luthers Erbe

Diese grundlegende Frage verstummte auch nicht in der Folgezeit. Die in der Revision von 1892 spürbare Tendenz „zurück zu Luther“ traf sehr bald auf Widerspruch. Nach einer erneuten Bearbeitung war die Gesamttendenz: vorsichtig zeitgemäß, aber doch prinzipiell luthergetreu. Auch wenn die Lutherbibel von 1912 so etwas wie ein Standardtext wurde – auch heute noch kann man eine solche Bibel kaufen – es blieb nicht dabei. Die vorsichtigen Neuerungen waren denen, die modernisieren wollten, zu wenig, und denen, die ganz bei Luthers Wortlaut bleiben wollten, zu viel.

1928 begann deshalb die dritte kirchenamtliche Revision. Sie konnte erst 1984 endgültig abgeschlossen werden. Neu war der Grundsatz, besonders auf den griechischen und den hebräischen Urtext Rücksicht zu nehmen, wie er in den neuesten wissenschaftlichen Ausgaben vorlag. Zugleich sollte „Luthers freie Umdeutschung“ als ein “unveräußerliches Luthererbe“ bewahrt werden.

Unterbrochen durch den Zweiten Weltkrieg konnte die Revision des Neuen Testaments erst 1956 abgeschlossen werden. Von 1957 bis 1964 folgte die Revision des Alten Testaments. Insgesamt meldete sich ein neuer Stil an in der stärker werdenden Bevorzugung des heutigen Deutsch. Da wirkte sich die Mitarbeit des Germanisten Prof. Fritz Tschirch aus. Sehr viele typisch lutherische Sätze wurden sprachlich geglättet, ohne dass ein Gewinn für das Verständnis erreicht wurde.

1975: Die sprachliche Modernisierung des neuen Testaments


Bald beobachteten die Bibelgesellschaften, dass die Beliebtheit des Neuen Testaments von 1956 sank. Viele Pfarrer zogen dem Luthertext andere, modernere Übersetzungen vor. Auf Antrag der Bibelgesellschaften beschloss der Rat der EKD 1970 eine erneute, modernisierende Revision des Neuen Testaments. Wieder war Prof. Tschirch ein maßgeblicher Mitarbeiter der neuen Kommission. Nach seiner Überzeugung war es an der Zeit, Luthers „Übersetzung entschlossen und folgerichtig in die Sprachgestalt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts umzukleiden.“ Doch gegen diese Version der Lutherbibel erhob sich sogleich ein regelrechter Sturm. Das sei nicht mehr Lutherdeutsch, sondern „Oberlehrer-Aufsatz-Deutsch“, hieß es. Schnell die Runde machte die Stelle mit dem Scheffel (Mt 5,15): Luther hatte übersetzt: „Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel. Nun sollte es heißen: „unter einen Eimer“. Manche nannten das Neue Testament von 1975 danach „Eimertestament“.

1984: Die Revision der Revision

Nach diesen Reaktionen berief der Rat der EKD 1981 eine neue Kommission mit dem Auftrag, das Ergebnis von 1975 erneut zu revidieren und Luthers Sprache wieder deutlicher hörbar zu machen. Luthers Bibelsprache, die 1975 praktisch eingeebnet worden war, sollte wieder zur Geltung kommen. Auch wenn man heute vielfach nicht mehr so redet wie Luther, so kann man doch durchaus verstehen, was er sagte. Und man hört zugleich: Das ist Bibelsprache, eine besondere „Textsorte“, wie die Gelehrten es nennen. Sie zieht sich durch in den evangelischen Kirchenliedern und in der Liturgie der Gottesdienste bis heute – ein unveräußerliches Erbe der evangelischen Kirche. Und ein Schatz in der Geschichte der deutschen Sprache überhaupt.

In intensiver Arbeit erwog die eingesetzte Revisions-Kommission jede Bibelstelle einzeln, auch nach ihrem Gewicht für die Luthersprache und das Gemeindeverständnis. Das führte zum Beispiel dazu, dass die Weihnachtsgeschichte im Lutherwortlaut nahezu vollständig wieder hergestellt wurde. 1984 wurde diese „Nachrevision“ des Neuen Testaments vom Rat der EKD angenommen. Damit war der jahrzehntelange, 1928 begonnene, Revisionsprozess abgeschlossen. Das angestrebte Gleichgewicht von luthergetreu und zeitgemäß hatte eine akzeptable Form gefunden.

Der Revisionen ist kein Ende

Die deutsche Sprache muss ihr Luthererbe pflegen und erhalten. Das gilt erst recht für die evangelische Kirche – theologisch wie im Wortlaut der Bibel. Wenn Luthers Bibel lebendig bleiben soll, darf sie nicht zu einem bloßen Denkmal werden und erstarren. Aber sie muss auch unverkennbar Lutherbibel sein und bleiben in allen Wandlungen der Sprache und Zeit. Dem will die erneut in Gang gekommene Überarbeitung der Lutherbibel noch besser entsprechen. Vor allem aber sollen neue Erkenntnisse der Textforschung, besonders bei den Apokryphen des Alten Testaments, berücksichtigt werden. Luthers Bibel muss lebendig bleiben! So kann und soll sie segensreich wirken, Glauben wecken und die Kirche auf dem Weg in die immer neue Zukunft geleiten.


Dieser Beitrag ist eine stark gekürzte Fassung des gleichnamigen Artikels, der in folgendem Band erscheinen wird: „Die Bibel Martin Luthers. Ein Buch und seine Geschichte“, hrsg. v. Margot Käßmann und Martin Rösel, Deutsche Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, ISBN 978-3-438-06275-8, Preis:24,80 (voraussichtlicher Erscheinungstermin: September 2016).

 


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